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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der stille Tod
Eingestellt am 28. 06. 2016 11:17


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Blumenberg
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Ypern, 22. April 1915

Heute ist es also so weit. Schon nach dem Aufstehen hatte ich dieses ungute GefĂŒhl, dass es ernst werden könnte. Kaum aus dem spĂ€rlichen Unterstand getreten, spĂŒrte ich den leichten Wind, der aus Nordosten durch den Graben wehte. Obwohl der Generalstab sich die grĂ¶ĂŸte MĂŒhe gegeben hatte, von einer Grabendesinfektion war die Rede, blieb es nicht geheim. Konnte es auch nicht. Die Langweile in den GrĂ€ben bringt uns zum Sprechen, der Mangel bringt uns zusammen. Ich hatte auf der Suche nach einer Tasse heißen Kaffees vor ein paar Tagen davon gehört. Ein paar Jungs, denn nichts anderes waren diese kaum zwanzigjĂ€hrigen ehemaligen Studenten, die beim „Desinfektionskorps“ dienten, hatten mir etwas von ihrem zu trinken angeboten und wir kamen ins Plaudern. Sie erzĂ€hlten von einer neuen Offensive, einer anderen diesmal, einer, die uns den Durchbruch und damit den Sieg bringen wĂŒrde. Ich hatte mich skeptisch gezeigt, denn jede Offensive bisher sollte anders sein und jede sollte den Durchbruch bringen. Mit Skepsis ist es so eine Sache, da ist der Grad zur Zersetzung der Moral der Truppe schmal, da muss man aufpassen. Aber sie hatten gelacht und mir von den BehĂ€ltern erzĂ€hlt, die sie in den Tagen zuvor in Stellung gebracht hatten. 40 Kilogramm schwer, Druckmechanismus zum Abblasen, randvoll mit dem stillen Tod.
Fritz Haber hatte persönlich am 11. April ihren Graben besucht und nach seiner Inspektion nur lobende Worte fĂŒr seine braven Studenten gehabt, die mit ihm zusammen vom Schießplatz Wahn gekommen waren. Seit diesem Tag war alles bereit, erzĂ€hlten sie mir, nur der Nordostwind fehlte noch. Ich werde schon sehen, es sei nur eine Frage von Tagen, rief mir einer noch im Hinausgehen zu. Seitdem wartete ich. Wartete auf den Nordostwind, denn der trĂ€gt uns auf sanften Schwingen zum Sieg.
Heute Morgen war er da, ich spĂŒrte ihn auf meiner Haut. SpĂŒre ihn auch jetzt, im Graben kauernd, ein mit Chemikalien getrĂ€nktes Tuch vor dem Gesicht, bereit loszustĂŒrmen, sobald die schrille Pfeife meines ZugfĂŒhrers mich dazu auffordert. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es beinahe so weit ist. Eine Minute vor sechs. Eine Minute, bevor es beginnen soll. Ob die armen Schweine dort drĂŒben in Saint-Juliaan ahnen, was ihnen blĂŒht? Wohl nicht, unsere SpĂ€htrupps haben auf der Gegenseite nichts AuffĂ€lliges gemeldet. WĂŒssten sie es, hĂ€tten sie sich lĂ€ngst davongemacht. Noch wĂ€hrend ich das denke, schiebt sich der Zeiger voran. Jetzt es ist es so weit. Ich sehe die Unruhe meiner Kameraden, aber noch zögere ich, den Blick ĂŒber den Rand des Grabens zu heben. Die Franzosen sind ordentliche SchĂŒtzen und unsere Helme mehr Zier als Schutz.
Als ich die ĂŒberraschten Rufe von denen höre, die, mutiger als ich, einen Blick riskieren, siegt auch bei mir die Neugier und ich richte mich langsam auf. Dann sehe ich sie. Die gelbliche Wolke ist riesig. Sie bedeckt bereits den ganzen Horizont, aber noch immer strömt neuer Dunst aus den DruckbehĂ€ltern. Nach nicht einmal zehn Minuten sind die BehĂ€lter leer, haben den stillen Tod ausgespien. Keiner von uns denkt mehr daran, nach einem kurzen Blick wieder in Deckung zu gehen. Wir sehen der gewaltigen Wolke zu, die, angetrieben vom Nordostwind, trĂ€ge in Richtung der französischen GrĂ€ben walzt. Es ist beĂ€ngstigend still, schweigend stehen wir dem stillen Tod Spalier.
Dann reißt uns das Pfeifen des GruppenfĂŒhrers aus unserem andĂ€chtigen Schauen. „Angriff! Raus mit euch aus den GrĂ€ben!“, brĂŒllt er und stĂŒrmt voran. Wir folgen, die Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett in Position. Aus dem schwungvollen Loslaufen wird rasch ein langsames Traben, die Wolke zwingt uns ihre Geschwindigkeit auf. Aus unseren Reihen fĂ€llt kein Schuss. Aber worauf sollten wir auch schießen, vor uns ist nur die Wolke.
Ich setze einen Fuß vor den anderen, horche gespannt, um mich beim ersten Dröhnen des feindlichen Feuers auf den Boden zu werfen. In Deckung, nur in Deckung, wenn die Hölle losbricht. Aber sie bricht nicht los, nur Schweigen erwartet uns. Schritt fĂŒr Schritt nĂ€hern wir uns dem Feind. Der Weg durch das schlammige Niemandsland zwischen den Grabensystemen scheint dieses Mal einfach nicht enden zu wollen.
Dann plötzlich taucht unvermittelt der erste feindliche Graben aus dem gelben Dunst auf. Ich warte auf die feindlichen Salven, denn sie mĂŒssen nun auch uns sehen können. Doch noch immer herrscht nur diese gespenstische Ruhe. Ich packe mein Gewehr fester und beschleunige meinen Schritt. Dann sind wir heran und ich springe mit einem Kampfruf in den Graben hinab. Als ich lande, gerate ich ins Stolpern und falle. Panik macht sich in mir breit, ich weiß, ich bin wehrlos. Schnell rapple ich mich hoch, bereit, mit dem Bajonett zuzustoßen, auf den Feind, der mich hier erwartet. Die Reste des Chlorgases brennen in meinen Augen und lassen sie trĂ€nen. Ich blicke mich um, aber alles, was ich sehe, ist der Tod.
Vielleicht dachten sie, es sei Rauch, der uns vor ihren Blicken verbergen sollte. Wer von ihnen sollte schon ahnen, dass es der stille Tod ist, der ĂŒber sie hinwegzieht. Der stille Tod, der ihre Lungen verĂ€tzt, so dass sie sich mit Blut fĂŒllen. Jetzt liegen ihre im Todeskampf verdrehten Leiber in den GrĂ€ben, so weit ich sehen kann. Vier Kilometer stoßen wir vor, vorbei an Toten und Sterbenden, fĂŒr die es keine Rettung mehr geben kann, sondern nur noch das Ende. Vier Kilometer ohne einen einzigen Schuss.


Version vom 28. 06. 2016 11:17
Version vom 29. 06. 2016 09:01
Version vom 29. 06. 2016 17:17

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Hagen
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Hallo Blumenberg,
das hast Du gut gemacht!
Angefangen bei der sauberen Recherche, die in der LL m.E. etwas stiefmĂŒtterlich gehandhabt wird, bis hin zu glaubhaften ErzĂ€hlung in der ersten Person.
Bravo!

Mein Großvater, der zu dieser Zeit vor Verdun gelegen hat, hat mir Ă€hnliches erzĂ€hlt. Seit dem frage ich mich, was das fĂŒr Menschen sind, die die DruckbehĂ€lter mit dem Chlorgas herstellen und letztlich aufdrehen ...
Ich werde es wohl nie begreifen.

Aber trotzdem bitte ich Dich, mehr davon zu bringen, genauso glaubhaft!

Herzliche GrĂŒĂŸe
yours Hagen



____________________
wir lesen uns!

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Eremit
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Ich hatte in der Schule einen Lehrer, der uns erklÀrte, der Krieg sei der "Vater aller Dinge".
Gegen solche Kriegsverherrlichung ist deine Geschichte wie geschaffen. Ohne SentimentalitÀt, so klar und gerade wie eine frische Brise, schilderst du das eigentlich Unbegreifliche.
Ich hoffe, dass auch solche Werke wie deines, dazu beitragen, das sich die Menschheit in Zukunft von der Barbarei des kollektiven Mordes fernhÀlt.
LG Eremit

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Blumenberg
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Hallo Hagen,

vielen Dank fĂŒr die schmeichelhafte Rezension und die großzĂŒgige Bewertung(?)! Es freut mich, dass mein Text trotz des schweren Themas so einen Anklang zu finden scheint.
Was das fĂŒr Menschen sind die, die diese BehĂ€lter letztlich aufdrehen? Das waren tatsĂ€chlich kriegsfreiwillige Studenten, die aber als letztes Glied in einer Kette, eben doch nur BefehlsempfĂ€nger sind. Den Menschen, die das Ganze geplant haben scheint es nicht geschadet zu haben. Fritz Haber (hier hatte sich ein Namensfehler eingeschlichen, ist aber korrigiert), hat, man höre und staune, 1918 den Nobelpreis fĂŒr Chemie gewonnen. Das entbehrt fĂŒr meinen Geschmack nicht einer gewissen Ironie.

Eine vernĂŒnftige Recherche war mir gerade bei dieser Geschichte wichtig, sonst hĂ€tte ich mich als Nachgebohrener nicht an dieses Thema gewagt.

Es folgt bestimmt noch das ein oder andere Textchen zu ernsten Themen.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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Blumenberg
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Hallo Eremit,

vielen Dank fĂŒr das Kompliment, ich freue mich das mein Textchen bei dir Anklang gefunden hat.
Auch ich glaube, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist, naja vielleicht nicht aller, aber doch vieler, ich wĂŒrde mich allerdings davor hĂŒten zu sagen, dass er ein guter Vater ist. Es scheinen mir gerade bei den großen Konflikten, die ungeheuerlichen Verheerungen eines ganzen Kontinents zu sein, die die Grundlage fĂŒr etwas Neues legen. Dass dies aber nicht immer etwas WĂŒnschenswertes ist, sieht man deutlich an dem was der erste Weltkrieg uns fĂŒr eine neue Ordnung gerbacht hat.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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Eremit
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Zwei Dinge wĂŒrden mich noch interessieren: Gab es damals noch keine Gasmasken, die entweder die Angreifer oder die Verteidiger zum Schutz tragen konnten? Denn der Angriff scheint von der Richtung des Windes abzuhĂ€ngen; der Wind kann jedoch auch drehen und dann sind die Angreifer der Gaswolke ausgesetzt.
LG Eremit

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