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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der schwarze Siegfried oder die vernebelten Nibelungen
Eingestellt am 01. 12. 2004 20:40


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LuMen
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DER SCHWARZE SIEGFRIED
ODER
DIE VERNEBELTEN NIBELUNGEN

- Rezension zum Fernsehfilm „Die Nibelungen“,
SAT 1, 29./30.11.04, 20.15 Uhr -

Da freut sich der vorweihnachtlich erwartungsvoll gestimmte Fernsehzuschauer auf einen bunten, vielleicht etwas festtags-verkitschten, aber unterhaltsamen großen Film, wie ihn uns vor Jahren die deutschen Fernsehproduzenten öfters um diese Zeit als Straßenfeger bescherten. Aber weit gefehlt, dieses Adventsbonbon war keins, sondern erwies sich als Mogelpackung! Statt Substanz, die das grĂ¶ĂŸte deutsche Heldenepos aus vorgeschichtlicher Zeit reichlich geboten hĂ€tte, nur Hohlraum, den mit eigener „Nachdichtung“ zu fĂŒllen die Filmemacher sich vergeblich mĂŒhten.

Um es vorweg zu nehmen: Dieser mit Millionenaufwand produzierte zweiteilige Film hat mit der Nibelungensage etwa so viel gemein wie die Bibel mit Grimms MĂ€rchen. Kennzeichnend fĂŒr dieses Bild ist schon das Äußere der beiden Hauptakteure, ein schwarzhaariger Siegfried und eine blonde Brunhild, obwohl jedes Kind weiß, dass Siegfried der Idealtypus des blondgelockten germanischen JĂŒnglings und Brunhild im Gegensatz zu Kriemhild dunkelhaarig ( nach dem Originaltext der Sage sogar „schwarz“!) war. Und so geht die eigene Phantasie mit den Drehbuchautoren weiterhin durch und produziert „Neuschöpfungen“, durch die sich die Älteren, denen das Nibelungenlied noch vertraut ist, auf deutsch gesagt, verar
.vorkommen mĂŒssen und weniger sagenfeste JĂŒngere wie durch Quizmaster Jauchs Fangfragen irregeleitet werden. Aber Vorsicht, Ihr kommerziellen Medien, die Ihr, wennÂŽs ums Geld geht, vor nichts zurĂŒckschreckt: Was werden die „Wagnerianer“ sagen, wenn es hier an ihr Allerheiligstes geht?

Klein-Siegfried begibt sich gleich zu Anfang auf eine Flussfahrt mittels eines freundlich anschmiegsamen BaumstĂ€mmchens und wird von einem Schmied, der vielleicht doch auch Hirte war(?), zwecks weiterer Aufzucht an Land gezogen – ein bisschen Anleihe beim biblischen Moses, oder haben die Drehbuchautoren etwa von dem wasserdichten Weidenkörbchen der beiden großen römischen Sagengestalten gewusst? Ob sie je einen Blick in die deutsche Sage geworfen haben, ist allerdings mehr als zweifelhaft. Aber nichts fĂŒr ungut, möglicherweise hat Regisseur und Mitautor Uli Edel sogar vorauseilend einen Blick in den zweiten Teil der „Nibelungen“ riskiert und sich von dem schönen Namen von König Etzels Bruder, „Blo-edel“, bei seiner weiteren Arbeit inspirieren lassen. Etwas Gutes könnte solches BildungsbemĂŒhen aber wirklich gehabt haben: Die sonst ĂŒbliche Fortsetzung derartiger Monsterverfilmungen bleibt uns diesmal offenbar erspart. Die große Mordorgie an Etzels Hof, sicherlich schwierig und nur mit großem Aufwand zu verfilmen, wird hier sozusagen durch ein kleines Schlachtfest vorweggenommen, indem sich Gunther, Hagen und Brunhild! am eigenen Herd im engsten Familienkreis massakrieren. Kriemhild bleibt einsam zurĂŒck und grĂŒbelt wahrscheinlich immer noch darĂŒber nach, auf welche wundersame Weise Siegfried schon vor ihrer Zeit Brunhild bezwungen und ihr Herz auf ewiglich gewonnen hatte, so dass sie sich dasselbige an seinem Totenbett mit dem Schwert durchbohrt und mit ihm gemeinsam im Flammenmeer versinkt.

Wie denn auch den Worten des Mitproduzenten und „Oscar“- PreistrĂ€gers Engel zu entnehmen ist, ging es weniger um eine werksgetreue Verfilmung des Stoffes als um die „Kinotauglichkeit“ des Films, der etwa 600 „Special Effects“ und damit genauso viel wie „Der Herr der Ringe I“ aufweisen soll. ZwangslĂ€ufig bedarf es daher nur weniger Worte ĂŒber die schauspielerischen Leistungen und die QualitĂ€t der Dialoge, die oft von großer Einfachheit geprĂ€gt waren. Wenn jemand unter den Darstellern hervorzuheben ist, dann ist das – mit Abstand vor Kristanna Loken als blonder Brunhild – Max von Sydow als Siegfrieds Ziehvater, eine wahrhaft tragische Figur! Er musste nĂ€mlich eine praktisch nicht existente Rolle spielen, denn der „echte“ Siegfried verbrachte eine wohlbehĂŒtete Kindheit im elterlichen Königsschloss (warum liest selbst ein Weltstar sich nicht vorher einmal das Drehbuch durch?!).

Alles in Allem: Ich höre den unbekannten Chronisten der Nibelungensage und die alten Germanen im Grabe rotieren.

LuMen









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dubidu
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Lieber LuMen,

du hast durchaus - mit viel Bedacht,
die Sache auf den Punkt gebracht,
nur hat sie einen rost'gen Haken...


ZunĂ€chst einmal: das Geseier derjenigen, die frĂŒher alles besser und geiler fanden! Kennen wir, ja - ist ein alter Hut!

Zweitens: es gibt keinen einz'gen Verfasser des Nibelungenlieds, das sind alles uralte germanische Sagen, Hirngespinste, Mythen und Legenden, die zeitlich bis ins tiefste Vormittelalter zurĂŒck datiert werden können. Das gleiche gilt im Übrigen auch fĂŒr den Faust. Insofern kann jeder herumspinnen, wie er's möchte!

Drittens: auch dein genannter Wagner hat aus dem Stoff etwas Individuelles gemacht, eine nationale Seifenoper, ein 16-stĂŒndiges, zugegebenermaßen geiles Werk, in das er auch noch ein Weltuntergangsszenario (GötterdĂ€mmerung) eingebaut hat. Hut ab, Vorhang fĂ€llt!

Also: niemand hat alleinigen Anspruch auf Kunst und Kult!!!!
Und was zĂ€hlt in heutiger Zeit? Bilder und Bewegung! Und das wird in dem Zweiteiler massig geboten. Und es gibt eine Brunhild, die einfach Klasse spielt. Jeder noch halbwegs richtige Mann, wĂŒrde zu Fuß bis Wallhall marschieren, um ihr den GĂŒrtel abzunehmen.

Gruß
gez. das dubidu

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Die TollkĂŒhnheit des Schreibers und sein spontanes BedĂŒrfnis nach Wahrheit mĂŒssen allemal grĂ¶ĂŸer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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LuMen
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Nibelungen??

Hallo dubidu,

wir sind ja nicht selten einer oder zumindest Ă€hnlicher Meinung gewesen, aber in puncto "Fernseh-Medienkultur", sofern man da ĂŒberhaupt noch von Kultur sprechen kann, scheinen wir doch sehr gegensĂ€tzliche Auffassungen zu haben. Ich kĂ€mpfe schon seit Jahren gegen den Schund, der uns dort in immer grĂ¶ĂŸerem Umfang geboten wird, und auch diese sog. "Nibelungenverfilmung" gehört m. E. dazu. Leider trifft man da bei den Verantwortlichen und zumeist auch bei den Pressemedien, die sich eigentlich fĂŒr Kritik zustĂ€ndig sehen mĂŒssten, auf taube Ohren, sprich: Man "straft" Kritiker schlicht mit Missachtung. Vielleicht hat das meinen "Umgangston" mit den Medien manchmal etwas zu polemisch verschĂ€rft.
Zu Deiner Meinung im Einzelnen:
Mir liegen LobgesÀnge auf die besseren alten Zeiten fern. Es ist Fakt, dass es vor einigen Jahren mehrmals in der Vorweihnachtszeit gut gemachte und allgemein so kritisierte Mehrteiler gab (ich entsinne mich an Orientabenteuer und, glaube ich, auch Dickensverfilmungen).

Bei unbekanntem Verfasser kann man immer darĂŒber streiten, ob es einer oder mehrere waren; man weiß eben auch das nicht (wenn da noch mehrere "Nibelungenschöpfer" im Grabe rotieren, ist der LĂ€rm ja noch lauter!).

Ich bin zwar kein großer Wagnerfreund und -kenner, aber meines Wissens hat er sich doch ziemlich genau an das alte Epos gehalten, schwarze Siegfrieds und blonde Brunhilds tauchen bei ihm jedenfalls nicht auf. Beispiele fĂŒr völlig unsinnige und ĂŒberflĂŒssige Abweichungen von der Vorlage könnte ich viel mehr bringen als ich es der KĂŒrze halber getan habe (die ganze Albarichgeschichte stimmt nicht, ebenso wie die frei erfundene "Vorgeschichte" zwischen Siegfried und Brunhild, wichtige Figuren wie Etzel etwa fehlen ganz). Wenn man einen Stoff - eigentlich unverstĂ€ndlicherweise - in dieser krassen Form "abĂ€ndert", darf man sich auch nicht rĂŒhmen, die Nibelungensaga verfilmt zu haben. Das wĂŒrde auch dann gelten, wenn darin wirklich etwas schöpferisch EigenstĂ€ndiges gesehen werden könnte.

Genau das aber hat Wagner mit seiner Fortsetzung der Sage in der "GötterdÀmmerung" geschaffen und damit auch nichts verfÀlscht.

Was die von Dir so gelobte Darstellerin der blonden Brunhild
angeht, habe ich die schauspielerische Leistung, wenn auch mit Abstrichen, ja erwĂ€hnt. Deine Schlussfrage, was in heutiger Zeit zĂ€hlt, wĂŒrde ich doch etwas verengen und auf die Medienbosse beziehen. Im Übrigen meine ich, dass ihre Versprechungen hier auch bezĂŒglich "Bilder und Bewegung" nicht zutreffen und der Vergleich mit dem "Herrn der Ringe" gar gewaltig hinkt. Mag die Zahl der Spezialeffekte stimmen, aber nicht das, worauf es mehr ankommt, die QualitĂ€t! ich habe selten einen so "schwachen" Drachen wie den SAT-1-Fafnir gesehen.

Ich bin gespannt auf das nĂ€chste Machwerk der Fernsehunterhaltung, wobei auch die "Öffentlich-rechtlichen" schon seit einiger keine ZurĂŒckhaltung mehr kennen.


Herzlichen Gruß - und bis bald!

LuMen

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meine Aussage:

quote:
du hast durchaus - mit viel Bedacht,
die Sache auf den Punkt gebracht,


scheint nicht mit deiner Erwiderung

quote:
...scheinen wir doch sehr gegensÀtzliche Auffassungen zu haben

ĂŒbereinzustimmen.

GrundsĂ€tzlich sehe ich das doch Ă€hnlich wie du. Doch gerade in diesem Fall, gehen unsere Meinungen etwas auseinander. Ich fand das Drehbuch und die Darsteller (scheiß auf die schwarze Haare des Siegfrieds - ist doch egal, ob arischer??? muss das denn sein??? - oder romanischer Abstammung/Haut/Haare). Das sind doch nur NebenschauplĂ€tze.

Meines Erachtens hast du dir fĂŒr deine Haltung im Allgemeinen (die ich durchaus verstehe) nur das falsche Besondere (Beispiel) ausgewĂ€hlt.

Viele GrĂŒĂŸe
gez. das dubidu
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Nur ein Wort noch, liebes dubidu: Ob Nebenschauplatz oder nicht, es waren jedenfalls nicht die Nibelungen, die dort gespielt wurden!

Nur damit Du nicht glaubst, ich wÀre der Geist, der stets verneint, noch ein Nachsatz. Gelegentlich entdecke ich auch sehenswerte Filme (von denen leider nicht soviel Notiz genommen wird wie bei den spektakulÀren Machwerken) wie z. B. letzten Sonntagabend sogar auf SAT 1!!: "Nirgendwo in Afrika", ein eher leiser, behutsam inszenierter Film, der mich sehr beeindruckt hat. Oder hart, spannend und quÀlend schonungslos die DDR-Reminiszenzen eines Stasi-Verfolgten und spÀteren Fluchthelfers in "Der Stachel des Skorpions", Freitagabend, 19.11., auf Arte, der hoffentlich noch in den anderen Programmen laufen wird.

Ein schönes Wochenende wĂŒnscht Dir

LuMen

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dubidu
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Hallo LuMen,

Nirgendwo in Afrika ist wirklich ein toller Film. Ich habe ihn bereits zweimal gesehen; einmal im Kino - Premiere - und einmal im Fernsehen.

NatĂŒrlich lĂ€uft viel Scheiß auf allen KanĂ€len. Aber wir alle haben die Freiheit, das (fĂŒr uns) Richtige auszuwĂ€hlen.
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