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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der rothaarige Gitarrist
Eingestellt am 05. 12. 2017 20:32


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Ximo
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2017

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Bis zum Abgabetermin verblieb nur noch wenig Zeit. Ich nahm das Telefon und rief Matti an.
"Hallo, Du, h├Âr mal, ich muss in sieben Tagen eine Kurzgeschichte fertig haben, die ich meiner Freundin vortragen muss. Aber ich habe kein Thema! Mir f├Ąllt nichts ein."
Ich h├Ârte, wie Matti seinen Tabakbeutel bem├╝hte, w├Ąhrend er gleichzeitig mit mir sprach: "Na, dann schreib doch einfach ├╝ber deine Schreibblockade, so nennt man das doch, oder?"
Wie originell! Wie oft wohl schon haben Leute ├╝ber ihre Schreibblockade geschrieben, dachte ich, und sagte: "Na toll. 'Ich habe eine Schreibblockade. Ich habe ja noch nicht einmal eine Idee. Es f├Ąllt mir nichts ein.' Und weiter?"
Matti z├╝ndete offenbar seine frisch gedrehte Zigarette an. "Ja, stimmt, ist schwierig, kommt nicht viel zusammen, ne? Aber sag mal, wieso musst du ihr denn eine Geschichte schreiben?"
Ich erkl├Ąrte: "Weil wir aus einer Wein-Laune heraus vereinbart haben, dass jeder bis zum 15. Dezember eine Geschichte schreibt, die wir uns dann gegenseitig vorlesen. Egal was, Genre egal, Hauptsache, es ist einigerma├čen interessant. Nicht mehr als drei DIN-A-4-Seiten."
"Sch├Âne Idee eigentlich".
"Ja, und ich will nicht versagen. Stell dir vor, sie hat eine Geschichte und ich nicht. Das ist wie Weihnachten, wenn dir jemand was schenkt, und du stehst mit leeren H├Ąnden da, weil du darauf vertraut hast, dass man sich diesmal nichts schenkt."
"Ja gut, ich rufe mal Javier an, vielleicht wei├č der was. Ich rufe dich gleich zur├╝ck."
Zehn Minuten sp├Ąter klingelte das Telefon.
"Hallo Jan, ich habe mit Javier gesprochen. Er meinte, es g├Ąbe einen Laden in Valencia, wo man dir helfen k├Ânnte. 'Plot Point' nennt der sich und ist in der Stra├če B. Nr. 15. Die verkaufen wohl Text-Ideen. Soll aber nicht ganz billig sein."
"Hey, das klingt ja super! Muchas gracias, amigo. Da gehe ich hin! Ich halte dich auf dem Laufenden."

Ich sprang unter die Dusche und genoss das hei├če Wasser. Wenn das was wird mit dem Laden, dann bin ich gerettet. Ich beschloss, die Stra├če B. zu Fu├č aufzusuchen. Die letzten Fahrten mit dem Bus hatten mich nicht sonderlich inspiriert. ├ťber Menschen zu schreiben, die mit spitzen Fingern ihr Smartphone bearbeiteten und es dann in der Regel anl├Ąchelten, w├Ąre ja wohl zu abgedroschen. Auch keine abst├╝rzenden Flugzeuge und auch keine Geschichte ├╝ber den talentlosen rothaarigen Gitarristen, den wir fast t├Ąglich von unserer Terrasse aus "genie├čen" k├Ânnen, m├╝sste ich erfinden. Ich w├╝rde einfach eine gute Story kaufen!

Als ich an der besagten Stra├če ankam, wurde mir bewusst, dass ich noch nie zuvor hier war. Ein Fris├Âr, eine B├Ąckerei, eine Kneipe, ein Handy-Laden und ein China-Basar waren die ganz normalen Zutaten einer typischen Stra├če in der valencianischen Innenstadt, dann kam die Nummer 13, ein Beweise-Fachhandel, und daneben, wie erhofft, der 'Plot Point'. Mit Schwung wollte ich eintreten, doch die T├╝r war verschlossen. Nat├╝rlich, man muss erst klingeln. Nach einer halben Minute sah ich durch die Glast├╝r einen mittelgro├čen Asiaten auf mich zukommen. Er schloss auf, ├Âffnete die T├╝r und begr├╝├čte mich warmherzig mit ausgestreckter Hand.
"Buenos d├şas, qu├ę tal?"
"Hola buenas", erwiderte ich freudestrahlend. "Ich hoffe, Sie k├Ânnen mir eine gute Idee verkaufen."
"An was haben Sie gedacht? Soll es ein Roman werden oder ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte?"
"Nun, eine Kurzgeschichte w├Ąre ideal."
"Na dann kommen Sie mal herein. M├Âchten Sie einen Tee?"
"Sehr gerne."
"Kommen Sie, kommen Sie, setzen Sie sich, machen Sie es sich bequem. Wissen Sie, Ideen f├╝r Gedichte haben wir im Moment keine, und die f├╝r Romane sind alle schon wieder vergriffen. Ideen f├╝r Romane sind gew├Âhnlich preisg├╝nstiger als die f├╝r Kurzgeschichten und daher stark nachgefragt."
Ich wurde nerv├Âs. W├╝rde ich genug Geld haben, um hier zum Stich zu kommen? Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, und sagte: "Wie viele Ideen f├╝r Kurzgeschichten haben Sie denn im Moment?"
"Machen Sie sich bitte keine Sorgen, ich bin sicher, dass wir Ihnen ein gutes Angebot machen k├Ânnen."
Er ging zur Ladentheke und holte ein Blatt Papier hervor, das er mir aush├Ąndigte. Das Blatt enthielt f├╝nf Zeilen.
"Schauen Sie mal dr├╝ber, vielleicht k├Ânnen Sie etwas damit anfangen."
Ich las die paar S├Ątze und war umgehend berauscht.
"Was kostet das denn?"
"20.000 Euro", antwortete der Asiate ohne zu z├Âgern.
"Ah, oh", entfuhr es mir, "das Material scheint mir ausgezeichnet zu sein, aber wissen Sie, ich brauche die Idee in erster Linie f├╝r eine private Angelegenheit, haben Sie noch etwas G├╝nstigeres?"
Ich dachte, er w├╝rde sich beleidigt f├╝hlen, aber das war nicht der Fall. Er ging wieder zur Theke und kam mit einem weiteren Blatt Papier zur├╝ck.
"Das hier kann ich Ihnen f├╝r 5.000 Euro anbieten."
Auch dieses Blatt hatte f├╝nf Zeilen, die ich schnell las. Mir wurde ├╝bel. Es handelte von einem rothaarigen Gitarristen. Mit zittrigen Beinen stand ich auf und erkl├Ąrte dem Mann, dass ich ├╝ber das Ganze nachdenken m├╝sse, bevor ich eine Kaufentscheidung treffen k├Ânnte.
"Ich brauche ein Bier. Ich komme gleich wieder, ja?"
Der Asiate verbeugte sich und begleitete mich zur T├╝r.
"Hasta luego, amigo", sagte er. Ich nickte nur und entfernte mich von seinem Laden.

In der Kneipe bestellte ich ein Heineken und warf eine M├╝nze in den Geldspielautomaten. Und weitere M├╝nzen. Als ich keine M├╝nze mehr fand, z├╝ckte ich das Portemonnaie und gab der Maschine einen 20-Euro-Schein. Danach noch einen 10-Euro-Schein, und dann ging ich nach Hause.

Ich h├Ątte ja die Idee des ersten Asia-Blattes nun zu einer guten Geschichte verarbeiten k├Ânnen, aber ich lie├č es. Die AGB des 'Plot Point' sagten klar, dass das Copyright der Idee mit dem Verkauf an den Kunden ├╝bergeht. Wenn ich nun die Geschichte materialisieren w├╝rde, ohne die Idee gekauft zu haben, w├╝rde ich mich strafbar machen.

Ich beschloss, nichts zu schreiben. Anna zu sagen, dass ich es einfach nicht hingekriegt h├Ątte. Nichts zu schreiben ist besser, als falsch zu schreiben, kam mir in den Sinn, wie ich es vor kurzem irgendwo in ├Ąhnlicher Form geh├Ârt hatte. Au├čerdem, vielleicht hatte Anna ja auch nichts.

Am 15. Dezember sa├čen wir auf der Terrasse und tranken Wein. Anna erz├Ąhlte ihre Kurzgeschichte. "Es war einmal ein talentloser rothaariger Gitarrist..."

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DocSchneider
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Witziger Plot! Du hast jedenfalls nicht unter einer Schreibblockade gelitten.


Viele Gr├╝├če von DocSchneider

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