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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der letzte Zug
Eingestellt am 29. 11. 2011 18:50


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sesch nesut
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2011

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Der letzte Zug

Beladen wie ein Packesel kÀmpfe ich mich durch die miefige Innenstadt Richtung Bahnhof.
Werkssirenen heulen. Ich bin nahe daran, es ihnen gleich zu tun.
Werde ich es wirklich schaffen?
Hastig schaue ich zur Uhr, 11:32 Uhr. Um 5 vor 12 geht mein Zug.
Nach ein paar Straßenecken stehe ich vorm Bahnhof. Ein schwefelgelbes UngetĂŒm aus Vorkriegstagen. Ich haste hinein. Jetzt noch ein Ticket kaufen und dann die lange Fahrt. Ich merke, wie mir der Schweiß auf die Stirn tritt.
Am Schalter hat sich eine lange Schlange gebildet, doch es geht schnell.
Der Schalterbeamte schiebt mir das Ticket rĂŒber: "Gleis 1".
Ich sehe ihn an. "Was macht es?"
"Nichts!", murmelt er lustlos, "dafĂŒr wird die RĂŒckfahrt richtig teuer".
Ich wĂŒrge ein "Aha" hervor, ehe ich mich im Laufschritt zum Bahnsteig begebe.

Selten bin ich einer grĂ¶ĂŸeren Menschenmenge begegnet als hier. Dicht gedrĂ€ngt stehen sie herum. Ich bahne mir den Weg zum Gleis.
"Du wirst mir fehlen, Heinz" schnappe ich auf, dann ein Rothaariger: "Noch kannst du mitfahren. Überleg’s dir!".
Ein Satz aus einem Kriminalroman fÀllt mir ein: Die wichtigsten Dinge im Leben muss ein Mann allein erledigen.
Ein Pfiff, der Zug fÀhrt ein.
Ich trete meine Zigarette aus und kÀmpfe mich hinein.

Gerangel um einen Sitzplatz. Ich habe GlĂŒck und finde ein Abteil mit einem Paar und einem dĂŒnnen Mann darin. Ich quetsche mich neben ihn. WĂ€hrend ich meine Koffer mit der Ferse unter den Sitz schiebe, sende ich ein Dankgebet gen Himmel.
Ein weiterer Pfiff, die Fahrt beginnt. Ich habe Sodbrennen.
Warum kriege ich jetzt Sodbrennen? Wut steigt in mir auf. Als habe ich es nicht schwer genug.
Meine HĂ€nde ballen sich zu FĂ€usten. Erstaunt sehe ich sie an.
Wie nutzlos mir plötzlich diese HÀnde erscheinen, fast fremd.
Um mich abzulenken taxiere ich das Paar gegenĂŒber.
Er ist ein Fettsack. Sein Doppelkinn hĂ€ngt ĂŒber dem viel zu engen Kragen des durchschwitzten Hemdes.
Sie hat ein Frettchengesicht. Ihr Blick ist huschig und stÀndig nagt sie an ihrer Unterlippe.
Der Mann neben mir starrt aus dem Fenster. Ich ahne, dass er nicht ansatzweise wahrnimmt, was dort draußen vorĂŒberzieht. Ich folge seinem Blick und sehe in der Scheibe jemanden, der ich ist und doch ein anderer. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit mir. Das dunkle Haar, das ĂŒber die etwas zu groß geratenen Ohren fĂ€llt, der sensible Mund... und doch. Das Gesicht ist bleich und die Augen weit aufgerissen.
Als das Frettchen beginnt, sich die FingernÀgel abzukauen, greife ich zum Buch in meiner Jackentasche.
'16 Uhr 50 ab Paddington'. Hoffentlich bewahrt es mich vorm Durchdrehen.
Bevor ich es aufschlagen kann, öffnet sich die TĂŒr. Ein Schaffner mit einem Bauchladen tritt herein. "SĂŒĂŸwaren, Zigaretten, Alkohol, Rauschmittel?", fragt er schmierig grinsend.
Der Dicke erwacht aus seinem Koma und starrt den Schaffner an. Wir alle starren ihn an.
WĂ€hrend der Dicke aufspringt und sich unter lautem Protest des Frettchens einen Schokoriegel kauft, springe ich zum Fenster und reiße es auf. Der eiskalte Zugwind scheint mir das Gesicht zu zerfetzen, wĂ€hrend sich hinter mir ein Drama abspielt. Das Frettchen weint und zetert auf den Dicken ein und ohne mich umzudrehen weiß ich, dass kein Wort davon zu ihm dringt.
"Kommen Sie", sagt der dĂŒnne Mann und zieht mich am Pullover vom Fenster weg. "Sie haben doch wohl nicht diesen Zug genommen, um sich den Tod zu holen".
Wortlos lasse ich mich auf meinen Platz sinken.
Das Frettchen weint in ein Taschentuch. Der Dicke starrt wortlos ins Leere.
Ich verstehe sie. Oh Gott, wie sehr ich sie verstehe.

Der Zug verlangsamt seine Fahrt. Der Schaffner von vorhin öffnet das Abteil und greift den Koffer des Paares. "Ich bedaure sehr, dass Sie uns beim nĂ€chsten Halt verlassen mĂŒssen. Ich hoffe, Sie beehren uns bald wieder".
Die Frau weint noch immer, sie scheint untröstlich zu sein.
Am Bahnhof verlassen eine Menge Leute den Zug.
"Wie weit es wohl noch ist?" murmle ich vor mich hin und starre auf meine seltsamen HĂ€nde.
"So weit, wie es Ihnen erscheint!", erwidert der dĂŒnne Mann.
"Sind Sie Philosoph?", spotte ich und reibe mir das mĂŒde Gesicht.
"So was Ähnliches, mein Junge, so was Ähnliches".
Ich ĂŒberlege kurz, wer mich zum letzten Mal "Junge" genannt hat, als die TĂŒr zum Abteil aufgerissen wird.
"SĂŒĂŸwaren, Zigaretten, Alkohol, Rauschmitt...!"
Mit zwei Schritten bin ich beim Schaffner, packe ihn am Schlafittchen und presse ihn an die Wand.
"Was fÀllt Ihnen ein", schreie ich ihn an. "Wissen Sie eigentlich, was Sie da tun?".
Mit einem Stoß befördere ich ihn aus dem Abteil und lehne mich erschöpft an die geschlossene TĂŒr.
"Beim nĂ€chsten Mal schmeiße ich ihn aus dem Zug".
Der dĂŒnne Mann lacht.
"Was gibt's da zu lachen? Ich meine es ernst!"
"Sind Sie wirklich Àrgerlich auf ihn, oder sind Sie es selbst, der Sie so rasend macht? Sehen Sie, er tut doch nur seinen Job".
"Ach, was weiß denn ich". Trotzig lasse ich mich in den Sitz fallen. "Vielleicht ist es besser, wenn ich an der nĂ€chsten Station aussteige".
"Obwohl Sie wissen, dass Sie eine RĂŒckreise teuer zu stehen kommt? Außerdem bringt es nichts. Ihr Problem nehmen sie mit".
"Ach, und was ist mein Problem, Herr Neunmalklug?"
"Sie, mein Junge. Sie!"

Tag reiht sich an Tag, Station an Station.
Ich starre in den Himmel, der sich nach Wochen grĂ€ulicher DĂŒsternis aufzuklĂ€ren beginnt.
Manchmal dringt sogar ein Sonnenstrahl hindurch. Und vermag er mich auch nicht zu wÀrmen, so hinterlÀsst er doch ein leises Ahnen auf Hoffnung in meinem Herzen.
"SĂŒĂŸwaren, Zigaretten
", tönt es in bekannter Manier.
"Danke, wir haben alles was wir brauchen", höre ich mich sagen.
Der Schaffner schließt die TĂŒr, neben mir kichert es.
"Was ist so lustig? ", frage ich den dĂŒnnen Mann.
"Och, nichts weiter. Ich freue mich nur".
Komischer Vogel, denke ich, und schlage mein Buch auf.
Gerade als Miss Marple den Heiratsantrag Luther Ackenthorpes ausschlÀgt, bremst der Zug.
"Schon wieder eine Station", sage ich zum dĂŒnnen Mann. "Mal gucken, wie viele heute aussteigen".
"Drei", antwortet dieser, ohne von seiner Zeitschrift aufzusehen. "Hier ist Endstation".
"Endstation?", flĂŒstere ich und starre ihn an. "Sie meinen, wir sind am Ziel; wir haben es endlich geschafft?"
Der dĂŒnne Mann schmunzelt: "Ja, genau das meine ich".
Ich stĂŒrze zur Bank, ziehe die Koffer hervor und feuere ihn an.
"Kommen Sie, kommen Sie, wir sind am Ziel! Worauf warten Sie denn noch?"
"Irrtum, mein Junge, Sie sind am Ziel. Ich fahre wieder zurĂŒck".
"ZurĂŒck? Aber wozu dann all die Strapazen? Das ist doch widersinnig
 und teuer, haben Sie gesagt".
"Kostet gar nichts fĂŒr mich. Ich habe ein Freundschaftsticket".
"Oh", stammele ich. Mehr fÀllt mir gerade nicht ein.
"Leb wohl, mein Junge, und das meine ich auch so". Sein gespielt strenger Blick folgt mir zur TĂŒr.
"Ach, noch eine Frage", ich drehe mich zu ihm um. "Woher wissen Sie, dass nur noch drei ĂŒbrig sind?".
"Och, es sind selten mehr als drei", antwortet er und vertieft sich wieder in die Zeitschrift.

Draußen scheint die Sonne und es duftet leicht nach Lavendel und Rosen. Hier werde ich also zu Hause sein. Ich sehe mich um und entdecke eine alte Frau und einen Typ mit Rucksack, die sich ebenso unglĂ€ubig umsehen wie ich.
Ich winke ihnen kurz zu, schnappe meine Koffer und begebe mich in eine nikotinlose Zukunft voller Farben und WohlgerĂŒche.
Die Reise war hart. Zu hart, um sie noch einmal zurĂŒckzulegen.
Die Reise von Wardochimmerso nach Neu-Denken.





Version vom 29. 11. 2011 18:50

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Architheutis
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Registriert: Not Yet

Liebe(r) Chajan,

meine GĂŒte, ist das gut geschrieben. Du verbindest erzĂ€hlerisches Talent mit einer ausgeprĂ€gten Beobachtungsgabe. Zudem verstehst Du es, dem Leser immer nur das nötige Quentchen zu geben. So brennt Deine Geschichte bis zum Schluß, um in der Sprache Deiner Bilder zu bleiben.

Du hÀlst alles in HÀnden, was einen guten ErzÀhler ausmacht. Mach was draus (am besten einfach weiter so).

Toll.
Archi

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Architheutis
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Chaj,

es gibt keinen Grund zur Verlegenheit. Meine bescheidenen Kommentare sind die eines literarischen Neulings. Nicht mehr, vor allem aber nicht weniger. Dass Du mich als "Berufenen" wÀhnst, macht dann wiederum mich verlegen. *grins*

Du hast bisher nur Gutes veröffentlicht. Ich habe einige Male mitverfolgt, wie Neulinge kometenhaft in der LeLu hochgeschossen sind, ihr Nivaeu aber leider nicht halten konnten.

Ein ErklĂ€rung dafĂŒr könnte sein, dass die Erstveröffentlichungen lange vorher entstanden waren - mit aller Sorgfalt ausgearbeitet. In Anbetracht der positiven Reaktionen ist man dann wohl leicht verleitet, jeden halbwegs guten Gedanken direkt zu veröffentlichen.

Es fehlt dann vielleicht die Sorgfalt, die man jedem seiner Texte gönnen sollte. Die Gefahr eines "Schellschusses" besteht aber wohl auch fĂŒr alte Hasen.

Ich bin gespannt, wie es mit Dir weitergeht. Bin da guter Dinge. :-)

Gruß,
Archi


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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Chajan,

deine Geschichte schlÀgt alles in den Schatten, was ich so in letzter Zeit in der ll gelesen habe. Ich gab die Textempfehlung an befreundete Literaturinteressierte weiter, die auch alle begeistert waren.
Ein ganz kleines Haken beim Lesen fiel mir noch auf. Vielleicht hast du Lust das zu Àndern.

Ich wĂŒrge ein "Aha" hervor, bevor ich mich im Laufschritt zum Bahnsteig begebe.
Dieses hervor, bevor klingt nicht so gut. Vielleicht so:
Ich wĂŒrge ein "Aha" hervor, um mich dann im Laufschritt zum Bahnsteig zu begeben oder einfach: ... um dann zum Bahnsteig zu laufen.

LG Uwe

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FrankK
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Nov 2006

Werke: 22
Kommentare: 2322
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Hallo Chajan

Tolle Geschichte, auch wenn ich mich wĂ€hrend des grĂ¶ĂŸten Teils der Fahrt wohl im falschen Zug befand. Irgendwie war ich (bei der ersten Lesung) auf die Idee gekommen, es ginge um den langen, schmerzvollen Weg zum "Nichtrauchen".
Aber so ist es natĂŒrlich noch viel besser. Manchmal muss man sich halt verfahren, um zu erkennen, dass man richtig angekommen ist.

Zu dem Stolperstein den Usch anmerkte:

quote:
Ich wĂŒrge ein "Aha" hervor, bevor ich mich im Laufschritt zum Bahnsteig begebe.
Zwei nahezu gleich lautende Wörter in unmittelbarer Folge.
Wenn Du Dir diesen Satz selbst einmal laut vorliest, bemerkst Du vielleicht die Stolperstelle - es klingt irgendwie blöd.

Mögliche Lösungen wÀren:
Ich wĂŒrge ein "Aha" heraus, bevor ich mich im Laufschritt zum Bahnsteig begebe.

oder:
Ich wĂŒrge ein "Aha" hervor, ehe ich mich im Laufschritt zum Bahnsteig begebe.

oder ganz umgebaut:
Ich wĂŒrge ein "Aha" hervor und begebe mich im Laufschritt zum Bahnsteig.

Wobei mir persönlich die letzte Variante am besten gefÀllt.

Ob Du was daraus machst, bleibt Dir ĂŒberlassen. Das StĂŒck ist zu gut, um es mit ErbsenzĂ€hlerei zu verdaddeln.

Danke fĂŒr dieses Werk.


Viele GrĂŒĂŸe aus Westfalen
Frank

__________________
Leben und leben lassen.

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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hi,

ich ahne, was mein Vorposter meint: Redundanz.

Beispiele (aus meiner Sicht):


quote:
Beladen wie ein Packesel kÀmpfe ich mich durch die miefige Innenstadt Richtung Bahnhof.

Hier wĂŒrde (ich) umstellen:

Wie ein Packesel beladen ...

quote:
durch die miefige Innenstadt Richtung Bahnhof

Idee: kÀmpfe ich mich durch die vermiefte Innenstadt zum Bahnof.


quote:
Werkssirenen heulen. Ich bin nahe daran, es ihnen gleich zu tun.
Werde ich es wirklich schaffen?
Hastig schaue ich zur Uhr, 11:32 Uhr. Um 5 vor 12 geht mein Zug.

Hier sind (meiner Meinung nach) tote Bereiche verklausuliert.

Idee: Werksirenen heulen.
Ich auch.
Nicht zu schaffen. In 25 Minuten geht mein Zug!



NĂŒtzen dir derartige Ideen was? DANN mehr :-)

LG kageb

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Ji Rina
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2015

Werke: 17
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Was fĂŒr eine schöne kleine Geschichte
 WĂ€hrend der ganzen Fahrt fragte ich mich: Wo gehts denn nun hin? Hab mir einiges vorgestellt, jedoch nicht dieses Ende. Genial! Wo ist der Autor abgeblieben? Gibts mal wieder was neues in dieser Richtung?
__________________
Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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