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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der lichte Moment
Eingestellt am 19. 12. 2015 15:00


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TaugeniX
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„Vom Stadldach ist er mir obig`fallen der Bua.“

Er fiel vom Scheunendach – wer weiß, wie der Kleine da raufkam, und lag leise röchelnd am Boden. Aus seinem Mund rann helles Blut. „Mir ham ja damals ka Telefon net ghabt und ka Auto net; mei Dirndl hab ich ins Dorf g`schickt um `n Doktor.“ Eine halbe Stunde war das Mädel schon unterwegs, die Mutter kniete sich vor dem Buben, hielt sein schlaff hängendes Ärmchen, rief ihn beim Namen und heulte verzweifelt mit brechender Stimme, die bald ähnlich dem Röcheln des Sterbenden klang.

Ihre Tochter kam in einem kleinen Militärlaster zurück, in den lauter Russen saßen. Ein junger Bursche in Sowjetuniform sprang raus und deutete der Frau, dass sie mit dem Kind einsteigen soll. „Aber des warn doch die verfluchten Besatzer, i konnt net einsteigen zu die Russen, verstehst, da konnt i net einisteigen.“

Diese Geschichte erzählt Frau K. täglich, wenn sie aber bei Kräften ist und weniger döst, auch mehrere Male am Tag. Sonst spricht sie nichts. Ihr Kurzzeitgedächtnis ist leer, es kann weder die Namen ihrer Pfleger noch die letzte Mahlzeit behalten; auch ihre Vergangenheit ist ausgelöscht bis auf einen einzigen Tag. In Gegenwart dieses einzigen Tages, in der qualvollen, immerwährenden Gegenwart von damals vergeht ihre Zeit. Immer wieder, immer wieder steigen die verdutzten Russen achselzuckend ins Auto und fahren fort; immer wieder stirbt ihr das Kind in den Armen, sie kann ihr eigenes spitzes Kreischen hören und die Stille, in der es sich auflöst.

Schwester Lena hat immer zugeschaut, dass sie nicht zu Frau K. eingeteilt wird, aber jetzt steht der Dienstplan nun mal so und die Stationsleiterin will keine Rücksicht nehmen auf irgendwelche uralten G`schichten. „Schließlich musst du ihr ja nicht sagen, dass du Russin bist, gehst hin und machst ganz normal deine Arbeit.“

„Vom Stadldach ist er mir obig`fallen der Bua.“ …

„Frau K.!“, Lena ergreift ihre Patientin energisch an den Handgelenken, „Frau K., bitte, hören Sie mir zu! Bevor ich Sie pflegen darf, müssen Sie mich anhören!“ So eindringlich hat auf die alte Frau schon lange niemand eingeredet, sie stockt und richtet ihre Augen auf die Schwester. „Frau K., ich bin Russin, verstehen Sie, ich will, dass Sie es wissen. Ich will mich Ihnen nicht so unterschieben. Wenn Sie nicht möchten, dass eine Russin bei Ihnen ist, ist es kein Problem, ich kann `ne andere Schwester holen.“

„Du bist also von den Russen?“ Frau K. starrt ins Leere, ihre Finger nesteln auf dem Bettlaken. „Und wärst du zu der Wehrmacht in ihrenen Wagen gestiegen mit dem Kind?“ – „Ich habe damals nicht gelebt, Frau K., ich weiß es nicht. Meine Großmutter wär niemals eingestiegen, das weiß ich sicher. Seit ich `nen Österreicher geheiratet hab`, redet sie mit mir kein Wort, nicht mal ihren Enkel wollte sie ansehen. So ist es. Aber was sollen wir jetzt tun, Frau K., wir zwei?“

„Wenn du mir bei die Gummistrümpf` helfen tat`st, Kindchen“, Frau K. lächelt sie an, „wie heißt du denn?“ „Lena, Lena, ich heiße Lena“, die Schwester merkt plötzlich, dass sie fürchterlich laut redet und bricht in helles glückliches Lachen aus. Ein riesiger Felsblock hat sich in der Seele ihrer Patientin bewegt und den zugemauerten Eingang freigelassen. Sie, die kleine Pflegehelferin, durfte an diesem Wunder teilhaben. Frau K. erzählt plötzlich auch andere Sachen, - wie sie den Hof nicht derhalten konnte und in die Barackensiedlung nach St. Pölten kam, wie ihre Tochter die Schul` g´schafft hat, wie sie die erste Waschmaschine kauften…

Lena rennt zum Stützpunkt und bettelt den diensthabenden Arzt doch mitzukommen: „Sie müssen sich das ansehen, Herr Doktor, die Frau K. ist wie aufgewacht! – Sie hat mir zugehört und erzählt, und sie hat mich nach dem Namen gefragt!“ Mit einer skeptischen Miene läßt sich der Arzt das Wunder einer Spontanheilung vorführen. „Guten Tag, Frau K.! Wie ist das werte Befinden?“ Doch leider war es ein Wunder von sehr flüchtiger Natur. Die Augen der Patientin sind halbgeschlossen und fixieren die Eintretenden nicht:

„Vom Stadldach ist er mir obig`fallen der Bua.“

__________________
Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht. Th. Fontane

Version vom 19. 12. 2015 15:00
Version vom 19. 12. 2015 18:11
Version vom 19. 12. 2015 18:22
Version vom 20. 12. 2015 15:50

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steky
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo, TaugeniX (mit groĂźem X)!

quote:
„Vom Scheunendach ist er mir obagfallen, der Bur.“

Was Du hier machst, ist extrem schwierig. Ich denke, der Salzburger-Dialekt unterscheidet sich nicht viel vom kärntnerischen. Bei uns hieße es: "Vom Scheinendoch is er mir obagfollen, der Bur." Oder so ähnlich. Dabei kann ich dir leider nicht helfen. Ich bemühe mich stets, mich sauber zu artikulieren. Was leider nicht immer klappt.

quote:
Er fiel vom Scheunendach – weiß Gott wie der Kleine da raufkam – und lag leise röchelnd am Boden.

Nach "weiß Gott" setzte ich ein Komma. Auch stört mich der Teil nach dem Gedankenstrich. Ich würde das so schreiben:
"Er fiel vom Scheunendach - weiß Gott, wie der Kleine da raufkam. Er lag leise röchelnd Boden."

Ich finde es etwas komisch, dass die Pflegehelferin ein schlechtes Gewissen hat, weil sie Russin ist, und es ihrer Patientin aufschwatzt. Das ĂĽberzeugt mich nicht.

Ansonsten eine gute Geschichte, gut erzählt.

LG
Steky

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steyrer
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2009

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Hallo TaugeniX!

Nun, ich bin zwar ein mittelalter Oberösterreicher und kein „alter Niederösterreicher“, aber ich wohne relativ nah an der Grenze zum Mostviertel. Da dürfte es keine allzu großen Unterschiede geben.

Nun zur Sache: Der erste Satz klingt im südlichen Traunviertel etwa so: Vom Stodldoch is a ma obigfoin da Bua. Die o werden etwa so ausgesprochen wie das a in Wall Street. Behutsam dem Hochdeutschen angenähert: Vom Stadeldach ist er mir obig`fallen der Bub. Scheune ist hochsprachlich und geht gar nicht (wenigstens im Traunviertel).

Eine weitere Stelle:

quote:
„Mir han ja damals kan Telefon net ghabt und kan Auto net; mei Dirndl hab ich aufs Dorf g`schickt um `n Doktor

Mir han ham damals ja kan ka Telefon net ghabt und kan ka Auto net; mei Dirndl hab ich aufs ins Dorf g`schickt um `n Doktor.

Telefon und Auto sind sächlich und nicht männlich. Richtig wäre nur kan Wagen. Aufs Dorf erscheint mir spontan falsch, ich kenne das nur wie in aufs Auto (auf das Autodach), aufn Kirtag, oder aufn Friedhof.

Allgemeines:

quote:
Er fiel vom Scheunendach – weiß Gott, wie der Kleine da raufkam, und lag leise röchelnd am Boden.

Das weiĂź Gott ist umgangssprachlich und sollte nur in direkter oder indirekter Rede vorkommen.

quote:
Ihre Tochter kam in einem kleinen Militärlaster zurück, wo lauter Russen saßen. Ein junger Bursche in Sowjetuniform sprang raus und deutete der Frau, dass sie mit dem Kind einsteigen soll. „Aber des warn doch die verfluchten Besatzer, i konnt net einsteigen zu die Russen, verstehst, da konnt i net einisteigen.“

Ihre Tochter kam in einem kleinen Militärlaster zurück, wo in dem lauter Russen saßen.

Hm … diese Weigerung kann ich verstehen. Nicht weil es Besatzer waren, sondern eben Soldaten.

AbschlieĂźend:

Die Grundidee mit dem „lichten Moment“ finde ich durchaus glaubwürdig und ansprechend umgesetzt.

Ich hoffe, ich konnte helfen
steyrer


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