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Leselupe.de > Horror und Psycho
Der schwarze Füller
Eingestellt am 02. 09. 2004 16:26


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brain
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„Back from the dead...
…I want you to come, when you leave!”
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Die Welt ist schlecht, abgrundtief schlecht.
Alles, woran man glauben will, zerbricht in einem Orkan der Veränderung.
Die Wahrheit verschleißt und ist unbeständig. Fundamente stürzen ein, dreiundzwanzig in einer Minute, jeden Tag.
Ein kleiner Schritt zu weit über den Abgrund hinaus und er öffnet seinen Rachen um einen Jeden zu verschlingen. Niemand ist davor sicher.
Wir alle haben ein Herz.
Es kann brechen.
Mit einem Schlag.
Sarah Peters war das ein für alle mal schmerzhaft bewusst geworden.
Bis gestern hatte sie noch an die große Liebe geglaubt und hätte „vom Winde verweht“ bestimmt für eine Biographie gehalten, wenn sie den Film je gesehen hätte. Wenn man achtzehn Jahre alt war und einem die größten Mysterien des Lebens noch unbekannt waren, glaubte man an viele Dinge, die man im zunehmenden Alter mit einem Kopfschütteln abtat, es war erstaunlich, an wie viele.
Ein paar davon konnte man getrost in den Mülleimer verschieben oder am Besten gleich löschen, eigentlich die meisten, doch einige wenige waren und sind wichtig und halten ein Leben lang, und wenn sie es nicht tun, scheint es mit ihnen zu enden.
Man sammelt mit der Zeit Erfahrungen, meistens auf schmerzhafte Art und Weise und lernt, wie unersetzlich und kostbar, einzigartig schön und begehrenswert ein jedes Ding ist, wenn es schwindet.
Das war Sarah bewusst geworden, als ihr Daddy vor fünf Jahren gestorben war. Damals hatte sie den Wert uneigennützig und vorbehaltlos ehrlich gegebener Liebe erkannt und in ihrer Erinnerung der unschuldigen Zeit, die ihre Kindheit gewesen war, zu den Eckpfeilern ihrer Vorstellung eines perfekten Lebens gemacht.
Genau danach sehnte sie sich. Nach einer Freundschaft, die ewig halten und nie zerrütten würde.
Sicherheit im Chaos dieser unsicheren Zeit und kommender Tage.
Knapp vierundzwanzig Stunden später würde sie eine Todesangst davor entwickelt haben, fotografiert zu werden und von der sie niemals geheilt werden würde, doch davon ahnte sie nichts.


Boston, 03.08.1956 9.09 p.m.

Die Pretenders beherrschten sämtliche lokalen Radiofrequenzen. „Love me 4ever“, der Nr.1 Hit der Band, war diesen Sommer überall zu hören. Er schmeichelte sich einem in die Ohrmuschel und man bekam diesen Wurm irgendwie nicht mehr da raus. Klang ein bisschen wie Stupid ol´ Boy von Roy Orbison, aber es hatte einen melancholischeren Charakter. Selbst als Sarah aufgelöst und schluchzend auf ihrem Bett lag, hatte sie den Refrain im Ohr. Warum muss es so weh tun?, fragte sie sich. Warum ist die Welt so unfair? Warum werde ich nicht geliebt?
Sarah machte gerade eine wichtige Erfahrung in ihrem Leben. Für sie war bisher so ziemlich alles im Leben schwarz oder weiß, gut oder böse, gewesen.
Ein Freund war für immer ein Freund und ein Feind für immer ein Feind gewesen, doch jetzt mischten sich auf einmal beängstigend viele Grautöne in ihre Schwarz-Weiß-Welt, wie Myriaden möglicher Züge auf einem gigantischen Schachbrett.
Die Dame war bedroht. Ein quirliger Läufer hatte ihr Herz im Visier. Vielleicht sollte sie einen Bauern opfern?! ... Oder sogar den König? ...
Egal, Männer waren sowieso alle gleich und wollten ohnehin nur das Eine.
Alle.
Mehrmals hatte sie Michael, ihrem Boyfriend klar und deutlich gesagt, dass sie nicht mit ihm schlafen würde, doch er hatte es trotzdem versucht. Klar. Typisch. Sie hatte gedacht, dass Michael anders wäre als die Männer, die ihre Mom immer besuchten, seit ihr Daddy tot war. Ehrbarer. Vielleicht sogar ein richtiger Gentleman. Jemand der uneigennützig war. Von wegen. Ihr Date mit Mr. Baterman jr. war ein einziges Desaster gewesen. Erst hatte er ihr nur auf die Titten gestarrt, dann hatte er sie befummelt und obszöne Sachen gesagt (Hammelwaden? Hatte er wirklich Hammelwaden gesagt?) und dann hatte er schließlich versucht sie flachzulegen.
Als sie vor einer halben Stunde empört sein Haus verlassen hatte, hatte er ihr noch etwas hinterhergerufen, wie: „Ach, scheiß auf Dich. Verzieh Dich doch. Es gibt noch genug Löcher zu stopfen.“ Irgend so was. Auf jeden Fall konnte sie sich an den einen ausschlaggebenden Satz erinnern, der sie schließlich zum Gehen veranlasst hatte.
„Wer braucht Dich schon?“, hatte Sarahs „Loverboy“ gesagt und das in einem Tonfall, wie man vielleicht sagen würde: „Friss Scheiße!“ oder „Nein danke, ich möchte wirklich keine Zeitschrift abonnieren! Ich bin mir auch gaaanz sicher!!!“
Das hatte gereicht.
Bei ihrem stürmischen Aufbruch hatte sie die Türen hinter sich so fest zugeschlagen, so dass die Laute wie Pistolenschüsse durch die Zimmer gehallt waren. Als wäre das nicht schon genug gewesen, war sie auch noch beim Verlassen des Hauses in der Auffahrt gestürzt und hatte sich die Knie aufgeschürft, doch das war ihr egal gewesen. Auch, dass bei dem Sturz ihr Kleid an der Seite gerissen war, hatte sie kalt gelassen. Michael hatte sie schwer verletzt.
Nicht äußerlich, sondern innen drin in ihrem Herz und das war ungelogen viel schlimmer. Diese Tatsache hatte er ihr unmissverständlich eingebläut und sie sehnte sich nach ihrer verloren gegangenen Unwissenheit vergangener Tage.
Sie kam sich so dumm vor, so benutzt. Es war zu schön gewesen, als dass es hätte wahr sein können oder, um das Kind beim Namen zu nennen: die Realität hätte niemals ihren Wünschen und Bedürfnissen entsprochen. Nicht mit Mr. „Es-gibt-noch-genug-Löcher-zu-stopfen“-Baterman jr.! Sarahs naive Hoffnungen einer gemeinsamen Zukunft mit ihrem Traum-Mann und ihren Traum-Kindern, die sie sich in ihrem kindlichen Geist zurechtgesponnen hatte, waren feierlich und beherzt in See gestochen, frohen Mutes und den Wind im Gesicht. Innerhalb von achtundzwanzig Tagen hatten sie an Fahrt verloren und waren schließlich abgesoffen wie der Kontinent Atlantis. Achtundzwanzig Tage, genau so lange, wie ihre „Beziehung“ mit Michael angedauert hatte. Sarahs Daddy hätte in diesem Zusammenhang mit Sicherheit eher das Wort „Affäre“ benutzt, zumindest hatte er es oft gebraucht, wenn er über ihre früheren Männer gesprochen hatte. „Der Kerl ist nichts für Dich, Sweetheart. Für den bist Du nur´ne Affäre!“
Er hatte es immer schnell und abgehackt ausgesprochen, als müsste er sich beim Sprechen beeilen, vielleicht um Luft zu holen. Seine Stimme verfolgte sie in ihren Träumen. Ihr Daddy sagte ihr dann immer, dass alles in Ordnung kommen würde, und dass die bösen Jungs bestraft werden würden.
Er würde mal mit Gott reden und was deichseln. Was deichseln, das hatte er immer gesagt.
Dabei hatte er stets gelächelt, wie der kleine Junge, der er irgendwann einmal gewesen sein musste. In diesen Momenten hatte sie ihn abgöttisch geliebt.
Er war ihr Gott. Er würde was deichseln.
Sarah hatte ganz fest daran geglaubt, dass das ewig so bleiben würde.
Sie hatte sich geirrt.
Zusammengekauert und zitternd lag sie auf ihrem Bett und weinte bitterlich.
Das schien ihr alles zu viel zu sein. Zu viel Input. Sprachlich okay, aber inhaltlich zu abgehoben. Verarbeitung abgebrochen.
Rekapitulation:
Sie hatte nicht mit Michael schlafen wollen, okay.
Zum ersten Mal überhaupt hatte sie in einer wichtigen Situation eine Entscheidung getroffen und sich daran gehalten. Auch okay. Keiner hatte sie rumgekriegt.
Selbst Mike nicht, der große Mädchenschwarm ihrer Schule und irgendwie war sie auch stolz auf ihre Standhaftigkeit, aber der Beigeschmack dieser Tatsachen schrie es in die Welt: „Wer braucht Dich schon???“
Sie weinte und weinte, bis ihre Augen zu schmerzen schienen und sie sich total erschöpft fühlte. Alles tat weh. Der Horizont hinter ihren Sehnerven war ein weißes Blatt Papier. Es war niemand da, der alles wieder ins Lot brachte. Sie war alleine.
Ihr Rücken schmerzte, als sie sich bewegte, doch das war die geringste Qual.
Wenn sich psychosomatische Beschwerden bei Verschlechterung des seelischen Zustandes vermehrten, dann war es auch kein Wunder, dass ihr Körper ebenso litt wie ihre unsterbliche Seele.
Dieser Mistkerl.
Dieses Schwein.
Er soll sterben, er soll...
...was? Was war nötig, um die Pein zu bannen? Was war zu tun? Wie konnte man die Sache deichseln? Michael. Michael. Oh, Michael. Ihr Kopf war voll von ihm. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre ihr aus den Ohren gequollen und hätte den Hit der Pretenders wie einen Korken aus einer Weinflasche geschossen. Sie konnte nichts tun, nur weinen. Ihre Visionen einer glücklichen Zukunft hatten sich in flüchtige Phantome verwandelt und sie war aller Illusionen des Guten in der Welt beraubt worden.
Sie hatte das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben.
Das Atmen fiel ihr bereits sehr schwer und sie musste sich darauf konzentrieren diesen unaussprechlichen Satz aus ihren Gedanken zu vertreiben. Es gelang ihr auch beinahe. Als sie schon fast eingenickt war, löste sich ein gesprochenes Wort aus der Stille des Raumes, die nur vom Schluchzen des Mädchens unterbrochen wurde. Eine Männerstimme, die sie kannte.
Es war ein hartes Wort, schnell ausgesprochen. Sie hätte es fast nicht gehört, doch es war deutlich genug gewesen um verstanden werden zu können. Um zu tun, was zu tun war, brauchte sie nicht mehr als zwei Minuten. Als sie danach das Licht wieder gelöscht hatte und ihr Kopf das Kissen berührte, fühlte sie sich besser.
„Füller....“, hatte die Stimme gesagt und hatte die Gier, die deutlich zu hören gewesen war, kaum unterdrücken können, doch für Sarah hatte es so geklungen, als wäre der Besitzer der Stimme ein Engel gewesen.
Sie hatte eine unbestimmte aber solide Ahnung, dass alles gut werden würde.
Mit diesem Gedanken schlief sie ein.


04.08.1956 8.32 a.m.

Am nächsten Morgen war alles eigenartig.
Erste Eindrücke zeugten von unerfreulichen Dingen, hallten wie Echos durch ihren Geist und benebelten ihn, noch ehe er vollends erwachen konnte.
Michael......dämmerte ihr in der unendlichen Tiefe ihres Bewusstseins. Fast augenblicklich kamen die Tränen. Sie biss die Zähne zusammen und schluckte den Kummer so gut es ging herunter, der sofort in ihr aufloderte, als sie sich Michaels berühmte letzte Worte ins Gedächtnis rief.
Mit einem ganz kleinen Schrecken stellte Sie zwar fest, dass sie die Schule verschlafen hatte (Mathematik bei Dr. Hochban, Englisch bei Mrs. Sweet, der Rest war ihr entfallen), aber eigentlich kümmerte es sie nicht wirklich. Bisher war sie immer sehr strebsam und fleißig gewesen, doch dieser Morgen war die sprichwörtliche Ausnahme der Regel.
Wie sich herausstellte, traf dies in vielerlei Hinsicht zu. Der Tag würde für Sarah die krasseste Ausnahme von hier bis Betagoz geworden sein, noch bevor sie lustlos zu Ende frühstücken konnte.
Als sie die Küche betrat, traute sie ihren Augen nicht. Sie sah noch ganz verweint aus und hatte keine Ahnung, dass ihr der größte Schock noch bevorstand.
Der Tisch war reich gedeckt an diesem Morgen.
Es gab frische Bananen, die ihrer Mom eigentlich sonst meistens zu teuer waren, und Kelloggs Smacks aus dem Discount. Verschiedene Sorten Marmelade, Mr. Nuts Creme (und die gab es sonst nie!), Aufschnitt, Gouda und Feta.
Joghurt machte die Auswahl komplett. Auch die Crepes waren sehr lecker, das war es nicht, was sie störte. Was sie störte war unsichtbar, doch sie konnte es spüren.
Noch nie war ihre Mom so nett zu ihr gewesen und das Frühstück war für ihre bescheidenen Verhältnisse geradezu luxuriös.
Was konnte der Grund dafür sein? Sarah bekam sogar die Milch über ihre Smacks gegossen. Sie verstand die Welt nicht mehr. Und warum sagte ihre Mom nichts, wegen...?
„Stört es Dich überhaupt nicht, dass ich die Schule schwänze?“
Ihre Mom wirkte auf einmal ein wenig verlegen.
Man konnte ihr an den Augen ansehen, dass sie die Frage nur ungern beantworten wollte. In ihnen spiegelte sich Furcht.
Sarah sah auch, dass ihre Mom geweint haben musste (Na, da hatten sie wohl etwas gemeinsam.), sah die geröteten Wangen und das verschmierte billige Make-up. Hinter der verputzten Fassade schimmerte das Trägergerüst hindurch.
Stahl schien durch Stein, jede statische Berechnung war sinnlos, denn das Gebäude war verloren, war alt und hatte ausgedient.
Das Haus war ihre Mom und Sarah schien immer noch alles so unwirklich wie ein Traum zu sein.
Sie war noch nie darauf gekommen ihre Mom mit einem Haus zu vergleichen und in ihrer simplen bildlichen Assoziation sah Sarah vor sich eine verfallene Ruine.
Wie gesagt, es war ein merkwürdiger Morgen.
„Nein,...DU...“ setzte ihre Mom an, schien dann aber den Faden zu verlieren.
Steven Cicero and the Busters sangen „Blue Times“ im Radio auf der Kommode. Dieser Song, der ein eigenartiges Casablanca-Feeling verbreitete und der den Raum, wie mit einem dicken Vorhang, einhüllte.
Der Shuffle-Rhythmus, der das Licht im Zimmer wie ein akustischer Ventilator in Fetzen riss und herumflatterte wie ein dunkelblauer Schmetterling, dröhnte in Sarahs Ohren, wie ein sich nähernder Helikopter. Außerdem hatte sie das eigentümliche Gefühl, als sei die Luft schwerer geworden. Das Mädchen blickte sich um.
Die Welt war in der Tat manchmal sehr merkwürdig.
„Du hast mal einen Tag für Dich verdient“, begann ihre Mom erneut, mit einem unüberhörbaren Zittern in der Stimme. „Einen Tag für UNS meine ich natürlich.“
Sarah sah ihre Mom an. Sie glaubte ihr kein Wort. Ihre Mom lächelte schief und nervös zurück und ließ dann ihre Haltung wie eine Maske fallen.
„Schatz, ...mein Liebling“, sagte sie schluckend zu ihrer Tochter und versuchte unbeholfen Sarah einen Arm um die Schulter zu legen. „Es tut mir so leid, mein Schatz.“ Sie schluchzte und Sarah fiel schaudernd auf, dass es haargenau so klang, wie es sich anhören musste, wie wenn sie Selbst weinte.
Der Apfel fiel nun mal nicht weit vom Stamm. Nur dass in dieser Familie Sarah der Stamm war, seit nunmehr fünf Jahren, seit ihr Daddy tot war. Ihre Mutter weinte ein bisschen und begann dann ein wenig zu schwanken, so als wäre sie angeschwipst, doch sie hatte nichts getrunken. Sie trank nie. Vielleicht weil Sarahs Daddy das ein wenig anders gehandhabt hatte, wer weiß? Jedenfalls hatte die verkrampfte
Umarmung ihrer Mom für Sarah nichts Tröstliches inne. Sie war fast so, als würde sich ihre Mom auf ihre Schulter abstützen wollen um nicht umfallen zu können, doch das Mädchen schwieg. Die alte Frau blickte ihre Tochter an und ihr Blick war der Innbegriff aller Hoffnungslosigkeit. Sie wusste, wie sehr es Sarah treffen würde, zu hören, was sie ihr schweren Herzen mitteilen musste.
Sie war auch einmal verliebt gewesen, vor Ewigkeiten, wie es schien.
„Michael hatte gestern Abend einen Unfall mit dem Motorrad. Er ist tot. Es tut mir so leid.“
Sarah konnte kaum glauben, was sie gehört hatte. „Was? Was redest Du da? DU LÜGST?“ Sie dachte an das bemalte Foto von Michael, auf dem sich irgendetwas verändert zu haben schien, hastig und unsauber retuschiert.
„DU LÜGST!“ rief sie noch einmal durch ihre Tränen hindurch und dann spürte sie einen abscheulichen Druck, der ihr die Kehle zusammenpresste. Außerdem hatte ihre Mom sich nun wirklich auf sie gestützt und so ergab sie sich ihrer windschiefen Umarmung und fiel in Ohnmacht.


9.47 a.m.

Der Sanitäter, den ihre Mom hatte kommen lassen, hatte die Wohnung wieder verlassen. Er hatte Sarah gründlich durchgecheckt, ihre aufgeschürften Knie mit Jod behandelt und ihr Bettruhe verordnet und mittlerweile ging es ihr wieder relativ gut.
Den Umständen entsprechend, natürlich. Zumindest weinte sie nicht mehr. Vielleicht würde sie nie mehr weinen müssen, dachte sie. Es reichte ihr mindestens für die nächsten tausend Jahre. Das Dozepin, dass der Sanitäter ihr verabreicht hatte, untermauerte ihren Entschluss, vorerst die Gedanken an Michael ruhen zu lassen.
Es ließ sie fliegen.
Sie flog über Wiesen und Wälder, über Friedhöfe und Spielplätze, über Gebirge und Täler, bis sie, nach scheinbar mehreren Stunden endlich an ihrem Ziel ankam.
Es war ein brachliegendes Feld, dessen Strukturen ein Muster zu ergeben schienen. Auf den ersten Blick konnte sie es nicht genau erkennen, doch dann sah sie, dass es ein Bild von Michael war.
Ein riesiges Foto aus Getreidehalmen, Schatten, Unkraut und Erde.
Michael, wie er leibte und lebte, auf seinem Motorrad, die Lederjacke lässig über die Schulter geworfen, den Helm noch auf dem Kopf. Schwarze Löcher und ausgebleichte Grautöne auf einem alten Schwarz-Weiß-Bild, mit einem Hauch von Braun. Ein Schnappschuss, der gut vierhundert Quadratmeter der Landschaft bedeckte, wie eine riesige, alte Feuerstelle. Im Hintergrund konnte man nur die Mauer der Union Riviera School sehen, welche die Grenze des Ghettos in ihrem Viertel markierte. Ab da hatte man sich beim Betrachten schon fast zwei oder drei Meter nach links gedacht und ein Duff bei Moe´s gezischt.
Na ja, vielleicht waren es auch acht Meter.
Während sie über dem Feld schwebte, konnte sie den Geruch des Bieres wahrnehmen. Sie konnte auch deutlich Michaels Stimme hören, der betrunken an der Theke saß und grölte. Homer war da und beschwerte sich lauthals bei einem gewissen John über dessen Gestank. Ein lauter Rülpser ertönte und sie wusste, dass Barney ebenfalls da war. Möglicherweise volltrunken wie immer unter einem der Tische liegend, doch das waren nur die Geister ihrer Erinnerungen. Michael war nicht bei Moe´s. Er würde nie wieder dorthin gehen können. Diese Zeiten waren vorbei.
Er würde ewig an seinem Motorrad lehnen und seinen Schatten an die Mauer der U.R.S. werfen. Michael. Warum hatte es so enden müssen? Er hatte schon immer zu viel getrunken, hatte überhaupt viel lieber Dinge gemacht, die ihm geschadet hatten. Ein Draufgänger, der keine Furcht zu kennen schien und in den Sarah sich bis über beide Ohren verknallt hatte. Ihr Daddy hätte ihr den Umgang mit Michael nicht nur verboten, er wäre dem Kerl mit Sicherheit ans Leder gegangen. Wenn er noch gelebt hätte, dann hätte er es diesem halbstarken Möchtegern-Casanova gezeigt. Mikey-Boy hätte sich nach seiner Aktion heute Abend mächtig warm anziehen können, Jawoll, Sir, da hatte ihr Daddy keinen Spaß verstanden. Wer seinem Mädchen das Herz brach, war Abschaum und wurde auch wie Abschaum behandelt. Ihr Daddy hätte Michael gehasst, das war für Sarah so sicher wie das Amen in der Kirche.
Ihre Mutter hatte ebenfalls immer wieder prophezeit, dass es „mit dem Bengel“ noch ein böses Ende nehmen würde und sie hatte leider Recht gehabt, doch das war auch die einzige Gelegenheit, an die sich Sarah erinnern konnte, bei der ihre Mom Recht gehabt hatte. Abgesehen davon war es auch scheinbar die einzige Gelegenheit, in der Sarahs Mom und Daddy ein und derselben Meinung waren.
Ihre Eltern hatten sich zwar nie wirklich heftig gestritten, das gehörte sich nämlich zur damaligen Zeit nicht, doch Sarah hatte das Stahlgerüst unter der glänzenden Fassade schon bei anderen Gelegenheiten hindurchschimmern sehen. Bei ihrer Mom. Ihre Mom redete sich ein, alles im Leben falsch gemacht zu haben. In ihren Augen hatte sie den falschen Kerl geheiratet, das falsche Kind bekommen und ein falsches Leben gelebt, mit Lederimitathandtaschen und Diamanten aus Glas, mit Shampooprobepackungen und Halsketten aus Katzengold. Die Erziehung ihrer eigenen Mom hatte Sarahs Mom so werden lassen, wie sie nun mal war, doch Sarah hasste sie ein wenig dafür. Außerdem hatte sie Angst, dass ihr das Selbe passieren könnte.
Sie hatte so fest auf Michael vertraut. Darauf, dass er ihnen Beiden eine glorreiche Zukunft aufbauen würde, in der sie seine Prinzessin und er ihr Prinz hätte sein sollen. Michael, der Große, der Retter in der Not.
Die Realität hatte anders ausgesehen. Er war kein Prinz gewesen, eher ein Freier, der nicht zahlen wollte.
Wie ein Ballon, der Ballast abwirft, stieg sie in Gedanken ein Stück höher und konnte nun auch einen schmalen, schwarzen Gegenstand in der tristen, grauen Einöde ausmachen, der an das Schwarz-Weiß-Bild-Feld grenzte und für sich allein stand, wie ein von allen verlassener, kahler, ausgemergelter Baum.
Seine Rinde war makellos glatt und schimmerte wie die Oberfläche eines tiefen Sees und seine Farbe war intensives Onyx.
Der Anblick des Dings versetzte Sarah einen Stich.
Sie erkannte den Gegenstand nicht sofort, denn der Winkel, in dem sie auf ihn herabsah, ließ ihn zu einem schmalen Quader schrumpfen. Erst aus der Nähe sah sie, dass es der schwarze Füller war.
Der Füller, mit dem ihr Daddy immer seine Briefe geschrieben hatte und dessen Tinte nie leer zu werden schien. Sie erinnerte sich, dass er zu Hause bei ihr auf dem Schreibtisch lag. Er sah sehr, sehr sonderbar aus, fand sie.
Seine Struktur war ähnlich wie die eines geschliffenen Bergminerals.
Bis auf einen goldenen Ring, der an der abnehmbaren Kappe befestigt war, war er pechschwarz. An dem Ring befand sich ein länglicher Haken, an dem man den Stift an seiner Hemdtasche befestigen konnte. Das hatte ihr Daddy immer gemacht. Sarahs Daddy hatte ihr einmal ganz stolz erzählt, dass er den Füller von einem deutschen Schriftsteller namens Henry Bienek geschenkt bekommen hatte, damals, in der Zeit vor den Bücherverbrennungen, doch das alles war so weit weg, schon so lange her, dass es schon fast nicht mehr zählte.
Als sie gestern Abend nach Hause gekommen war, hatten sich Sarahs Gedanken nur um Michael gedreht. Sie hatte sich sein Foto angesehen, den schwarzen Füller in die Hand genommen und...
Der Wind begann stärker zu wehen und sie musste auf Michaels Gesicht landen, genauer gesagt, auf der Nase. Um sie herum schlugen Getreidehalme aus wie Peitschen und trafen sie im Gesicht und auf den Händen. Ein Schlag im Nacken tat besonders weh. Sie machte einen Schritt und stand auf einmal auf schwarzem Untergrund.
Das linke Auge.
Tiefe Furchen waren in den Grund gegraben.
Sie glitzerten unheimlich und reflektierten zuckend das Licht.
Der Boden an dieser Stelle war anscheinend für alle Zeiten tot und verdorben.
Was immer hier geschehen war, es würde nie wieder gut werden, nie wieder heilen. Es hatte sich in das Bild gebrannt wie schwarze Salzsäure. Es war gebrandmarkt. Ausgebleichte Konturen auf einer schlechten Fotographie.
Der Motorradfahrer hatte mittlerweile seinen Helm abgenommen.
Seine Haare standen ab wie nach einem Stromstoß. Das Gesicht konnte man nicht erkennen, denn jemand hatte eine schlechte Karikatur daraus gemacht.
Die schwarzen Striche des Füllers hatten sich tief in das Fotopapier gegraben.
Zuvor waren sie ein Mondgesicht auf seinem Helm gewesen, doch nun bedeckten sie Michaels Augen wie eine randlose Sonnenbrille und trennten den Kopf direkt unterhalb des Kinns mit einer schiefen Linie.
Sein Antlitz war nun das eines Sensenmannes, das eine Kinderhand gemalt zu haben schien.
Die Sense fehlte zwar auf der Abbildung, aber der Mensch war ja bekanntlich flexibel. Das Motorrad schien ein ausreichender Ersatz zu sein.
„Michael, der Motorradmann.“ Das hatte was. Es unterstrich den ersten Eindruck des Bildes, über dem die Worte „Denn sie wissen nicht, was sie tun Teil 2“ hätten prangern können.
Durch den Kontrast der hinzugefügten Elemente wirkte das Foto fast so, als würde es bluten. Eine tiefschwarze Farbe, auf einem Bild aus Grautönen, das neben den Spuren des schwarzen Füllers wie ein Gespenst verblasste, und die einem sofort ins Auge sprang.
Das Schwarz war endgültig.
Es war sowohl auf dem Foto, das auf Sarahs Schreibtisch lag, als auch auf dem Foto im Getreidefeld, durch das sie in ihrem Trip flog. Perfekte und ewige Symbiose.
Die zwei Bilder waren eins, wie zwei Flüsse, die ineinander flossen.
„Aus dem Unterbewusstsein und der Realität entspringt die Unwahrscheinlichkeit.“
Irgendwie klang das plausibel für Sarah, als sie hörte, wie die Stimme von gestern es durch den leeren Himmel ihrer verstörten Wahrnehmung raunte.
Die Stimme, die stets zu schnell und abgehackt zu sprechen schien.
Was sie gesagt hatte, hatte für das Mädchen zuerst keinen Sinn ergeben, doch dann hatte es nur allzu gut verstanden. Sarah war nämlich wieder eingefallen, was sie in den zwei Minuten getan hatte, bevor sie sich gestern Abend hingelegt hatte.
Sie hatte den Füller ihres Daddys zum Malen benutzt.

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