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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der lange Weg in die neue Heimat
Eingestellt am 23. 07. 2015 15:07


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molly
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Damals, vor langer Zeit

Bevor Vater seine Geschichte erz├Ąhlte, holte er die Pfeife und stopfte sie sorgf├Ąltig mit Tabak. Als er diesen angez├╝ndet und einmal gen├╝sslich an der Pfeife gesogen hatte, l├Ąchelte er uns zu und begann:


"Ich bin in Liegnitz geboren, so hie├č die Stadt bis nach dem Krieg. Jetzt wird sie Legnica genannt und ist eine polnische Stadt.
Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der N├Ąhe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zum Fluss, Mutti und Vati sagten, es w├Ąre zu gef├Ąhrlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erz├Ąhlte er uns die sch├Ânsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem R├╝cken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es f├╝r uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, h├Ârten die fr├Âhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen M├Ąnner auch, Soldat, und musste k├Ąmpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati m├╝de und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte.
Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen str├Âmten in unsere Stadt, fremde Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte und ob er ├╝berhaupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: ÔÇ×Lieber Gott, besch├╝tze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon l├Ąngst die Rucks├Ącke gepackt. Wortlos legte sie den gr├Â├čten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucks├Ącke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren R├╝cken und so verlie├čen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie m├Âglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine G├Ąstepension und war eine gro├če und starke Frau. Die Oma w├╝rde uns besch├╝tzen, davon war ich ├╝berzeugt. Unsere zierliche Mutti sah schwach aus, aber das t├Ąuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kr├Ąftig.ÔÇť


ÔÇ×Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zur├╝ck. Sie hatte Fahrkarten f├╝r den n├Ąchsten Tag mitgebracht und wir gingen fr├╝h schlafen. Die beiden Frauen legten Strohs├Ącke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, l├Âschte das Licht und ging in die K├╝che. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war emp├Ârt. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erkl├Ąrte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not w├Ąren und manche w├╝rden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen dr├Ąngten nach und Lena hatte gro├če M├╝he aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedr├Ąngt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich ├╝berlegte mir, wo sie wohl in dem ├╝berf├╝llten Zug noch einen Platz finden w├╝rden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endg├╝ltig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es w├╝rde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinderwagen und gemeinsam schoben wir ihn ├╝ber die Gleise die B├Âschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begr├╝├čten sie st├╝rmisch. Im Hause waren keine G├Ąste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Fr├╝hlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die K├╝che gest├╝rzt. Wir sa├čen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz w├╝rde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hie├če Milit├Ąrpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben M├╝cken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der K├╝che und Enten und H├╝hner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? W├╝rde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erkl├Ąrte, wenn er noch lebt, w├╝rde er uns ├╝berall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich h├Ątte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma sa├č zusammengekr├╝mmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tr├Âstete sie und sagte, wir w├╝rden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am n├Ąchsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof br├╝llten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungest├╝m an die Haust├╝re. Oma ├Âffnete und ich versteckte mich hinter ihrem R├╝cken. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem G├╝terbahnhof von Bad Landeck sein m├╝ssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fr├Âhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich dr├Ąngte mich an Mutti und Toni sa├č wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchw├╝hlten die Rucks├Ącke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckst├╝cken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir hergeben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckst├╝ck fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe entt├Ąuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tr├Ąnen liefen ├╝ber ihr Gesicht. Das wertvollste das uns noch ├╝brig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen G├╝terwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zur├╝ck und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon sa├čen wir dicht zusammen auf dem Boden und von au├čen schlossen die Soldaten die T├╝ren zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagont├╝r auf war, sahen wir nur zerst├Ârte St├Ądte, verbrannte W├Ąlder und verlassene Bauernh├Âfe.
So viele Menschen sa├čen im Wagon, doch alle waren leise, niemand l├Ąrmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen w├╝rde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Lastautos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlafplatz f├╝hrten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann st├Ąubte uns mit wei├čem Puder von Kopf bis Fu├č ein. Toni br├╝llte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreist├Âckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz f├╝r die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht ├╝ber uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem B├Ącker in der L├╝neburger Heide. Das war ein Freudentag f├╝r uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber w├Ąre ich gleich in die L├╝neburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erkl├Ąrte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen w├╝rde.
Unsere neue Wohnung war sch├Ân, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigent├╝merin die K├╝che benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd h├Ątten kochen k├Ânnen.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen f├╝r ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir w├Ąren fremdes, unerw├╝nschtes Pack und sollten so schnell wie m├Âglich verschwinden. Ich h├Ątte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haust├╝r. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig w├Ąren, es g├Ąbe auch noch Leute, die etwas f├╝r die Armen ├╝brig h├Ątten. Doch um diese zu finden, m├╝sste man an die T├╝ren klopfen.
Eine gro├če Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot kam steinhart und schimmlig bei uns an, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir tr├Ąumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den W├Ąnden und nagten an unseren Fingern├Ągeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, sa├č ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begr├╝├čen. Wir sahen einen alten und glatzk├Âpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die w├Ąren in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf h├Ątte er f├╝r uns retten k├Ânnen. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu┬Čr├╝ck in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in B├Ącker Jansens St├╝bchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald w├╝rden wir dort eine Wohnung finden und dann k├Ąmen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. Viel lieber w├Ąre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so ver├Ąndert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis L├╝neburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die B├Ąckersfrau hatte einen gro├čen Teller mit Butterbroten f├╝r uns und die B├Ąckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die B├Ąckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre H├╝hner f├╝ttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufh├Âren.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die K├╝che kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und st├Âhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem K├Ąmmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der n├Ąchsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich k├Ânnte nicht richtig deutsch reden. Ich h├Ątte einen schlesischen und s├Ąchsischen Dialekt und das m├╝sse sofort aufh├Âren. Sie lachte mich aus wenn ich ÔÇ×KicheÔÇť anstatt K├╝che sagte und die Mitsch├╝ler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Kn├Âdelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergn├╝gen. Ich st├╝rzte mich auf sie und pr├╝gelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich h├Ątte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich m├╝sse erst richtig reden lernen, sie k├Ânne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der B├Ąckersfrau richtig sprechen. Sie half mir bei den Hausaufgaben, denn Vati hatte nicht viel Zeit. Er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. F├╝nf Wochen sp├Ąter verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zur├╝ck. Wir zogen in die obersten R├Ąume einer Gastst├Ątte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr lie├čen mich meine Klassenkameraden und die Lehrerin in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufs├Ątze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
F├╝nf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank┬Čfurt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Pr├╝gel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gew├Âhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufs├Ątzen und sie zeigten mir die sch├Ânsten Wiesen und T├╝mpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwabenland. Oma f├╝hlte sich gleich wohl hier. Sie war m├╝de und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Fr├╝hst├╝ck. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.

Noch einmal m├Âchte in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.ÔÇť

┬ę1988





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HelenaSofie
???
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Ja Monika,

so ist der Anfang des Textes einfacher zu verstehen. Gelungen finde ich auch den Beginn und den Schluss durch den Bezug zur Gegenwart. F├╝r mich ein gut geschriebener informativer Text, der auch f├╝r gr├Â├čere Kinder geeignet w├Ąre.
"Der lange Weg in die neue Heimat" passt einmal zu dem geografischen Weg, aber auch zu einem Angekommen sein, einem daheim sein.

Liebe Gr├╝├če und viele bunte leuchtende Herbstbl├Ątter schickt dir

HelenaSofie






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Wipfel
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Hi,

mich rei├čt der Text nicht so sehr vom Hocker. Mir fehlt etwas lebendiges. Ich brauche nicht die chronologische Auflistung des Lebenslaufs. In diesem Text verstecken sich soviele Geschichten. Wie war das mit der Lehrerin, die schlesisch nicht mochte? War das eine Ex-BDM-Frau? Hatten die Jungs schon lange Hosen? Mit was wurden die Aufs├Ątze geschrieben? Mit echter Tinte oder Bleistift? Und wie kam es, dass die Lehrerin aufh├Ârten mit den N├Ârgelei? Und gab es da ein M├Ądchen, das auf dem Pausenbrot Wurst hatte? Gab es das ├╝berhaupt? War die Schule geheizt?

Wei├čt du was ich meine? Statt in den paar Zeilen einen ganzen Epos unterzubringen, w├╝rde ich lieber eine der vielen Geschichten schmecken, f├╝hlen, riechen...

Und handwerklich gibt es auch einige Stellen, die du sicher selbst findest. Eine nur:

quote:
Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit
Und h├Ątte er Zeit gehabt, w├Ąre dann Vati die einzige Freundin? Oder warum h├Ątte sie dann mehr Freundinnen?

Gr├╝├če von wipfel

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