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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der neue Sommerwein
Eingestellt am 05. 06. 2013 06:55


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krokotraene
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2013

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Sabrina hĂ€lt das Weinglas mit beiden HĂ€nden fest umschlungen. Ihr Blick wandert durch die Runde. Die kleine, feine Gesellschaft ist um die alten WeinfĂ€sser versammelt. Jeder Teilnehmer hĂ€lt ein Glas in HĂ€nden und der Winzer hĂ€lt große Reden ĂŒber seine Weine.

Sabrinas Freundin hat sie dazu ĂŒberredet. Eine Weinverkostung wĂŒrde sie nach der Trennung von ihrem Freund auf andere Gedanken bringen. Missmutig ist sie mitgefahren. Sie, die Wein gerade an der Farbe unterscheiden kann beobachtet nun die Weinkenner und lauscht deren AusfĂŒhrungen. Akribisch beobachtet sie die Bewegungen und Gesten der Anderen, da fĂ€llt ihr Blick auf den jungen Mann, der die WeinglĂ€ser befĂŒllt. Eine stattliche Erscheinung, groß, braungebrannt, muskulös und mit einem sanftem LĂ€cheln im Gesicht. Ihre Augen verfolgen jede Bewegung, jedes LĂ€cheln, jedes elegante Einschenken in die WeinglĂ€ser der Teilnehmer der Weinkost. Hin und wieder verharrt er kurz bei einem der GĂ€ste und plaudert angeregt mit diesem. Sabrina ist sich sicher, er kann nur der SprĂ¶ĂŸling des Winzers sein. Der junge Mann hat es ihr angetan, doch wie sollte sie mit ihm ins GesprĂ€ch kommen? Über Weine konnte sie wohl kaum mit ihm plaudern.

"Weinbeschreibungen sind wie Poesie und die Texte beflĂŒgeln unsere Phantasie. Es ist wie mit einem guten Buch, das uns gefangen nimmt oder bist du anderer Meinung?", ein junger Mann mit dicker Nickelbrille, Ziegenbart und stahlblauen Augen sowie fettigen Haaren steht vor Sabrina. "Na schöne Frau, darf ich Dich auf ein GlĂ€schen GewĂŒrztraminer SpĂ€tlese einladen? Er beschreibt genau Deine Schönheit, gewĂŒrzt mit zarten Rosennoten, begleitet von feinen GewĂŒrzen und verfĂŒhrerischer SĂŒsse, weich und fĂŒllig!" Er grinst sie breit an und sein LĂ€cheln gibt eine unappetitliche ZahnlĂŒcke frei. Sabrina versucht sich aus dieser Situation zu befreien. Sie stammelt leise vor sich hin: "Tut mir leid, aber ich bin schon fix vergeben!" Sie bemĂŒht sich so leise wie möglich zu sprechen, damit ihr auserwĂ€hlter Blickfang, der junge Winzer, ihre Worte nicht hören kann.

Ihre Freundin kommt gerade richtig und rettet die peinliche Situation: "Komm, Du mußt unbedingt den RosĂ© Zweigelt probieren. Himbeer-Erdbeerduft, erfrischender, traubiger Geschmack, jugendlich, charmant und lebendig. Der Wein paßt hervorragend zu uns beiden und lĂ€ĂŸt Dich Deinen Kummer vergessen! Der wird Dir sicher schmecken!" und schon schenkt sie in Sabrinas Glas etwas von der neuen Errungenschaft. Sabrina stĂŒrzt den Inhalt des Glases in einem Zug hinunter. "SchĂ€tzchen", ihre Freundin lacht herzlich, "aber doch nicht so! Hast Du noch nie bei einer Weinverkostung teilgenommen?" Sabrina schĂŒttelt den Kopf. "Schau", ihre Freundin dreht und wendet elegant das Glas in ihren HĂ€nden. "Siehst Du die Schlieren, die am Glas hinunterlaufen?" "Mhmm!", Sabrinas Blick hat wieder den jungen Mann eingefangen. Sie hĂ€lt ihn ganz fest, ihre Gedanken schweifen ab. Wie könnte sie seine Aufmerksamkeit erreichen? Der Mann wĂ€re wirklich ihr absoluter Traummann, aber sie hat ja keine Ahnung von Wein. Unbeholfen schwingt sie ihr Glas hin und her und prompt schwappt der Rebensaft aus dem Glas. "Da mĂŒssen wir noch ĂŒben!" ihre Freundin lacht sie schon wieder aus. "Komm, wir fahren. Die Weinverkostung ist vorbei." Sabrina ist enttĂ€uscht, sie hat die Chance den Mann ihrer TrĂ€ume anzusprechen nicht genĂŒtzt. Sie schallt sich selbst, wieso sie plötzlich so schĂŒchtern und unbeholfen ist. Wieso hat sie ihm nicht einfach angesprochen?

"Wenn Du willst, dann nehme ich Dich nĂ€chstes Monat wieder mit!", ihre Freundin bringt ihr die erlösende Idee. "JA, JA, JA!", Sabrina ist außer sich vor Freude. "JA! Sofort!" Ihre Freundin steht ihr verdutzt gegenĂŒber, sie kann sich die plötzliche Euphorie nicht ganz erklĂ€ren.

Sabrina setzt sich zuhause sofort an den Computer. Sie muss so rasch wie möglich alles ĂŒber österreichische Weine lernen. `In Österreich sind 22 weiße und 13 rote Rebsorten fĂŒr die Produktion von QualitĂ€tswein oder QualitĂ€tswein besonderer Reife und Leseart (PrĂ€dikatswein) sowie von Landwein zugelassen`, Sabrina stöhnt, wie sollte sie das alles in so kurzer Zeit erlernen?

Sie stöbert weiter, alleine die geschmacklichen Unterschiede bringen sie an den Rande der Verzweiflung. Von pfeffrig wĂŒrzig, feinem Aroma, feinem Burgunderbukett, jugendlich, feinen Fruchtelementen, schwarze Fruchtaromatik, samtigen Tannin und komplexen Struktur steht da geschrieben. Sie liest tagelang ĂŒber grĂŒnen Veltliner, Muskateller, Traminer, Sylvaner, Neuburger, Rotgipfler, Weißburgunder, Welschriesling, Blauburger, Blauen Portugieser, Zweigelt, Cabernet Sauvignon, Merlot und einer Menge an SĂŒĂŸweinen. Sie studiert Klima und Boden, lernt Fachbegriffe und findet stets neue Sorten und Unterscheidungen.

Sie weiß nicht, wie oft sie verzweifelt und vollkommen erledigt ĂŒber dem Computer eingeschlafen ist. Ihre Freunde hat sie vertröstet und auf spĂ€ter verschoben. Sie sei an einer "großen Sache" dran, hat sie bei jedem Telefonat in den Hörer geflötet. Ihre Freunde mögen doch verstehen und verzeihen. Im BĂŒro hat sie sich auf das Wesentliche beschrĂ€nkt und der Haushalt mußte einfach warten. Schmutziges Geschirr stapelt sich in der Abwasch, der WĂ€schekorb quillt ĂŒber. Schweißgebadet erwacht sie frĂŒhmorgens aus ihren TrĂ€umen, in welchen sich weiße mit roten Weintrauben um die besten Lagen streiten.

Sie probiert verschiedene GlĂ€ser. Tagelang ĂŒbt sie das vorsichtige und perfekte Schwenken und studiert die Schlierenbildung. In ihrer Wohnung stapeln sich leere Flaschen von diversen Winzern in ganz Österreich. Sie könnte ein Museum fĂŒr Weinkorken eröffnen. Mit großer Aufregung fiebert sie den Tag der Weinverkostung entgegen. Sie wĂŒrde ihrem Traummann begegnen, mit ihm fachsimpeln, eine PrivatfĂŒhrung in die Tiefen des Weinkellers erhalten. Neben dem grĂ¶ĂŸten und Ă€ltesten Weinfass wird er um ihre Hand anhalten.
"Komm, wir mĂŒssen los!", ihre Freundin wartet an der TĂŒr. Der große Tag beginnt fĂŒr Sabrina. Heute beginnt ihre neue Zukunft.

Die Gruppe steht wieder um die WeinfĂ€sser versammelt, der erste Sommerwein wird kredenzt. Der junge Mann schenkt elegant die GlĂ€ser ein. Sabrina kramt in ihren Erinnerungen und legt mit ihrem Fachwissen los. Gekonnt schwenkt sie das Glas und kostet perfekt, spukt aus und erklĂ€rt entzĂŒckt und verklĂ€rt, was sie alles herausschmeckt. Der junge Mann schaut sie liebevoll an. Er nimmt sie auf die Seite: "He schöne Frau, darf ich Dich heute zum Abendessen einladen? Letztens warst du so schnell weg und ich habe immer gehofft, Du kommst eines Tages zurĂŒck" Sabrina kann ihr GlĂŒck nicht fassen, es hat funktioniert.

"Aber lass bitte das Fachchinesisch, ich verstehe nichts von Weinen", setzt er fort, "ich bin der Sohn vom Schlosser nebenan und helfe dem Freund meines Vaters bei seinen Weinverkostungen einfach nur aus!"

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