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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der letzte Schritt
Eingestellt am 04. 09. 2014 09:42


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Paragon
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

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Ich bin froh, dass die Schmerzen heute ertr├Ąglich sind und doch f├Ąllt mir jeder Schluck schwer. Nur langsam leere ich das Glas mit der milchig tr├╝ben Fl├╝ssigkeit.

Gustav nimmt es mir aus der Hand und stellt es auf den kleinen Tisch. ┬╗Schlaf gut mein Engelchen┬ź, sagt er liebevoll und legt seine H├Ąnde auf meine. Wie oft hat er in den letzten drei├čig Jahren meine H├Ąnde gehalten, wie oft, hat er sie gek├╝sst? Wie oft mich gestreichelt? Kann man nach drei├čig Jahren immer noch verliebt sein?

Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in dem kleinen Kaffee am Kurf├╝rstendamm sitzt, mit einem Blumenstrau├č, vor einer Tasse Kaffee. Ich war 22 und ein paar Minuten zu sp├Ąt zu unserem ersten Treffen gekommen, so wie es sich geh├Ârt. Wir haben erz├Ąhlt, gescherzt und gelacht. Die Zeit verflog und als wir uns trennten, war ich bis ├╝ber beide Ohren verliebt. Zum Abschied hat er mich sanft auf die Wange gek├╝sst und gesagt: ┬╗Wenn ich jemals heiraten sollte, dann wirst das du sein!┬ź, hat sich umgedreht und ist gegangen. Auf Wolken schwebte ich nach Hause. Es begann ein hei├čer Sommer voller sehnsuchtsvollen Treffen und wilder Leidenschaft, wir haben uns gesehen so oft es ging. Ein Jahr sp├Ąter, haben wir geheiratet und ich war mit Paulchen schwanger.

Ich habe mich entschlossen zu sterben, mich nicht mehr den ├ärzten und den Medikamenten auszuliefern. Vor allem nicht mehr dieser tr├╝gerischen Hoffnung, die sie einem nach der schrecklichen Diagnose machen. ┬╗Das wird schon, f├╝r die Krankheit haben wir durchaus positive Prognosen.... Ja es m├╝ssen einige Ma├čnahmen ergriffen werden, die die Lebensqualit├Ąt etwas beeintr├Ąchtigen... Es tut uns sehr leid aber die Medikamente wirken bei Ihnen nicht... in anderen F├Ąllen... muss ihnen leider sagen sie sind aus therapiert, das hei├čt...┬ź verdammt noch mal, ich wei├č, was das hei├čt, dahinsiechen und unter Schmerzen auf den Tod warten, oder Medikamente schlucken gegen die Schmerzen und fast nichts mehr mitbekommen.

Nach Paulchen kam noch Maria und Johannes, alles pr├Ąchtige Kinder, alle haben studiert, aus allen ist was geworden, wie man so sagt. Gustav trug mich auf H├Ąnden, wir haben unser Leben in vollen Z├╝gen genossen. Ein wundersch├Ânes Haus, herrliche Reisen, Gustav hatte einen guten Job als Vertriebsleiter einer Versicherung, wir hatten gen├╝gend Geld f├╝r uns und unsere W├╝nsche. Ein perfektes Leben!

Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt, ich wei├č jetzt, dass das nicht stimmt. Meine Hoffnung ist vor Monaten gestorben, sie war weg, als ich das Wort aus therapiert geh├Ârt habe. Ich habe Angst vor dem Tod wie jeder Mensch. Erst der unausweichliche Tod macht das Leben so unendlich wertvoll. Der Weg in den Tod, die Schmerzen, das Ausgeliefert sein, das Dahinsiechen, davor hatte ich Panik und habe sie noch. Eines Tages habe ich Gustav davon erz├Ąhlt. Er hat ruhig zugeh├Ârt, mich gek├╝sst und gestreichelt.
Wenige Tage sp├Ąter hat er mich gefragt: ┬╗Was h├Ąltst du eigentlich von der Schweiz?┬ź Ich hab ihn verst├Ąndnislos angesehen, und er hat mir von der M├Âglichkeit der Sterbehilfe in der Schweiz erz├Ąhlt. Das ist erst zwanzig Tage her und nun liege ich hier in diesem Zimmer und warte auf den Tod.

Die Kinder gingen nach und nach aus dem Haus. Wir reisten noch mehr. Big Five Safari in Afrika, Strandurlaub in Thailand, Bildungsreise nach Australien, einfach herrlich. Und dann die Diagnose. Wie eine Rechnung. F├╝r alles Sch├Âne und Gute im Leben muss man bezahlen. Gustav hat es mehr getroffen als mich, erst dachte ich, er ├╝berwindet es nicht. Oft hab ich ihn weinen sehen, wenn er glaubte, alleine zu sein. Das hat mir fast das Herz gebrochen.

Diese verfluchte Krankheit hat mich ausgelaugt, hat mir das Leben St├╝ck f├╝r St├╝ck entrissen. Zwanzig Jahre oder mehr w├Ąren mir noch geblieben, ohne diese vernichtende Diagnose. Zwanzig Jahre an Gustavs Seite, welch ein sch├Âner Traum. Jetzt bleiben mir nur noch wenige Minuten, bis ich den letzten Atemzug mache.

Sterben soll ganz einfach sein, hat Gustav mir erz├Ąhlt. ┬╗Es ist wie einschlafen, man sagt, der Schlaf sei der kleine Bruder des Todes, du bekommst es gar nicht mit!┬ź Mag sein, dass er recht hat, aber selbst wenn es wie einschlafen ist, wei├č ich diesmal, dass ich nie mehr aufwachen werde.

┬╗Hast du Schmerzen mein Engel?┬ź, fragt Gustav. Ich sch├╝ttle nur leicht den Kopf, das Sprechen f├Ąllt mir schwer. ┬╗Das ist gut mein Engelchen, das ist gut!┬ź
Er streichelt meine Wange. Ich liebe seine Ber├╝hrung.

Dann, von einem Tag auf den andern, kehrte Gustavs Lebensfreude zur├╝ck, ich verstand nicht warum, wichtig war nur, dass er das Leben wieder zu lieben schien. Wir gingen wieder auf Reisen, nicht mehr so abenteuerlich und anstrengend wie fr├╝her, sondern mehr luxuri├Âs und gem├╝tlich, wir machten einige Kreuzfahrten zwischen meinen Behandlungszyklen. Gustav hatte unser Haus mit einer neuen Hypothek belastet um Geld in die Tasche zu bekommen, damit er uns die Reisen erm├Âglichte. Wenn ich tot bin, wird er bis ans sein Lebensende die Schulden abstottern m├╝ssen.

┬╗Du musst keine Angst haben, ich bin bei dir!┬ź Gustav steht auf. Ich folge ihm mit den Augen. Er holt eine kleine Flasche aus seiner Anzugtasche hervor und gie├čt den Inhalt in das Glas, aus dem ich vor ein paar Minuten meinen t├Âdlichen Cocktail getrunken habe. ┬╗Meinst du es war zu wenig?┬ź, fl├╝stere ich m├╝hsam. Er sch├╝ttelte mit dem Kopf und l├Ąchelt mich an, ┬╗Liebes, wir haben immer zusammen Cocktails getrunken. Wei├čt du noch vor einem Jahr unsere letzte Kreuzfahrt in die Karibik? Jeden Abend haben wir einen leckeren Pinacolada getrunken mit Schirmchen drauf, ein Strohhalm und eine Ananasscheibe.┬ź

Immer schwerer f├Ąllt es mir die Augen offen zu halten, manchmal fallen sie zu, m├╝hsam ├Âffne ich sie wieder. Gustav sitzt an meinem Bett und trinkt die Pinacolada ohne Schirmchen, ohne Strohhalm und ohne Ananasscheibe. Ich sehe zu, wie er das Glas in kleinen Schlucken leert und dann auf den Tisch stellt. Die milchigen Reste laufen innen an der Glaswand nach unten und sammeln sich am Boden.

Gustav l├Ąchelt mich an, ich habe sein L├Ącheln so sehr geliebt - nein ich liebe es, ich liebe ihn. Ich sp├╝re die W├Ąrme seiner Hand, er hat immer so wunderbar warme H├Ąnde. Jetzt erst merke ich, dass er neben mir in dem Doppelbett liegt, Wange an Wange, unz├Ąhlige Male sind wir so eingeschlafen.

Ich h├Âre Meeresrauschen und ich sehe einen hohen blauen Himmel, ├╝ber einer t├╝rkisfarbenen See. Ein Delphin taucht aus der Tiefe auf und springt spielerisch die ├╝ber die Gischt der flachen Wellen.

┬╗Mein Engelchen, ich werde dich nie alleine lassen!.┬ź, zwitschert der Delphin mit Gustavs Stimme. Zusammen mit der leichten Meeresbrise, dem rauschen der Wellen vermischt sich alles zu einer wundersch├Ânen Melodie.

Ich kann meine Augen nicht mehr ├Âffnen.

Das Letzte, das ich sp├╝re, ist Gustavs leichter Atem, wie er sanft ├╝ber meinen Hals streicht.

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