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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der lange Weg
Eingestellt am 09. 02. 2002 13:27


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AndiDLX
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

Werke: 7
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Ich sah den Menschen nicht in die Augen und lief an ihnen vorbei. Ein Pfeiffen sprĂŒhte durch die Wagons und bereitete auf die Zuganfahrt vor. Ihr weißer Morgenmantel schwebte zartluftig ĂŒber meine grauen Lieder. Der Koffer drĂŒckte am Armgelenk. Der Kopf drĂŒckte auf das Herz. Mein RĂŒcken sah ihr lange nach. „Wohin gehst du?“ Ihre Stimme schallte mir gedanklich verschollen durch das geschlossene Abteil.

Die Menschen bemengten sich aneinander. Krallende Äste und ergraute HĂ€userfronten flogen an der matten Scheibe vorbei. Der Regen schoss auf das Zugdach und trommelte einen nassschwitzigen Hauch in meinen ertrockneten Hals. Den Koffer plazierte ich unter meinen Sitz. Die Mitreisenden blickten in ihre ĂŒberdruckten Zeitungen. Nur wenn Neueingestiegene ihre schweren Taschen ĂŒber den glatten Boden stoßen, sahen sie fĂŒr einen kurzen Moment auf und verloren sich wieder im Nichts. „Sag mir doch, wohin du gehst?“ Die Sonne sah scheu aus den schweren Wolken, wie sie mir ihren zĂ€rtlichen Abschiedskuss an die Wange schmiegte und eine TrĂ€ne dem Erdreich verlor. In ihrem Gesicht lag der Schmerz der Welt. Die Gesichter der Mitreisenden waren blaukaltig. Sie schoben ihre KrĂ€gen bis an das Kinn. Ich fĂŒhlte ihre weiche Hand, die mich berĂŒhrte, die mir gut zusprach, als meine Gedanken lĂ€ngst woanders waren, in der Weite. Meine Hand tĂ€nzelte leichwolkig ĂŒber meine nassen Augen. Die Sonne brach sich in ihr und funkelte in langen Strichen durch das Zugabteil. Wo bin ich hier? Wer sind diese Personen neben mir? Überall standen Menschen und griffen nach allem Haltversprechendem. In stotternder Geschwindigkeit bahnte sich das schwarzfleckge Transportmittel durch die hĂŒgelige Landschaft. Bin ich alleine? Kennt mich jemand? In der Menge, die Leere. In der NĂ€he, die Weite. Zerschnittene Echofetzen zogen an meinem Bewußtsein vorĂŒber. „Ich liebe dich.“ Ihr Blick trauerte. Ihre Einsamkeit trauerte. Die Menschen ziehen weg und sehen nicht zurĂŒck. Ich drehte mich um und sah nur den vergilbten Kaugummi im dunklen Polster. „Ich komme bald wieder.“ Nach der Flut, die Ebbe. Nach dem Tag, die Nacht. Waren die Menschen an mir uninteressiert oder ich an ihnen? Keiner sprach mit mir. Niemand blickte auf, gab ein LĂ€cheln in den Raum. Ich auch nicht.

Die Autos und HĂ€user krochen an mir vorĂŒber, ohne Spuren zu hinterlassen. Nur ein Aufblinzeln, ein kleiner Windhauch. Ich war einmal und werde sein. Der Photoapperat des Lebens schießt die Momente, aber ich schaue nicht hin. Ihren Blicken wich ich aus, dann wenn es ernst werden könnte, dann wenn man sich fĂŒr einander verpflichtet fĂŒhlt, sich nahe kommt. „Liebst du mich auch?“ Ich sah auf den Boden. Dreck, Staub und das schuhrillengeformte Naß spiegelten sich im Neonlicht. „Bist du glĂŒcklich?“ Mein Blick schwebte durch das Fenster in die Weite. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Meine beiden HĂ€nde glichen sich wie Zwillinge. Diese fest an das Fenster gesaugt, sah ich, mit der Nasenspitze hindurch auf das Glas gedrĂŒckt, die im Wind geneigten GrĂ€ser. Über Felder schwebend, wie ein Engel. Der Wind im Nacken, die Hoffnung im Auge. Bin ich frei? Der Zug lenkte sich eingleisig ĂŒber die Schienen. Ein Ziel. Ein Weg. Die letzte Umarmung von ihr fĂŒhlte ich an meinem RĂŒcken. Jeder Finger, jede BerĂŒhrung hatte einen eigenen Platz, fĂŒr immer. „Sind sie traurig, junger Mann?“ Eine Ă€ltere Dame sah mich an. Ich hatte sie garnicht bemerkt, obwohl sie mir gegenĂŒber sass. Ihre besorgten AugenrĂ€nder ruhten weich in meinem Blick. „Nein, ich bin nur mĂŒde.“ Augen und Kopf von ihr streckten sich kurz in die Höhe, so als genĂŒge ihr die Antwort. Nach einem hilfsbereiten AuflĂ€cheln senkte sich ihr Kopf wieder in die Tiefe. Bin ich traurig? WorĂŒber? „Warum liebst du mich einfach nicht?“ TrĂ€nen rutschten ihrer roten Wangen hinunter. Nachdem ich damals am Ende der Rutsche hinfiel, weinte ich, niemand war da, mich zu trösten. Jeder ihrer Schmerzenstropfen fiel in die Leere. Ich blieb stumm.

Ein blaugekleideter Mann stand wartend vor mir. Seine zornige Stimme sprach irgendetwas. Ich hörte ihm nicht zu. Das Licht drehte sich im Kreis. Ich drehte mich im Licht. Wartete er oder wartete ich? Worauf warte ich? „Fahrscheinkontrolle. Haben Sie ein Fahrschein?“ Ich zeigte ihm ein druckerschwĂ€rzeverschmutztes Papier, das ihn zum Weitergehen veranlasste. Die Menschen bleiben nur solange wie nötig. Ich liebe dich doch auch; ich verlasse dich, weil ich dich liebe, dachte ich. Der Koffer ging mit mir weg. Die TĂŒr schloss sich knarrend. Sie wird mich vergessen. Ich werde sie vergessen. Ich werde alles vergessen. Der Zug des Lebens fĂ€hrt immer weiter, ohne Halt. Man sieht aus dem Fenster und blickt in seine ungelebten TrĂ€ume. Das Kind weint, der Erwachsene ist starr. Ich kann nicht weinen. Ich kann nicht loslassen. Ich kann nicht lieben.

Der drĂŒckende Bremsmechanismus des Zuges glitt kreischend auf das funkensprĂŒhende Gleis. Einem verwilderten Ameisenhaufen gleichend, kreisten die Mitmenschen durch die GĂ€nge. Ihren Gesichtern entstieg ein Dunst des GlĂŒckes, ein wohlriechender Duft des Auferwachens. Arme spannten sich in luftenge Höhe, Beine klappten sich gĂ€hnend auf. Die Fahrt war beedet, das Fundament des Ziels weitete sich durch die Fensterfront.TĂŒren öffneten, Körper trafen sich freudig umarmend, WillkommenstrĂ€nen flossen. Der Zug war leer. Meine Beine wippten asynchron zum Pochen des Herzens, tiefe Rillen gruben sich durch meine Hand. Ich will zurĂŒck.

__________________
Guten Appetit und bitte nicht kleckern!

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AndiDLX
Wird mal Schriftsteller
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Hallihallo?

Es wÀre mir sehr lieb, wenn irgendjemand wenigsten den leisen Hauch einer Antwort hervorbeschwören mag.

Lieben Dank, AndiDLX
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Sanne Benz
Guest
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hallo andi..
mal nich so ungeduldig..
hab sie gestern schon angefangen zu lesen..
manches "lege ich wieder weg"..bis zu einem anderen tag.
wollt nur sagen,das ichs angefangen habe..:-)
wenn schon, dann die frage,ob du verbesserungsvorschlÀge,oder alternativwörter etc..möchtest, sonst brauch ich nicht weiter lesen..??

schönen tag
lG
sanne

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AndiDLX
Wird mal Schriftsteller
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Hi Sanne,

Ich hatte nur die BefĂŒrchtung, meine Geschichte wĂŒrde genauso "unberĂŒhrt" aus der Liste verschwinden, wie einige meiner anderen, die ich gepostet habe. Ich wollte damit keinem eine Pflicht aufweisen, meinem Geschriebenem eine Note oder sonstiges aufzuerlegen. Jeder kann lesen, was er will und auch schreiben was er will. Das ist das Schöne an der Leselupe. Nur schade ist es, wenn man etwas von sich selber preisgibt und keine Reaktion darauf erhĂ€lt. Aus diesem Zweck veröffentlicht man es doch.

So freue ich mich auf den einen oder anderen kleinen Hinweis (egal welcher Art), sofern er ehrlich ist.

Liebe GrĂŒĂŸe,
AndiDLX
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Sanne Benz
Guest
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hallo andi,
ich schrieb ja..das ich sie GESTERN schon angeschaut hab..:-)
also, wenn dich das was mir so aufÀllt interessiert..dann schreib ich spÀter mal was..
ich tu das auch nur dort,wo es mich interessiert..
hatte also nix mit deinem eigenen kommentar zu tun
lG
sane

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Sanne Benz
Guest
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hallo andi,
nur mal son par gedanken dazu..

ein pfeifen SPRÜHTE..
(das schrille pfeifen das zur abfahrt mahnte..mir fĂ€llt fĂŒr SPRÜHEN auch nix ein..aber sprĂŒhen,hm..ist mir unbekannt in dem zusammenhang)

ihr weisser morgenmanter STRIFF(?) meine lider?

DER koffer drĂŒckte..du meinst DEINER?(mein koffer)

der regen PRASSELTE(?) hm..schoss..weiss ich..

wie sie mir ihren zÀrtlichen(ALS sie mir..?)

Ihre besorgten AugenrÀnder ruhten..
(besorgte augenrÀnder kenne ich nicht..augen..ja,aber vieleicht passt es auch wieder zum ganzen text und deiner art des erzÀhlens?)

Seine zornige Stimme sprach irgendetwas. Ich hörte ihm nicht zu.
(Ich vernahm seine ungeduldige stimme,aber ich hörte ihm nicht zu)

kreisten die Mitmenschen
(wĂŒrde da nicht nur MENSCHEN reichen?)

Tja,so Ă€hnlich ging es mir auch schon..ich stieg aus und wollte zurĂŒck..auf bahnreisen habe ich mit sicherheit ganz andere gedanken,als die mitreisenden. macht mich auch immer irgendwie traurig,nachdenklich..immer so,als wĂŒrde ich etas hinter mir lassen..
waren nur mal meine gedanken dazu..
du hast eine sehr eigene erzÀhlweise..
und das von mir..sollen nur mal so nachdenk-vorschlÀge sein. es ist völlig in ordnung,wenn du deine geschichte so lÀasst..
ist imer schwierig,denn jeder erzÀhlt anders,benutzt auch andere worte..
hat mir aber gefallen..man konnte dabei auch "bilder" sehen, das ist fĂŒr mich immer sehr wichtig..

lG
sanne

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