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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der letzte Tag
Eingestellt am 11. 10. 2017 14:52


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Blumenberg
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Der letzte Tag


Seit dem Aufstehen spĂŒre ich ein gefrĂ€ĂŸiges Etwas, das heute zusammen mit mir aufgewacht ist und an meinen Nerven nagt. Nach der Dusche hat es sich zunĂ€chst zurĂŒckgezogen, aber kaum habe ich mich an den Tisch gesetzt und bei einer Tasse Kaffee den Kalender aufgeschlagen, kommt es wieder. Heutiger Termin: Die AnkĂŒndigung einer freudlosen halben Stunde voller GlĂŒckwĂŒnsche und guter RatschlĂ€ge. Danach ist der Kalender leer.

Ich habe mir meinen Ruhestand einmal im Anschluss an einen Banktermin vorgestellt, weil mich jemand nach meinen VorsorgeplĂ€nen gefragt hat. Es sollte ein beschaulicher Lebensabend sein. Ein kleines HĂ€uschen in der Provence, das in ferner Zukunft auf mich wartet. Genauer gesagt im Jahr 2038. Auf eigenen Wunsch vielleicht auch frĂŒher. Aber alles ist schneller gegangen und mit einem eigenen Wunsch hatte es nichts tun. Ein ernster Zusammenbruch (Ursache physischer Natur!), schon stand der Termin im Kalender. Dazu kam eine zwanzig Jahre jĂŒngere, belastbare Ausgabe meiner selbst, die meine Stelle ĂŒbernehmen wird und die ich in den letzten Wochen per Skype – schließlich war ich krankgeschrieben – mit den wichtigen AblĂ€ufen vertraut machen durfte.

Heute ist casual Friday. Meine Sachen liegen bereit, wie immer am Vortag herausgelegt. Ob zwecks Verabschiedung eine Krawatte angemessen ist? Ich vermute, einer meiner Vorgesetzten wird anwesend sein und ich will auf keinen Fall einen schlechten Eindruck machen. Ein kurzer Blick auf die Uhr, der Griff nach dem Jackett und ich gehe, mein Etwas im Schlepptau, zur TĂŒr.
Ein gestern in Augenhöhe angebrachter Zettel bringt mich mit dem Hinweis aus dem Konzept, heute, entgegen aller Gewohnheit, an meine ErsatzschlĂŒsselkarte zu denken. Im ersten Moment will ich sie holen, entscheide mich aber doch dagegen. So habe ich Grund zu einem spĂ€teren Besuch und den letzten Tag in der Firma durch diesen Kunstgriff noch einmal aufgeschoben.
Der Weg zur Arbeit dauert mit dem Auto kaum zehn Minuten, trotzdem fahre ich immer mit einem Puffer von weiteren zehn. Die Vorstellung, zu spĂ€t im BĂŒro zu erscheinen, ist mir ein GrĂ€uel. Heute allerdings sehne ich mich geradezu danach, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Irgendetwas, das die Gleichförmigkeit meiner Routine durchbricht und mir erlaubt, den kurzen Weg auszukosten. Als nichts passiert, fahre ich eine Querstraße vor meinem Arbeitsplatz plötzlich ab und will einmal um den Block. Kaum abgebogen, fĂŒhlt es sich falsch an: eine trotzige Geste, lĂ€cherlich in ihrer Plattheit. Ich wende, parke den Wagen in der Tiefgarage und fahre hinauf.

Um 8:02 Uhr öffnen sich die FahrstuhltĂŒren: Die Empfangsdame sieht auf und rĂŒstet sich zum Gruß. Sie staunt wahrscheinlich nicht schlecht, als sich die TĂŒren mit einem leisen Pling wieder schließen, ohne dass ich ausgestiegen bin. Als sie, neugierig geworden, den Etagenknopf drĂŒckt, der die TĂŒr des Aufzugs öffnet, und einen Blick hineinwirft, stehe ich erstarrt in der Mitte der Kabine. Erst auf die Frage, ob alles in Ordnung ist, vermag ich zu reagieren.

„Ich bin noch nie zu spĂ€t gekommen“, sage ich etwas hilflos in dem Versuch zu erklĂ€ren, was eben passiert ist. Ich kann ihr ja schlecht erzĂ€hlen, dass Etwas habe angesichts der kĂŒnstlichen VerspĂ€tung Hunger bekommen und wieder an meinen Nerven genagt. Auch wenn das der Wahrheit entspricht.
„Wenigstens ist das erste Mal auch das letzte Mal, dass Ihnen so etwas passiert“, antwortet sie eifrig und lĂ€chelt mich aufmunternd an. „Ich bringe Ihnen gleich einen Kaffee, dann haben Sie etwas zum WĂ€rmen, wĂ€hrend Sie Ihr BĂŒro ausrĂ€umen.“
„Lassen Sie nur, Frau Kappnik, das ist nicht nötig. Ich brauche nicht lange. Sind ja nur ein paar Sachen.“. Mit wiedergewonnener Kontrolle ĂŒber meine Muskeln haste ich an ihr vorbei zu meinem Arbeitsplatz. Schnell schließe ich die TĂŒr hinter mir, setze mich an den Schreibtisch und lasse zum Abschied meinen Blick durch den Raum schweifen. Ich mochte mein BĂŒro. Es ist recht hell, ansonsten typisch fĂŒr den Mittelbau. Nicht zu klein, aber eben auch nicht so groß, dass es fĂŒr mich nicht seit meinem Einzug Ansporn gewesen wĂ€re, mich weiter unermĂŒdlich in meine Arbeit hineinzuknien, um irgendwann in ein wirklich großes und noch helleres BĂŒro umzuziehen. ,Schluss mit der TrĂ€umerei’, ermahne ich mich. ,Hör auf, das Ding in dir zu fĂŒttern! Es wĂ€chst nur und lacht ĂŒber dich.‘ Ich sehe auf die Uhr und verstaue die wenigen persönlichen Dinge – ein Bild meiner Eltern, meinen FĂŒllfederhalter und ein bisschen Kleinkram – in meiner Aktentasche. Dann mache ich mich auf den Weg zum Aufenthaltsraum, in den mich meine ehemaligen Kollegen zitiert haben.

Das halbe Dutzend bekannter Gesichter aus meiner Abteilung hat sich artig um den in der Mitte stehenden stellvertretenden Abteilungsleiter Lohmann aufgestellt. Ein etwas gezwungener Applaus empfĂ€ngt mich und ich ringe mir ein gequĂ€ltes LĂ€cheln ab. Jemand drĂŒckt mir, als ich nĂ€hertrete, ein StĂŒck Kuchen in die Hand. Lohmann, ein sonnengebrĂ€unter Mittvierziger in Jeans, Hemd und tailliertem Sakko, schĂŒttelt mir die kuchenstĂŒckfreie andere. „So förmlich, Stickel? Es ist doch Freitag“, sagt er mit gespielt strengem Gesicht, lĂ€chelt dann aber milde, als wolle er mir den krawattenen Fehlgriff ausnahmsweise noch einmal durchgehen lassen. HĂ€tte ich mir eigentlich denken können, was ist schon eine Abschiedsfeier gegen die Macht der Gewohnheit.

„Der Chef lĂ€sst sich entschuldigen. Er hat ein strategisches Meeting mit Ihrem Nachfolger. Ich war vorhin schon kurz dabei; alles state of the art, was der einbringt! Muss nach dem Termin hier auch gleich wieder hin.“ Es entsteht eine etwas peinliche Stille, da ich nicht so recht weiß, was ich antworten soll, und stattdessen den Kuchenteller in meiner Hand mustere.

„Aber egal! Der Chef bat mich, Ihnen alles Gute fĂŒr Ihren weiteren Lebensweg zu wĂŒnschen und Ihnen im Namen der Firma diesen Gutschein fĂŒr ein Wellnesswochenende in Bad Godelsberg zu ĂŒberreichen. Damit Sie mal so richtig ausspannen können.“ Seine Stimme hat sich merklich gehoben, so, als wolle er sichergehen, dass jeder der Kollegen Zeuge dieser großzĂŒgigen Geste wird. Einmal in Fahrt, preist er meine zuverlĂ€ssige Arbeit. Man solle sich doch bitte am unermĂŒdlichen Einsatz des Kollegen Stickel ruhig ein Vorbild nehmen. Er betont es, schließlich bin ich fĂŒr den Augenblick so etwas wie ein Kollege der Herzen. Wieder gibt es Applaus und man schĂŒttelt mir der Reihe nach die Hand, wĂŒnscht alles Gute, ab und an ergĂ€nzt von einem: „
 der Kuchen ist köstlich! Den mĂŒssen Sie gleich noch probieren.“ Ohne rechten Appetit tue ich ihnen den Gefallen. Es wird viel geredet, aber wenig gesagt. Keiner fragt mich nach meinen PlĂ€nen, aber ich hĂ€tte ohnehin nichts zu antworten gewusst. Ich hoffe instĂ€ndig, dass der Spuk bald vorĂŒbergeht.

Die nun unwiederbringlich ehemaligen Kollegen wĂŒnschen mir noch einmal das Beste und verschwinden wieder in ihren BĂŒros. Als sie gegangen sind, tritt Lohmann an mich heran. „Was fĂŒr ein netter Abschied! Sie wissen ja, wir legen immer grĂ¶ĂŸten Wert auf ein gutes Miteinander. Ich finde, ein gelungener Ausstand ist als Teambuilding-Maßnahme eine feine Sache. Da wissen die Leute: Die Firma und die Kollegen kĂŒmmern sich bis zum letzten Moment.“ Mit leuchtenden Augen schĂŒttelt er noch einmal meine Hand. „Ach, eines noch, bevor Sie gehen. Sie haben doch bestimmt an die ErsatzschlĂŒsselkarte gedacht?“
Ich bin ĂŒberrascht. Mit so einer Nachfrage habe ich nicht gerechnet. „Verzeihen Sie, Herr Lohmann, die habe ich völlig vergessen. Ich werde sie gleich am Montag vorbeibringen“, lĂŒge ich, mich nach anfĂ€nglicher Überraschung wieder meines Plans entsinnend, den ich vor Arbeitsbeginn geschmiedet hatte. Wenigstens ein kleiner Lichtblick. „Sie haben doch noch nie etwas vergessen! Stickel, es wird wirklich Zeit, dass Sie in Rente gehen!“ Argloses Grinsen lĂ€sst darauf schließen, dass mein GegenĂŒber der Ansicht ist, ihm sei hier ein letzter Spaß zum Renteneintritt geglĂŒckt. „BemĂŒhen Sie sich nicht! Wir können die Karte einfach deaktivieren, dann ist sie nur noch ein StĂŒck Plastik. Aber fachgerecht entsorgen! Unserem Unternehmen ist es ernst mit der MĂŒlltrennung.“ Er sieht auf die Uhr. „Entschuldigen Sie, Stickel. Nun muss ich aber auch wieder! Das Meeting – Sie verstehen bestimmt. Wenn Sie mich fragen, mĂŒsste der Tag eigentlich mindestens 30 Stunden haben! Ich grĂŒĂŸe den Chef und Ihren Nachfolger von Ihnen 
 Ein fantastischer Mann, habe ich Ihnen das schon gesagt?“

Das Etwas hat sich, letztlich satt geworden, ohne Abschiedsgruß auf den Weg gemacht und so greife ich, endlich wieder fĂŒr mich, nach der Aktentasche und mache mich auf den Weg zum Wagen.

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Wipfel
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wipfel

Hi, was fĂŒr ein melancholischer Text. Das wĂ€re dann auch meine Kritik - mir fehlt zum Schluß eine pfiffige Pointe. Zwar wird da etwas mit der SchlĂŒsselkarte angedeutet. Doch dann entpuppt sich meine Hoffnung als Rohrkrepierer. Ansonsten handwerklich sauber gemacht. GrĂŒĂŸe von Wipfel

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aligaga
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UnlĂ€ngst gab es hier einen (allerdings ziemlich albernen) Diskurs darĂŒber, was Narzissmus sei.

Hier wird uns ein diesbezĂŒglicher Prototyp vorgestellt, der uns nicht nur mit seiner Klinik, sondern im Weiteren auch mit nichts anderem als seiner Wehklage ĂŒber die Eintönigkeit und die BanalitĂ€t seines Alltags kommt. Dabei wird offenbar, dass er selbst an seiner augenblicklich dĂŒsterern Stimmung keinerlei Anteil haben will, sondern die anderen und die UmstĂ€nde schuld daran seien.

Schade, dass es dem Protagonisten nicht gelingt, zu erkennen, dass der grau Brei, in dem er watet, zu einem Gutteil aus jenen Ausscheidungen besteht, die von ihm selbst und seinen (Un)tĂ€tigkeiten rĂŒhren. Statt zu erkennen, dass zu einem erfĂŒllten (Arbeits)leben mehr gehörte als nur die Kubatur eines BĂŒroraumes und die Hierarchie in einer Black Box, und statt zu versuchen, im letzten Moment das Ruder herumzusreißen (und z. B. die Bude anzuzĂŒnden), zeigt er uns ein "Etwas", das leider nicht als Gewissen definiert wird und das nicht den AnklĂ€ger spielt, den es eigentlich spielen sollte.

Fazit: Eine langweilige, oberflĂ€chliche Beschreibung der Außenfassade eines BĂŒroturmes. Was in dem wirklich passiert und wie's in einem wirklich aussieht, der am Ende feststellen muss, dass er sein Leben vertan hat, erfahren wir nicht. Der Autor rĂŒhrt in einer Suppe, in der außer Wasser (noch) nichts drin ist. Er hat nicht mal den Herd eingeschaltet.

Sorry, aber das ist leider gar nichts.

Heiter

aligaga

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Blumenberg
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Hallo Ali,

besten Dank fĂŒr deine Auseinandersetzung mit dem Text und das strenge Urteil. Was fĂŒr eine Debatte ĂŒber Narzissmus hier unlĂ€ngst getobt hat kann ich nicht sagen, ich habe nicht daran teilgenommen.

Ob mein Charakter ein Prototyp eines Narzissten ist, scheint mir eine zwar am Thema des Textes ein wenig vorbeifĂŒhrende, aber interessante Frage zu sein. Sicher, er bezieht alles Erleben auf sich, was mir angesichts des Anlasses nicht unbedingt das Zeichen einer Störung zu sein scheint, sondern eher die Differenz markiert zwischen dem eigenen Empfinden eines völligen Umbruchs und der dazu in Kontrast stehenden AlltĂ€glichkeit des BĂŒrotages.
Abgesehen von einer lieblosen zeitlich begrenzten Feier geht alles weiter seinen gewohnten Gang, nur das der Protagonist darin keine Rolle mehr spielt. Formuliert findet sich eine solche Differenz beispielsweise in Dantons Tod von BĂŒchner. Wenn Camille nach Dantons Tod feststellt „Alles regt sich
“ und daraufhin ruft.“ Ich will mich auf den Boden setzen und schreien, daß erschrocken Alles stehn bleibt, Alles stockt, sich nichts mehr regt.“ (Bevor hier MissverstĂ€ndnisse aufkommen, ich will meinen Text nicht mit dem BĂŒchners vergleichen, sondern auf die hier meisterhaft erzĂ€hlte Differenz von Ich und Umwelt hinaus.)
Im Gegensatz zu BĂŒchners Camille, die ihr Vorhaben in die Tat umsetzt, ist der hier vorgestellte Protagonist nicht in der Lage sich selbst aus dem alltĂ€glichen Regen und seinen Routinen zu lösen (abgesehen von platten kleinen Gesten), vielmehr versucht er bis ĂŒber GebĂŒhr hinaus darin erstarrt zu bleiben, obwohl er daran leidet. Das erkennst du auch, wie ich deinem Beitrag entnehme. Aber statt die Leere als Gewissen und damit wie du schreibst als AnklĂ€ger aufzuziehen, möchte ich sie als ein Symbol dafĂŒr verstanden wissen, dass es dem Protagonisten eben nicht gelingt auch nur zu sehen wofĂŒr er sich anklagen könnte. Das Ich definiert sich zum grĂ¶ĂŸten Teil ĂŒber das Arbeitsumfeld und die UnfĂ€higkeit davon abzusehen lĂ€sst keinen Raum sich wirklich mit dem bevorstehenden Umbruch auseinanderzusetzen, dementsprechend farblos fĂ€llt auch seine Reaktion aus. Auch der Rententraum des Protagonisten von der Provence ist entsprechend allgemein und prototypisch. Soll doch ruhig der Leser, wenn er das möchte, als AnklĂ€ger auftreten oder Mitleid empfinden, dass der Text dazu provoziert und Raum lĂ€sst bestĂ€tigst du mir mit deinem Kommentar.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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Kassandro
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Gegenwart

Lieber Blumenberg,

ich möchte einmal eine Grundtendenz thematisieren, die ich in deinen Geschichten wahrzunehmen glaube. In Angestellt ist sie besonders deutlich zum Ausdruck gekommen - schade, dass eine absurde Diskussion ĂŒber Kafka-Nachahmung darauf etwas die Sicht verstellt hat - selbst in der Groteske Die Grabrede nehme ich sie wahr und bei deinem neuen StĂŒckchen ist das Thema wieder ganz deutlich. Man möchte von Geschichten des entfremdeten Lebens sprechen.

Kritische Sozialphilosophen suchen es seit lĂ€ngerem zu fassen: Es geht eine Verwandlung unserer Lebenswelt vor sich, die durchweg den Druck auf die Menschen erhöht, worauf diese mit einem breiten Spektrum von Deformationserscheinungen reagieren. Der Protagonist dieser Geschichte gehört, was du offenbar bevorzugst, auf die resignativ/depressiv/vereinsamte Seite dabei, der andere Pol ist die ĂŒberanstrengte Dauerperformance, wie sie jĂŒngst Andreas Reckwitz in Die Gesellschaft der SingularitĂ€ten beschreibt. Daher halte ich aligagas Narzissmus-Assoziation fĂŒr maximal abwegig.

Die Darstellung von Entfremdung, die du dir in wacher Wahrnehmung der Wirklichkeit vornimmst, ist keine einfache Sache. Sie wird weniger belle und mehr trist ausfallen mĂŒssen und der Frage ausgesetzt sein, wo ihr Unterhaltungscharakter bleibt. Der liegt, wenn man sich dem Typus des modernen Performers und seinen SeelenkĂ€mpfen widmet, höher und wird in Film und Literatur daher bevorzugt. Jedenfalls kann beim Projekt, Entfremdung darzustellen, Gegenwartsliteratur herauskommen - statt eine Heimatstory vom Menschen, wie er wirklich ist, ein vermeintlich zĂŒnftiger Naturbursch.

Es grĂŒĂŸt
Kassandro

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Blumenberg
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Lieber Kassandro,

zunĂ€chst einmal vielen Dank fĂŒr deinen ausfĂŒhrlichen Kommentar. Du hast schon Recht, wenn du schreibst, dass die Protagonisten in meinen Werken vor allem die sind, die bei der Einpassung scheitern und nicht in der Lage sind, ihr Scheitern in ein jetzt erst Recht umzumĂŒnzen, um so doch noch den Sprung auf den davonrasenden Performancezug zu schaffen, von dem sie heruntergefallen sind.

Ich bin vorsichtig mit dem Begriff der Entfremdung, suggeriert er doch, dass es da irgendwo verschĂŒttet im Untergrund ein verdrĂ€ngtes Wahres gebe zu dem es zurĂŒckzukehren gilt. Das fĂŒhrt und hier ließe sich glaube ich auch der Bezug zu unserer Gegenwart herstellen, nur allzu leicht zum Sehnsuchtsort des Heimatlichen als des vermeintlich Wahren, das vergessen auf seine Wiedererweckung wartet. Vor einer solchen schaudert mir, denn die Nation als Heimat ist ein Sehnsuchtsort des letzten Jahrhunderts, der in meinen Augen zu Recht beerdigt ist und in seiner aktuellen blĂ€ulich radikalisierten Form nur der willkĂŒrlichen Ausgrenzung gegen vermeintlich Fremdes dient. Das ist nichts an das sich zu glauben lohnt, sondern vielmehr eine Gefahr, da sich aus dem Rekurs auf die Heimat als ĂŒberzeitliches Wahres, ein Sendungsanspruch entwickeln muss, der Andersdenkende zwangslĂ€ufig ausschließt. Um mich einmal grob an Heidegger anzulehnen: Die welche die Eigentlichkeit und damit das Wahre geschaut haben, machen sich nicht nur immun gegen den Einspruch derjenigen, die vermeintlich in der Uneigentlichkeit verharren, sie erheben sich zugleich zu den Richtern darĂŒber, wer den Jargon der Eigentlichkeit beherrsche, denn der ist das Kriterium dafĂŒr ĂŒberhaupt am Diskurs teilhaben zu dĂŒrfen. Dabei findet eine ausschließlich negative und diffuse Besetzung der Heimat statt. Keiner kann sagen was es denn ist, dass die Heimatlichen aneinander bindet, man vermag nur mit dem Finger auf die zu zeigen, die erkennbar nicht dazugehören sollen oder vermeintlich die Schuld daran tragen, dass das Heimatliche vergessen ist

Ich wĂŒrde daher einen anderen Begriff vorschlagen, den der Verdinglichung. So lĂ€sst sich das Problem benennen, ohne ein metaphysisch Wahres im Hintergrund. Der verdinglichte Protagonist meiner Geschichte wĂ€re in so einer Deutung das kaputte, nicht mehr zu reparierende Teil einer gut geölten Firmenmaschine, das ausgetauscht wird, damit der Motor bloß nicht stottert. Das Problem was sich daraus ergibt: Niemand trauert einem kaputten Keilriemen hinterher oder fragt sich, wie er sich denn fĂŒhlt, jetzt wo er hin ist.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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