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Der gute Mensch. Der gute Mensch?
Eingestellt am 16. 05. 2010 09:37


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2007

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Der gute Mensch. Der gute Mensch?

Es ist ein Bild, das zu Herzen geht: Stolze Ritter, gewöhnlich in glanzvoller Kleidung, ausgebildet für den Kampf mit Lanze und Schwert, beugen sich, in einfache Kittel gehüllt, über Kranke, füttern und pflegen sie. Diesen Dienst, oft an Menschen niederen Standes, tun sie freiwillig und kostenlos. Solche Bilder hätten Sie bei den Johannitern im 14. Jahrhundert auf Rhodos sehen können. Die beeindruckenden Krankensäle kann man immer noch bewundern, sie waren so gut wie einmalig für die damalige Zeit.
Auch heute gibt es genug Beispiele für Menschen, die Gutes tun, obgleich sie nichts und niemand dazu zwingt – etwa jene Menschen, die eine Niere spenden, obgleich sie diejenigen gar nicht kennen, deren Leben sie damit retten. Sie haben keinerlei Vorteil davon; sie wollen einfach nur Gutes tun. Wir alle kennen berühmte Beispiele von guten Menschen wie Albert Schweitzer oder Mutter Teresa. Jeder kennt auch Menschen aus seiner Umgebung, die ihm Gutes getan haben.
Allerdings sind die bösartigen und grausamen menschlichen Taten, von denen wir täglich aus den Medien erfahren, so entmutigend, dass gute Menschen eher als Ausnahmen gelten - so als sei es nicht allen gegeben, gut zu sein. Ich behaupte allerdings, dass das Gute ein untrennbarer Teil des Menschen ist. Denn die Menschheit würde es vermutlich heute gar nicht geben, wenn unsere Vorfahren nicht über Millionen Jahre hinweg ein Erbgut entwickelt hätten, das uns dazu bewegt, gut zu handeln.
Und nachdem Frans de Waal ein ganzes Buch über den „guten Affen“ geschrieben hat, sind vielleicht ein paar Zeilen über den guten Menschen nicht zuviel.

Was bedeutet „gut“?
Zunächst sollte man sich klarmachen, was es eigentlich bedeutet, gut zu handeln. Darüber haben Philosophen und Theologen zwar spätestens seit der Antike endlos nachgedacht und diskutiert. Aber die Antwort ist im Grunde ganz einfach, und alle Menschen haben ein Gespür dafür.
Würden Sie beispielsweise Alexander den Großen, Kopernikus oder Shakespeare als „gute“ Menschen bezeichnen? Wahrscheinlich nicht. Diese Menschen haben große Taten vollbracht, einige haben die menschliche Kultur vorangebracht, aber wir sehen ihr Handeln trotzdem nicht als „gut“ an – ganz im Gegensatz zu den unbekannten Nierenspendern.
Wir würden wohl auch einen Arzt, der einem Kranken hilft, nicht unbedingt als guten Menschen ansehen. Schließlich ist das seine Pflicht, und er wird dafür bezahlt. Noch weniger würden wir jemand als gut bezeichnen, der die Hälfte seines Einkommens als Steuern zahlt und damit die Sozialleistungen des Staates ermöglicht. Es ist schließlich Gesetz. Wenn aber der heilige Martin die Hälfte seines Mantels einem Frierenden gibt, dann ist es eine gute Tat – wohl auch deshalb, weil er nun selbst frieren könnte.
Etwas geben von dem, was man eigentlich auch selbst braucht, scheint das höchste Maß an Güte. Sein eigenes Wohlergehen hintanstellen und sich um seine Mitmenschen kümmern – das beschreibt genau das, was die Wissenschaftler Altruismus nennen. Gut ist der, der altruistisch handelt.

Gut sein – eine Überlebensstrategie
Das Gute haben nicht die Moralphilosophen erfunden; es war schon da, als sie anfingen, darĂĽber nachzudenken. Es ist nicht als edelmĂĽtiger Luxus auf die Welt gekommen, sondern als praktische Notwendigkeit. Denn das Leben in Gruppen inmitten einer feindlichen Umwelt erforderte gegenseitige UnterstĂĽtzung und Hilfe.
Schon die Vorfahren der Menschen waren Gruppenwesen. Die frĂĽhen Menschen waren noch weit mehr auf die Gruppe angewiesen. Als einzelne waren sie gar nicht in der Lage, genĂĽgend Nahrung herbeizuschaffen, weil sie nur in Gruppen erfolgreich jagen konnten.
Diese Lebenssituation, die Zehntausende, wohl eher Hunderttausende von Jahren bestand, hat tiefe Spuren in unserer genetischen Ausstattung hinterlassen. Gruppen, in denen beispielsweise verletzte Mitglieder von den anderen geschĂĽtzt und gepflegt wurden, waren letztlich anderen Gruppen ĂĽberlegen, die sich nicht so verhielten. Sie konnten sich erfolgreicher vermehren und verbreiten. Lange bevor man von Menschen sprechen kann, hat sich so altruistisches Verhalten bei unseren Vorfahren durchgesetzt.
Die Neurobiologen haben im Gehirn viele Beweise altruistischer Antriebe gefunden. Vor allem wiesen sie nach, dass die sogenannten Glückshormone im Gehirn jede Art von Verhalten belohnen, das freundlich auf andere Menschen gerichtet ist. Das beginnt beim Baby, wenn es ein Lächeln der Mutter erwidert, und endet noch längst nicht beim Erwachsenen, der über eine humoristische Pointe seines Gesprächspartners lacht.
Es ist auch bewiesen, dass uns ein Gefühl für das Gute angeboren ist. Wir brauchen nicht zu lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Jedes Kind bringt von Natur aus eine Art moralischen Kompass mit (der sich allerdings erst im Laufe der Kindheit entwickelt). Alle Menschen auf der Welt, unabhängig von den Lebensumständen, entscheiden in moralischen Grundfragen intuitiv in ähnlicher Weise.
Noch aus einem anderen Grund wurden unsere Vorfahren zu Fürsorge und Hilfsbereitschaft gezwungen. Im Laufe der Entwicklung zum Menschen wurde die Kindheit immer länger. Immer hilfloser wurden die Babys geboren – insbesondere seitdem das größere Gehirn zu einer Geburt vor der eigentlichen Reife zwang.
Ohne gleichzeitige Evolution in Richtung einer erhöhten Pflegebereitschaft und Fürsorge hätte das nie gut gehen können. Natürlich betraf dies vor allem das weibliche Geschlecht. Doch der genetische Trend hat für die ganze Gruppe gegolten – was schon deswegen notwendig war, weil nicht selten Junge ihre Mütter verloren. Schimpansen beispielsweise pflegen und versorgen solche verwaisten Jungen.
Wie tief in uns allen die Fürsorge-Instinkte verankert wurden, kann man daran erkennen, wie wir auf das von Konrad Lorenz so genannte „Kindchen-Schema“ reagieren. Große Augen, rundes Gesicht, tollpatschige Bewegungen finden wir grundsätzlich „niedlich“, ob wir sie bei kleinen Kindern, jungen Katzen oder Koalabären wahrnehmen. Sie lösen in uns Gefühle der Zuneigung und Fürsorge aus. Auch dies haben Neurobiologen auf Botenstoffe im Gehirn zurückführen können, die Glück und Wohlgefühl auslösen.
So ist es natürlich kein Zufall, dass Teddybären und andere Plüschtiere regelmäßig diese Merkmale des Kindchen-Schemas aufweisen. Die Zeichner von Mickymaus und anderen Comic-Figuren haben es noch stärker übertrieben. Auch in der Werbung wird das Kindchen-Schema weidlich ausgenutzt.

Empathie
Fürsorge, Hilfe und Freundschaft werden im Wesentlichen möglich durch unsere Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit – auch Empathie genannt – ist die Grundlage dafür, dass wir mit anderen Menschen mitfühlen können.
Erst seit einigen Jahren haben Wissenschaftler herausgefunden, wie Empathie in unserem Gehirn hergestellt wird. Die sogenannten Spiegel-Neuronen reagieren auf Handlungen, die wir bei unseren Mitmenschen beobachten, als führten wir diese Handlungen selbst aus. Das bedeutet im weitesten Sinne, dass beispielsweise ein weinender Mensch in uns ähnliche Gefühle auslöst, als weinten wir selbst. Tatsächlich konnten Hirnforscher nachweisen, dass beim Beobachten eines Menschen, der Schmerz erleidet, in uns die gleichen Schmerzneuronen aktiv werden wie beim Fühlen des eigenen Schmerzes – wenn auch wohl kaum so nachhaltig.
Wie sehr wir alle über Empathie verfügen, das können wir an einer alltäglichen Erscheinung sehen: an der Identifikation mit Roman- oder Filmgestalten. Wer hat nicht schon reihenweise weinende Menschen aus dem Kino kommen sehen! Sie reagieren, als hätten sie selber Kummer, so stark fühlen sie mit dem Leid anderer Menschen mit. Kino würde überhaupt nicht funktionieren, wenn wir nicht in der Lage wären, in die Gefühle der Filmfiguren hineinzuschlüpfen, gemeinsam mit ihnen zu leiden oder zu jubeln. Und das, obwohl unser Verstand weiß, dass es diese Menschen real gar nicht gibt!
Kino und Romane sind im Grunde ein GroĂź-Experiment zum Beweis von Empathie. Da die Identifikation mit erfundenen Figuren bei allen Menschen auf der Welt funktioniert, ist klar, dass Empathie uns allen angeboren ist; wir mĂĽssen sie nicht lernen.
Empathie ist eben nicht irgendeine nette zusätzliche Eigenschaft von uns ist, sondern eine wesentliche Grundlage des Menschseins. Ohne Empathie wären wir nicht die, die wir sind. Dadurch dass wir Gefühle und Gedanken mit unseren Mitmenschen teilen, leben wir nicht in einem abgeschotteten Ich, sondern sind mit den anderen gefühlsmäßig verbunden.

MitgefĂĽhl
Empathie ist wohl die Voraussetzung für die sozialen Bindungen des Menschen, aber altruistisches Handeln sichert sie keineswegs. Ein Feldherr, der sich in die strategischen Überlegungen seines Gegenübers hineinversetzen kann, wird diese Fähigkeit nutzen, um diesen zu vernichten. Ausgesprochen altruistisch wäre das nicht!
Zur Empathie muss Mitgefühl und Mitleiden kommen, und der Wunsch, anderen Menschen zu helfen – Gefühle, welche die Evolution ebenfalls in uns angelegt hat. In unseren Hirnen werden Botenstoffe ausgesendet, die uns belohnen, wenn wir anderen helfen und für sie sorgen. Nicht zufällig haben wir ein gutes Gefühl, wenn wir ein weinendes Kind trösten oder einen Verletzten versorgen. Es tut uns selbst gut, wenn wir gut sind.
Und das ist nicht einmal nur bei den Menschen so! Auch an anderen Säugern, die in Gruppen leben, kann man altruistisches Verhalten beobachten. Sie haben sicherlich schon diese rührenden Geschichten gelesen, in denen Delphine einem ertrinkenden Menschen geholfen haben. Was daran auch wahr sein mag, es ist jedenfalls eindeutig nachgewiesen, dass Delphine – und übrigens auch Elefanten – verletzten oder kranken Tieren aktiv helfen, beispielsweise, indem sie diese stützen.
Auch Schimpansen tun das. Bei ihnen hat man auch Handlungen beobachtet, die Mitleid ausdrĂĽcken. Beispielsweise wenden sich diese Menschenaffen oft dem in einem Kampf unterlegenen Tier mit begĂĽtigenden Gesten zu.
Einen besonders berührenden Vorfall hat Bernhard Grzimek erlebt, den einmal ein wütender Schimpanse verletzt hatte. Als die Wut des Schimpansen verraucht war, näherte er sich mit allen Zeichen des Mitgefühls seinem Opfer und versuchte, die Wundränder der Verletzungen Grzimeks zusammenzupressen.
Wahrscheinlich hat es schon bei den gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Schimpansen, also vor Millionen Jahren, MitgefĂĽhl, Mitleid und Hilfsbereitschaft gegeben. Und es gab ja auch bereits den gleichen Grund, denn schon sie waren auf die Gruppe angewiesen.
Aus dieser langen Geschichte erklärt es sich, dass alle Menschen auf schmerzverzerrte Gesichter reagieren, noch mehr auf Wimmern und Schmerzensschreie (das Kino macht auch das vor!). Für solche Signale hat die Evolution unsere Sinne geschärft, um Hilfsbereitschaft auszulösen
Wohl fast alle Menschen bewundern solche Figuren wie Mutter Teresa. Millionen von Menschen spenden viel Geld, um hungernden oder obdachlosen Menschen zu helfen. Warum tun sie das? Weil es eben tief innen in allen Menschen angelegt ist, anderen helfen zu wollen.

Das Gute im Widerstreit
Wahrscheinlich kommen Ihnen meine Aussagen ĂĽber das Gute im Menschen nun langsam etwas weltfremd vor. Denn unsere Wirklichkeit sieht wahrhaftig anders aus. Immer wieder treffen wir Menschen, bei denen wir nicht die geringste Spur von MitgefĂĽhl und Hilfsbereitschaft bemerken. Wir begegnen leider gar nicht so selten menschlicher Bosheit, Hass und Missgunst.
Wir lesen von Jugendlichen, die ihnen unbekannte Mitmenschen grundlos niederschlagen und mit Füßen treten. In nicht wenigen Familien werden Frauen und Kinder geschlagen und misshandelt. Überall auf der Welt gibt es Menschen, die andere quälen und unterwerfen, die sie foltern und morden. Kein Lebewesen auf der Erde kann so abrundtief böse handeln wie der Mensch.
Wie passt all das mit der Anlage zum Guten zusammen?
Nun, es ist sicher nicht so einfach, dass es einerseits „gute“ und andrerseits „böse“ Menschen gibt. Wir kennen die Geschichten von dem brutalen Mörder, der sein Kind abgöttisch liebt. Wir haben zu viele KZ-Mörder vor Gericht gesehen, die danach jahrzehntelang als Familienmenschen und gute Nachbarn lebten.
Alle Menschen haben das Gute und das Böse in sich, wenn auch wohl in verschiedenen Mischungen. Es ist die Tragödie des Menschen – eines jeden Menschen -, dass die Anlage zum Guten umstellt ist von anderen Antrieben, die teilweise viel stärker wirksam werden können. Egoismus, Machtstreben und Aggression gehören eben auch zu unserer genetischen Ausstattung. Mit diesen befindet sich die Anlage zum Guten in einem ständigen Widerstreit.
Egoismus ist von Natur aus eine viel stärkere Kraft als Altruismus. Denn so wichtig Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für das Überleben in der Gruppe auch waren und sind, die Sorge für die eigene Person ist allemal wichtiger. Durch die gesamte Evolution hindurch wurden vor allem diejenigen Erbanlagen gestärkt, die dafür sorgten, dass sich der Einzelne in seiner Umwelt durchsetzt. Wer nur auf die anderen und nicht auf sich selbst aufpasste, dessen Erben weilen nicht mehr unter uns.
Deswegen hat es auch aufgeregte Debatten unter Wissenschaftlern gegeben, wie so etwas wie Altruismus überhaupt entstehen konnte. Ein großer Teil von ihnen kann Altruismus nur als verkappten Egoismus anerkennen. Und damit haben sie ja auch recht. Der Mensch und seine Vorfahren mussten tatsächlich im ureigenen Interesse altruistisch handeln, um die Existenz der Gruppe und damit sein eigenes Überleben zu sichern. Irgendwelche ethischen Werte spielten dabei keine Rolle.

Das Gute als moralischer Wert
Die berühmte Schimpansenforscherin Jane Goodall war schockiert, als sie bei „ihren“ Schimpansen Zeugin einer Tat wurde, die sie als „brutalen Mord“ bezeichnete. Zwei weibliche Tiere entrissen einer Schimpansenmutter ihr Junges, töteten es und fraßen es teilweise auf. Für die Tiere war es natürlich kein Mord, sie folgten einfach ihren Antrieben. Dementsprechend schämten sie sich auch nicht und hatten nicht das geringste Schuldgefühl. Die anderen Schimpansen in der Gruppe machten keine Anstalten, die Täterinnen zu bestrafen.
Und das bei Schimpansen, die sonst so mitfühlend sein können!
So war es sicherlich auch bei unseren Vorfahren. Altruistische und egoistisch-aggressive Antriebe bestanden nebeneinander; der jeweils stärkere Antrieb setzte sich durch. Darüber konnte und musste niemand nachdenken.
Nachdem sie aber nicht mehr nur von den Instinkten gesteuert wurden, lebten sie eben nicht mehr wie Jane Goodalls Schimpansen. Sie gaben sich Regeln für das Zusammenleben. Das war nur aufgrund des neu gewachsenen Bewusstseins möglich, besonders aufgrund der Fähigkeit, in die Zukunft zu planen. Wer nur in der Gegenwart lebt, kann eigentlich keine Verhaltensregeln aufstellen, weil diese immer die Zukunft betreffen. Nur wer sich eine Zukunft vorstellen kann, der kann sich auch vorstellen, wie diese ablaufen sollte, beispielsweise wie sich die Mitglieder der Gruppe verhalten sollten.
Wieso sie dann altruistisches Verhalten als „gut“ und egoistisch-aggressives Verhalten als „böse“ erklärten, ist nicht schwer zu verstehen. Sie folgten den Gefühlen, welche in der Evolution entstanden waren und die wir heute noch im menschlichen Gehirn feststellen können. Sie hoben diese Gefühle auf die Ebene des Bewusstseins und erklärten sie zur Moral. Jeder sollte nun mit Hilfe seines Bewusstseins den vereinbarten moralischen Maßstäben folgen und seine Antriebe entsprechend kontrollieren.
Da wir frei entscheiden können, sollen wir Entscheidungen gegen stärkere „böse“ Antriebe in uns treffen. In der berühmten Forderung Jesu „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ wird genau das formuliert. Wir sollen uns mit Hilfe unseres Bewusstseins gegen den gefühlsmäßigen Antrieb entscheiden, sofort zurückzuschlagen.
Leider war das Problem nicht damit gelöst, dass die Menschen entschieden hatten, fortan als gute Menschen leben zu wollen. Zwar denke ich schon, dass es heute mehr gute Handlungen gibt als in früheren Zeiten, aber das „Böse“ ist ganz und gar nicht aus der Welt. Denn wir Menschen leben eben nicht nur mit der Moral, auch wenn wir sie in unserem Bewusstsein eingespeichert haben. Wir leben nach wie vor auch mit unseren ererbten egoistisch-aggressiven Antrieben.
Mit der Entwicklung einer Moral wurde ein Konflikt programmiert, der jetzt schon mindestens 40 000 Jahre andauert. Dieser Konflikt schwelt in unserem Inneren, durch ihn kamen Scham und Schuldgefühl auf die Welt. Und der Konflikt bestimmt auch unser Zusammenleben, weil immer wieder um gut und böse gerungen wird.
Während sich auf der Ebene der Tatsachen immer wieder ungeheure Exzesse „bösen“ Handelns abspielten und abspielen, wurde auf der Ebene des Bewusstseins weiter am Ideal des guten Menschen gearbeitet.
Alle großen Religionen fordern gute Taten. Im Islam gilt als eine der fünf Pflichten, den Armen zu geben. In den östlichen Religionen muss man gute Taten vollbringen, um ein gutes Karma zu haben – mit der Aussicht, als höheres Wesen wiedergeboren zu werden.
Im Christentum ist das Gebot der Nächstenliebe eine Kern-Botschaft. Vielleicht ist die Idee altruistischen Handelns nie so treffend und bildhaft gezeichnet worden wie mit dem Aufruf, jeden Menschen so zu behandeln, als sei er der Sohn Gottes: “Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
Aber auch außerhalb der Religionen wurde das Ideal des guten Menschen weiter entwickelt, etwa durch die Idee der Menschenwürde und durch die Formulierung der Menschenrechte. In der Französischen Revolution hieß altruistisches Handeln Brüderlichkeit, in politischen Programmen nennt man es Solidarität.
Im Grunde knüpfen alle diese Ideen beim Gefühl der Empathie an. Ich soll den anderen behandeln, wie die Empathie ihn mir zeigt: als Menschen, der sozusagen nur zufällig ein anderer ist, der mein Los teilt, der wie ich ein Teil der Menschheit ist. Sein Leiden soll ich als mein Leiden begreifen, seine Würde als meine Würde.
Solche Ideen vom Menschsein sind fest in unseren gemeinsamen Vorstellungen verankert. Gut zu handeln, reklamieren wir sogar als Teil unseres Menschenbildes. Wir sprechen von einem „menschlichen“ Verhalten, wenn jemand gut handelt. Demgemäß bezeichnen wir eine böse Tat als „unmenschlich“ oder sagen sogar, dass der Täter „kein Mensch“ sei.
Das ist, wie wir gesehen haben, leider nicht wahr. Auch der Mörder ist ein Mensch. Weil es das Schicksal der Menschen ist, nicht nur gute, sondern auch „böse“ Antriebe in sich zu haben. Und weil der Widerstreit zwischen beiden wohl andauern wird, solange wir die Menschen sind, die wir die letzten 40000 Jahre waren.






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