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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der kleine Vagabund
Eingestellt am 08. 06. 2001 11:08


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Willi Corsten
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Der kleine Vagabund


Da stand er nun, der kleine Hosenmatz, m├╝de, hungrig - und noch ganze zwei Pfennige in der Tasche. Dabei hatte alles so gut angefangen.
Michaels Sparschwein r├╝ckte, ermuntert durch zwei Hammerschl├Ąge auf den Hinterkopf, freiwillig das Geld des letzten Jahres heraus. Die M├╝nzen, die da zusammen mit den blau-wei├čen Scherben auf den Boden kullerten, ordnete er zu kleinen T├╝rmchen, jedes im Wert von f├╝nf Mark. Sechs T├╝rmchen z├Ąhlte der Junge, rechnete die Kupferm├╝nzen hinzu und kam auf die stolze Summe von 30 Mark und 52 Pfennigen.
Der kleine Schatz wanderte in die Hosentasche, wo sich die M├╝nzen einen Weg zwischen all den Sachen suchten, die der neunj├Ąhrige Lausbub in den letzten Tagen aufgelesen hatte. Der klebrige Kaugummi schmiegte sich an ein silbergl├Ąnzendes Markst├╝ck. Die ├Âlverschmierte Schraube r├╝ckte dabei bereitwillig zur Seite. Der Frosch, auf den gleich dutzendweise die M├╝nzen prasselten, blieb stumm, er war schon seit Wochen tot. Nur die Weinbergschnecke tanzte aus der Reihe. Sie zog sich, erbost ├╝ber den unsanften Rempler eines gr├╝nspan├╝berzogenen Groschens, beleidigt in ihr H├Ąuschen zur├╝ck.
Derweil suchte Michael nach Proviant, den er mit auf die gro├če Reise nehmen wollte. Er holte das Messer aus der Schublade und s├Ąbelte Brot ab, neun Scheiben, die so dick waren, dass ein Krokodil aus Angst vor der Maulsperre geflohen w├Ąre. Zeit hatte der Junge genug, denn die Eltern w├╝rden nicht vor sechs Uhr abends zu Hause sein. Michael sch├╝ttelte traurig den Kopf. Dass Papi bei M├╝ller und Hartmann ├ťberstunden machen musste, konnte er noch verstehen, aber warum arbeitete Mami den ganzen Tag ├╝ber im Haushalt von Dr. Winkler? Nur damit Frau Winkler Zeit blieb f├╝r den Sch├Ânheitssalon, f├╝r das Tennisspiel, f├╝r Reitstunden und sonstigen Unsinn?
Und wer hatte Zeit f├╝r ihn? !
Entschlossen packte Michael sein B├╝ndel zusammen, ├╝berlegte, ob der geliebte Fu├čball noch mit sollte, lie├č ihn dann doch zu Hause. Er k├Ąmpfte sich in die Trainingsjacke, zog die Turnschuhe an und eilte zum Bahnhof.
ÔÇ×Einmal Alpenhausen bitte", sagte er zu dem Mann am Schalter und kramte das Geld aus der Tasche. Alpenhausen kannte er nicht, wusste aber von dem Werbeplakat aus der Wartehalle, dass die Fahrt 30 Mark und 50 Pfennige kostete. Lieber w├╝rde er ja bis Innsbruck fahren, oder gar bis Mailand, dann w├Ąre er noch weiter weg gewesen, noch weiter weg von der Schelte seiner Eltern. Aber das Sparschweinchen hatte entschieden: 'Alpenhausen! Mehr holst du selbst mit dem Schmiedehammer bei mir nicht heraus.'

Alpenhausen ist sch├Ân, doch das interessierte den Jungen nicht. Er war auf der langen Fahrt eingeschlafen und hatte beim Aussteigen sein B├╝ndel vergessen. Und als der Zug mit dem Gep├Ąck aus dem Bahnhof rollte, tauchte hinter den Bergen die Sonne unter. Es wurde dunkel in der fremden Stadt.

Was nun, kleiner Mann? Kein Abendbrot, kein Bett zum schlafen, keine Eltern hier - und noch ganze zwei Pfennige in der ausgebeulten Hosentasche.
Doch Schutzengel sind immer zur Stelle, wenn man sie braucht, verkleiden sich manchmal sogar als Polizisten. Michas Schutzengel hie├č Franzelhuber, Alois Franzelhuber, Oberwachmeister auf Fu├čstreife. Der Mann sah den kleinen Jungen, der verzweifelt an einer Stra├čenecke stand und sich keinen Rat mehr wusste. Und da Franzelhuber einen Sohn im gleichen Alter hatte, entschied er kurzerhand, dass die Amtsstube nicht der rechte Schlafplatz f├╝r den Ausrei├čer sei. Seine Frau machte zwar gro├če Augen, als er die ÔÇÜFundsacheÔÇś heimbrachte, hatte aber bald das Vertrauen des Jungen gewonnen und von ihm die Adresse der Eltern erfahren. W├Ąhrend ihr Mann telefonierte, zauberte sie ein sp├Ątes Abendessen auf den Tisch und machte im G├Ąstezimmer das Bett bereit.

War es die sp├Ąte Vormittagssonne, die ihn weckte oder waren es die Eltern. Michael wusste es nicht mehr. Egal! Wichtig war nur, dass die beiden hier waren, und dass keiner von ihnen schimpfte.
"Papi...das Zeugnis, nicht...nicht versetztÔÇť stammelte der Junge und k├Ąmpfte mit den Tr├Ąnen. Er sah die Entt├Ąuschung in Papis Gesicht, sah dann, wie Liebe und Verst├Ąndnis den Zorn wieder besiegten.
"Sohnemann, mit Versetzung war also nichts in diesem Schuljahr. Schade! Aber auf die n├Ąchste Meisterschaft bereiten wir uns besser vor. Mami arbeitet nach den Ferien nur noch vormittags. So bleibt auch Zeit genug f├╝r dich.ÔÇť
Papi wuselte ├╝ber Michaels blonden Lockenkopf und fuhr tr├Âstend fort: ÔÇ×Wirst sehen, kleiner, gro├čer Fu├čballspieler, im n├Ąchsten Jahr schaffen wir den Aufstieg in die h├Âhere Klasse mit vielen Punkten Vorsprung."
Und Micha weinte. Doch es waren Tr├Ąnen der Erleichterung und der Freude.

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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo willi

woww, war eine tolle geschichte. ich konnte mir diesen, kleinen , doch recht verzweifelten hosenmatz richtig vorstellen. mir hat die geschichte, vor allem aber das gute Ende gefallen, denn zu oft geht es anders aus. h├Ąttest du gleich in die LL posten sollen.
ganz liebe gr├╝├če leonie

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Willi Corsten
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Hallo leonie

ich freue mich ├╝ber dein Lob. Dies war nun die Geschichte, die ich dir angek├╝ndigt hatte. War ├╝brigens damals mein erster etwas l├Ąngerer Text.
Es gr├╝├čt dich lieb
Willi

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La Luna
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Hallo Willi,

gut erz├Ąhlte Geschichte zu einem aktuellen Thema.


Liebe Gr├╝├če
Julia

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Willi Corsten
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Hallo Julia

Dankesch├Ân.
Ja ich denke, das Thema ist immer noch aktuell, oder besser: noch aktueller als noch vor Jahren, weil das Besch├Ąftigen mit unseren Kindern fast schon Seltenheitswert hat.
Liebe Gr├╝├če schickt dir
Willi

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La Luna
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Vollkommen richtig, lieber Willi, aber auch das Schuljahr neigt sich wieder seinem Ende entgegen und somit steigt die Angst vor den "Giftbl├Ąttern".


Gru├č, Julia

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