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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der kleine Himmel
Eingestellt am 21. 04. 2015 08:23


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Costner
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
Kommentare: 41
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Kathrin lief die Stiegen so langsam hoch, als m├╝sste sie sich jeden Schritt genau ├╝berlegen.
Die Stiegen zu ihrem Appartement im letzten Stock, begann sie jedes Mal zu z├Ąhlen. Sie hatte irgendwann aufgeh├Ârt, sich dar├╝ber zu ├Ąrgern, dass als Ergebnis immer etwas anderes herauskam.
Wo hast du dich rumgetrieben, h├Ârte Kathrin die Schwester sagen, als sie durch die T├╝r kam und zwei T├╝ten herein schleppte. Kathrins Schwester war wei├č und dick, im Nacken hockte ihr schwarzer Zopf. Ihre Augen glotzten aus dicken Wangen wie schwarze Kn├Âpfe. In der Wohnung roch es nach Essen. Kathrin betrat die K├╝che, die in einem Dunst lag, und stellte die T├╝ten auf den K├╝chentisch.
Ich habe zu Essen gekocht, sagte die Schwester.
Kathrin sah sie kurz an. Sie trug eine Kette, deren Farbe schwer auszumachen war, weil sie unter dem dicken Hals fast verschwand. Ihre Br├╝ste wippten auf dem Bauch, wenn sie etwas sagte. Kathrin nickte und r├Ąumte die Eink├Ąufe weg.
Sie sagte nur, dass sie sich dar├╝ber freue, dass sie gekocht habe. Kathrin h├Ârte den schweren Atem ihrer Schwester.
Kathrin verlie├č die K├╝che und lief ins Schlafzimmer. Dort hockte sie sich auf die Bettkante, schl├╝pfte aus den Schuhen und sp├╝rte ein Gewicht von sich abfallen, als l├Âse sie sich von einem gro├čen Schmerz. In der K├╝che war ein Poltern zu h├Âren und Kathrin schreckte auf, als werfe die Panik, die sie bei den Ger├Ąuschen immer erfasste, ihre Schatten voraus. Dann stand sie wieder auf, um in die K├╝che zur├╝ckzukehren.
Als sie zusammen am K├╝chentisch beim Essen sa├čen, h├Ârte Kathrin ihre Schwester schnaufen, w├Ąhrend sie einen Berg Eintopf nach dem anderen auf ihren L├Âffel schaufelte und anschlie├čend in ihren Mund. Kathrin lehnte sich zur├╝ck und ihr Blick ging an ihrer Schwester vorbei durch das Fenster in den Hof dahinter. Sie erinnerte sich an die Ruhe, w├Ąhrend der Tag in den Abend hinein d├Ąmmerte, das Licht im Hof wechselte und eine wohlige K├╝hle aufkam.
Aber dann war die Mutter pl├Âtzlich ins Krankenhaus gekommen und von dort aus in ein Heim. Als Kinder waren sie gemeinsam um den K├╝chentisch gesessen und hatten Mutter dabei zugesehen, wie sie hei├čes Wasser f├╝r Tee aufgesetzt hatte. Zwanzig Jahre war das her, dachte Kathrin. Willst du Zitrone in den Tee, hatte sie immer gefragt, und die Antwort war immer gleich ausgefallen. Im Fernseher lief am Abend die Schlagerparade, die sich Mutter angesehen hatte. Sie summte jeden Refrain mit. Und irgendwann, das war sicher gewesen, hatte sie immer gesagt, lasst euch mal gesagt sein, wenn ich tot bin, geh├Ârt das alles euch. Kathrin hatte da nicht gewusst, dass sie nichts hatte.
Wenn es k├Ąlter wurde, nahm Kathrin den Kohleeimer und ging in den Keller. Ihre Schwester musste nie gehen; als Kind war sie schon zu dick, um die vielen Stiegen in den letzten Stock zu laufen.
Kathrin hatte nie geheiratet. Einen Freund hatte sie eine Zeit lang gehabt, Helge, aber die Geduld war nicht gro├č gewesen, weil Kathrin immer auf ihre Schwester aufpassen musste.
Manchmal schlich sie sich nachts die Stiegen hinunter. Sie schlich an dem Licht der Stra├čenlaternen, das wie ein Raum war, vorbei und stellte sich in den Hinterhof, der wie ein Schacht wirkte. Es war dunkel und im Winter gab es oft Schnee. Die beruhigenden Augenblicke genoss sie, wenn sie allein war und sich die Ruhe um sie herum wie eine Mauer hochzog. Dann musste sie an nichts denken, nicht an ihre Schwester und das Leben, in dem sie nur eine Figur war, an deren F├Ąden ihre Schwester zog.
Kurz vor der D├Ąmmerung, wenn das Licht als fingerd├╝nner Streifen ├╝ber ihrem Kopf auftauchte, ging sie zur├╝ck in die Wohnung.

Am n├Ąchsten Morgen war Kathrin vor Sonnenaufgang wach geworden. In der Wohnung roch es seltsam vertraut und doch fremd. Kathrin ging in die K├╝che und setzte Kaffeewasser auf. Sie bereitete das Fr├╝hst├╝ck vor. F├╝r sie selbst war es meistens nur ein Joghurt, f├╝r ihre Schwester dann schon R├╝hrei mit Speck und Toast, Marmelade und Wurst und was sonst noch im K├╝hlschrank zu finden war.
Im Halbdunkel lief sie durch den Flur ins Kinderzimmer, ihr fr├╝heres Zimmer, das jetzt ihrer Schwester geh├Ârte. Sie lag schwer im Bett und schlief. Sie setzte sich auf den niedrigen Kinderstuhl. Das Zimmer erschien ihr so klein, alles war klein, das Bett, der Stuhl, der Tisch, der irgendwann rot gewesen war.
Die Jalousien waren geschlossen, nur das Nachtlicht in der Steckdose glomm, ein rosaroter Punkt. Im rosaroten Licht sah ihr Gesicht seltsam starr aus. Und wenn sie tot w├Ąre, dachte Kathrin. Kathrin hatte es sich nie ├╝berlegt, aber was w├╝rde mit ihrem Leben passieren, w├Ąre ihre Schwester nicht mehr da.
Einen Augenblick war es ganz ruhig in der Wohnung. Es war eine Stille von solcher Heftigkeit, das nichts mehr ging. Sie weckte ihre Schwester, ber├╝hrte deren massige Schulter.
Du musst aufstehen, sagte Kathrin, zog die Jalousien hoch und das Licht brach herein. Kathrin schauderte. Du musst aufstehen, wiederholte sie. Die Schwester herrschte Kathrin an. Ihr Atem zwischen den Worten war nur noch ein Pfeifen. Sie roch herb und s├Ąuerlich. Ihre Wangen quollen unter den Knopfaugen rot hervor. Kathrin hatte Angst, sie nochmal zu ber├╝hren. Sofort ├Âffnete sie das Fenster, um den Dunst im Zimmer loszuwerden.
Dann holte Kathrin tief Luft und ihr Mund verzog sich zu einem Schmerzl├Ącheln. Sie griff nach dem Nachttopf, der neben dem Bett stand und den ihre Schwester benutzte, um ihn zu leeren und auszuwaschen. Kathrin konnte diesen Geruch schon immer sehen, sie roch ihn nicht nur. Er kroch unter der Kinderzimmert├╝r hindurch und erf├╝llte nachts die ganze Wohnung, wanderte unter die Decke und schlief mit uns. Morgens war er als erster wach, und Kathrin rieb sich dabei die Nase.
W├Ąhrend Kathrin mit dem L├Âffel im Joghurt stocherte, kam ihre Schwester in die K├╝che und lie├č ihr Gewicht auf den Stuhl fallen. Sie schnaufte schwer. Kathrin las die Tageszeitung, sprang von einem Artikel zum anderen. Renten vor der K├╝rzung! 37 J├Ąhriger wegen Raub├╝berfall verurteilt! Defizit├Ąres Verhalten von Menschen mit ├ťbergewicht wissenschaftlich erforscht! Kathrin legte die Zeitung zur├╝ck auf den Tresen. Sie sa├č so da, als w├Ąre sie leblos, ohne Orientierung. Und dann sah sie ihre Schwester, wie sie versuchte, das R├╝hrei mit m├Âglichst wenig Handgriffen in ihren Mund zu schieben. Dann dachte sie an ihre Mutter, dass sie recht damit gehabt hatte, dass nach dem Tod alles ihr geh├Âren w├╝rde.
Aus der Stille wuchs ein Schluchzen und Kathrin versank in ihren Tr├Ąumen, die sich aber immer weiter von ihr entfernten, je mehr sich ihr Leben an das ihrer Schwester kettete. Nie hatte sie alles haben wollen.
Ich kann heute einen Kuchen backen. Wir haben etwas Mehl, Milch und Hefe und noch Eier.
Kathrin sp├╝rte deutlich, dass lange zuvor schon etwas in ihr zerbrochen war.
F├╝r heute Abend, zum Nachtisch, h├Ârte Kathrin sie reden.
Dann fuhr Kathrin hoch. Sie lief in weitem Bogen um die Schwester herum und zog eine Jacke ├╝ber.
Die Schwester verdrehte den Kopf, der zwischen ihren Schultern hockte. Wohin gehst du?
Da wo ich hingehe, kannst du sowieso nicht mitkommen.
Daraufhin schluchzte die Schwester. Sie weinte wieder. Aber Kathrin lie├č sich nicht t├Ąuschen, stieg in ihre Schuhe und trat aus der Wohnung heraus wie aus einem Gef├Ąngnis, das sie verlie├č. Drau├čen auf dem Flur f├╝hlte sie sich pl├Âtzlich wie auf Entzug, als l├Âse sie sich von einer Abh├Ąngigkeit. Sie atmete.
Schlie├člich lief sie die letzten Stiegen auf die Dachterrasse. Etwas drehte sich in ihr. Die H├Âhe, dachte sie, die schwankte. Sie setzte einen Schritt vor den anderen, bis an den Rand, bevor die Sicht senkrecht hinunter auf die Stra├če st├╝rzte. Als sie hoch in den kleinen Himmel blickte, der ├╝ber ihr thronte, erschrak sie vor soviel Eleganz. Sch├Âne, kalte Luft, dachte sie und an die N├Ąchte im Hof, an die dunklen, ewigen Monate. Dann war es, als nehme sie die Luft durch ihre Haut auf, als l├Âse sich alles auf, verschmelze alles miteinander zu einer dunklen Masse. Alles, die Stra├čen, H├Ąuser, der Schnee, legten sich ├╝bereinander wie Schatten und wurden zu einer gro├čen, formlosen Dunkelheit.
Und dann sah Kathrin das Licht, das sie lange nicht gesehen hatte. Wie ein feiner Vorhang zog es ├╝ber den Horizont. Kathrin wartete, sah zu, wie der breite Schleier schmaler wurde: Pl├Âtzlich war es nur noch ein d├╝nner Streifen, eine zuckende Linie, eine Schlange, die sich wild am Himmel wand. Kathrin dachte an das Hinabst├╝rzen. Es war ruhig gewesen und jetzt war es auch still. Sie tr├Âstete sich in diesen Ausweg hinein. Ihr Z├Âgern. Ihre Angst. Das Abfallen von Schmerz und Last. Sie richtete sich auf und lauschte. Und pl├Âtzlich herrschte ein anderes Licht.

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cu
M.

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