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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der letzte Tag
Eingestellt am 02. 12. 2014 12:03


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DasKatastrophenprinzip
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Der letzte Tag

Heute ist es soweit, das Kunterbunt wird geschlossen. Nach zwanzig Jahren ist Schluss. Natalina, von allen Natti genannt, hat zur großen Abschiedsfete geladen. In der Finkenstraße an der Ecke zum Pariser Platz, einst beste Lage, war es jahrelang der Treffpunkt fĂŒr Streuner, Musiker, KĂŒnstler, Studienabbrecher, Alt-Hippies und alle Nicht-Konformisten, die gerne auch 2014 noch 'nen Kaffee fĂŒr 'ne Mark trinken. Den gibt es nĂ€mlich noch im Kunterbunt, besser gesagt, wird es im Kunterbunt gegeben haben. Der Kaffee fĂŒr 'ne Mark ist derweil zukĂŒnftiger Schnee von gestern. Ein Minimarkt kommt da jetzt hin, vielleicht auch ein Puff. Letztere gibt es hier neuerdings im Überfluss, der Franzosen wegen, die haben sowas nĂ€mlich gar nicht; deshalb kommen sie rĂŒber und gehen einkaufen wegen der niedrigeren Mehrwertsteuer, gehen tanken weil hier immernoch billiger ist, gehen bumsen - weil man das hier nĂ€mlich darf - fĂŒr das Geld, das sie beim Einkaufen und Tanken sparen konnten.

Im Kunterbunt gibt es zum Kaffee fĂŒr 'ne Mark auch ein KĂŒchlein fĂŒr 'ne Halbe. Auch wenn aus der lĂ€ngst Euro und aus der halben fĂŒnfzig Cent geworden sind; aber wo bekommt man noch 'nen Kaffee fĂŒr einen Euro? Das gibt es nur im Kunterbunt. Die Natti macht das alles, macht den Kaffee, backt den Kuchen. Ab nĂ€chster Woche, sagen die, die es wissen mĂŒssen, wird sie in einer Kantine arbeiten, dort Brötchen belegen, morgens um halb fĂŒnf, fĂŒr fĂŒnf Euro die Stunde. „Aber besser als gar nichts“, sagt Karl. „Was ist eigentlich mit dem Mindestlohn?“ „Mindestlohn?“, höhnt der Karl, „den gibt es doch nur im Fernsehen. Geh fĂŒr fĂŒnf oder geh gar nicht arbeiten, so sieht's doch wohl aus.“

Der alte Manu, eigentlich Michael, warum man ihn Manu nennt weiß keiner, weint schon seit einer Woche. Mittags isst er immer Suppe im Kunterbunt. Mal KĂŒrbis, mal Kartoffel, mal dick mal dĂŒnn. Meist dĂŒnn. FĂŒr eins fĂŒnfzig, frĂŒher Mark jetzt Euro. „Du bist zu billig“, konstatiert Flo, meint natĂŒrlich nicht Natti sondern die Suppe und den Kaffee. „Klar, dass du die Miete nicht mehr zahlen kannst.“ Flo ist hip, nein kein Hippie, nicht wie in den Sechzigern, sondern Hipster, nein auch nicht wie in den FĂŒnfzigern. Natti kann damit nichts anfangen: Hippie, Hipster, hip? Flo ist arm, arbeitslos, mal studiert er, dann doch wieder nicht. Bekommt hin und wieder was von den Eltern: I-Pod, -Pad, -Phone, I-irgendwas aber keine Kohle und trinkt immer 'nen Kaffee fĂŒr 'ne Mark. Isst aber nie. Keine Suppe. Suppe sei nicht hip meint Manu, und Hippies oder Hipster essen nur hippe Sachen. Natti lacht, sie lacht immer, sogar jetzt noch obwohl Manu weint, weil er nicht weiß, wo er ab morgen hin soll. Alle haben Natti lieb und sind traurig. Natti selbst ist gar nicht so traurig - sie wirkt gelassen -, dabei ist das Kunterbunt doch ihr Leben. Damals mit ihrem Mann hat sie es aufgebaut. Ein CafĂ© aufzubauen mit BĂŒchern und Kaffee und Suppe und allem was dazu gehört, war das nicht ihr gemeinsamer Traum? Sie hatten Geld, kauften das Haus; dann starb Harry, Nattis Mann, hatte ein Aneurysma. Keine Chance. Nach zehn Minuten war er innerlich verblutet. Natti kam darĂŒber hinweg, glauben diejenigen zu wissen, die Natti zu kennen glauben, weil sie den Traum, den sie mit ihrem Mann gemeinsam ertrĂ€umt hatte, nun lebt: Ausgestattet mit gelben Tischen, roten und grĂŒnen StĂŒhlen, kleinen rosa-roten Bilderrahmen, braunen TĂŒrrahmen, tĂŒrkisen VorhĂ€ngen, auberginefarbener Theke und knallbuntem Geschirr, so ist das Kunterbunt. Farbenfrohes Chaos gefĂŒllt mit schrulligen GĂ€sten. Bei Natti herrscht immer Unordnung, leider auch in der Kasse, deshalb stimmt es nie so richtig, vielleicht ist ihr darum nicht aufgefallen, dass sie so viele Schulden hat. Einen guten Preis habe sie fĂŒr das Kunterbunt bekommen, es ist groß und hat einen Keller und die Wohnung darĂŒber gehört auch dazu. Und das Haus ist in einem hervorragenden Zustand. „Bist du traurig?“, frage ich Natti. „Nein“, sagt sie bestimmt.

Gegen Nachmittag sind alle da, weniger als erwartet. Überwiegend StammgĂ€ste. Man kennt sich. Der dicke Alfons, dessen gruselige Schnauzerspitzen im Kaffee planschen. Die dumme Tina in Leggings und Katzenpullover, selbst fĂŒnfzig und irgendwo in den Achtzigern geparkt. Der Flo und der Manu, die Michi und die Dani. Und ein paar mehr oder weniger farbenfrohe Gestalten geben dem Kunterbunt die letzte Ehre: NatĂŒrlich trinken alle 'nen Kaffee fĂŒr 'ne Mark. Fröhliche Musik lĂ€uft, man erzĂ€hlt sich von frĂŒher, als es noch einfach war ein CafĂ© zu betreiben, die Menschen noch auswĂ€rts aßen und Kaffee tranken und sowieso alles grĂŒn und heiter war. Natti hĂ€lt sich raus, will nichts wissen von alten Zeiten. Sie alleine, frisch verwitwet, mit einem Lokal das kunterbunt wurde, weil sie kein Geld fĂŒr schicke Sachen hatte, weil sie Farbreste benutzte und Möbel vom Flohmarkt. Weil sie Umsatz machen musste und alle GĂ€ste, egal welche, willkommen hieß, um ĂŒber die Runden zu kommen. Ich schaue sie an, die Natti, faltig geworden von den Sorgen, grau von der Arbeit. Fit ist sie aber noch und schlau. Ich sehe ihr ins Gesicht, hinter die Maske, mit der sie geschickt jedem zeigen kann, was er sehen will. Die GĂ€ste bekommen bei Natti immer wonach sie bitten und sehen eben das, was sie sehen wollen. Und ich sehe eben Natalina, weil ich sie will, weil ich nach ihr bitte. Wir haben Niemandem von unserem Lottogewinn erzĂ€hlt. Niemand weiß, dass wir die Tickets schon haben. Was niemand ahnt: Morgen brennen wir durch. Das Kunterbunt ist verkauft und Natalina ist endlich frei. Kann raus aus dem Traum, den ihr Mann einst trĂ€umte und der ihr sorgenvolle NĂ€chte brachte.

„Wirst du es vermissen, das Kunterbunt?“, frage ich sie am Ende des Tages. Sie lacht und weint, lacht wieder: „Nicht in New York oder Tokyo. Nicht auf den Philippinen!“


__________________
Alles, was wir ĂŒberhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein.

Version vom 02. 12. 2014 12:03

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