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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der nietzscheanisierte Goethe
Eingestellt am 02. 08. 2009 20:35


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Hedwig Storch
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In diesem Monat, am 28. August, wird Goethes 260. Geburtstag sein. Wie könnten wir in diesem Jahr seiner in Liebe gedenken?
Lesenswert ist, was die Ausl√§nder so √ľber uns schreiben. Ren√©e Lang hat - allerdings vor 56 Jahren - ein ganzes Buch zu Goethe & Co. ver√∂ffentlicht.
Ein Kapitel des Buches hei√üt "N√§her an die Weisen, G√∂ttlich-Milden...": Goethe, zitiert aus dem West-√Ėstlichen Divan.

Du hast getollt zu deiner Zeit mit wilden
Dämonisch genialen jungen Scharen,
Dann sachte schlossest du von Jahr zu Jahren
Dich näher an die Weisen, Göttlich-Milden.


Das pa√üt genau auf Gides sich wandelndes Goethe-Verst√§ndnis, um das es in dem oben erw√§hnten Buchkapitel geht. Der Weg Gides zum "Ma√ühalten", zum "geistigen Frieden", zum "hellenischen" Ideal verlief, von 1890 ("Die Hefte des Andr√© Walter") bis 1946 ("Theseus") √ľber immerhin ein reichliches halbes Jahrhundert.
Anno 1940, kurz bevor die Wehrmacht sein Frankreich √ľberschwemmte, schrieb Gide ins Tagebuch: "Auf diese Art m√∂chte man leben und denken." Er meinte Goethes Art. 1940, da war Gides Frau Madeleine bereits verstorben, und der Autor hatte keine Schreibkraft mehr. 1890 hingegen war das anders gewesen. Remy de Gourmont hatte 1891 den Verfasser des Andr√© Walter "einen schw√§rmerischen und philosophischen Geist in der Nachfolge Goethes" bezeichnet. Wie treffend! Hatte doch Gide seinen Nietzsche gelesen. Auch seinen Goethe schon? Wir wissen es nicht. Seis drum - Walter und Werther, beide lieben aussichtslos eine Verheiratete. Aber Gide kannte Goethe doch. Er schreibt sp√§ter r√ľckblickend: "Ich habe das Gl√ľck gehabt, Goethe in meinen jungen Jahren zu begegnen." Der weitere Weg verl√§uft anders, als wir jetzt - nach der Nennung Werthers - glauben m√∂chten. Gide begeistert sich am "Prometheus", am "Faust II". Goethes Titanismus zieht den jungen Franzosen um die Wende zum 20. Jahrhundert an. Der "Tasso" erscheint ihm als "gesteigerter Werther". Und Philosophie wird beim jungen Gide ganz gro√ü geschrieben: Schopenhauer - "Die Welt als Wille und Vorstellung" bringt er in Verbindung mit einem Machtmenschen, dem Staatssekret√§r Antonio Montecatino im "Tasso".
Gide konstruiert f√ľr sich schlie√ülich den "nietzscheanisierten" Goethe. Wof√ľr aber hat Gide 1947 den Nobelpreis bekommen? Er mu√ü doch einmal seine o.g. L√§cherlichkeiten √ľberwunden haben. Die L√∂sung: Gide geht eine andere Richtung. Die hei√üt Satire, beginnend mit "Paludes" - die S√ľmpfe, eine Kritik am Kleinb√ľrger.
1942 endlich ist dann Gide soweit. Er schreibt √ľber Goethes "religi√∂se Indifferenz": "Er [Goethe] geht daran [an der Religion] vorbei... Um von uns gesehen zu werden, verlangt er [Gott] keinen Glauben, sondern Aufmerksamkeit. Sein Geheimnis ist umso gr√∂√üer, als es in nichts √ľbernat√ľrlich ist." Und Gides Zeit des Schwankens zwischen "G√∂ttlich-Mildem" und "tragischem Zusammenprall antagonistischer Kr√§fte" √† la Nietzsche ist l√§ngst vor√ľber. Er fragt: "Gab es je gr√∂√üere Repr√§sentanten des Klassizismus als Raffael, Goethe oder Mozart?"
Wer nun vermutet, damit sei Gide am o.g. Ende des Weges zum "Maßhalten", zum "geistigen Frieden", zum "hellenischen" Ideal angekommen, der irrt. "Nein", sagt der große Franzose, "bei Goethe ist nicht alles Ruhe, Lächeln und Geistesfrieden, und gerade darum ist er so groß."

Quelle:
Renée Lang: André Gide und der deutsche Geist
frz. André Gide et la Pensée Allemande
√úbersetzung: Friedrich Hagen
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1953. 266 Seiten

Hedwig 8/2009

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Hedwig

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jon
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Das ist aus meiner Sicht mal wieder ein bisschen "vom Knie durch die Brust ins Auge geschossen". Thema des Textes ist nach deiner Aussage: "Leser (Menschen) wandeln sich". Gegenstand: "Gide wandelt sich". Abgehandelt am Beispiel: "Gides Sicht auf Goethe". ‚Äď Da ist der Einstieg mit dem Geburtstag irref√ľhrend (es geht nirgends um "in Liebe Goethes gedenken" ‚Äď wobei ich mich sowieso frage, warum ich seiner "in Liebe" gedenken soll, ich kannte den Mann gar nicht ) und auch diesen Herrn Lange (so / so am Anfang) ins Spiel zu bringen, lenkt massiv ab. (Es wird nur "verw√ľrcht" klar, dass da, was du hier schreibst, wohl eine "Quintessenz" dessen ist, was Lange in dem Buch schreibt. Es reicht die Quellenangabe. ODER: Thema "Goethe pr√§gt(e)", Gegenstand: "Lange hat ein ganzes Buch dar√ľber verfasst", Beispiel "Im ersten Kapitel erz√§hlt er, wie Goethe Gide pr√§gte.")

Auch ein Hedwig-typischer Schlenker: Zuerst "wissen wir nicht, ob er seinen Goethe da schon gelesen hat", dann wissen wir es aber doch irgendwie, denn er hat ihn in jungen Jahren getroffen. Was will uns die Autorin der Kolumne damit sagen? Dass Gides fr√ľhe Meinung √ľber Goethe eigentlich die √ľber den Menschen Goethe ist (also f√ľr das Thema eher irrelevant), die sp√§te erst die √ľber den Autor? Kann man vielleicht den "Jetzt hat er ihn gelesen"-Punkt erkennen?

Oder: "Remy de Gourmont hatte 1891 den Verfasser des Andr√© Walter "einen schw√§rmerischen und philosophischen Geist in der Nachfolge Goethes" bezeichnet. Wie treffend! Hatte doch Gide seinen Nietzsche gelesen." ‚Äď Wie: "Gide ist Goethes Nachfolger, weil er seinen Nietzsche gelesen hat."?

Oder auch typisch: "Der weitere Weg verl√§uft anders, als wir jetzt - nach der Nennung Werthers - glauben m√∂chten." ‚Äď Ich habe, ehrlich gesagt, bei Nennung des Namens Werther √ľberhaupt keine Idee, welchen Weg Gide wohl gegangen sein mag. Warum du dich wunderst, dass Gide dem Titanismus Goethes erliegt, entzieht sich mir. Also entwickelt das "wir", das normalerweise den Leser auf die Seite des Autors zieht, bei mir eher einen massiven Absto√üungseffekt.


(Dass sich mir der "Weg Gides" nicht erschlie√üt, liegt wahrscheinlich daran, dass ich auch nicht zu dieser Art Bildungsb√ľrgertum geh√∂re, das die philosphischen Werke und die √úber-philosophische-Werke-Werke und die √úber-Philosphie-und-Kunst-Werke und ‚Ķ kannt. Ich bin schon froh, dass ich wei√ü, das Nietzsche Philosoph war )
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Hedwig Storch
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Du warst wohl im Urlaub, jon, weil Du so sp√§t reagierst? Spa√ü beiseite, ich danke Dir f√ľr Deine Zeilen.
Ich verehre nun mal Goethe im Monat August, so lange ich hier schreiben darf. J. W. von ist einer der besten Lyriker, die ich kenne. Die obigen vier Verse aus dem West-östlichen Divan sind meine diesjährige Lobeshymne auf Johann Wolfgang. Nimm den Rest einfach als Klamauk, wenn er Dir mißfällt.

Aber eigentlich habe ich alles im Ernst hingepinselt. Nur ist es wieder daneben gegangen. Es gibt viele gro√üe Geister, die dem Olympier aus Weimar huldigten. Einer von ihnen ist mein verehrter Gide. Ich finde es z. B. lustig, wie der junge Gide den Tasso f√ľr sich vereinnahmt und finde es r√ľhrend, wie der altgewordene Autor sich dann besonnen hat.
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Hedwig

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