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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der schreibende Arbeiter
Eingestellt am 03. 11. 2003 12:25


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ergusu
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
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Der schreibende Arbeiter*

Es gab einmal Zeiten, in welchen ein Arbeiter viel h├Âher gesch├Ątzt wurde als ein Ingenieur. Zerknirscht erkannte auch ich meine Fehlentwicklung.
Deshalb wollte ich, der manchmal t├Ątige Angestellte, wenigstens schreibender Arbeiter werden.
Kaum hatte ich meine Absicht bekundet, wurde ich schon eingeladen. Als ich den kleinen Saal betrat und jedes Zirkelmitglied einzeln begr├╝├čte, achtete ich genau auf den H├Ąndedruck. Ich sp├╝rte keine Schwielen, aber manch wundgeschriebener Finger war sicher dabei.
Ich setzte mich dann und harrte der Dinge und mit mir der Kellner, welcher notierte und korrigierte und sich gro├če M├╝he gab, die z├Âgernd ge├Ąu├čerten W├╝nsche mit den M├Âglichkeiten der Gastronomie in ├ťbereinstimmung zu bringen. Ich lernte bald, dass mit dem Abgang des Kellners der Zirkelabend begann.
Unser Leiter sch├Ąrfte mit einem geistigen Getr├Ąnk sein Geh├Âr und forderte uns dann auf, die poetischen Erg├╝sse vorzulesen.
Eine junge Mitstreiterin begann. Sie hatte ÔÇô der Dicke ihrer Mappe nach zu urteilen ÔÇô flei├čig zu Hause gedichtet, h├╝stelte kurz und zwang uns mit einem Rundblick zur Aufmerksamkeit.
Es war etwas Lyrisches, wie man mir sp├Ąter sagte, nur wenige Zeilen nur lang. Nach kurzer Besinnung wurde ├╝ber jeden Satz leidenschaftlich diskutiert. Der Einfall, dass eine Gewitterwolke auf einer Fensterbank ausruhte und nach dem Weg fragte, entfachte Begeisterung. Ich konnte diesen Enthusiasmus nicht verstehen und sch├Ąmte mich gewaltig. Viel Zeit daf├╝r blieb mir nicht, denn schon wurde ich gebeten, selbst zu lesen.
Ich gl├╝hte vor Eifer und auch ein wenig Stolz, denn das Gedicht ├╝ber mein Kurerlebnis war mit zehn Strophen beachtlich lang. Zwei einleitende und erkl├Ąrende Zusatzverse ├╝ber das Wetter und die Farbe der die das P├Ąrchen belauschenden Waldv├Âgel lagen griffbereit.
In drei Minuten waren viele Tage Arbeit verhallt. Als ich den Kopf hob und beifallsheischend in die Runde blickte, schwieg en alle. Vielleicht fehlt eine Gewitterwolke, dachte ich, aber schlie├člich kam doch ein wenig Lob. Mein Flei├č, meine feste Verbundenheit zur Tier- und Vogelwelt sowie mein Mut, Verse zu schreiben, waren die wichtigsten positiven Aspekte.
Bald jedoch musste ich h├Âren und einsehen, was nicht gefallen hatte. Verlegen versteckte ich meine Zusatzstrophen. Als unser Leiter den Text ├╝berflog, hatte er im Nu das Wesentliche erkannt und zwei Strophen als existenzberechtigt akzeptiert. Ich wollte anfangen zu streiten, aber da erkl├Ąrte mir meine Nachbarin, dass zwei aus zehn so viel bedeute, wie ein F├╝nfer bei 6 aus 49**. Dieser Trost richtete mich gewaltig auf, schlie├člich hatte ich noch nie im Lotto gewonnen.

Ein Jahr war vergangen, in welchem ich gelernt hatte, wie man nicht schreiben sollte. Erst neulich lobte mich unser Leiter, weil ich nichts vorzulesen hatte.
Als ich mich an einem Montag in die Anwesenheitsliste eintrug, sagte er tr├Âstend zu mir: ÔÇ×Die Unterschrift eines schreibenden Arbeiters ist mehr wert als zehn Seiten gedrucktes Papier.ÔÇť
Diesen Satz habe ich nie verstanden, aber ich glaube, das ist wieder etwas Lyrisches.




*In der DDR gab es den Zirkel der ÔÇÜSchreibenden ArbeiterÔÇÖ, in welchen jeder Werkt├Ątige Texte schreiben konnte. Die Mitglieder waren in den seltensten F├Ąlle Arbeiter.
**6 aus 49, Lottospiel in der DDR

__________________
ergusu

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Mara K.
Guest
Registriert: Not Yet

hallo ergusu ...

nun ja, diese kleine geschichte f├Ąngt ein wenig an wie ein m├Ąrchen aus der guten alten zeit. *smile*
ich bin der ansicht, dass manch einer der lesenden hier aus der LL durchaus wenig mit den damaligen m├Âglichkeiten der ddr-gastronomie anfangen kann.
es ist sicher eine geschichte, welche zum schmunzeln anregt, aber vom thema her empfinde ich sie eher etwas flach ... meiner meinung nach war doch der zirkel "schreibende arbeiter" eine art chance f├╝r etwas abwechslung im stetigen ddr-einerlei und garantiert auch der treff parteigetreuer werkt├Ątiger ...
dies ist nur meine kleine meinung, sie muss nichts hei├čen.
ich finde dieses thema leicht abgegriffen ...
mir fallen dazu die filme "Sonnenallee" und "Good bye Lenin" ein ... ich habe f├╝r mich entschieden, dass man dies nicht unbedingt mehr haben muss ...

herzlich Mara K.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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eine etwas andere meinung

hallo ergusu und mara k.,

als halb betroffener musste ich ├╝ber den text und den kommentar schmunzeln.
ich fand ihn recht erfrischend in einigen details (z.b. das schwielensuchen beim h├Ąndedruck), anderes erscheint mir etwas zu konstruiert ("das lyrische").

der hinweis auf "sonnenallee" und "good bye lenin" ist mir zu einseitig: satirisch gef├Ąrbte r├╝ckblenden m├╝ssen keine slapstick-schlaglichtgewitter sein, manchmal ist etwas subtileres n├Ąher an den tatsachen, auch wenn ich mir nicht auf die schenkel klopfen kann.
vergleiche chaplins "der gro├če diktator" mit der wirklichkeit, wie sie von vielen geschildert wurde.

viele gr├╝├če an euch beide

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Mara K.
Guest
Registriert: Not Yet

hallo Rainer ...

nun nach 30 Jahren DDR-Erfahrung liest man so kleine Geschichten sicher mit einem etwas anderen Gef├╝hl als ein Halbbetroffener ... das m├Âchte ich hier nicht beurteilen m├╝ssen ... und es war sicher auch nicht meine Absicht, mir beim Lesen unumwunden die Schenkel zu klopfen ...
ich ziehe auch den Hut vor Autoren, welche so blendend Geschichten schreiben k├Ânnen wie ergusu, nur das Thema find ich halt fad und abgegriffen ...
herzlich mit einem L├Ącheln, Mara K.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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hallo mara k.,

und ich fand gerade das thema gut .

ich hoffe, wir reden vom gleichen: die diskrepanz von schein und sein; die zonenkulisse ist f├╝r mich nur das vehikel. ich glaube, wenn ergusu das thema hinduistischen m├Ânchen in den mund gelegt h├Ątte, w├Ąre der text deutlich l├Ąnger ausgefallen. gerade die verdichtung von umst├Ąnden, z.b.

"
Ich setzte mich dann und harrte der Dinge und mit mir der Kellner, welcher notierte und korrigierte und sich gro├če M├╝he gab, die z├Âgernd ge├Ąu├čerten W├╝nsche mit den M├Âglichkeiten der Gastronomie in ├ťbereinstimmung zu bringen."

macht f├╝r mich den wert der geschichte aus. ohne sentimental oder detailliert zu werden, gelingt es, ein ambiente zu erzeugen. wem das bild dazu fehlt, sollte sich keinen der von dir genannten filme, sondern einen alten ost-polizeiruf reinziehen; bei kneipenszenen habe ich dabei noch nie ein falsche kulisse gesehen.
(wahrscheinlich weil das ostfernsehen gar kein geld hatte, um f├╝r serienfilme irreale prunkkneipen zu errichten - sogar die dichte und die morphologie des zigarettenqualmes scheint mir "echt" zu sein).

aber ich will mich nicht mit dir streiten, sondern wollte ergusu nur noch eine andere meinung vorstellen.
du kannst das thema fad finden, ich tue das gleiche hinsichtlich von teilen der umsetzung.


viele gr├╝├če

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Mara K.
Guest
Registriert: Not Yet

hallo Rainer .....

"Ich setzte mich dann und harrte der Dinge und mit mir der Kellner, welcher notierte und korrigierte und sich gro├če M├╝he gab, die z├Âgernd ge├Ąu├čerten W├╝nsche mit den M├Âglichkeiten der Gastronomie in ├ťbereinstimmung zu bringen."

...gerade diese Passage ist es, die mich etwas wuschig macht, denn bei solchen Veranstaltungen in der DDR und soweit es mir bekannt ist, musste man nicht ausharren, nicht korrigieren und auch nicht z├Âgernd W├╝nsche ├Ąu├čern...
denn da kamen Getr├Ąnke auf den Tisch, welche man im Konsum nur unter der Variante "b├╝ck dich" - soll hei├čen unterm Ladentish vorgeholt - bekam ...
und was den Polizeiruf und die Kneipenszenen dort angeht, auch ich m├Âchte mich nicht streiten, sicher kann man in den Kneipen dieser Serie die Luft in W├╝rfel schneiden und locker nach drau├čen transportieren, aber man konnte die Prunkkneipen der DDR, wie sie u.a. in Interhotels in Leipzig oder Berlin zu finden waren, oder auch die Palette in Halle [ wo es zu DDR-Zeiten schon Tabledance zu vorger├╝ckter Stunde gab ] ja nun wirklich nicht versuchen dem kleinen Mann von der Stra├če unterzujubeln, dann h├Ątten die auch noch den Polizeiruf weggedreht und sich dann lieber doch etwas vom damaligen Klassenfeind
'reingezogen...
so hat jeder seine Erfahrungen und Ansichten, von den
hinduistischen M├Ânchen 'mal ganz abgesehen ...

... und was meint eigentlich ergusu dazu ?

in diesem Sinne, herzlich Mara K.

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