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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der letzte Schultag
Eingestellt am 02. 04. 2011 00:58


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Artsneurosia
Hobbydichter
Registriert: Mar 2011

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„Und, wann kommst du zurĂŒck?“
Petra legte die Stirn in Falten und antwortet:
„Ich weiß es nicht genau. Es schellt um elf. Dann bringen wir die externen SchĂŒler zu den Taxen und haben anschließend noch eine Stunde Zeit, um unsere KlassenrĂ€ume aufzurĂ€umen und das Lehrerzimmer einigermaßen in Schuss zu bringen. Um zwölf haben wir die Jahresabschlusskonferenz und um halb zwei beginnt die Weihnachtsfeier mit allen Mitarbeitern der Einrichtung. Claudia meinte, dass es da erst ein gemeinsames Essen gibt und dann ein paar Reden gehalten werden, um den Mitarbeitern weißzumachen, wie erfolgreich und gelungen die pĂ€dagogische Arbeit doch war, die sie im vergangenen Jahr geleistet haben. Dann gibt’s Kaffee, dann werden die Wichtelgeschenke verteilt und dann beginnt der sogenannte gemĂŒtliche Teil des Tages, der sich besonders fĂŒr viele Lehrerkollegen bis in den spĂ€ten Abend hinein ziehen wird.“
Stefan sah sie direkt an. „Es wird also spĂ€ter?“
Petra zuckte mit den Schultern.
„Muss nicht. Ich habe eigentlich nicht vor, dort so lange zu bleiben. Und Alkohol kann ich ja auch nicht trinken. Ich habe keine Möglichkeit, nachher von jemandem mitgenommen zu werden. FĂ€hrt keiner so weit in meine Richtung.“
Stefan stand auf und begann damit, den Esstisch abzurÀumen.
Als er dann in der KĂŒche war, rief er: „Aber wĂ€re es nicht sinnvoll, bei der Feier etwas lĂ€nger zu bleiben? WĂŒrde dir vielleicht mal ganz gut tun.“
Und wieder im Esszimmer: „Du sagst doch immer, dass du bis jetzt kaum Kontakt zu deinen Kollegen hattest. Ich glaube, dass so eine Weihnachtsfeier ein ganz guter Anlass sein könnte, sich etwas besser ins Kollegium einzufĂŒgen.“ Petras Augen funkelten.
„Ich habe mich eingefĂŒgt, verdammt noch mal. Ich bin halt nur noch nicht per Du mit allen. Und das muss auch gar nicht sein.“
Stefan trat auf sie zu und streichelte ihr mit der Hand eine StrĂ€hne aus dem Gesicht. Er merkte, wie gereizt und wĂŒtend sie plötzlich war. Es war dieselbe Stimmung, die sie in der letzten Zeit immer wieder ĂŒberfiel, wenn sie auf ihren Job in der Schule angesprochen wurde. Es war dieselbe Stimmung, die ihre Beziehung seit einigen Monaten belastete.
„Das war doch jetzt nicht böse gemeint. Ich dachte nur, dass es dir in der momentanen Situation vielleicht helfen könnte, wenn du deine Kollegen besser kennen lernen wĂŒrdest.“
Petra stieß ihn mit einer forschen Handbewegung von sich fort.
„Momentane Situation? Schön ausgedrĂŒckt. Nenn es doch, wie es ist: es ist eine Scheißsituation! Doch das liegt an diesen kranken, beknackten SchĂŒlern, nicht an meinen Kollegen. Die können nichts dafĂŒr. Ich bin es, die in diesem Job einfach nicht klar kommt, die stĂ€ndig völlig hilflos vor der Klasse steht und darauf wartet, dass es endlich klingelt. Ich bin es doch, die mit Magenschmerzen zur Schule fĂ€hrt und mit Angst in jede Pausenaufsicht geht und stĂ€ndig betet, dass sie nicht wieder zwei sich verprĂŒgelnde 1,90 Meter Typen trennen muss!“
Petra schrie jetzt fast: „Ich bin doch die UnfĂ€hige, nicht meine Kollegen!“ Sie ging zum SekretĂ€r und schenkte sich aus der Hausbar einen Sherry ein.
„Ich hasse diese Schule. Ich hasse sie. In meiner Ausbildungszeit war das alles anders. Wenn mir einer vorher gesagt hĂ€tte, wie Scheiße es ist, Lehrerin zu sein, hĂ€tte ich was anderes gemacht. Aber ich war ja so naiv, so weltfremd. Helfen wollte ich den Jugendlichen; fĂŒr sie da sein, ihnen Wegbegleiter sein. Und wie sieht`s jetzt aus? Wie sieht`s aus? Sie lachen mich aus, beleidigen mich mit Hure oder Schlampe und an normalen Unterricht ist schon gar nicht zu denken. Ich kann ja froh sein, wenn sie mich nicht direkt niederschlagen, wenn ihnen mal etwas quer kommt.“

Petra setzte sich mit angezogenen Beinen auf das Sofa. Dabei spielte sie nervös mit ihrem Glas.
Stefan setzte sich schweigend neben sie und streichelte ihr Knie.
„Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Es kann doch nicht sein, dass ich jeden Tag diesen Horror aushalten muss.“
„Petra, du arbeitest mit schwererziehbaren Jungen und du bist gerade mal vier Monate in dieser Schule. Vielleicht brauchst du einfach noch ein wenig Zeit, um dich an dieses Klima vor Ort zu gewöhnen. Du musst bedenken, dass du fĂŒr diesen Job eigentlich auch nicht bist, sondern Grundschullehrerin bist. Du bist mit ganz anderen Erwartungen und Absichten in dein Berufsleben gestartet. Du hattest vor, kleine Kinder zu unterrichten und keine 17-jĂ€hrigen IntensivstraftĂ€ter. Es ist doch völlig normal, wenn man da am Anfang Probleme hat. Vielleicht wĂ€re es wirklich mal gut, deine Kollegen wĂ€hrend der Weihnachtsfeier besser kennen zu lernen. Ich bin sicher, dass sie die gleichen Probleme haben wie du. Die können dir bestimmt viele nĂŒtzliche Tipps im Hinblick auf deine Arbeit geben.“
Sie trank den letzten Schluck.
„Meinst du, die haben Lust, sich die Sorgen einer kleinen Primimaus anzuhören?“ Ihre Stimme klang wieder etwas besĂ€nftigt.
„NatĂŒrlich, da bin ich mir ganz sicher. Und du wirst sehen, dass es auch unter deinen Kollegen viele geben wird, die ganz genau dasselbe durchgemacht haben wie du. Und auch wenn du in deiner Klasse alleine vor diesem Haufen stehst. Es tut mit Sicherheit gut, in den Pausen mal mit anderen Lehrern ĂŒber diese Situationen zu sprechen. Das ist zumindest besser, als sich immer hinter seiner Kaffeetasse zu verstecken und zu schweigen.“
Stefan nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es auf den Tisch.
„Gehe zu dieser Weihnachtsfeier. Ich schwöre dir: Es wird ein schöner Tag und du wirst es nicht bereuen.“

XXX

Lange hatte es so ausgesehen, als wĂŒrde Stefan sich irren. Obwohl Petra den letzten Schultag mit den besten Absichten begonnen und sogar einen ganzen Korb voller Brötchen, Marmelade, Honig und den verschiedensten Wurst- und KĂ€sesorten fĂŒr ein gemeinsames FrĂŒhstĂŒck mit ihren acht Jungen in der Klasse besorgt hatte, herrschte bereits um kurz nach acht nicht nur im Unterrichtsraum, sondern auch in ihrem Kopf das totale Chaos. Mirco, einer der aggressiveren SchĂŒler der Lerngruppe, hatte bereits beim Erblicken des FrĂŒhstĂŒckskorbes die Schnauze voll.
„Du glaubst doch wohl nicht, dass wir jetzt hier so ein asoziales FrĂŒhstĂŒck mit dir abziehen, oder? So ein Piss kannst du mit anderen machen. Wir wollen einen Film gucken. Andere Klassen gucken auch Film.“ Dabei blickte er, nach Zustimmung haschend, in die Runde seiner MitschĂŒler.
Diese nickten.
„Genau, Schmidt! Film gucken! Aber nicht wieder einen ab zwölf. Wir sind doch keine Babys mehr.“ Das Gemurmel wurde lauter, und FĂŒĂŸe scharrten auf dem alten Holzfußboden.
„Jetzt hört mir mal zu.“ Petras Stimme klang nicht so kraftvoll und selbstbewusst, wie sie es sich erhofft hatte. „Ich habe diese Sachen hier mitgebracht, um mit euch ein schönes, gemĂŒtliches WeihnachtsfrĂŒhstĂŒck zu veranstalten. Vielleicht könnten wir uns dabei auch mal in aller Ruhe miteinander ĂŒber die ersten Monate hier unterhalten. Vielleicht finden wir dann auch einen Weg, um unser Miteinander hier fĂŒr alle etwas angenehmer zu gestalten.“
Mirco ließ laute WĂŒrgegerĂ€usche verlauten.
„Ich kotz mich weg. Alte. Verpiss dich mit deinem Sozialtherapeuten-Dreck. Hab ich von meinem BewĂ€hrungshelfer diese Woche schon genug gehört.“ Er verstellte die Stimme und sprach in einem hohen Ton weiter. „Mirco, du musst an dich glauben, dann schaffst du alles, was du dir vornimmst.“ Und dann wieder dunkel und aggressiv: „Geh mir weg und fick dich. Da scheiß ich doch drauf.“ Mit diesen Worten stand er auf, ging auf Petras Pult zu und fegte den gesamten FrĂŒhstĂŒckskorb mit einem Fußtritt vom Tisch.
„Viel Spaß beim FrĂŒhstĂŒcken, alte Schlampe!“ Er verließ den Klassenraum und knallte die TĂŒr so heftig zu, dass sie wieder aus dem Schloss sprang und sich langsam öffnete. Vom Flur her hörte Petra, wie Mirco nacheinander alle KlassentĂŒren des Ganges öffnete, ein lautes „Scheiß Weihnachten, ihr Wichser!“ hineinbrĂŒllte und sie dann wieder zuknallte. Vereinzelt konnte sie laute Antworten von ihren Lehrerkollegen vernehmen. Dann war es still.
Sie blickte in die Runde und musste ihre ganze Beherrschung aufbieten, um nicht loszuheulen.

Ein stĂ€mmiger Rothaariger mit einfĂ€ltigen Gesichtsausdruck und Pickeln auf der Stirn stand auf. „Darf ich auch gehen? Ich will eine rauchen.“ Sofort standen zwei weitere Jungen auf.
Petra musste sich an der Kante ihres Pultes festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Nein! Wir reißen uns jetzt alle zusammen und frĂŒhstĂŒcken. Sonst ...“
„Sonst?“ Der Dicke sah sie herausfordernd an. „Pass mal auf. Wir haben alle Heimwochenende und bleiben bis nach Neujahr zu Hause. Meinst du, da kĂŒmmert es die Erzieher auch nur einen feuchten Scheiß, wenn du dich nach der Schule ĂŒber uns beschwerst? Wir sind in drei Stunden weg hier. Ich geh rauchen. Wer kommt mit?“

XXX

Petra hatte sich schon als kleines MĂ€dchen dazu entschieden, Lehrerin zu werden. Sie hatte die Schule immer geliebt, niemals Schwierigkeiten mit Noten oder MitschĂŒlern gehabt und ihre Lehrerinnen und Lehrer insgeheim alle zutiefst verehrt. Nach dem Abitur war es darum fĂŒr ihre Eltern und Freunde auch keine große Überraschung gewesen, als sie das Lehramtsstudium fĂŒr die Primarstufe in Köln aufnahm, das ihr vom ersten Tag an große Freude bereitet hatte. In ihrer kargen Freizeit gab sie Nachhilfeunterricht in Mathe und Deutsch, um sich etwas zu ihrem BAföG hinzu zu verdienen. Ihr Referendariat absolvierte sie dann erfolgreich in einer 2-zĂŒgigen Grundschule auf dem Lande. In dieser Zeit lernte sie auch Stefan kennen, der gerade als Rechtsanwalt in einer kleinen Kanzlei im Kölner Norden angefangen hatte, wo er seine Probezeit ableistete.
Petra erinnerte sich gerne an diese Zeit zurĂŒck. Sie waren beide völlig in ihrer Arbeit aufgegangen und sie hatten in dem jeweils anderen einen Partner gefunden, der dieses absolut nachvollziehen konnte.

Dann war die Zeit des unbefriedigten, langen Wartens gekommen. Trotz ihres guten Abschlusses hatte es fĂŒr Petra keine Möglichkeit gegeben, in ihrem Traumjob eine Einstellung zu bekommen und so hatte sie sich halt schweren Herzens dazu entschieden, in einer ihr völlig fremden und unbekannten Welt zu arbeiten. Als GrundschulpĂ€dagogin in einer privaten Heimschule fĂŒr schwererziehbare und verhaltensgestörte Jugendliche.

Die neue Schule lag etwa 75 km von ihrem Wohnort entfernt in der Bauernschaft eines 4000 Seelen Dorfes. Die Einrichtung ruhte mit ihren ca. 30 GebĂ€uden, zu denen eine eigene Kirche, verschiedene Wohngruppen, WerkstĂ€tten, VerwaltungsgebĂ€ude, Sporthallen, eine GĂ€rtnerei und zwei SchulgebĂ€ude gehörten, mitten in einem von der Hauptstraße uneinsehbaren WaldstĂŒck. Petra wĂ€re bei ihrem ersten VorstellungsgesprĂ€ch fast vor GlĂŒck geplatzt, als sie das riesige, dicht begrĂŒnte GelĂ€nde sah. Davon hatte sie immer getrĂ€umt - eine Schule mitten im Wald. Mit kleinen Klassen und einer ĂŒberschaubaren SchĂŒlerschaft.
Die SchĂŒlerschaft war ĂŒberschaubar geblieben und auch die Klassen hatten höchstens acht SchĂŒler, doch das GrĂŒn des Waldes und der Natur verĂ€nderte sich im Laufe der ersten Monate.
Die Schwierigkeiten hatten direkt am ersten Tag begonnen. Die neu gebildete Klasse L10 bestand aus drei externen SchĂŒlern und fĂŒnf HeimschĂŒlern, die direkt auf dem GelĂ€nde wohnten. Petra hatte es nie geschafft, das Vertrauen der Jungen zu gewinnen. Sie hatte es nie geschafft, auch nur annĂ€hernd sie selbst sein zu können oder gar in ihrer TĂ€tigkeit aufzugehen. Sie erlebte die Zeit, die sie alleine mit der Klasse verbringen musste, stets als den reinen Horror. Die Jungen, besonders der fast 18-jĂ€hrige Mirco, tanzten ihr regelrecht auf der Nase herum. Normaler Unterricht war nur in den seltensten FĂ€llen möglich; eigentlich nur dann, wenn Mirco mal wieder eine Gerichtsverhandlung, einen Termin beim Jugendamt oder keine Lust auf Schule hatte und folglich nicht anwesend war. In der Zeit nach den Herbstferien wurde sein Verhalten dann immer schlimmer. Er verweigerte sich vollstĂ€ndig, hetzte seine MitschĂŒler entweder gegen Petra oder andere, zumeist jĂŒngere, SchĂŒler auf und bediente sich einer FĂ€kalsprache, die Petra kaum ertragen konnte. Auf Zurechtweisungen oder Verwarnungen hörte er schon lange nicht mehr. Auch die Erzieher in der Wohngruppe fĂŒhlten sich völlig machtlos. Er wurde in der Freizeit immer hĂ€ufiger straffĂ€llig. Er brach in HĂ€user und GeschĂ€fte ein, klaute FahrrĂ€der und Motorroller und war in gefĂ€hrliche SchlĂ€gereien verwickelt. Es kam nicht selten vor, dass Mirco nachts von der Polizei zur Wohngruppe gebracht wurde und die Liste seiner Vorstrafen wurde lĂ€nger und lĂ€nger. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er wieder ins GefĂ€ngnis musste.
Doch so unangenehm es auch in den Unterrichtsstunden war; das Schlimmste waren die Pausenaufsichten. Da stand Petra dann mit vierzig bis fĂŒnfzig Jungen alleine auf einem der drei Schulhöfe und fĂŒhlte sich wie ein kleines, hilfloses MĂ€dchen. Besonders, wenn sie wieder einmal zwei oder mehrere StreithĂ€hne trennen musste, die ihr in der Regel körperlich ĂŒberlegen waren. Von den SchĂŒlern ihrer eigenen Klasse konnte sie da keine Hilfe erwarten. Es war sogar schon vorgekommen, dass sie von einem Jungen so hart zur Seite gestoßen wurde, dass sie auf den Asphalt des Schulhofes stĂŒrzte und sich blutige Schrammen an HĂ€nden und Ellenbogen zuzog.
Von diesem Tag an kam immer einer ihrer Kollegen mit nach draußen in die Aufsicht, wenn sie Dienst hatte. Diese Neuregelung half ihr zwar, die Pausen besser zu meistern, verstĂ€rkte jedoch auch ihr tiefes, immer stĂ€rker werdendes GefĂŒhl der UnfĂ€higkeit, das sich in ihrem Unterbewusstsein breitmachte.

Obschon ihr natĂŒrlich klar war, dass ihren Kollegen ihre missliche Lage aufgefallen war, versuchte sie sich wĂ€hrend der Zeiten im Lehrerzimmer völlig normal und unauffĂ€llig zu verhalten. Sie entwickelte sich zu einer perfekten Schauspielerin, die erst ihre Maske ablegte, wenn sie alleine mit ihrem Wagen und ihren TrĂ€nen auf der Autobahn war.
XXX
Der Tag kann ja nur noch besser werden, dachte sich Petra, als das letzte Taxi mit einem ihrer SchĂŒler um kurz nach elf das GelĂ€nde verließ. Diejenigen Jungen, die auf dem GelĂ€nde lebten, waren bereits in ihren Wohngruppen, wo fĂŒr die meisten die Heimfahrt zu ihren Eltern oder zu anderen Erziehungsberechtigten, wie Omas oder Tanten, geplant wurde. In weniger als einer Stunde wĂŒrde sich dann kaum noch ein SchĂŒler auf dem riesigen GelĂ€nde befinden.

Petra hatte beschlossen, sich und ihrem Kollegium eine Chance zu geben. Wenn ihr die Weihnachtsfeier gefallen wĂŒrde, wĂŒrde sie Stefan anrufen und ihm mitteilen, dass sie ĂŒber Nacht in der Schule bliebe und erst am nĂ€chsten Morgen zurĂŒck nach Köln fĂŒhre. FĂŒr diesen Fall hatte Petra einen Schlafsack im Kofferraum ihres Wagens liegen. Sie dachte an die Couch im Entspannungsbereich ihrer Klasse und stellte sich mit einem leicht flauen GefĂŒhl im Magen vor, wie es wohl sein wĂŒrde, in dem Raum zu schlafen, in dem sie morgens schon so oft gelitten hatte. Aber vielleicht wĂŒrde es ihr ja auch ganz gut tun, so entspannt und mit ein paar getrunkenen GlĂ€sern Bier die Nacht im eigenen Klassenraum zu verbringen. Na ja, dachte sie. Mal sehen. Vielleicht fahre ich ja doch noch heute Abend zurĂŒck.

XXX

Sie fuhr nicht. Die Weihnachtsfeier entpuppte sich als genau das, was ihr seit Monaten gefehlt hatte. Es wurde, nachdem die ca. 120 Mitarbeiter der Einrichtung, Erzieher, Lehrer, Verwaltungsangestellte, Therapeuten und Handwerker die Reden von Hausleitung und einigen politischen GĂ€sten der Gemeinde ĂŒber sich hatten ergehen lassen, eine regelrechte Party.
Die Feier fand in dem großen Versammlungssaal im KirchengebĂ€ude statt. Als es gegen halb fĂŒnf draußen zu dĂ€mmern begann, wurde die Kaffeetafel vom Hausmeister und einigen Zivildienstleistenden durch etwa zwei Duzend Stehtische ersetzt. An der Stirnseite des Saales hatte ein DJ damit begonnen, seine VerstĂ€rker, Boxen und Mischpulte aufzubauen. Kaffeekannen und Kuchen waren verschwunden und an deren Stelle wurde eine Theke mit Zapfanlage im hinteren Teil des Raumes aufgebaut. Hunderte von Teelichtern und Kerzen verwandelten den Konferenzsaal in eine heimelige Grotte mit tanzenden, streichelnden Schatten, die sich elfenhaft ĂŒber die vielen Gesichter bewegten.

Petra fĂŒhlte sich sehr schnell sehr wohl. Vergessen waren die Probleme des Vormittags, vergessen die letzten vier Monate der Qualen und DemĂŒtigungen. Sie stand zusammen mit einer netten Gruppe von jĂŒngeren Lehrern und Erziehern an drei zusammengeschobenen Stehtischen und lachte, redete und trank frisch gezapftes, kĂŒhles Bier. Es verwunderte sie, dass fast ĂŒberhaupt nicht ĂŒber die Arbeit gesprochen wurde. Und es verwunderte sie ebenfalls, wie verwandelt und menschlich erleichtert alle ihre Kollegen plötzlich wirkten; als wĂ€re von allen eine unsichtbare Last abgefallen. Irgendwann wurde sie vom Schulleiter zum Tanzen aufgefordert und sie ließ sich von ihm ohne Widerreden auf die TanzflĂ€che fĂŒhren.

Gegen Mitternacht, sie hatte Stefan bereits vor Stunden ĂŒber den geplanten Verlauf des Abends informiert, bewegte sie sich nur noch wie im Traum. Der DJ steigerte sich scheinbar von Lied zu Lied und spielte nun alle großen Hits ihrer Jugend. Sie drehte sich wie ein Kreisel, mit geschlossenen Augen, zusammen mit den anderen Mitarbeitern und Kollegen auf der TanzflĂ€che, hielt dabei ein leeres Bierglas umklammert, sang lauthals mit und fĂŒhlte sich wie ein Vogel im sanften Sommerabendwind. Ein Sommerabendwind am Meer. Sie war glĂŒcklich. Es war ihr egal, dass sie ziemlich viel getrunken hatte und sich zurzeit nicht mehr genau daran erinnern konnte, wo sie ihre Schuhe gelassen hatte. Es war ihr auch egal, dass sie von allen Seiten verwunderte Blicke erntete. Es war ihr einfach alles egal. Heute Abend wollte sie feiern. Und sie tat es.

XXX

„Und, wie kommst du heim?“, fragte sie ein junger Erzieher, der mit ihr zusammen gegen zwei Uhr aus dem Festsaal gestolpert war. „Mit einem Taxi?“
Seine Stimme klang angenehm dunkel und freundlich. Petra hatte wÀhrend der letzten Stunde fast nur mit ihm getanzt und er war ihr zutiefst sympathisch.
„Nein, ich bleibe heute Nacht hier. Habe einen Schlafsack im Auto und werde mich wohl in meinem Klassenraum auf die Couch legen.“
Der junge Mann bekam große Augen, witterte eine ungeahnte Chance und versuchte Petra seinen Arm um die Schulter zu legen.
„Na, das sind ja schöne Aussichten. Wenn ich es mir recht ĂŒberlege, habe ich gar nicht mehr genug Geld fĂŒr ein Taxi. Wir 
“
„Nee, nee Freundchen“, entgegnete Petra bestimmt. „Lass mal lieber. Wir wollen doch nichts machen, was uns morgen frĂŒh leid tut, oder?“
Sie schob den Erzieher sanft von sich fort, sprach aber mit freundlicher Stimme weiter.
„Du, es war eine tolle Party, aber jetzt muss ich schlafen. Gute Nacht und komm gut nach Hause.“
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, gab ihrem Begleiter einen Kuss auf die Wange und ließ ihn frierend und leicht verwirrt vor dem Eingang des KirchengebĂ€udes stehen.

Es war eiskalt, und schwerer, dichter Nebel lag wie eine dicke Daunendecke ĂŒber dem gesamten GelĂ€nde. Alle GebĂ€ude und HĂ€user waren dunkel - nirgendwo brannte Licht. Je weiter sie sich vom KirchengebĂ€ude in Richtung Hauptparkplatz entfernte, desto leiser wurden die PartygerĂ€usche. Bald waren so viele BĂ€ume und GebĂ€ude zwischen ihr und der Kirche, dass sie nur noch einen leisen Bass hören konnte. Und als sie dann plötzlich vor ihrem Wagen stand und nichts anderes hören konnte als das eigenwillige GerĂ€usch der sich öffnenden KofferraumtĂŒr, wurde ihr mit einem Mal schlagartig bewusst, dass sie sich alleine mitten in einem Wald befand. Sie lauschte. Nichts. Durch den Nebel konnte sie die Umrisse des 2-stöckigen VerwaltungsgebĂ€udes sehen. Links daneben befanden sich eine nun menschenleere Wohngruppe und die HolzwerkstĂ€tten. Rechts neben der Verwaltung fĂŒhrte ein kleiner Fußweg durch dichtes Buschwerk direkt auf ihre Schule zu. Trotz ihrer plötzlich aufkeimenden Furcht ob dieser bedrĂŒckenden Finsternis, entschied sie sich, diesen schmalen Pfad zu nehmen, da er den direktesten Weg zwischen Parkplatz und Schule darstellte. ZĂŒgigen Schrittes ging sie ĂŒber den verwaisten Platz und befand sich Sekunden spĂ€ter auf dem gefrorenen Weg als sie das GerĂ€usch hörte. Wie vom Blitz getroffen, blieb sie stehen.
Ist da etwas im GebĂŒsch? Oder folgt ihr jemand? Sie lauscht vor KĂ€lte und Angst zitternd. Nichts. Stille. Nebel und Dunkelheit. Wind bewegt blattlose BĂ€ume. Äste ragen, strecken sich wie drohende, warnende Finger in den schwarzen, sternenlosen Himmel. Erst jetzt realisiert sie, dass sie noch immer barfuss ist. Wo sind meine Schuhe?
Wieder ein GerĂ€usch. Es scheint vom Parkplatz her zu kommen. Petra beginnt zu laufen. Sie spĂŒrt ihre eingefrorenen FĂŒĂŸe nicht mehr, sie atmet keuchend ein und aus. Sie rennt - den Schlafsack unter dem linken Arm, den Kulturbeutel unter dem rechten.
Dann wird es ihr klar: Es sind Schritte. Da ist jemand hinter ihr. Jemand, der schneller geht als sie. Da sieht sie die Schule. Wie eine verlassene Burg aus vergangenen Zeiten liegt sie vor ihr. Noch fĂŒnfzig Meter. Petra greift mit der linken Hand nach dem Kulturbeutel, sucht mit der anderen Hand nach dem SchulschlĂŒssel in ihrer Manteltasche. Sie findet ihn. Eiskalt liegt er zwischen ihren Fingern. Sie hört hinter sich jemanden atmen, keuchen. Noch zwanzig Meter. Sie wagt es nicht, sich umzusehen. Sie schreit. Noch zehn Meter. Noch fĂŒnf, noch zwei. Sie streckt die Hand aus, versucht den SchlĂŒssel ins Schloss zu stecken, lĂ€sst ihn fallen und als er ihr von hinten in den RĂŒcken springt, schlĂ€gt sie mit der Stirn gegen die PanzerglastĂŒr und sinkt benommen zu Boden.

XXX

Als sie wieder zu sich kam, roch sie seltsamerweise zuerst die trockene Heizungsluft. Dann spĂŒrte sie, dass sie lang ausgestreckt auf einer weichen Unterlage lag. Sie öffnete die Augen. Dunkelheit umgab sie. Als sich ihre Augen an die LichtverhĂ€ltnisse gewöhnt hatten, konnte sie StĂŒhle erkennen, die auf einzelnen Tischen standen. Dann sah sie die Tafel mit ihrer eigenen Handschrift: Unterrichtsbeginn: 07.01.2004, 8:45 Uhr, Schöne Ferien!

Sie war in ihrem Klassenraum und lag auf dem Sofa. Ihr altes Sofa, welches ihr ihre Eltern zum 18. Geburtstag geschenkt hatten und das sie zur Verschönerung des Klassenraums mit in die Schule gebracht hatte.
Dann sah sie die dunkle Gestalt, die auf ihrem Platz hinter dem Pult saß. Ein Gesicht konnte sie nicht erkennen.
Obschon es mindestens zwanzig Grad Celsius in dem kleinen Klassenzimmer sein mussten, fror Petra. Ihre FĂŒĂŸe fĂŒhlten sich an wie Eisklumpen und sie hatte stechende Kopfschmerzen.
Plötzlich erhob sich die Gestalt hinter dem Pult und kam langsam durch den Klassenraum auf sie zu.
„Tut mir leid, Schlampe, wenn ich dir wehgetan habe. War nicht so geplant.“

Verwunderung und Zweifel machten sich in ihrem Gehirn breit, als ein letzter Funke Restverstand ihr signalisierte, dass es kein unbekannter TriebtÀter und auch kein freundlich wahnsinniger Erzieher mit eindeutigen Absichten war, der da auf sie zukam. Nein, es war eine andere, ihr bekannte Stimme.

XXX

Eine Weihnachtskerze wurde angezĂŒndet und Petra sah direkt in Mircos Gesicht. Es war keine dreißig Zentimeter von ihrem entfernt. Er roch nach starkem Alkohol und Zigarettenrauch.
„Mirco, was willst du von mir?“ Petras Stimme klang heiser und belegt.
Mirco stellte die Kerze auf den Beistelltisch neben der Couch und kramte eine Zigarette aus seiner Hemdtasche. Im Licht der Kerze konnte Petra erkennen, dass es völlig verdreckt und zudem am linken Ärmel aufgerissen war.
Mirco zĂŒndete sich die Zigarette an und blies ihr den Rauch ins Gesicht.
„Du erlaubst doch, dass ich rauche, oder? Du wirst verstehen, dass ich bei der ScheißkĂ€lte keinen Bock habe, extra bis in die Raucherecke zu gehen.“
Petras Kopfschmerzen brachten sie fast um, doch sie riss sich zusammen. Trotz der vielen Gedanken und GefĂŒhle, die ihr durch den Kopf und den Bauch schossen, dachte sie plötzlich darĂŒber nach, wie falsch ihr der Zigarettenrauch in ihrem Klassenraum vorkam. Er passte irgendwie nicht hierher und ließ die Situation noch irrealer erscheinen.
„Mirco, was hast du vor?“ Langsam richtete sie sich auf. Sie wollte nicht liegen, wĂ€hrend er in der Hocke vor ihr verweilte. Mirco erhob sich und trat einen Schritt zurĂŒck.
„Keine Ahnung. Erst mal zu Ende rauchen und dann mal sehen.“
„Dann mal sehen? Tolle Antwort, Mirco.“ Petra merkte, wie sich ein neues GefĂŒhl in ihre vom Alkohol durchschwĂ€ngerte Furcht mischte: Es war Wut und sie wunderte sich selbst am meisten darĂŒber. Doch sie konnte sich nicht mehr bremsen. Mit zitternden Beinen stand sie auf. Ihre FĂŒĂŸe brannten, als liefe sie ĂŒber glĂŒhende Kohlen.
„Dann mal sehen?“, schrie sie jetzt schrill auf. „Na super! Hast ja auch noch nicht genug Scheiße gebaut in der letzten Zeit. FĂ€llt in deiner Akte ja gar nicht weiter auf, wenn jetzt auch noch Freiheitsberaubung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung und Vergewaltigung dazukommt, was?“ Ihre Stimme bebte und sie fragte sich, welcher Teufel sie ritt, dass sie ihrem Widersacher solche Dinge an den Kopf warf.
Mirco trat blitzschnell einen Schritt auf sie zu und schlug ihr so heftig gegen die Schulter, dass sie zurĂŒck auf das Sofa fiel.
„Schnauze, du Schlampe! Halt deine erbĂ€rmliche Fresse!“
Dann drehte er sich wieder um und zog an seiner Zigarette, wÀhrend Petra sich auf der Couch wimmernd zusammenrollte und ihre Schulter massierte.

XXX

Mirco hatte sich wieder auf den Schreibtischstuhl hinter ihrem Pult gesetzt. Die Beine lagen auf der Tischplatte.
Er hatte inzwischen mindestens drei weitere Zigaretten geraucht und die Kippen durch den ganzen Klassenraum geschnippt.
Es lag eine bedrĂŒckende und unheimliche Stille ĂŒber den zwei Menschen. Petras Schmerzen hatten etwas nachgelassen. Sie saß jetzt wieder aufrecht auf dem Sofa und starrte Mirco unentwegt an. Dann hörte sie ihn reden:
„Ich wollte auch immer Lehrer werden. Muss cool sein, soviel Hausaufgaben aufgeben zu dĂŒrfen, wie man will. Und dann kann man die SchĂŒler am nĂ€chsten Tag auch noch bestrafen, wenn sie was nicht gemacht haben. Ist voll der Machtmensch, so ein Lehrer. Was ist mit dir, Schmidt? Warum bist du Lehrerin geworden? Gib es zu, du warst auch geil auf die Macht, oder? Bist doch wahrscheinlich in deiner Jugend auch nur verarscht worden, oder? Und jetzt rĂ€chst du dich auf deine Weise an der bösen Jugend, indem du sie herumkommandierst.“

Petra sagte kein Wort. Sie starrte ihn nur weiter an. Es war ihr noch immer unbegreiflich, wie sie in diese Situation kommen konnte.
„Ist ja auch egal. Ich wollte zumindest immer Lehrer werden. Aber soll ich dir was sagen? Was ganz Ehrliches? Ich hab meine Lehrer immer irgendwie gehasst 
, na ja, ... und irgendwie hab ich sie auch gemocht.“ Er zĂŒndete sich eine weitere Zigarette an.
Petra richtete sich ein wenig auf. „Du hast sie gemocht? Aus deiner SchĂŒlerakte geht nicht gerade hervor, dass du deine Lehrer mit Samthandschuhen angefasst hast. Da stimmt doch was nicht.“
Mirco blies den Rauch gegen die Zimmerdecke. Der Kerzenschein ließ sein Gesicht Ă€lter und verlebter aussehen.
„Doch, doch. Irgendwie waren viele von denen echt in Ordnung. Waren halt immer fĂŒr mich da, verstehst du? Waren jeden Morgen pĂŒnktlich zur Stelle, um mich fĂŒr nicht gemachte Hausaufgaben zu bestrafen. Echt, da konnte man die Uhr nach stellen. PĂŒnktlich um fĂŒnf nach acht hatte ich meine erste sechs des Tages kassiert. Echt. Das ist so ziemlich das Einzige, was in meinem Leben stĂ€ndig geklappt hat. Da konnte man sich drauf verlassen, die Scheiß Pauker, die.“
„Was ist heute passiert, Mirco? Wolltest du nicht ĂŒber Weihnachten zu deinem Bruder nach Essen fahren?“ Petra stand vorsichtig auf und ging langsam auf Mirco zu. Sie hatte seit zwei Jahren keine Zigarette mehr geraucht, doch in diesem Augenblick hĂ€tte sie ein Monatsgehalt fĂŒr eine hergegeben. Mirco kratzte sich hinter dem Kopf und blies dabei erneut den Rauch gegen die Decke.
„Ach Scheiße. Der hat gestern Abend angerufen und gemeint, ich könnte nicht kommen. Der ist krank. Schwere Grippe. Und da war er so blöd, hier anzurufen. Muss das ja jedem auf die Nase binden, dass er sich dann nicht um mich kĂŒmmern kann, und so. Und die von der Gruppe haben dann beim Jugendamt angerufen und die wollten mich dann bis Januar in eine Übergangswohngruppe stecken, weil hier doch kein Erzieher da ist und niemand Dienst hat. Weil doch alle Jungen zu Hause sind.“
Mircos Stimme klang nun plötzlich etwas weicher.
„Und dann?“ Petra setzte sich auf einen SchĂŒlerstuhl in unmittelbarer NĂ€he des Pultes.
„Na, dann bin ich abgehauen. Direkt weg aus der Gruppe. Bin so wie ich war, ohne Jacke durch den Wald zum Dorf. Wollte zum Bahnhof und dann versuchen, irgendwie zu meinem Bruder zu kommen. Aber am Bahnhof standen die Bullen rum. Dann hab` ich mir einen Roller von so einem Kerl geschnappt; der war schon erwachsen.“
„Und dann?“
„Na, was wohl? Der hat sich gewehrt und dann hab ich ihm einen gegeben. Richtig durchgelassen habe ich den, so wĂŒtend war ich plötzlich. Der hat nur so laut gerufen, dass die Bullen mich direkt gesehen haben.“
„Wie, das ganze hat sich am Bahnhof abgespielt? Vor den Augen der Polizei?“
Mirco nahm die FĂŒĂŸe vom Pult und stĂŒtzte den Kopf auf die HĂ€nde. Seine Ellenbogen lagen auf seinen Knien.
„Ja, halt hinter einer Bushaltestelle. Konnte ja nicht wissen, dass der Typ Ärger macht.“
„Und wie alt war der Mann?“
„Keine Ahnung. Auf jeden Fall viel Ă€lter als du. Sah ungefĂ€hr so aus wie der Hausmeister.“
„So alt?“ Petra war schockiert. „Unser Hausmeister wird im nĂ€chsten Jahr sechzig.“
„Ja, vielleicht `n bisschen jĂŒnger. Keine Ahnung. Ist mir auch egal.“
Wieder dieses Kratzen hinterm Kopf. Dann drĂŒckte er die Zigarette auf dem Holzboden aus.
„Und was war nachher mit dem Mann?“
„Keine Ahnung. Der lag da halt. Ich bin dann direkt abgehauen. Zum Sportplatz. Dort hab ich die TĂŒr von diesem Vereinsheim da eingetreten. Weißte, von dem Fußballverein. Und da war dann dieser Partyraum mit Theke und tausend Flaschen Schnaps. Und da konnte ich halt nicht Nein sagen ...“
Petra sah ihm direkt ins Gesicht. „Und warum bist du jetzt hier?“
„Irgendwann kamen da so ein paar Typen. Und da bin ich weg. ZurĂŒck durch den Wald, hierher. Wollte in die Klasse einsteigen. Mich aufs Sofa hauen und ein bisschen schlafen. Und morgen frĂŒh? Mal sehen, ob ich nicht doch irgendwie nach Essen trampen kann.“
„Und wie geht`s dir jetzt?“ Petras Stimme klang ruhig, fast mĂŒtterlich.
Mirco sah sie verwundert an. Und plötzlich erkannte Petra TrĂ€nen in seinen Augen. Er wirkte nun nicht mehr alt und verlebt. Er war plötzlich wieder der kleine Junge, der er immer gewesen war und niemals hatte sein dĂŒrfen.
„Wie solls mir schon gehen? Wie immer halt. Beschissen!“
Petra ĂŒberlegte einen Moment lang, wie sie auf seine Antwort reagieren sollte; dann stand sie einfach auf, trat um das Pult herum und legte Mirco eine Hand auf die Schulter. Der Junge wehrte sich noch einige Sekunden gegen seine GefĂŒhle, doch schließlich lehnte er seinen Kopf schluchzend gegen Petras Seite, wĂ€hrend seine Lehrerin damit begann, ihm sanft ĂŒber den Kopf zu streichen.

XXX

Es war halb neun, als der Polizeiwagen auf das GelĂ€nde der Einrichtung fuhr. Der Himmel wies bereits erste Spuren von Morgenröte auf, und es wehte ein eisiger Wind. Es sah aus, als wĂŒrde am Horizont ein riesiges Himmelsfeuer lodern. Warm und gewaltig. Petra und Mirco standen rauchend vor der PanzerglastĂŒr der Schule und beobachteten die zwei Polizeibeamten, die den kleinen Fußweg entlang kamen.
Mirco schnippte seine Zigarette auf den Boden und trat sie aus. Dann drehte er sich zu seiner Lehrerin um.
„Hauptsache, Sie gewöhnen sich das schnell wieder ab.“
Petra lĂ€chelte und ließ ihre Zigarette ebenfalls auf den Boden fallen.
„Da mach dir mal keine Sorgen, Mirco. Das kriege ich schon irgendwie hin.“
„Es tut mir leid, ich wollte ihnen heute Nacht nicht wehtun. Und das mit dem Korb gestern Morgen tut mir auch leid.“
Petra berĂŒhrte ihn fĂŒr eine Sekunde mit der Hand an der Schulter. „Schon vergessen.“
Dann waren die zwei Polizisten da.
„Sind sie Frau Schmidt? Die, die eben bei uns angerufen hat?“
„Petra nickte und reichte dem ersten Beamten die Hand.
„Na und das ist dann wohl der ÜbeltĂ€ter, nicht wahr?“
Der zweite Polizist griff nach Mircos Arm.
„Ich kann alleine laufen. Sie brauchen mich nicht anzufassen.“
Der erste Beamte kam nun hinzu und griff nach Mircos zweiten Arm.
„Das entscheiden wir, mein BĂŒrschchen. Dann komm mal mit.“
Mirco begann sich zu wehren, doch der zweite Polizist drehte ihm blitzschnell den Arm auf den RĂŒcken, so dass Mirco in die Knie ging und zwei Sekunden spĂ€ter der LĂ€nge nach auf dem eisigen Boden lag. Dann war er plötzlich ganz ruhig. Er hatte die Augen geschlossen; mit der Stirn berĂŒhrte er fast die zuvor ausgetretene Zigarettenkippe.

Petra ging auf die Polizisten zu und sagte:
„Ich glaube, sie können ihn jetzt wieder aufstehen lassen. Er hat sich doch freiwillig gestellt.“
Die Polizisten rissen Mirco unsanft in die Höhe.
„FrĂ€ulein, jetzt passen Sie mal auf!“ Der Mann keuchte, und Mirco sah zu Boden. An seiner Wange klebte Schmutz. „Sie haben hier heute Nacht einen verdammt guten Job gemacht. Ehrlich. Spricht fĂŒr Sie als Lehrerin, dass Sie so einen Bastard hier ruhig gestellt und dafĂŒr gesorgt haben, dass er nicht wieder abhaut. Aber jetzt ĂŒbernehmen wir die Sache, in Ordnung?“
Die Beamten nickten ihr zu. „Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch, Frau Schmidt.“
Dann fĂŒhrten sie Petras SchĂŒler ab.

XXX

Und wĂ€hrend sich der Nebel langsam verzog und Platz fĂŒr den neuen Tag machte, stieg die Sonne blutrot am Horizont auf. Und dann saß auch der letzte Junge in seinem Taxi. Und zurĂŒck blieb seine Lehrerin, die sich langsam umdrehte, das SchulgebĂ€ude betrat und zielsicher ihren Klassenraum ansteuerte, um diesen vor den Weihnachtsferien noch einmal aufzurĂ€umen. Und auf ihrem Gesicht lag ein LĂ€cheln.

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