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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der innere Kreis
Eingestellt am 24. 05. 2016 17:32


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Blumenberg
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Der innere Kreis


Es ist schon eine ganze Weile her, ich befand mich in einer Bahn und war auf dem Weg in die Innenstadt, um einige Besorgungen zu machen. Was genau, habe ich l├Ąngst vergessen. Alltag. Trotzdem bekomme ich eine Szene, deren Zeuge ich wurde, einfach nicht aus dem Kopf. Manchmal sind es kleine, zuf├Ąllige Begegnungen, die die gr├Â├čte Wirkung erzielen. Ich war noch nicht weit gefahren, als an einer Haltestelle ein ganzer Pulk Angestellte eben der Bahngesellschaft einstieg, die ich benutzte. Sie waren erkennbar an ihren Jacken, auf denen gro├č das Logo des Verkehrsbetriebes prangte, dem sie angeh├Ârten. In ihren Uniformen und der vertrauten Umgebung haftete ihnen eine nat├╝rliche Lockerheit an, die ihre Gruppe von den anderen abhob, sie sogar ├╝ber die ├╝brigen Fahrg├Ąste, die eben nur das waren - n├Ąmlich G├Ąste - erhob. Sie machten sich gar nicht erst die M├╝he, einen Sitzplatz zu suchen, sondern stellten sich locker und in einem losen Kreis in den Gang, wobei ihnen auch das pl├Âtzliche Anfahren und Bremsen der Bahn nichts anzuhaben schien. Ich konnte nicht anders, als von dem Buch, das ich in diesem Moment las, aufzublicken und ihnen zuzusehen. F├╝r den Augenblick angezogen von ihrer Pr├Ąsenz. Mit absichtlicher Lautst├Ąrke unterhielten sie sich und rissen Witze, wobei der ganze Kreis mit lautem Lachen den Erz├Ąhler belohnte.
Nach einer Weile fiel mein Blick auf einen etwas unscheinbaren jungen Mann, der zusammen mit der ├╝brigen Gruppe die Bahn betreten hatte. Er mochte Mitte zwanzig sein, war hager und seine Haut hatte eine blasse, kr├Ąnklich wirkende Farbe. Auch er trug die Uniform eines Verkehrsangestellten, allerdings nicht mit dem offen zur Schau gestellten Stolz der anderen, vielmehr wirkte er fast so, als w├╝rde er sich in seiner Jacke unwohl f├╝hlen. Er hatte sich ein, zwei Meter abseits des l├Ąrmenden Kreises auf einem Platz niedergelassen. Er schien meinen Blick nicht zu bemerken, sondern sah fokussiert, fast sehns├╝chtig, zu den anderen hin. Sein ganzer K├Ârper strahlte eine regelrechte Habachtstellung aus, schien jederzeit bereit, auf ein Wort der anderen aufzuspringen und sich dem Kreis anzuschlie├čen. Bei jedem Witz zeigte sein Gesicht ein unsicheres L├Ącheln, das er aber sofort zu unterdr├╝cken suchte. Es schien ihm beinahe peinlich zu sein, dass die anderen sehen k├Ânnten, dass er, obwohl au├čerhalb des Kreises stehend, trotzdem in irgendeiner Weise Teil an ihrem Vergn├╝gen haben k├Ânnte. Ich konnte den Blick einfach nicht abwenden, zu verst├Ârend war der sehns├╝chtige Ausdruck in seinen Augen, mit dem er immer wieder von einem der M├Ąnner zum n├Ąchsten sah. F├╝r einen Moment konnte ich den Schmerz des Ausgeschlossen-Seins auf seinem Gesicht erkennen, der aber, sobald einer der M├Ąnner eine Bewegung machte, sofort wieder von einem hoffenden, fast flehenden Ausdruck abgel├Âst wurde, nur um immer aufs Neue entt├Ąuscht zu werden. Irgendwann kam der Moment, in dem er meinen Blick zu sp├╝ren schien, denn er riss sich los von dem Anblick seiner Kollegen und sah zu mir her├╝ber. Als sich unsere Blicke f├╝r einen Moment trafen, erschien in seinen Augen, die in diesem Moment tats├Ąchlich ein Fenster zu seiner Seele waren, ein so tiefer Schmerz, dass mir ein Schauer ├╝ber den R├╝cken lief. Nicht weil ich mich durch das Entdeckt-Werden peinlich ber├╝hrt gef├╝hlt h├Ątte, sondern weil neben dem Schmerz ein Wissen darum stand, dass der so sehr erhoffte Augenblick der Zugeh├Ârigkeit niemals kommen w├╝rde. Auch wenn ich ihn und seine Kollegen noch niemals vorher gesehen hatte und, obwohl ich immer wieder nach ihm suchte, den jungen Bahnangestellten auch nachher nicht wieder sah, wurde mir in diesem Moment klar, dass die Illusion, der utopische Traum eines Tages, zu diesem inneren Zirkel dazuzugeh├Âren, das Einzige zu sein schien, was ihn am Leben erhielt und an das er sich Tag f├╝r Tag klammerte, auch wenn seine Hoffnungen immer wieder unerf├╝llt blieben. Es war diese Wahrheit, die ich in seinen Augen sah, die mich den Blick abwenden lie├č und mich daran hinderte, ihn noch einmal direkt anzusehen. Das Einzige, was ich f├╝hlte, war eine Mischung aus Scham und Erleichterung, als wir einige Minuten sp├Ąter eine Haltestelle erreichten und ich sah, dass der Pulk die Bahn wieder verlie├č. Hocherhobenen Hauptes und gut gelaunt; die traurige, hagere Gestalt still und einsam im Schlepptau.

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Blumenberg
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Liebe petra(smiles),

vielen Dank f├╝r deine Anmerkungen!
Du hast ganz richtig beobachtet, dass mein Protagonist die Szene interpretiert und dadurch auch in einer gewissen Weise schafft. Was du den Makel an der Geschichte nennst, ist von mir aber bewusst so gew├Ąhlt.
Jeder Blick ist auch ein Dialog und als solcher niemals einseitig, sondern immer ein in Beziehung zueinander treten. Ein Blick in seiner Momenthaftigkeit bietet einen gro├čen Raum f├╝r Interpretation, aber ich w├╝rde mich davor h├╝ten eine Interpretation oder Beobachtung in irgendeinem Kontext, au├čer vielleicht dem eines Ideals, was als solches per se unerreichbar ist, als wertfrei zu bezeichnen. So wenig es den unbeteiligten Beobachter bei einem wissenschaftlichen Experiment gibt, so wenig gibt es ihn im Alltag.
Das die Eindr├╝cke zum Seelenleben subjektiv gef├Ąrbt sind ist auch richtig. Aber mal Hand aufs Herz hast du nicht auch schon einmal jemandem in die Augen gesehen und warst dir absolut sicher zu wissen, was er gerade denkt?

Beste Gr├╝├če

Blumenberg

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