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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Der schreiende Diamant
Eingestellt am 10. 10. 2004 16:46


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ScarlettMirro
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2003

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Mein erstes Tagebuch begann ich zu f├╝llen, als ich die Schmerzen - ausgel├Âst durch den pl├Âtzlichen Tod meines Vaters -, nicht mehr fassen konnte, als die Tr├Ąnen nicht mehr versiegen wollten, als ich alleine trauern musste. Ungelenk schrieb ich in dieses rote Buch, das eigentlich ein Poesiealbum h├Ątte sein sollen; mein Vater hatte dort aber nicht mehr hinein geschrieben.

Das Schreiben erl├Âste mich fr├╝h schon von qu├Ąlenden Gedanken und von schmerzenden Erinnerungen; und doch blieben sie erhalten. Bei manchem Bl├Ąttern durch die Zeit kann ich heute feststellen, dass mir mein Tagebuch vor allem in den schmerzenden, in den dunkleren und k├Ąlteren Tagen mein treuester Begleiter war.

Wie durch einen Zufall stolperte ich eines Tages ├╝ber meinen Diamant, denn wenn meine Mutter mich mal wieder zu belehren versuchte, fing ich im Geiste Gedichte zu reimen an, die mich schnell von der Schimpftirade wegtrugen. Manche waren so sch├Ân, dass ich sie aufschrieb und verschloss. Dieser unglaublich rohe Diamant lag nun da auf losen Bl├Ąttern oder in der Schublade oder in B├╝chern eingezw├Ąngt. Immer ├Âfter verlangte er bearbeitet zu werden, aber ich hatte einfach kein Werkzeug und au├čerdem sch├Ąmte ich mich noch sehr seiner Anwesenheit, wollte ihn lieber verschlossen sehen. Doch er war so laut.

Nachdem ich mich etwas mehr an ihn gew├Âhnt hatte, zeigte ich ihn versuchsweise einem Freund. Er mochte ihn und fand es sehr schade, dass ich einen so wertvollen Juwel verschlie├čen w├╝rde. Ich habe ihn also nur noch mit einem Tuch bedeckt, habe ihn h├Ąufiger ans Licht geholt.

Eines Tages h├Ârte ich im Radio von dieser exquisiten Preisverleihung "Der Nobelpreis f├╝r Literatur", bei welcher die besten K├Âche der Welt zusammen kamen und die geladenen G├Ąste dort verk├Âstigten. Ich begann davon zu tr├Ąumen, dass ich in der fernen fernen Zukunft so ein gutes Buch schreiben w├╝rde, dass ich auch zu einer Verleihung eingeladen w├╝rde - nur zur Verleihung allerdings. Oft dachte ich auch dar├╝ber nach, ob noch etwas anderes als ein Buch mich zu einer solchen Verleihung f├╝hren k├Ânnte, doch mir viel als Jugendliche nichts ein was ich als Talent soweit treiben k├Ânnte wie mein Schreiben.

Aber ich hielt mich nicht f├╝r gut genug, schlie├člich wollte ich so gut sein wie Robert Musil, so gut wie Franz Kafka. Und meine Ziele waren einfach zu hoch. Adieu Nobelpreis; ich fand mich damit ab, dass ich vielleicht ein ganz ansehnliches Hobby hatte.

Dachten Sie vielleicht, damit g├Ąbe sich der Diamant zufrieden? Er musste zwar nicht mehr in einer Kiste ruhen, auch hatte ich das Tuch abgenommen, aber dieser verfluchte Diamant wollte strahlen, wollte leuchten, so wie ich es ihm versprochen hatte. Also m├╝hte ich mich ab, tat, was ich konnte. Mein Handwerkszeug war d├╝rftig, meine Vorstellungen noch immer konventionalistisch halbherzig und meine Fertigkeiten unge├╝bt. Ich erweiterte meine Fertigkeiten mit einem Studium, erz├Ąhlte mir jedoch noch immer, dass ich das eigentlich tue, um einen "richtigen" Beruf zu ergreifen. Ich bearbeitete meinen Diamanten ein wenig, damit er bemerken konnte, dass ich ihn nicht vergessen hatte. Er belohnte mich immer wieder daf├╝r,
mit seinem gelegentlichen Leuchten am├╝sierte er mich sehr.
Ich verstand, dass ich noch Zeit br├Ąuchte; das Verlangen nach einem anerkannten Beruf war unwiderstehlich; ich gab nach und nahm den erneuten Umweg in Kauf. Ein weiterer unwiderstehlicher Umweg war der Wunsch nach Familie und nach Kindern. Der Diamant schrie inzwischen immer lauter. Immer h├Ąufiger fing ich an, kleine Anekdoten aufzuschreiben, interessante Geschichten festzuhalten oder witzige Begebenheiten und eindrucksvolle Figuren kurz zu skizzieren. Kurz, ich fing an zu sammeln.
Und ich bin kurz davor zu platzen, wenn ich das nicht alles wieder aus mich herauslaufen lassen kann.

Ich behaue den Diamanten mit erm├╝dendem, veraltetem und langweiligem Werkzeug, doch immer h├Ąufiger erstrahlt seine Sch├Ânheit. Und so hoffe ich, dass sein Strahlen sein Schreien ├╝bert├Ânt und sogar irgendwann zum Schweigen bringt.
__________________
Kritik? Gern sachlich und konstruktiv, aber bitte mit Sahne!

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