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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der letzte Prozess
Eingestellt am 09. 11. 2010 16:44


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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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Der letzte Prozess

Der ehrenwerte Richter Aloisius Blomkolb schaute hinab auf den Angeklagten. Etwas muss sich Àndern, dachte er, und musterte den jungen Ziegenbock eingehend.
Aber habe ich das zu entscheiden? Ich habe nur zu richten.
Nach den Buchstaben des Gesetzes.
„ Angeklagter“, sagte er. Seine Stimme zitterte ein wenig, „ Sie haben das Recht auf ein letztes Wort.“
Schweigen. Was sonst. Nur dieser animalische Blick, gepaart mit dem völligen Desinteresse fĂŒr seine Umgebung.
Der Ziegenbock lag einfach zu FĂŒĂŸen der Anklagebank in einem Strohhaufen und knabberte an einer RĂŒbe. Das war seine Welt. Stroh, RĂŒbe, Hunger, Durst und Tod.
Ein grausamer Tod, wenn er, Aloisius, den Forderungen der Staatsanwaltschaft nachkommen wĂŒrde.
Aloisius Blick wanderte hinĂŒber zum staatlich bestellten Verteidiger des Tieres. Der schĂŒttelte nur kurz mit dem Kopf. Auch er als Stellvertreter, verzichtete auf das Recht
des letzten Wortes.
Poena capitis. Die Höchststrafe.
Die Stimme des Staatsanwaltes klang Aloisius noch im Ohr.
SĂŒhne war das Gebot.
Zur Abschreckung in aller Öffentlichkeit. Vierteilung und Verbrennung. Verzicht auf hochnotpeinliche Folter, weil dem Tiere kein GestĂ€ndnis zu entlocken sei. Dies als ZugestĂ€ndnis fĂŒr die UmstĂ€nde.
Dann sei die Asche des TĂ€ters in alle Winde zu zerstreuen.
Es gehe darum eine Tat zu sĂŒhnen.
Es gehe nicht um Schuld, wie es der Herr Verteidiger versuchte darzustellen. Die Hinterbliebenen des Opfers, einer BĂ€uerin mit Namen Peternell, verlangten ihr Recht. Dieser hinterhĂ€ltige Stoß vom Rand der Seiser Klippe. Der Sturz in die Tiefe. Der zerschundene Leichnam, von Felsen zerschmettert.
Und, auch wenn es hier vor diesem Gericht keine Rolle spielte, der Tod dieser BĂ€uerin ohne den Empfang der heiligen Sakramente.
Aloisius warf einen Blick auf den Strafverteidiger.
Kein Mord. Wenn ĂŒberhaupt verminderte SchuldfĂ€higkeit. Die Seele des Tieres sei rein, sei nicht fĂ€hig zum hinterhĂ€ltigen Handeln. Die Tat. Geschehen aus Affekten, aus Trieben, die kein weltliches Gericht beurteilen könne.
Also ein Freispruch.
Aloisius warf einen suchenden Blick durch den Gerichtsaal.
So viel hing von seinem Urteil ab. Seine Zukunft zu aller erst. Irgendwo, unerkannt unter den Zuschauern saß ein Administrat aus Wien.
Wenn er den hohen AnsprĂŒchen des österreichischen Kaiserhofes genĂŒgen wĂŒrde, winkte bald der Ruf an das höchste Gericht. Aber, was waren das fĂŒr AnsprĂŒche?
Wollte der Kaiser ein Signal? Und wenn ja, in welche Richtung?
Auge um Auge oder

Er unterdrĂŒckte diese Gedanken, konzentrierte sich auf das Nahe liegende. Auf das Gesetz.
Die Welt ist im Wandel, dachte er .
In Rotterdam schrieb ein gewisser Erasmus ĂŒber die Freiheit der Seele und des Individuums. Humanismus nannte er seine neuen Ideen. In Wittenberg bezweifelte ein Professorius die Unfehlbarkeit der pĂ€pstlichen Konzilien.
Dann dieser neue Kontinent an den westlichen Enden der Welt.
Der Buchdruck.
In Windeseile verbreiteten sich nun neue Gedanken ĂŒber das heilige römische Reich.
Alles war so schnell geworden. RĂŒckte zusammen. Alles stand mit allem in Verbindung.
In den böhmischen StÀnden rumorte es. Das Recht den König zu bestimmen sollte bei ihnen liegen.
Krieg lag in der Luft.
Und wenn er kĂ€me wĂŒrde er fĂŒrchterlich. Bruder gegen Bruder.
Aloisius atmete tief durch. Sein letzter Blick galt dem Ziegenbock.
Was liegt in dir verborgen, fragte er sich.
Er gab dem Gerichtsdiener ein Zeichen.
„ Bitte erheben sie sich. Das hohe Gericht zieht sich zur Urteilsfindung zurĂŒck.“
Aloisius hatte sich schon abgewendet.
Er musste nicht zurĂŒckblicken.
Er wusste, der junge Ziegenbock lag auf seinem Stroh.

__________________
RL

Version vom 09. 11. 2010 16:44

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Ralf Langer
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Hallo zusammen,
ich habe aus meiner Kurzgeschichte " Der Prozess" etwas neues gemacht.
Habe die Struktur auf den Plot hin geÀndert.
Jetzt ist es inhaltlich Àhnlich, aber doch eine andere Geschichte.
Deswegen stelle ich sie sich selbst gegenĂŒber.

Bin gespannt.

lg
Ralf
__________________
RL

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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ralf,

mir gefÀllt die Abwandlung wesentlich besser. Dennoch will ich ein bisschen rumnörgeln =)

quote:
Der ehrenwerte Richter Aloisius Blomkolb schaute hinab auf den Angeklagten. Etwas muss sich Àndern, dachte er, und musterte den jungen Ziegenbock eingehend.

(FĂŒr mich) zuviele Worte: Er "schaute" hinab und er "musterte den" ... ist doppelt. Und das er denkt "... etwas muss sich Ă€ndern ..." ist auch ziemlich nebulös, da die Aussage zu nichts weiterfĂŒhrt.
M.M.n. ist auch der Name des Richters völlig irrelevant. Nenn ihn doch einfach "Der Richter".

quote:
Aber habe ich das zu entscheiden? Ich habe nur zu richten.

Hier hinterfragt er seine eigene Kompetenz, um diese anschließend wieder hervorzuheben. Auch das fĂŒhrt m.M.n. nur ins Gedankennirwana.
Besser wÀre hier vielleicht mehr Klarheit, etwa so wie:
Ich muss das nicht entscheiden, ich soll nur richten.

Nach den Buchstaben des Gesetzes.

quote:
„ Angeklagter“, sagte er. Seine Stimme zitterte ein wenig, „ Sie haben das Recht auf ein letztes Wort.“

"... sagte er ..." vernichtet IMHO die InhaltstÀrke der Ansprache. Vielleicht:

"Angeklagter", seine Stimme zitterte, "Sie haben das Recht auf ein letztes Wort."


Der Ziegenbock lag einfach zu FĂŒĂŸen der in der NĂ€he der Anklagebank in einem Strohhaufen und knabberte an einer RĂŒbe.

Sind die VorschlĂ€ge "ok" fĂŒr dich oder breche ich zu schnell vor?

LG KaGeb

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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hallo kageb,
sind gute vorschlaege
werde spaeter daran arbeiten
zum namensgebung:
ich dachte mir wenn ich eine alt klingenden namen vergebe, waere das ein kleiner hinweis auf die zeit in der es spielt.
desgleichen mit der einflechtung des lateinischen begriffes
ein stilmittel sozusagen

unnoetig?

lg
ralf
__________________
RL

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