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Leselupe.de > Erzählungen
Der letzte Ausflug
Eingestellt am 14. 05. 2016 11:13


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MartSchreiber
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Der letzte Ausflug (Version 3)
Von Mart Schreiber

Zunächst einmal zum Anker. Zimtschnecken kaufen. Karl hat eine minutiöse Liste für den heutigen Tag erstellt, den Rucksack sorgfältig gepackt und noch einmal überprüft. Trotzdem ist er nervös. Er hat schon seit Monaten nicht mehr das Heim gemeinsam mit seiner Frau verlassen. Henriettes Zustand hat sich immer mehr verschlechtert. Sie geht nur noch mit dem Rollator, sogar in ihrer kleinen Wohnung im Heim. Es ist von einem Tag auf den anderen gekommen. Anfangs hat er noch versucht, sie zum Gehen ohne Hilfe zu motivieren. Er hat ihr die Hand zur Unterstützung angeboten, aber sie hat keinen Schritt mehr gemacht. Karl glaubt, dass sie sich einfach dafür entschieden hat. Oder sie hat tatsächlich vergessen, dass sie am Vortag noch ohne Rollator gegangen ist. Sie ist zunehmend senil geworden, aber sie hat auch helle Phasen. Müsste sie da nicht auch den Rollator vergessen und einfach wieder gehen können? Den Rollator hat sie vor diesem Tag nur benutzt, wenn sie schon müde gewesen ist, also meist erst am späten Nachmittag. Manchmal hat sie über Schmerzen in den Beinen geklagt. Auch dann hat sie den Rollator genommen. Aber doch nicht ständig.
Das Heim haben Sie heute heimlich verlassen. Nicht ganz, nur der Pflegeschwester sollten sie nicht über den Weg laufen. Sie hat Henriette Ruhe verordnet, wegen der Schwindelanfälle und des zeitweise auftretenden Herzrasens.
„Henriette, bitte warte kurz hier. Ich muss nur zum Anker auf die andere Straßenseite. Bin gleich wieder da.“
Henriette nickt und hält sich am Rollator fest.
„Guten Tag, Herr Postrawitsch. Wie üblich?“
Karl ist in der Anker Filiale bekannt. Immer wieder kommt er hierher, um Zimtschnecken oder fallweise auch Topfengolatschen zu kaufen.
„Ja, zwei Zimtschnecken bitte. Und gut einpacken. Wir machen nämlich heute einen Ausflug.“
„Wohin soll’s denn gehen?“
„In den Park beim Donauturm. Da sind wir früher oft gewesen. Vor allem, als die Kinder noch klein waren.“
„Macht zwei Euro.“
„Sind die billiger geworden?“
„Sie haben Glück. Alle Mehlspeisen sind heute in Aktion und kosten nur einen Euro. Aber nur heute.“
Karl freut sich. Das muss er Henriette erzählen.
Er schaut zu ihr hinüber. Sie steht wie eine Statue da. Hat sie sich überhaupt bewegt, seit er sie um ein wenig Geduld bat und zum Anker hinüber ist?

Sie begrüßt ihn nicht gerade freundlich: „Will nicht mehr stehen. Du bist gemein.“
„Aber Henriette. Ich habe doch nur Zimtschnecken beim Anker geholt. Die hast du doch so gerne. Wenn wir im Park bei unserem alten Plätzchen rasten, dann gibt’s die Schnecken als zweites Frühstück. Freust du dich nicht?“
„Ich will zurück ins Heim. Bin zu müde.“
„Wir haben uns das doch ausgemacht. Zu deinem achtzigsten Geburtstag machen wir einen Ausflug. Und heute hast du Geburtstag.“
Henriettes Gesicht hellt sich auf: „Ich habe Geburtstag. Da musst du aber ganz lieb sein zu mir.“
„Das bin ich doch immer, mein Schatz.“
Karl drückt Henriette einen schmatzenden Kuss auf die Wange.
„Und jetzt zur U-Bahn. Die ist ja direkt vor uns. Und es gibt auch einen Lift.“
Die Nähe zur U-Bahn ist mit ein Grund gewesen, dieses Pensionistenheim auszuwählen. Das ist jetzt fünf Jahre her, erinnert sich Karl. Sie haben lange gezögert, die große Wohnung in der Radetzkystraße aufzugeben und in ein Heim zu ziehen. Es ist aber eine fast nicht mehr zu bewältigende Last geworden, die große Wohnung in Schuss zu halten, zu kochen und den Einkauf in den zweiten Stock zu schleppen, ohne Lift. Zum Schluss hat Karl alles alleine machen müssen. Henriette ist meistens vor dem Fernseher gesessen, oft schlafend. Den letzten Anstoß hat ihnen dann ihr Sohn gegeben. Ihm haben sie die Wohnung schon Jahre davor überschrieben gehabt, allerdings mit einem Wohnrecht bis zum Tode. Alfons hat aber immer mehr gedrängt. „Papa“, hat er gesagt, „euch geht es doch viel besser, wenn ihr in ein schönes Pensionistenheim zieht. Da wird für euch gekocht und geputzt. In einigen Heimen gibt es sogar kleine Wohnungen für Paare. Schau, wir sind bald zu dritt. Dafür ist meine jetzige Wohnung definitiv zu klein.“
Henriette war sofort dafür. Der Alfons war immer ihr Schatzi. Karl hat schließlich nachgegeben. Auch wenn es schmerzte, vom dritten Bezirk nach „Transdanubien“ zu ziehen. So hat Karl die Bezirke auf der anderen Seite der Donau immer bezeichnet. Zugegeben, das Pensionistenheim ist komfortabel und das Personal ist ausgesprochen freundlich, wenn man von den wenigen Mieselsüchtigen absieht. Es gibt auch einen Innenhof und einen Garten. Die Umgebung ist aber grottenhässlich, findet Karl. Hochhäuser aus den siebziger und achtziger Jahren. Teilweise grau und abgewohnt, die jüngeren Bauten bunt, als könnten sie so Fröhlichkeit ausstrahlen.
Die U-Bahn-Station verfügt über keine Rolltreppe. Der Lift ist daher stark frequentiert und wird auch von Kindern und Jugendlichen benutzt. Die drängen sich rücksichtslos vor und schlüpfen an Karl und Henriette vorbei in den Aufzug.
„Halt mal. Macht doch für zwei alte Leute Platz.“
Karl schiebt seine Frau in den Lift. Die junge Horde muss zusammenrücken.
„Kannst nicht warten, Alter. Hast eh Zeit genug.“
„Der Lift ist nicht für euch. In eurem Alter bin ich Stiegen auf und ab gelaufen.“
„Da hat’s ja noch gar keine Aufzüge gegeben.“ Das Gelächter macht Henriette Angst. Sie verzieht ihr Gesicht, als wolle sie gleich zu weinen beginnen.
Unten angekommen drängen die Jungen wieder am Rollator vorbei. Henriette bleibt stehen, sodass Karl sie aus dem Lift ziehen muss.
Karl ist erleichtert, dass in der U-Bahn viel Platz ist. Er geleitet seine Frau zu einer Kombination aus zwei und einem gegenüberliegenden Sitz. Das ist ideal für sie. Den Rollator kann er neben dem Einzelsitz postieren, ohne dadurch vorbeigehende Passagiere zu behindern. Er selbst setzt sich gegenüber und stellt seinen schweren Rucksack auf den Sitz neben sich ab.
„So jetzt geht’s zu unserem Park.“
„Das ist die falsche U-Bahn.“
„Warum?“
„In unserer U-Bahn sind gepolsterte, graue Sitze.“
„Ach so. Du sprichst von den alten Garnituren. Auf der U1 fahren aber auch Neue.“
„Ich bin immer nur auf einem gepolsterten Sitz gesessen.“
„Aber nein, Henriette. Vielleicht hast Du’s vergessen.“
Auch Karl mag die neuen U-Bahn-Züge nicht besonders. Die Plastiksitze sind rot und hart. Die Haltestangen sorgen mit ihrem sattem Gelb für eine knallige Buntheit, die eher zu einem Kinderspielplatz passen würde. Aber was soll’s. Sie brauchen ja nicht einmal zehn Minuten bis zur Station „Alte Donau“.
Die Strecke wechselt mehrmals von unterirdisch zu einem oberirdischen Teil, der auf Betonstelzen geführt wird. Karl schaut zum Fenster hinaus. Beim Überqueren der Alten Donau erwachen in ihm Erinnerungen an Segelbootausflüge mit seinem Sohn. Später hat Alfons genau hier den Segelschein gemacht. Er ist dann nur noch mit seinen Freunden zum Segeln gegangen.
„Wir sind gleich da, Henriette.“
Er hilft ihr auf und stellt den Rollator vor sie.
„Jetzt müssen wir nur mehr eine Station mit dem Bus fahren.“
Der Bus lässt lange auf sich warten. Karl wäre die kurze Strecke auch zu Fuß gegangen, aber er befürchtet, dass Henriette dann schon am Eingang des Parks zu müde sein wird und sich weigert, auch nur einen Schritt weiterzugehen.
Früher, als sie noch in der Radetzkystraße gewohnt haben, sind sie mit dem Auto zum Park oder auch zur alten Donau gefahren. Karl sehnt sich nach dem hellbraunen Volvo, in dem er sich so sicher wie in einem Panzer gefühlt hat.

„Schau, der Donauturm.“ Henriette ist plötzlich stehen geblieben und zeigt mit zittriger Hand auf den Turm, der sich aus der grünen Parklandschaft erhebt.
„Ja, Henriette. Wie oft sind wir mit den Kindern im Restaurant ganz oben gesessen. Du weißt schon, das dreht sich um die eigene Achse.“
„Ja, wie ein Ringelspiel.“
„Ein Langsames halt.“
Kaum sind sie im Park, nimmt Henriette Tempo auf. Sie erinnert sich an unseren alten Platz, denkt Karl. Zielstrebig schiebt sie den Rollator in Richtung des großen, von hohem Schilf umgebenen Teichs. Am anderen Ende des Teichs lichtet sich das Schilf. Ein paar Meter auf die gegenüberliegende Seite noch, dann sind sie bei ihrem Platz.
Henriette zeigt auf den, nicht mehr als einen Meter aus dem Teich sprudelnden Wasserstrahl: „Spingblumen“.
Karl lacht: „Ja genau. So hat Erika dazu gesagt, kurz nachdem sie zu Reden begonnen hat.“
„Spingblumen“, wiederholt Henriette.
Und gleich darauf: „Wo ist Erika?“
„Aber, das weißt du doch. Sie ist in Hamburg verheiratet.“
„Warum ist sie nicht da? Ich habe ja heute Geburtstag.“
„Es ist zu weit, Henriette. Sie wird heute sicher noch anrufen. Sie muss während des Tages arbeiten.“
„Und wo ist Alfons, mein kleiner Liebling?“
„Der muss auch arbeiten. Aber vielleicht kommt er am Abend vorbei, um dir zu gratulieren.“
Karl glaubt aber nicht, dass er kommen wird. Alfons Frau achtet sehr auf ihren Freiraum und hängt Alfons am Abend die Kinder um. Warum lässt er sich das gefallen? Wenn Karl versucht hat, mit Alfons darüber zu reden, ist dieser unwirsch geworden: „Das geht dich nichts an. Die alten Zeiten sind vorbei. Hast schon mal von Emanzipation gehört?“
Ja, die Emanzipation. Wie einfach und klar es mit Henriette gewesen ist. Wenn sie Zeit hatte oder die Kinder geschlafen haben, ist sie hinunter in das kleine Lebensmittelgeschäft gekommen, um ihm zur Hand zu gehen. Es ist schon praktisch gewesen, dass die Wohnung nur zwei Stockwerke darüber lag. Viele Jahre haben sie auf das erste Kind warten müssen und schon jede Hoffnung verloren gehabt. Sie haben sogar über eine Adoption nachgedacht. Erst mit vierzig Jahren ist Henriette schwanger geworden. Was ist das für eine Freude und Aufregung gewesen.

Karl holt eine dunkelblaue Decke aus dem Rucksack und hilft Henriette, sich darauf niederzulassen. Hoffentlich bringe ich sie wieder hoch, kommt ihm in den Sinn.
„Schau Henriette, ich habe auch ein Fläschchen Sekt mit und zwei Gläser. Jetzt stoßen wir auf deinen Geburtstag an und essen die Zimtschnecken dazu.“
Henriette nickt und lächelt ihn an.
„Das ist schön, wenn du lachst. Alles Gute zum Achtzigsten, mein lieber Schatz.“
Henriette sagt „Prosit“ und leert das Glas in einem Zug.
„Nicht so schnell. Du wirst sonst noch betrunken.“
„Mehr“, sagt Henriette und hält ihm das Glas mit ausgestrecktem Arm hin.
„Na gut. Heute ist ja ein besonderer Tag. Aber lass dir jetzt bitte Zeit.“
Er gibt ihr die Zimtschnecke und sieht ihr dabei zu, wie sie diese hastig hinunterschlingt. Sie reißt mit dem Mund große Stücke ab und lässt diese mit ausladenden Kaubewegungen verschwinden. Die Decke und ihr Kleid sind schnell voller Brösel und ihr Mund ist rundum verschmiert.
Karl nimmt ein Taschentuch, spuckt darauf und säubert ihr Gesicht. Die Brösel sammelt er auf, so gut es geht. Er steht auf und geht zum Teich.
„Schau nur. Gleich werden die Enten kommen.“
Er wirft kleine Stücke in den Teich und schon eilen zwei Enten und ein Haubentaucher heran.
Henriette ist begeistert: „Ich will auch.“
„Schau einfach zu, mein Schatz. Sonst musst du ja wieder aufstehen.“
Er wirft schnell die restlichen Brösel ins Wasser und geht zu ihr zurück. Henriette hat auch das zweite Glas ausgetrunken. Sie rülpst und laute Furze entweichen ihren Gedärmen. Karl ist das schon gewöhnt. Vor gut einem Jahr ist Henriette völlig ungeniert geworden.
„Magst du dich nicht ein wenig ausruhen?“
„Ja, aber ich habe Bauchweh.“
„Musst du groß?“
Henriette braucht nicht zu antworten. Trotz Windel dringt der Geruch von frischem Stuhl in Karls Nase.
Gut, dass ich eine frische Windel und Reinigungstücher mitgenommen habe, denkt Karl. Bevor er sie wickelt, will er aber noch ein wenig warten. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Henriette die frische Windel häufig gleich wieder einkotet.
Henriette ist auch schon eingeschlafen. Ihr leises Röcheln und Schnarchen beweist das. Karl seufzt vor Erleichterung. Er steht auf und geht auf die gegenüberliegende Seite des Teichs. Es finden sich immer wieder Lücken im drei Meter hohen Schilf, die den Blick auf seine schlafende Frau freigeben. Im Moment ist seine größte Sorge, dass sie zu viel Sonne abbekommen könnte. Die steht in der Zwischenzeit recht hoch, und keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Wir müssen bald den Platz wechseln, denkt er. Aber jetzt braucht er ein wenig Zeit für sich. Er beobachtet aufmerksam das Wasser. Es ist trüb. Trotzdem sind einige Fische zu sehen. Haubentaucher schlüpfen ins Schilf zurück und sogar eine Mandarinente zeigt sich. Karl atmet tief ein und aus. Wie schön die Welt doch sein kann. Er muss an Erika denken, die in einem unbeobachteten Moment ins Wasser gefallen ist, mit drei Jahren. Karl kann sich gut an die Vorwürfe von Henriette erinnern. Er hätte doch schauen müssen. Sie hatte doch genau in diesem Moment mit Alfons Verstecken gespielt. Aber es ist ja nichts passiert. Er hatte das Planschgeräusch gehört, noch bevor Erika schreien konnte. Lachend hat er sie mit einer Hand aus dem Wasser gefischt. Nass ist sie gewesen, mehr nicht.
Er schaut wieder zu Henriette hinüber, sieht aber nur die leere Decke und den Rollator daneben.
„Henriette!“, ruft er. Sie kann doch nicht verschwunden sein und schon gar nicht ohne Rollator. Wie ist sie aufgestanden, ohne Hilfe? Karl läuft zurück und stolpert über eine Wurzel. Er kann sich aber mit den Händen abfangen. Etwas langsamer werdend ist er schließlich bei der Decke. Er blickt sich um. Henriette ist nicht zu sehen.
„Wie ist das möglich?“, spricht Karl laut zu sich.
Er ruft noch einige Male nach ihr. Keine Antwort, kein Lebenszeichen. Nur einige weit entfernte Spaziergänger blicken ohne stehenzubleiben zu ihm. Sie fragen sich wohl, warum er in der schönen Parklandschaft herumschreit. Sein Herz rast und sein Kopf dröhnt. „Nur nicht panisch werden. Ruhig bleiben, Karl“, sagt er zu sich. Er betrachtet seine schmutzigen Hände und nimmt ein Feuchttuch aus dem Rucksack. „Mit sauberen Händen denkt es sich leichter.“ Und im nächsten Augenblick: „So ein Blödsinn. Ich muss sofort zu suchen beginnen.“
Karl dreht sich langsam einmal im Kreis. Wohin kann Henriette gegangen sein? Sicher nicht in die Richtung des Weges, auf dem immer wieder Spaziergänger zu sehen sind. Es gibt keine Nischen oder Bäume bis zum Weg, also keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Bis zum Weg kann es Henriette nicht geschafft haben. Ganz sicher ist er sich aber nicht, denn alleine die Tatsache, dass sie ohne Hilfe aufgestanden und ohne Rollator aus seinem Blickfeld verschwunden ist, kann er nicht begreifen.
Karl wendet sich in die andere Richtung. Er geht langsam über die Wiese, auf der einige Büsche stehen und, etwas weiter entfernt, einzelne Bäume zu sehen sind. Er ruft wieder nach seiner Frau. Es ist aber nichts von ihr zu hören. Nur das Vogelgezwitscher macht eine kurze Pause, um gleich darauf so lebhaft wie zuvor zu ertönen. Sie kann doch nicht entführt worden sein, sie ist ja nicht einmal gewickelt. Karl schüttelt den Kopf. „Träume ich nur?“
Für einen Moment stellt er sich sein zukünftiges Leben ohne Henriette vor. Er würde im Heim in ein Einzelzimmer umziehen und viele Ausflüge machen. Auch eine Reise nach Hamburg wäre dann möglich. Er hat Erika schon seit 3 Jahren nicht mehr gesehen.
Karl blickt hinter einige Sträucher. Sie sind aber ohnehin zu wenig ausladend, um Henriette vollständig zu verbergen. Er dreht sich noch einmal im Kreis. Wohin kann sie nur gegangen sein? Karl wendet sich nach rechts, zu einem dichter bewachsenen Teil des Parks. Er hat sicher schon mehr als hundert Meter zurückgelegt. Das ist viel zu weit für Henriette! Ist sie vielleicht ins Wasser gefallen? Da hat er gar nicht mehr hingeschaut. Sie könnte auch hineingerollt sein, denn die Wiese fällt zum Ufer hin etwas ab. Kurz überlegt er, wieder zum Teich zurück zu gehen. Die Stimmen, die plötzlich von der dichten Baumgruppe zu hören sind, machen ihm aber Hoffnung, dort auch Henriette zu finden. Beim Näherkommen hört er Satzfetzen wie „die Rettung rufen“ und „wie heißen sie denn?“. Beim Betreten der kleinen Lichtung entdeckt er Henriette auf einer Bank, mehr liegend als sitzend. Zu beiden Seiten reden jeweils zwei, auch schon ältere Personen, auf sie ein. Sie halten einen guten Meter Abstand, vermutlich ist der Geruch schon unerträglich.
„Ich bin schon da. Ich bin schon da“, bringt Karl keuchend hervor. Er spürt sein durchgeschwitztes Hemd auf seiner Haut kleben und den perlenden Schweiß auf seiner Stirn.
„Das ist doch unverantwortlich.“, schreit ihm eine grauhaarige Dame entgegen. Wie zur Verstärkung fuchtelt sie mit dem Stock in Karls Richtung.
„Wie können sie diese verwirrte Person nur alleine lassen?“
„Schon gut, schon gut. Ich habe sie einen Augenblick aus den Augen verloren.“
„Sie hat sich auch in die Hose gemacht. Und zwar groß. Das stinkt entsetzlich. Eine Zumutung ist das.“
„Ich kümmere mich um sie. Danke für ihre Hilfe“, versucht Karl freundlich zu bleiben. Die sollen endlich gehen. Nur Stänkern und Meckern. Mehr ist von denen nicht zu erwarten.
Die Gruppe, drei Frauen und ein Mann, zieht sich aber nur ein, zwei Meter weiter zurück.
„Danke für die Hilfe. Ich brauche sie jetzt nicht mehr.“
„Und, was machen sie jetzt mit ihr? Wir sollten doch die Rettung rufen“, mischt sich nun der wie ein alter Gockel gekleidete Mann ein.
Karl versucht ihn zu ignorieren und beugt sich zu seiner Frau hinab.
„Henriette, du machst ja Sachen. Wie bist du hierher gekommen?“
„Ich habe Durst und der Hintern brennt so.“
„Machen wir gleich, mein Schatz. Ich muss nur die Sachen vom Teich holen.“
Er wendet sich an die Frau, die noch am freundlichsten aussieht: „Können Sie bitte noch eine Minute hier warten. Ich muss nur den Rucksack und den Rollator von unserm Platz holen.“
„Aber nur eine Minute. Keine Sekunde länger. Wie kommen wir dazu, uns diesem Gestank noch länger auszusetzen.“ So ein Unsympathler, denkt Karl. Aber er bedankt sich gleich beim Gockel, der in einer grünen Cordhose steckt und eine blitzblaue Jacke dazu trägt. Der will doch nur jünger aussehen, als er ist.
„Bin gleich wieder da.“ Karl geht mit schnellen Schritten zurück. Er wählt die Direttissima zu ihrem Platz beim Teich, packt schnell die Decke und die herumliegenden Gläser in den Rucksack. Den Rollator vor sich herschiebend eilt er wieder zur Bank, vor der der Mann mit verschränkten Armen wartet.
„Danke fürs Warten“, ruft er ihm entgegen.
„Das nächste Mal passen’s besser auf sie auf.“
Die Vier drehen sich um und gehen in die andere Richtung davon. Der alte Gockel schüttelt den Kopf und spricht gestikulierend auf die drei Damen ein. Gott sei Dank ist der weg. Was fällt dem eigentlich ein, sich so aufzuspielen? Karl spürt seine Wut. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn der alte Depp noch weitergeredet hätte.
Karl packt eine der beiden Wasserflaschen aus dem Rucksack. Er richtet seine Frau auf und gibt ihr zu trinken.
„Langsam, mein Schatz. Es rinnt ja alles daneben.“
Henriette setzt die Flasche ab.
„Wo bist du gewesen. Ich hab‘ solchen Durst gehabt.“
„Jetzt bin ich ja da.“
„Ich hab‘ dich gesucht. Es war sehr anstrengend. Ich kann jetzt keinen Schritt mehr gehen.“
„Wir bleiben hier und ruhen uns aus. Hier gibt es auch genug Schatten. Was hältst du davon?“
„Ja, aber geh bitte nicht mehr weg.“
Karl breitet die Decke neben der Bank aus. Er legt ein Handtuch darüber und hilft Henriette, sich darauf zu legen. Die mitgenommene Windel und die Feuchttücher legt er an den rechten Rand der Decke, um sie dann schnell zur Hand zu haben. Vorsichtig zieht er seiner Frau die Strumpfhose und die Unterhose bis zu den Knien hinunter. Das Kleid hat er schon davor nach oben gerafft. Es ist schlimmer, als er befürchtet hat. Der Kot ist bereits aus der Windel gequollen und hat die Unterhose verschmiert. Die Strumpfhose ist feucht, hat aber nur kleine, braune Flecken davongetragen.
Karl spürt einen leichten Brechreiz aufsteigen und dreht das Gesicht weg, um sich nicht direkt dem in die Nase steigenden Fäkalgeruch auszusetzen. Als er aber die Windel öffnet, muss er sich weiter zu Henriettes Unterleib beugen und genau hinsehen, da er seine Hände möglichst nicht schmutzig machen will. Es ist eine riesige Menge an Kot. Karl ist ratlos, wie er die Windel entfernen und zusammenpacken soll, ohne sich selbst und die Kleidung von Henriette zu beschmutzen.
„Bitte heb deinen Hintern vorsichtig an, mein Schatz.“
„Geht nicht“, sagt sie.
„Du musst dich bemühen. Ich bring‘ sonst die Windel nicht hervor.“
Henriette stöhnt und presst ihre Muskeln zusammen. Mit Hilfe von Karls stützender Hand gelingt es schließlich, die schmutzige Windel zu entfernen. Es ekelt Karl, seine Finger zeigen deutliche Spuren der Exkremente. Er reinigt die Finger notdürftig und versucht dann, Henriette von den Kotresten zu säubern.
„Ich muss dir die Schuhe und die Strumpfhose ausziehen. Sonst kann ich die schmutzige Unterhose nicht entfernen.“
„Nein“, protestiert Henriette. „Dann bin ich ja ganz nackt.“
„Nur kurz, mein Schatz. Es ist niemand da. Wenn du mithilfst, geht das ganz schnell.“
Karls Schweiß tropft auf Henriette und die Decke. Das Anlegen der neuen Windel wird zu einer weiteren Tortur. Er zieht die Strumpfhose darüber und schüttet etwas Wasser auf seine Hände, denn er hat alle Feuchttücher verbraucht.
„Ich habe Durst. Vergeude das Wasser nicht.“
Karl schluckt hinunter. Jetzt würde er gerne wegrennen.
„Wir haben noch eine Flasche, mein Schatz.“
Er selbst hat auch großen Durst. Beim Gasthaus Schober, in das er Henriette zum Geburtstagsessen einladen will, wird er sich ein großes Bier genehmigen.
Er zieht sein Hemd aus und hängt es zum Trocknen über die Bank. Mit einem zweiten Handtuch rubbelt er seinen Oberkörper trocken. Henriette ist wieder eingeschlafen. Karl empfindet ihr Röcheln und Schnarchen als beruhigendes Geräusch.
„Ich bin fix und fertig“, sagt er halblaut zu sich. Er riecht an seinen Händen. Die stinken noch immer, glaubt er.
Er pflückt Blätter von den umliegenden Sträuchern und reibt seine Hände darin. Das restliche Wasser will er für seine Frau aufheben. Der Geruch nach Kot ist aber immer noch da. „Vielleicht bilde ich es mir nur ein“, versucht er sich selbst zu beruhigen.
Es ist eine Stunde des Friedens, die Karl erlebt. Henriettes Geräusche hat er ausgeblendet, er lauscht den zwitschernden Vögeln und beobachtet sie beim Fliegen oder beim Trällern in den Bäumen.

Henriette hebt ihren Kopf: „Ich habe Durst, Karl.“
„Ja, ja. Da kommt schon die rettende Flasche.“
Wie bei einem Kind verwendet er die Flasche als Flugzeug, das kurz vor Henriettes Mund landet.
„Jetzt gehen wir ins Gasthaus Schober, mein Schatz. Dort gibt’s ein Geburtstagsessen für dich.“
„Ich kann nicht mehr gehen. Mir tut alles weh.“
„Es ist nicht weit. Wir müssen nur zum anderen Eingang. Gleich daneben ist der Schober. Erinnerst du dich?“

Karl ist erneut schweißüberströmt, als sie endlich beim Gasthaus ankommen. Im Garten sind nur Plätze in der Sonne frei. Also versucht Karl seine Frau in den Gastraum zu schieben. Die zwei Stufen hinauf schafft er nicht mehr. Zum Glück kommt der junge Schober hinzu und nimmt Henriette unter dem Arm.
„Das freut mich aber, dass ihr wieder einmal vorbeischaut.“
Karl kennt den jungen Schober, als er noch in Windeln durch das Gasthaus gekrabbelt ist. Seine Mutter hat ihn dann eingefangen und mit ihm geschimpft, weil er sich schon wieder dreckig gemacht hat. Früher sind sie Stammgäste gewesen. Alfons hat immer ein Wiener Schnitzel gegessen und danach ein großes gemischtes Eis. Beim Warten auf das Essen hat er gejammert und mit dem Besteck auf den Tisch geklopft. Henriette hat ihm dann auf den Schoß genommen und gehoppelt, sogar noch mit zehn Jahren. Erika hat schon als Kind wenig Appetit gehabt. Sie hat lustlos in den Nudeln mit Sugo herumgestochert und darauf bestanden, nur mit der Gabel zu essen und den Löffel, mit dem es wesentlich einfacher gewesen wäre, verächtlich weggeschoben. Sie ist immer noch dürr, denkt Karl. Auch er ist schlank geblieben, bis auf ein kleines Bäuchlein, das sich unter dem Hemd ein wenig abhebt. Henriette hat sich dagegen in den letzten Jahren durch gieriges und maßloses Essen zu einer dicken und unförmigen Gestalt entwickelt.

„Meine Frau hat heute Geburtstag“, sagt er feierlich zum jungen Schober.
„Gratuliere. Wie alt werden Sie denn?“, spricht der zu Henriette gewandt.
„Achtzig Jahre.“ Henriette unterstreicht das noch mit acht ausgestreckten Fingern.
„Das ist ja ein Runder. Ein Jubiläum.“
„Ja, deshalb sind wir hier. Meine Frau freut sich schon auf das Geburtstagsessen.
Henriette nickt heftig dazu: „Ich hab‘ so großen Hunger.“ Dabei breitet sie ihre Arme weit aus.
„Ich bring‘ gleich die Speisekarte. Oder wisst ihr schon, was ihr wollt?“
„Backhendl mit Bratkartoffeln und Krautsalat“, schießt es aus Henriette heraus.
Karl legt seine Hand auf die ihre. Er glaubt, sie beruhigen zu müssen.
„Für mich einen Schweinsbraten mit Knödel, bitte. Und zum Trinken ein großes Bier.“
„Wird gemacht. Und was will Ihre Frau trinken?“
„Bringen Sie ihr bitte ein Achterl vom Blauen Portugieser. Das ist immer ihr Lieblingswein bei Ihnen gewesen.“

Der junge Schober balanciert ein Tablett mit Sektgläsern darauf zu ihrem Tisch.
„Zum Geburtstag aufs Haus“, sagt er. Er hat ein drittes Glas dabei, mit dem auch er auf den Runden anstoßen will.
Karl zögert. Das wird zu viel für Henriette. Jetzt der Sekt und dann noch der Portugieser. Der junge Schober hat das Glas aber schon erhoben und stimmt ein „Happy Birthday“ an. Karl brummt mit und achtet darauf, dass Henriette den Sekt nicht „ex“ trinkt. Er versucht ihr, das Glas aus der Hand zu nehmen. Die Hälfte hat sie schon hinuntergespült.
„Lass mich. Das ist mein Glas.“
Sie schaut Karl trotzig an und hält das Glas mit beiden Händen fest. Der junge Schober reagiert gelassen: „Lassen Sie sich ein wenig Zeit und genießen Sie. So jung komm‘ ma nimmer z‘sam.“
Er drückt Henriette einen Kuss auf die Stirn und zwinkert Karl zu. Beim Bier muss sich Karl selbst zurückhalten, es nicht in einem oder zwei Zügen zu leeren. Das Rülpsen von Henriette vertreibt aber seine Gier schnell wieder.
„Wir sind da nicht alleine, mein Schatz. Geht’s nicht etwas leiser? Was soll sich der Wirt denken?“
„Ich kann nix dagegen machen. Der Sekt stößt so auf.“
Sie nimmt einen Schluck vom Rotwein.
„Heb dir den Wein für das Essen auf, mein Schatz. Es wird ein wenig dauern. Das Backhendl wird ja frisch gemacht.“
„Ich hab‘ aber so großen Hunger.“
„Willst vielleicht eine Suppe davor?“
Henriette nickt und streicht sich mit der Hand über den Bauch.

Nach dem Hauptgang, den Henriette schnell und gierig wie immer hinuntergeschlungen hat, natürlich nicht, ohne Spuren zu hinterlassen, bietet der junge Schober noch eine Sachertorte und Kaffee an.
„Ich glaube, wir können nicht mehr.“ Karl schaut dabei Henriette mit strengem Gesicht an.
„Ich kann schon noch. Aber mit Schlag. Und noch einen Rotwein.“
„Den Wein lassen wir lieber weg. Schau, trink vom Wasser, das am Tisch steht.“
Karl wundert sich, dass seine Frau sich ohne Widerrede fügt. Vielleicht ist es die Aussicht auf die Sachertorte, die sie zufrieden macht.
Henriette schafft die Sachertorte dann doch nicht. Sie isst die Hälfte und schiebt den Teller weg: „Mir ist so schlecht. Und ich hab‘ Bauchweh.“
Wie zum Beweis lässt sie einen stinkenden Furz.
„Musst du aufs WC? Hier können wir gehen. Sonst musst noch ein wenig warten, bis wir wieder im Heim sind.“
„Ist schon passiert“. Sie schaut Karl betrübt an. „Ich kann nichts dafür.“
Oh Gott, denkt Karl. Man riecht es sogar schon.
„Zahlen, bitte“, ruft er dem jungen Schober zu.
Der kommt lächelnd an den Tisch. Als er den Gestank in die Nase bekommt, gefriert ihm dieses aber, und er geht einen Schritt zurück. „Das geht heute alles aufs Haus. Zum runden Geburtstag.“
„Ich kann das nicht annehmen, Herr Schober.“ Karl hat die Brieftasche schon gezückt.
„Sie können ruhig Franz zu mir sagen. Schließlich haben Sie mich ja schon gekannt, als ich noch Windeln getragen habe.“
„Leider kommt das im Alter wieder.“ Karl deutet mit dem Kopf zu seiner Frau.
„Mir tut das so leid für Sie. Soll ich ein Taxi rufen? Geht natürlich auch aufs Haus.“
Karl verneint, aber Henriette ruft schon: „Taxi, Taxi. Ja mit dem Taxi. Mir ist so schlecht.“
Sie warten vor dem Gasthaus. Der junge Schober steht bei ihnen. Karl kommen die Tränen, weil er sich vom jungen Schober beschämt fühlt.
„Danke für alles. Das vergesse ich dir nie, Franz.“
In diesem Moment hält das Taxi direkt vor ihnen. Der Fahrer steigt aus und will dabei helfen, Henriette in den Wagen zu bugsieren und den Rollator im Kofferraum zu verstauen.
„Das geht net. Die hat sich ja ang’schissen.“
„Jetzt sind’s doch nicht so. Das sind alte Leute. Und die Frau muss dringend ins Heim zurück.“ Der junge Schober drückt dem Taxifahrer fünfzig Euro in die Hand.
„Da ist noch ein kräftiges Trinkgeld für Sie dabei.“
Der Taxifahrer nimmt das Geld nicht an.
„Ich muss dann Hochzeitsgäste abholen. Was glauben’s werden die sagen, wenn mein Wagen wie ein Häusl stinkt.“
Er steigt ein und fährt davon.
„So ein Arschloch“, entfährt es dem jungen Schober.
„Rufen wir halt ein anderes.“
„Danke. Wir fahren lieber mit dem Bus. Die Station ist eh gleich da drüben.“

Karl schiebt seine widerwillig schlurfende Frau zur Busstation. Wie weit fünfzig Meter sein können. Zum Glück kommt der Bus bereits nach einer Minute. Sie steigen hinten ein. Die wenigen Fahrgäste dort flüchten nach vorne, ihr Geschimpfe ist gut zu hören. Karl ist schon alles egal. Er muss Henriette zurück ins Heim bringen. Alles andere zählt nicht mehr.

Beim Lift zur U-Bahn gibt es die nächsten Proteste. Die Wartenden lassen aber Karl und Henriette alleine nach oben fahren. Diesem Gestank wollen sie sich nicht aussetzen.
Henriette jammert über Übelkeit. Sie müsse gleich erbrechen, stöhnt sie.
„Wir sind bald zu Hause. Nur noch zehn Minuten.“
Er hält mit einer Hand den Rollator und schiebt Henriette mit seinem Körper zu einer Stelle, wo nur wenige Leute warten.
Endlich, die U-Bahn fährt ein. Die meisten Wartenden drängen sich vor und Karl hat große Mühe, seine Frau rechtzeitig in die U-Bahn zu schieben. Er wird hektisch, als das „Steigen Sie nicht mehr ein“ und das dazugehörige Signal zu hören sind. Vielleicht drückt er etwas zu stark. Henriette stürzt nach vorne, der Rollator rutscht Karl aus der Hand und schießt ins Wageninnere. Henriette landet mit einem lauten Plumps-Geräusch auf dem Bauch. Der Zug fährt ab.
„Ist was passiert, mein Schatz. Komm, ich helfe dir beim Aufstehen.“
Henriettes Gesicht ist weiß, alles Blut scheint daraus gewichen zu sein. Sie röchelt und Erbrochenes rinnt aus ihrem Mund. Karl versucht sie zur Seite zu drehen. Er kann sich noch erinnern, wie eine stabile Seitenlage geht. Ihm fehlen aber die Kräfte dafür, seine voluminöse Frau zu drehen. Er müsste sie dazu auch verschieben, da die zentrale Haltestange beim Einstiegsbereich im Weg ist.
„Helfen Sie mir doch bitte!“
Niemand reagiert, die in der Nähe stehenden oder sitzenden Menschen schauen weg. Sie halten in der nächsten Station. Die Fahrgäste vermeiden es, in die Nähe von Henriette zu kommen und steigen bei der anderen Tür des Waggons aus.
„Bitte um Hilfe!“ Karl schreit nun, so laut er kann.
Ein junger Mann kommt auf ihn zu. Karl sieht ihn flehend an und sagt: „Wir müssen sie in eine stabile Seitenlage bringen.“
Sie schieben gemeinsam Henriette von der Haltestange weg und drehen sie dann zur Seite. Der junge Mann bringt Arme und Beine von Henriette in die richtige Position.
„Ich bin Arzt, hab aber nichts dabei. Wir müssen in der nächsten Station den Notarzt rufen.“ Er öffnet den Mund von Henriette und ein großer Schwall Erbrochenes landet auf seiner Hose und den Schuhen.
„Das tut mir leid. Ich bezahle natürlich die Putzerei.“
„Ist schon gut. Länger hatte man nicht mehr warten dürfen, sonst wäre ihre Frau erstickt.“
Man hört Henriette jetzt röchelnd atmen. Der Arzt misst ihren Puls.
Sie fahren in die Station „Kagran“ ein. Der Arzt zieht die Notbremse und betätigt die Sprechverbindung. Schon davor hat er mit seinem Handy die Rettung gerufen.
Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis die zwei rot gekleideten Rettungskräfte und der Notarzt kommen. Die meisten Fahrgäste sind ausgestiegen und haben eine Traube um die offene U-Bahn-Tür gebildet. Nur wenige machen ihrem Ärger Luft, wegen des erzwungenen Stopps zu spät zu kommen. Karl hat sich auf den Boden gesetzt und zittert am ganzen Körper. Tränen rinnen ihm herunter. Das Schluchzen unterdrückt er, so gut es geht.
Dann geht alles ganz schnell. Der Notarzt setzt Henriette eine Injektion. Zur Beruhigung, sagt er. Die beiden Rettungsmänner brauchen ihre ganze Kraft, um Henriette auf die fahrbare Bahre zu hieven.
„Sollen wir einen Rollstuhl für Sie holen“, fragt einer von ihnen Karl.
„Geht schon wieder.“ Karl hat sich erhoben, putzt seine Hose ab und geht neben seiner Frau her.
„Ihr Rucksack“, ruft der Arzt von hinten. Karl dreht sich um. Ja, der Rucksack. Denn hätte er jetzt glatt vergessen.
Der Arzt ist schon bei ihm und hängt Karl den Rucksack um.
„Kann ich bitte ihren Namen haben, Herr Doktor. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken und die Reinigung bezahlen.“
Der Arzt winkt ab: „Das ist ja meine Pflicht. Leider gibt es immer weniger hilfsbereite Menschen.“
Er drückt Karl beide Hände: „Alles Gute für Ihre Frau und Sie. Beim nächsten Ausflug bitte etwas vorsichtiger sein.“
Karl nickt. Schon wieder kommen ihm die Tränen: „Das war wohl der letzte Ausflug, Herr Doktor.“

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Ralph Ronneberger
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