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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der letzte Fahrgast
Eingestellt am 26. 06. 2005 13:55


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liebermann
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Der letzte Fahrgast (Release 3.0)

DER LETZTE FAHRGAST [Release 3.0]

Max der Busfahrer liebte die Gleichförmigkeit. Jeden Tag fuhr er in seinem roten Bus die gleiche Route. Seit nun fast zweiundzwanzig Jahren. Immer wenn er sie wechseln sollte, machte er einen solchen Terz, dass es kein Vorgesetzter wagte, ihn auf eine andere Strecke zu versetzen. Seine Chefs wechselten, auch die Kollegen, aber Max konnte auf seiner Route bleiben. Auch sonst liebte Max die Abwechslung nicht. In seiner Freizeit besuchte er immer die gleiche Dorfkneipe, bestellte das Gleiche zu essen und zu trinken und redete mit seinen Bekannten ĂŒber die immer gleichen Themen. Wenn sie ihn nicht gerade wieder einmal hĂ€nselten - wegen seiner Stirnglatze, seinem Bauch und weil er mit fast fĂŒnfzig noch immer bei seiner Mutter wohnte und keine Freundin hatte. An die SpĂ€ĂŸe hatte er sich schon gewöhnt, waren sie doch kaum abwechslungsreicher als seine Arbeit.

Max hasste VerĂ€nderungen. FrĂŒher zog seine Familie alle drei Jahre um, da sein Vater als Offizier bei der Bundeswehr gedient hatte und die Versetzungen immer mit Beförderungen verbunden waren. FĂŒr Max war das der blanke Horror gewesen. Neue Schulen mit neuen Lehrern, neue MitschĂŒler, eine neue Umgebung, alles war ihm damals fremd Da er schon als Kind klein, dick und unsicher war, hĂ€nselten und verprĂŒgelten ihn seine Klassenkameraden regelmĂ€ĂŸig. Kaum hatte er neue Freunde gefunden, und das kam selten genug vor, musste er schon wieder umziehen. Daher hielt sich auch seine Trauer sehr in Grenzen, als sein autoritĂ€rer Vater, mit dem er sich eh nicht gut verstand, bei einem Autounfall ums Leben kam. Max dachte damals nur: endlich hat die Umzieherei ein Ende. Zwar fand er noch immer keine wirklichen Freunde, aber er kannte sein Umfeld, wusste, wer die netten, gleichgĂŒltigen oder bösartigen Menschen waren. Entsprechend konnte er sich zu verhalten. Mit den netten und gleichgĂŒltigen redete er, den bösartigen ging er aus dem Weg. Monotonie bedeutete Kontrolle. Solange die Dinge ihren gewohnten Lauf nahmen, hatte er jede Situation im Griff.

Deshalb liebte er seinen Job als Busfahrer. Hier hatte er alles unter Kontrolle. Wenn er mit seiner frisch gebĂŒgelten dunkelblauen Fahreruniform hinter dem Lenkrad saß, waren alle freundlich zu ihm und zeigten Respekt. Sein Hemd hatte nie Falten oder Flecken, die Hose zierte eine ordentliche BĂŒgelfalte, die seine Mutter jeden Abend auffrischte. Im Bus hatte er das Sagen, niemand durfte ihn verspotten oder Ă€rgern. Er war der Fahrer der Route zwölf. Nicht, dass diese Route etwas Besonderes gewesen wĂ€re, aber es war seine Route. Er kam immer pĂŒnktlich zum Dienst, fuhr nie zu frĂŒh oder zu spĂ€t an seinen Haltestellen ab - außer wenn es Schnee, UnfĂ€lle oder einen Stau gab. Aber dafĂŒr konnte er nichts. Wie ein Tiger kontrollierte er sein Revier, Eindringlinge hatten keine Chance. Oft sammelte er in seiner Pause die zurĂŒckgebliebenen GetrĂ€nkedosen, gebrauchte PapiertaschentĂŒcher, leere Zigarettenschachtel und den sonstigen MĂŒll ein. Mit Nagellackentferner entfernte er selbst die widerlichsten Schmierereien, denn sein Bus musste immer ordentlich und sauber sein. Jeder Schmutz, jede Zerstörung und jedes unanstĂ€ndige Benehmen trafen ihn persönlich. Wenn Teenies ihren Abfall auf den Boden warfen, Geschrei veranstalteten oder mit dicken Filzstiften SprĂŒche auf die Sitze schrieben, wies Max sie entschlossen zurecht. Wurden sie frech zu ihm, rief er die Polizei, die ihn schon bestens kannte. Angeblich rief kein Fahrer so oft die Polizei wie er. Meist waren die Jugendlichen dann schon ĂŒber alle Berge, aber das machte Max nichts aus, schließlich glaubte er, dass sie alle als potenzielle Arbeitslose, DrogenabhĂ€ngige oder andere Versager enden wĂŒrden.

Seine FahrgĂ€ste kannte Max fast alle. Er wusste wo sie einstiegen und wo sie den Bus wieder verließen. Manche kannte er mit Namen, manche erkannte er an ihren Kleidern und an ihren ewig gleichen Gewohnheiten. Er grĂŒĂŸte sie freundlich, fĂŒhrte ab und zu einen kleinen Smalltalk und Hunde von alten Damen ließ er gelegentlich umsonst mitfahren - obwohl fĂŒr diese der halbe Fahrpreis fĂ€llig gewesen wĂ€re. Max liebte seine Arbeit. So wie ein KapitĂ€n sein Schiff ĂŒber die stĂŒrmische See manövrierte, so stellte sich Max vor, steuerte er seinen Bus durch die wilden Wogen des unberechenbaren Straßenverkehrs, in dem alle möglichen Gefahren lauerten.

Alles war gut. Bis zu jenem Tag, an dem der Andere zum ersten Mal seinen Bus bestieg. Er hatte schwarze Haare, die sich lang und fettig ĂŒber seine Schultern kringelten. Am herausgewachsenen Ansatz konnte man erkennen, dass er sie gefĂ€rbt hatte. Er war klein und schlank und trug immer einen abgewetzten Parka und grobe Schuhe, die er meist nicht zugebunden hatte. SchĂ€tzungsweise hatte er dreißig Jahre auf dem Buckel, hielt immer eine Dose Bier in der Hand und setzte sich stets nach ganz hinten in den Bus. Da er am Bahnhof meist als erster in den leeren Bus einstieg, konnte er sich fast jedes Mal auf die leere RĂŒckbank lĂŒmmeln. Wenn er dort saß, mieden die anderen FahrgĂ€ste diesen Teil des Busses.

Der Auftritt des Anderen glich in seinem immer gleichen Ablauf einem Ritual. Nachdem er seinen Platz besetzt hatte, starrte er in den Innenspiegel des Busses, bis sich sein Blick mit dem von Max kreuzte. Dann grinste er frech, prostete Max frech mit seiner Dose zu, wandte seinen Blick ab und schaute aus dem Fenster. Er tat so, als ob der Bus ihm gehörte, als ob er einen Anspruch auf den Platz auf der RĂŒckbank hĂ€tte. Mit seinem Bundeswehrucksack blockierte er einen Sitzplatz, mit seinen Beinen, die er breit ausstreckte, die restlichen.

Der Andere verhielt sich immer gleich. Eigentlich hĂ€tte Max das mögen mĂŒssen, war er ihm doch dadurch sehr Ă€hnlich.

Vom Bahnhof bis zum Stadtzentrum stiegen fast nur Leute zu. Erst Richtung stadtauswĂ€rts verließen die Ersten wieder den Bus und je weiter es in Richtung Land ging, desto weniger FahrgĂ€ste blieben ĂŒbrig. Die letzten fĂŒnf Stationen fuhr Max seine Tour fast immer alleine. Bis der Andere in Erscheinung getreten war. Er fuhr jedes Mal bis zur Endstation. Das hĂ€tte Max nicht weiter gestört, vermutlich hĂ€tte er es nicht einmal bemerkt, wenn der Andere sich nicht immer gleich auffĂ€llig verhalten hĂ€tte. Sobald beide alleine im Bus waren, ging es los. Der Andere drĂŒckte auf jeder der letzten Stationen die Stopptaste – immer! Die Anzeige „Wagen hĂ€lt“ leuchtete im Wagen und bei Max auf dem Armaturenbrett auf. Und Max hielt an. Aber nie verließ der Andere den Bus. Anfangs war Max noch verunsichert. Stimmte etwas mit dem Bus nicht? Die ÜberprĂŒfung durch die Mechaniker ergab, dass alles in bester Ordnung war.

Die Vorschrift sagte, dass er anhalten musste, wenn keine Störung der Anzeige vorlag. Max begann seinen letzten Fahrgast zu beobachten. In seinem Innenspiegel kontrollierte er, wie der Andere ganz schamlos, ohne jede Spur von Versteckspiel, die Stopptaste drĂŒckte. Also hielt Max an. Der Andere stieg nie aus. Max Ă€rgerte zunehmend. Und je mehr er sich das anmerken ließ, desto mehr schien sich der Andere zu freuen. Fröhlich nippte er an seinem Bier, spielte mit dem Handy oder grinste einfach nur frech. Nicht still fĂŒr sich. Er grinste immer in Richtung Innenspiegel. Er sah, dass Max ihn beobachtete, und schien zu wissen, dass es ihn Ă€rgerte. Das war dem Anderen aber egal. Nein, nicht egal, es bereitete ihm sichtlich eine riesige Freude, wenn er Max vor Wut kochen sah. Kaum, dass die TĂŒr zu war und die Fahrt fortgesetzt wurde, drĂŒckte der Andere wieder auf die Stopptaste. An der Endstation prostete er mit seiner Bierdose Max ĂŒber den Innenspiegel feixend zu, stieg grußlos aus und verschwand im Dunkel der Nacht.

Max ĂŒberlegte sich, ob er den Anderen zur Rede stellen sollte. Aber was sollte er sagen? Beim zweiundsechzigsten Mal war es dann soweit. Wieder befanden sie sich nur noch zu zweit im Bus. Im Innenspiegel hatte er genau beobachtet, wie der Andere lĂ€ssig die Stopptaste drĂŒckte. Max ging nach hinten und sprach ihn an: „Sie haben die Stopptaste gedrĂŒckt!“ Der Andere grinste und sagte einfach: „Nein, da musst du dich tĂ€uschen.“ Fassungslos wusste Max nicht, was er machen sollte. Was wagte dieser Typ nur. Nicht nur dass er ihn duzte wie ein Erwachsener ein kleines Kind, nein er stritt schlichtweg einfach alles ab! Max war so empört, dass er keinen weiteren Satz mehr herausbrachte. Nachdem er einige Sekunden versucht etwas zu sagen, stammelte er nur: „Ich habe aber gesehen, dass sie den Knopf gedrĂŒckt haben.“ Lapidar antwortete der Andere, „Nö, du halluzinierst wohl.“ Zitternd vor Wut und gedemĂŒtigt ging er wieder vor zu seinem Fahrersitz. „Und jetzt schleich dich nach Vorne und fahr weiter“, hörte er den Anderen von hinten rufen. Kaum, dass er losgefahren war, blinkte das Licht „Wagen hĂ€lt“ wieder auf. Er unterdrĂŒckte seine Wut, hielt an der nĂ€chsten Station an, öffnete die TĂŒr, schloss sie wieder und fuhr weiter, wĂ€hrend der Andere wieder grinste, noch eine Spur unverschĂ€mter als sonst. So ging das bis zur Endstation. Dann stieg der Andere aus, prostete ihm zu und lachte frech. Einmal mehr war Max der Verlierer.

Beim einhundertsechzehnten Mal hatte Max eine andere Idee. Da sein letzter Fahrgast immer bis zur Endstation fuhr, ignorierte er einfach das Leuchten des Stoppsignals. Er hielt an der Endstation, der Andere stieg aus, noch immer frech grinsend. Ja, er hatte ein Mittel gegen das dreiste Verhalten gefunden. Das glaubte Max zumindest. Bis er am Abend wieder in den Busbahnhof einfuhr. Sein Chef rief ihn zu sich: „Max, ein Fahrgast hat sich gerade ĂŒber sie beschwert. Sie haben mehrfach Stoppsignale ignoriert und sind an Haltestellen vorbeigefahren. Wegen ihnen musste ein Kunde gegen seinen Willen bis zur Endstation fahren.“ Alle seine Rechtfertigungen nĂŒtzten Max nichts. Sein Chef drohte, ihn auf eine andere Route zu versetzen, falls es noch weitere Reklamationen geben wĂŒrde. „Krieg die Probleme mit deinen FahrgĂ€sten gefĂ€lligst so geregelt, dass keine Beschwerden mehr kommen“, sagte er zu Max. Und zum Abschied rief er ihm nach: „Und komm nicht auf die blöde Idee die Polizei zu rufen, die ist auch schon von dir genervt!“ Also gut, sagte sich Max, er wĂŒrde die Stoppsignale morgen wieder beachten.

Am nĂ€chsten Morgen kĂŒndigte sich der Winter mit NĂ€sse und Nebel an. Max hatte Kopfschmerzen. und dachte ĂŒber die Drohung seines Chefs nach, ihn auf eine neue Route zu versetzen. Ihn versetzen! Den Fahrer von Route zwölf! Gut, er musste anhalten, wollte er seine Route und sein Job behalten. Aber was sollte er tun? Sich weiter terrorisieren lassen? Max hatte vor Wut, Angst und Hilflosigkeit die ganze Nacht fast nicht geschlafen. Max wollte nicht viel. Er wollte nur was ihm zustand: Respekt. Aber den verweigerte der Andere ihm. Er hasste diese schmierige Gestalt, die ihn ohne jeden Respekt behandelte. Als Max am Nachmittag seine Schicht begann und auf seinem Fahrersitz Platz nahm, wusste er noch immer nicht, was er tun sollte.

Wie immer stieg der Andere am Hauptbahnhof ein. Und wie immer hielt er seine Bierdose in der Hand, wie immer bewegte er sich zielstrebig auf die RĂŒckbank zu und machte sich dort breit. Immer dasselbe Verhalten, Max wurde so nervös, dass ihm sogar zweimal das Wechselgeld herunterfiel, das er einem Fahrgast herausgeben wollte. Weitere FahrgĂ€ste stiegen zu. Max beobachte den Anderen im Innenspiegel. Der grinste, als ob er von dem Ärger wusste, den Max mit seinem Chef bekommen hatte. Sie belauerten sich. Draußen war es kalt, die Heizung lief auf Hochtouren. Ein erster Schneeregen ging nieder. Die vielen Menschen schwitzten in ihrer warmen Winterkleidung. Zuerst beschlugen sich die Seitenfenster, dann auch der Innenspiegel Max konnte den Anderen nicht mehr sehen. Aber er wollte sich auch nicht umdrehen, nein, eine solche BlĂ¶ĂŸe wollte er sich nicht geben.

Der Bus erreichte die Stadtgrenze. Die ersten Menschen stiegen aus. Nach einigen Minuten hatte die BelĂŒftungsanlage die Fenster und den Innenspiegel wieder frei geblasen. Der Andere saß noch immer hinten. Frech prostete er Max im Spiegel zu. Einige Stationen weiter stiegen die nĂ€chsten FahrgĂ€ste aus. Langsam leerte sich der Bus. Noch ein paar Stationen, dann wĂŒrde Max alleine mit dem Anderen sein. Sie passierten denn Friedhof. Nur noch fĂŒnf Personen saßen im Bus als er die Stadt verließ. Am Dorfplatz von Neuburg stiegen die restlichen FahrgĂ€ste aus. Außer dem Anderen.

Sie fuhren den Fluss entlang, dichter Nebel zwang Max zum drosseln des Tempos. Nach wenigen Sekunden leuchtete schon das Stoppsignal auf seinem Armaturenbrett. Das rote Licht brannte sich in sein Hirn. Max spĂŒrte jeden Herzschlag, er fĂŒhlte ein leichtes HĂ€mmern in seinem Kopf. Es ging also wieder los.

Nach wenigen Kilometern erreichten sie Regensdorf. Max hielt vorschriftsmĂ€ĂŸig an der Haltestelle an. Wieder stieg der Andere nicht aus. Kaum fuhr er los, brannte wieder das rote Licht. Mit jedem erneuten Aufleuchten wurde das HĂ€mmern in seinem Kopf etwas stĂ€rker. Das rote Licht auf seiner Armatur störte ihn, es drang schmerzhaft in ihn ein. Über den Innenspiegel sah er das Grinsen des Anderen. Max wusste er, dass er die Fahrt jetzt zu Ende bringen musste. Er hasste diese Ratte, die in bei seinem Chef denunziert hatte. Mit jedem neuerlichen Erscheinen des Rotlichts steigerte sich der Druck in seinem SchĂ€del. Ja, mit jedem neuen roten Licht wĂŒrde sein Kopf ein StĂŒck wachsen, wie ein roter Luftballon, der irgendwann explodierte. Max beschleunigte den Bus, bis er ihn auf der Mitte einer BrĂŒcke zum Halten brachte. Ganz unvorschriftsmĂ€ĂŸig. Sein SchĂ€del stand kurz vor der Explosion. Der Andere schaute verwundert nach vorne. Max blickte nach oben, auf den roten Nothammer, der ĂŒber seinem Platz hing. Jetzt war ein Notfall! Mit einem Griff riss er den Hammer aus der Halterung. Er lag gut in der Hand. Max sprang auf, ging mit großen schnellen Schritten auf seinen letzten Fahrgast zu und fixierte ihn mit einem starren Blick. Das freche Grinsen verschwand gĂ€nzlich aus seinem Gesicht. Zuerst war der Andere etwas verunsichert. Schnell fasste er sich aber wieder und sagte: „Fahr weiter Arschloch!“

„Du willst also, dass ich stoppe? In Ordnung, jetzt ist Stopp“, schrie Max. „Stopp, Stopp, da hast du deinen verschissenen Stopp“, und wĂ€hrend er brĂŒllte, ließ er den Hammer auf den Kopf des Anderen sausen. Immer wieder traf er mit der golden glĂ€nzenden Spitze den SchĂ€del. Er bearbeitete den Kopf seines letzten Fahrgasts wie ein Metzger, der ein Schweineschnitzel flach klopft. Mit jedem Schlag ließ der Druck in seinem SchĂ€del nach. Der Andere hielt zuerst noch die HĂ€nde schĂŒtzend vor sein Gesicht, irgendwann verließen ihn aber seine KrĂ€fte und seine Arme fielen zur Seite. Langsam ging sein Schreien in ein leises Wimmern ĂŒber, bis es ganz verstummte. Blut vermischte sich mit dem Bier am Boden. Als Max keinen Widerstand mehr fĂŒhlte und unter der Hammerspitze nur noch warmer Brei zur Seite spritzte, hörte er irgendwann auf. Er nahm den leblosen Körper, schleppte ihn an die TĂŒr und öffnete sie. Unter ihm auf der anderen Seite des BrĂŒckengelĂ€nders trieben trĂ€ge Nebelfetzen auf dem Fluss. „Du wolltest aussteigen?“, keuchte. „Also gut, jetzt steigst du aus!“

© 2005 Frank Liebermann


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Michael Schmidt
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Hallo liebermann,

schöne Geschichte, hier meine Anmerkungen.
"Schließlich" schreibt man mit ß (kommt zweimal vor), "große" ebenfalls. Des weitern wĂŒrde ich die Zahlwörter auschreiben, wirkt besser.
Am Anfang hakt es ein wenig, lies dir die Stellen einfach mal laut vor, gerade die ersten beiden AbsÀtze, da könnte es an mancher Stelle ein wenig runder, weniger monoton sein, obwohl das monotone den Charme der Geschichte ausmacht. Aber ich fand es teilweise ein wenig fad.
Gut gefÀllt mir der Aufbau, es wird immer nachvollziehbarer, wie der Fahrer sich da hineinsteigert (Du schreibst zweimal vom Fahrer, als wÀre er ein unbeteiligter, dabei sollst du ihn doch zum Leben erwecken, das solltest du Àndern).
Was mir gar nicht gefĂ€llt ist der Wechsel als er die TĂŒren verschließt und es losgeht. Da fehlt mir der Tempowechsel, die innere Sicht dieses Menschen, da fehlt es generell an Lebendigkeit, Aufregung. Da wĂŒrde ich noch mal richtig Arbeit investieren.

Bis bald,
Michael



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JuDschey
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Hallo liebermann!

Welche Stadt meinst Du? Von welchem Fluss, von welchem Bahnhof usw. redest Du?
Jeder Leser interessiert sich dafĂŒr, wo sich etwas ereignet.
Sind es Fantasie-Orte, oder sind es reale Orte. Und wenn ja, will er wissen: spielt die Handlung hier in Deutschland, in einer bekannten Stadt oder in Österreich oder wo? Wo fĂ€hrt der Busfahrer tĂ€glich seine Linie 22?
Wenn Du dem Leser am Anfang keine konkreten Angaben machst, ist er sofort frustriert. Vielleicht denkt er dann, wenn der Autor bei solchen Sachen nur allgemeine Aussagen macht, wird der Rest vielleicht auch nur ziemlich vage und nebulös sein.
Auf diese Weise ist der Leser schon zu Beginn der Geschichte wenig motiviert, weiter zu lesen.

Weiter ist Deine Figur ein Busfahrer, also ein Mensch.
Ein normaler Mensch ist ein bisschen wenig fĂŒr eine Hauptfigur. Was ist das Besondere an diesem Busfahrer?
Warum lohnt es sich, gerade diesen Busfahrer in einen Konflikt zu stĂŒrzen?

Dann wird der Busfahrer also vom Anderen tagein, tagaus gepiesakt. Gut. Das ist also der Konflikt. Der Leser fragt sich nun: Wie geht der Busfahrer mit diesem Konflikt um? Wie fĂŒhlt sich der Busfahrer, was denkt der Busfahrer? Wie wird er den Konflikt lösen?
Und da mĂŒĂŸte man sich als Autor Gedanken machen: Was ist seine spezielle Eigenart, Konflikte zu lösen und wie gedenkt er, diesen zu lösen? Welche Ideen und Empfindungen hat er dabei?
Da mĂŒsste viel mehr zu gesagt werden. Einfach nur Wut, die von Tag zu Tag grĂ¶ĂŸer wird, da kann jeder Leser schon absehen, dass der Busfahrer den Anderen umbringen wird. So hat die Geschichte keine Spannung. Man kann es sich denken. Beim Leser gibt es keinen Zweifel. Es gab keinen Versuch, einen anderen Ausgang der Geschichte möglich zu machen.

Wo man ansetzen könnte, um die Geschichte spannender und weniger absehbar zu machen, wĂ€re eine wichtige Sache, die ĂŒbersehen wurde: Jeder normale Mensch spricht ĂŒber seine Konflikte. Der Busfahrer wird nicht einfach schweigen und sich in Mordfantasien ergehen und tĂ€glich still vor sich hin leiden, bis er irgendwann explodiert und den Hammer nimmt. Nein. So einfach wĂ€re das in der RealitĂ€t, normalerweise, auch nicht.
Vielleicht ist der Busfahrer verheiratet und redet mit seiner Frau darĂŒber, oder mit seiner alten Mutter, die er jeden Tag, nach der Arbeit, fĂŒr zwei Stunden im Altenheim besucht. Vielleicht ist er Mitglied in einer Meditationsgruppe und ist voller Scham ĂŒber seine Mordgedanken und redet darĂŒber mit seinem Guru.
Auf jeden Fall muß der Busfahrer zwiespĂ€ltige GefĂŒhle haben, unter denen er schrecklich leidet. Das wĂŒrde die Sache interessant und nachvollziehbar machen.
Einerseits will er den Hammer nehmen, woran ganz spontan jeder Leser, an der Stelle des Busfahrers, denken wĂŒrde.
Aber andererseits bringt ein normaler Mensch nicht einfach einen anderen um, nur weil er von ihm geĂ€rgert wird. Sowas wĂŒrde nur ein Psychopath fertigbringen. Oder es mĂŒsste sich um eine ganz gewaltige, schlimme Sache handeln, die ein anderer einem angetan hat.
Der Busfahrer leidet schrecklich unter diesem Zwiespalt der GefĂŒhle. Das könnte man schön herausarbeiten.
Da er nun oft mit jemandem darĂŒber redet, kĂŒhlt seine Wut langsam ab. Er wird wieder vernĂŒnftig, weil ihm jeder abgeraten hat, so eine Dummheit, wie einen Mord zu begehen.
Schließlich faßt sich der Busfahrer ein Herz und beginnt die Schikane des Anderen zu ertragen bzw. sie nicht mehr so ernst zu nehmen.
Jetzt atmen alle auf. Uff, der Busfahrer wurde vernĂŒnftig. Er hat den Anderen nicht umgebracht, obwohl es anfangs so ausgesehen hatte. Gut. Das wars also. So eine Ende hĂ€tte man sich vielleicht als normaler Mensch gewĂŒnscht. Schön. Aber richtig aufregend wars nicht.

Deshalb darf die Geschichte hier auch nicht zu Ende sein.
Also muß etwas passieren, was den wiedergewonnenen, stabilen, seelischen Zustand des Busfahrers ins Wanken bringt.
Vielleicht passieren mehrere unerwartete SchicksalsschlÀge. Seine Frau wurde vergewaltigt und bestialisch abgeschlachtet, das Grab des Vaters wurde geschÀndet, die Mutter stirbt, die Katze wurde bei einem Einbruch an die Wand genagelt.
Irgendwas in der Art könnte geschehen und dem Busfahrer den Verstand rauben.
Weil er weiterhin von dem Anderen gedemĂŒtigt wird, und dazu noch schlimmer als bisher, denkt er wieder an Mord, um sich wenigstens von einer schweren Last zu befreien.
Von schweren moralischen Bedenken geplagt, sucht er dann professionelle Hilfe bei einem Psychologen. Er erzĂ€hlt von seinen Mordfantasien und den Skrupeln und der Angst, es tatsĂ€chlich durchzufĂŒhren.
Der Psychologe versucht ihm den Mord natĂŒrlich auszureden. Woraufhin es in der Psyche des Busfahrers zum Kampf kommt: mal will er den Anderen totschlagen, dann wieder nicht. Niemand weiß, ob der Busfahrer wieder vernĂŒnftig wird oder nicht.
Der Leser ist verwirrt und gespannt darauf, wie der Busfahrer sich letzlich entscheiden wird. Der Ausgang ist ungewiss: Bringt der Busfahrer den Anderen nun um, oder nicht?
Einen dieser AusgĂ€nge erwartet der Leser und ist darauf gespannt, fĂŒr welchen sich der Autor entschieden hat.

Aber was kommt dann?
Peng. Das völlig unerwartete geschieht. Nichts von dem, was der Leser erwartet hat, passiert nÀmlich. Nein.
Gerade an dem Tag, als der Busfahrer ziemlich nah dran ist, seine Mordfantasie in die Tat umzusetzen und sich im Geiste schon im GefĂ€ngnis sitzen sieht, steigt der Andere, völlig verĂ€ndert, in den Bus ein. Er trĂ€gt einen Anzug, hat die Haare geschnitten und ĂŒbergibt dem Busfahrer einen Blumenstrauß.
Er könnte sagen: "Ich hab sie ganz schön genervt, nicht wahr? Hier mit diesem Strauß möchte ich mich entschuldigen!"
Als BegrĂŒndung, warum er den Busfahrer bis zur Weißglut geĂ€rgert hat, kĂ€men 1000 Sachen in Frage.
Vielleicht versteckte Kamera. Oder eine Feldstudie eines Psychologie-Doktoranden.
Vielleicht ein Streich der besonderen Art, von einem frĂŒheren Verehrer der Frau des Busfahrers, weil er leer ausgehen mußte.

Auf diese oder eine Ă€hnliche Weise erzĂ€hlt, wĂ€re Deine Geschichte spannend bis zum Schluß, wo der Leser noch einmal völlig, mit einem unerwarteten Ende, ĂŒberrascht wird.
Außerdem könnte es eine Fortsetzung geben, in der der Busfahrer sich bei dem Anderen fĂŒr seinen gemeinen Streich revanchiert und wo dann am Schluß – um der Sache den Rest zu geben - doch einer von Beiden tot wĂ€re, oder auch Beide.

So, das wÀre jetzt meine Meinung dazu, wie Du aus Deiner Story wesentlich mehr heraushohlen könntest.
Vielleicht hast Du aber auch ganz andere Ideen, die Geschichte interessanter zu gestalten.
Auf jeden Fall solltest Du beim Leser Zweifel erzeugen, so dass er nicht, viel zu frĂŒh, denkt: Der Busfahrer wird den Anderen bestimmt tot machen.

TschĂŒss und Viel GlĂŒck!
JuDschey

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liebermann
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Hallo Judschey,

vielen Dank fĂŒr Deine ausfĂŒhrlichen und sehr guten Tipps! Da ist ganz vieles dabei, wo Du grundsĂ€tzlich Recht hast und ich noch mal darĂŒber gehen muss. Vom Ende gibt es noch eine andere Version (allerdings kein Happy-End) die ich die nĂ€chsten Tage reinstellen werde, mal sehen ob es Dir dann besser gefĂ€llt.

Viele GrĂŒsse
Frank
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liebermann
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Hallo Michael,
Hallo JuDschey,

Ihr habt mir eine Menge Ideen und Anregungen geliefert. Daher habe ich die Geschichte noch einmal komplett ĂŒberarbeitet, mit einem etwas anderen Ende. Bin auf Euer Feedback gespannt.

Viele GrĂŒsse
Frank
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Michael Schmidt
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Hallo Frank,

es wird immer noch nicht klar, wieso er gerade in diesem Moment ausflippt, ĂŒber seine Motivation solltest du nochmal nachdenken und eventuell die nötigen Charaktereigenschaften entsprechend in der Geschichte skizzieren.

Bis bald,
Michael
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