Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95233
Momentan online:
401 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der nackte Mann mit der Farbdose
Eingestellt am 22. 03. 2015 16:42


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
fah
???
Registriert: Mar 2015

Werke: 8
Kommentare: 10
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um fah eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Der nackte Mann mit der Farbdose

Der nackte Mann mit der Farbdose

Der Mann kam aus der U-Bahn, fuhr die Rolltreppe hoch zum Stachus. Er war nicht groß, gut angezogen: heller Staubmantel, Anzug, weißes Hemd, Krawatte. In der Hand hielt er eine bunte Plastiktüte. Er stellte sie neben einer steinernen Bank an den Wasserspielen ab und begann, sich wie in Trance auszuziehen. Den Mantel legte er ordentlich auf die Bank, die Anzugjacke oben auf. Krawatte, Hemd und Unterhemd folgten.
Passanten blieben stehen und schauten neugierig, tuschelten, lachten. Einige zückten die Handys.
Als er die Hose ausgezogen, gefaltet und auf den Kleiderstapel gelegt hatte, reckte er seinen dünnen Körper, der selten Sonne gesehen hatte. Traurig blickte er sich um. In einem immer größer werdenden Halbkreis standen die Menschen mit etwa 10 m Abstand und beobachteten ihn neugierig. Einige feixten, andere filmten.
Er zog die Socken aus und dann die Unterhose. Ein Raunen ging durch die Zuschauer, noch mehr nahmen ihre Handys hoch. Der Mann bückte sich, ging in die Hocke, griff in die abgestellte Tüte und zog eine schwarze Dose und einen Pinsel heraus. Mit einiger Mühe öffnete er die Dose und steckte den Pinsel hinein. Er drehte sich um und ging auf die ihm am nächsten stehende Frau zu. Sie wich zurück.
„Bitte, malen Sie mir das Gesäß damit an. Bitte“, sagte er langsam mit gesenktem Blick.
„Sie, Sie haben sie wohl nicht alle?“, rief die Frau energisch und ging noch einen Schritt weiter zurück.
„Was hat er gesagt?“, rief einer von hinten.
„Er will den Arsch schwarz angemalt haben“, schallte es aus der ersten Reihe zurück. Die Zuschauer wurden unruhiger und drängten weiter nach vorn. Näher als 3 Meter kamen sie dem Mann aber nicht.
„Bitte, alle, ich bitte Sie alle, mir zuzuhören. Ich brauche eine Frau, die mir das Gesäß mit dieser Farbe hier anmalt. Eine unter Ihnen wird das doch können.“
Alle riefen durcheinander: „Der ist krank, wir sollten die Polizei rufen!“
„Völlig durchgeknallt der Kerl!“
„Ich habe die Bullen schon angerufen!“
„Das so was frei rumläuft!“
„Sieht doch toll aus, nackter Mann mit Farbdose am Stachus. Stelle ich gleich ins Netz!“, rief einer der jüngeren Beobachter hinter seinem Smartphone hervor.
„Es ist wegen meiner Tochter“, sagte der Mann mit hochrotem Gesicht.
„1000 Euro für die Frau, die den Pinsel nimmt und mich anmalt“, fügte er hinzu.
„Was, 1000 Euro? Dafür male ich ihn ganz an“, rief einer der hinteren Zuschauer.
„Du nicht, es muss eine Frau sein“, antwortete seine Begleiterin.
„Dann geh’ Du doch. Los, mach schon“, feuerte ihr Begleiter sie an.
„Es geht um das Leben meiner Tochter, bitte machen Sie. Mein Bild mit der Bemalung muss in die Zeitung“, sagte der Mann und hielt die Farbdose hoch.
Die junge Dame, die auf die 1000 Euro aus war, drängte sich gerade nach vorne, als der Streifenwagen mit quietschenden Reifen hielt. Zwei Polizisten bahnten sich den Weg durch die Menge, die immer noch größer wurde, bis zu dem Nackten mit der Farbdose.
„Was ist denn hier los?“, fragte der erste Polizist.
„Der will den Arsch schwarz bemalt haben!“, „Es muss eine Frau sein!“, „Es ist wegen seiner Tochter!“, riefen alle durcheinander.
„Halt, halt! Ruhe! Nicht alle auf einmal. Noch mal. Was ist hier los?“ rief der zweite Polizist.
„Meine Tochter ist entführt. Der Erpresser will, dass ich mir das Gesäß schwarz anmalen lasse. Von einer Frau. Ein Bild davon muss in die Zeitung.“ Tränen liefen ihm über die Wangen.
„Sie ziehen sich an, dann kommen Sie mit und wir klären das auf dem Revier“, sagte der erste Polizist.
Er wendete sich an die Menge: „Gehen Sie weiter, hier ist nichts zu sehen, machen Sie Platz.“
„Aber wenn ich jetzt gehe ohne Anmalen und Bild, dann tut er meiner Tochter was an“, widersprach der Mann mit hektischen, roten Flecken im Gesicht.
„Sie ziehen sich an und kommen mit. Basta“, beendete der zweite Polizist die Diskussion.
Resigniert machte der Mann die Farbdose zu und verstaute sie mit dem Pinsel wieder in der Tüte. Dann zog er sich an und folgte den Polizisten.
...
„Sie heißen also Klaus Miltner, 46 Jahre alt, Inhaber von Miltner Consulting in Giesing?“
„Richtig.“
„Sie behaupten, erpresst zu werden, dass Sie diese seltsame Malaktion am Stachus versucht haben?“
„Auch richtig.“
„Man hat Ihre Tochter in der Gewalt?“
„Richtig.“
„Wer?“
„Weiß ich nicht.“
„Wie hat der Erpresser sie bedroht?“
„Er hat mir eine Mail mit einem Video geschickt. Hier, auf meinem Handy. Sie können es sehen.“
Die Polizisten sahen das Video an, in dem eine junge Frau in großer Angst ihren Vater bat zu tun, was der Erpresser verlangte.
„Wissen Sie, wo Ihre Tochter sich aufhält?“
„Sie ist im Urlaub, in Frankreich, mit einem Freund.“
„Haben Sie versucht, Sie zu erreichen?“
„Bis jetzt noch nicht.“
„Versuchen Sie es.“
Klaus M. suchte in seinem Handy, dann wählte er eine Nummer.
„Stellen Sie auf laut.“
„Hier Linda, bist Du es, Papa?“, klang es hell und fröhlich aus der Leitung.
Klaus M. prallte zurück und stammelte: „Du, Du ... ich denke, Du bist entführt?“
„Geht es Dir gut, Papa? Wieso entführt?“
„Aber ich habe doch ein Video von Dir, in dem Du mich anflehst zu tun, was der Entführer will?“
„Von mir? Keine Ahnung, wovon Du sprichst. Was will er denn von Dir?“
„Ich, ich sollte, ich, ... . Ach ist doch egal, wenn Du gar nicht entführt bist.“
„Also Papa, ich glaube, ich mache weiter Urlaub mit Johann, und Du solltest auch über eine paar Tage Erholung nachdenken. Tschüss, Papa.“ Sie hatte aufgelegt.
Klaus M. blickte verwirrt die Polizisten an. „Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll.“
„Ich glaube, Sie sagen am besten gar nichts. Die Sache hat sich ja wohl erledigt. Das nächste Mal überlegen Sie es sich, wenn Sie so einen Auflauf in der Stadt erzeugen. Es könnte auch Erregung öffentlichen Ärgernisses sein. Betrachten Sie sich als ermahnt.“
...
Klaus M. fuhr nach Hause, völlig durcheinander.
Er setzte sich mit einem Cognac in sein Arbeitszimmer und versuchte zu verstehen, wie ihm jemand ein Video seiner entführten Tochter schicken konnte, die gleichzeitig offensichtlich fröhlich Urlaub machte. Ein leises Ping des PCs zeigte eine neue Mail an. Noch einmal dieser no_one@fastnopennet.com mit einem neuen Video als Anlage. Es zeigte seine Tochter in unnatürlich verkrümmter Haltung auf dem Boden liegend, die Augen verbunden. Sie stammelte schluchzend: „Tu, was er sagt, Papa. Tu, was er sagt.“
Sonst war nichts dabei. Keine weitere Anlage, kein Text.
„Was willst Du denn? Was willst Du denn von mir?“, schrie er wieder und wieder. Voller Wut trat er gegen den Schreibtisch.
Wieder ein Ping. Wieder eine Mail. Absender wie vorhin. Mit Anlage. Eine .pdf-Datei. Handgeschriebene Seiten. Ein Tagebuch. Er begann zu lesen und zuckte zurück, als er zu verstehen begann, was das war.
Als er sich nach einer Weile mühsam wieder gefangen hatte, las er den letzten Absatz:

An den Quäler meines Vaters, der vermutlich sogar verantwortlich für seinen frühen Tod ist,
Ich habe den Plan meines Vaters ausgeführt. Sie haben gesehen, dass es funktioniert hat, was er sich ausgedacht hatte. Es geht eigentlich noch weiter. Aber Ihre Tochter stimmt mit mir überein, dass wir das Ganze abbrechen. Ich bestehe auch auf keinem Foto der Aktion in der Zeitung. Aber nur, wenn Sie darauf verzichten, wegen dieser Angelegenheit zur Polizei zu gehen. Statt dessen sollen Sie sich, bei mir – stellvertretend für meinen Vater – anonym in der Süddeutschen entschuldigen für das, was Sie ihm damals angetan haben.
Nach der Anzeige kehrt Linda zu Ihnen zurück, wenn Sie will. Bis dahin macht sie Urlaub. Vielleicht werden wir sogar heiraten.
Wenn Sie die Anzeige nicht schalten, sehen Sie Linda nicht wieder.
Johann, Peters Sohn

In der Süddeutschen Zeitung erschien ein paar Tage später diese Anzeige unter „Verschiedenes“:

Lieber Peter,
Es zu spät für eine Entschuldigung, da Du schon gestorben bist, wie ich jetzt weiß. Ich bitte dennoch um Verzeihung für das, was ich Dir, Peter, vor so vielen Jahren angetan habe. Es war ein großer Fehler, Dich nackt und mit schwarz bemaltem Gesäß, betrunken auf einer Bank festzubinden und dem Gelächter und Spott der Mitschüler und Lehrer auszusetzen. Ich kann es nicht mehr gut machen. Aber Dein Sohn hat mich gelehrt, dass Untaten und Schlechtigkeiten auch noch sehr viel später auf einen zurückfallen können. Ich danke Dir für die harte Belehrung. Nach einigem Überlegen danke ich auch meiner Tochter, die Deinem Sohn geholfen hat, Deinen Plan umzusetzen.
Klaus

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DocSchneider
Foren-Redakteur
Häufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo fah,

eine skurrile Geschichte! Das Ende - überraschend. Hut ab vor Deiner Fantasie!

VG,
DS

__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung