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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der unvollendete Darwin
Eingestellt am 28. 02. 2009 09:42


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2007

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Der unvollendete Darwin

Kann es sein, dass der heutigen Evolutionstheorie etwas Wesentliches fehlt? Dem Nichtbiologen kann es durchaus so vorkommen, wenn er die Meldungen aus der Forschung mit der Theorie vergleicht. Vielleicht sind Darwins Erben der Eleganz des Einfachen erlegen?
Denn das ist ja wirklich bestechend einfach: Es gibt Mutationen, zufÀllige genetische VerÀnderungen, und es gibt Selektion - und sonst gar nichts. Diese zwei Mechanismen sollen die Evolution hinreichend erklÀren.
Aber passt das eigentlich mit den Befunden der Zunft zusammen? Sind die Mutationen wirklich nur zufÀllige Kopierfehler der Erbinformation?
Schon die Entdeckung, dass es in der Geschichte immer wieder, z.B. vor 360 Millionen Jahren, wahre Feuerwerke von Mutationen nach eher ruhigen Zeiten gegeben hat, weckt leise Zweifel. Denn diese Mutationen rĂŒhren offenbar von prekĂ€ren Umweltbedingungen her. Es ist bekannt, dass beispielsweise Strahlen die Mutationsrate steigern. Zufall sieht allerdings anders aus.
Und was ist mit Tieren, die nach Millionen von Jahren praktisch immer noch gleich aussehen, in einer Zeitspanne, in der sich durch unzĂ€hlige Mutationen aus so etwas Ähnlichem wie einem Baummarder der Mensch entwickelt hat? Hat der Quastenflosser kein Recht auf Kopierfehler? Warum mutiert bei dem fast nichts? Es sieht so aus, als „brauchte“ er keine Mutationen, weil er im Einklang mit einer nur wenig verĂ€nderten Umwelt lebt.
Überhaupt nicht zufĂ€llig scheint schließlich die Verteilung der Mutationen innerhalb der Millionen Basenpaare, in denen die Erbinformation gespeichert ist. Wenn es um zufĂ€llige Kopierfehler ginge, dann mĂŒssten diese wohl annĂ€hernd gleichverteilt sein. Wie soll das aber z.B. bei den berĂŒhmten SchnĂ€beln der Darwinfinken gehen, die ja in einer Folge von Mutationen umgewandelt wurden?
Da die einzelnen Mutationen, wenn sie zufĂ€llig sind, so unabhĂ€ngig voneinander sein mĂŒssen wie zwei Lotto-Ziehungen, wĂ€re die Wahrscheinlichkeit der Folge-Mutation nur so groß wie die erste – also im Millionstel-Bereich. Zwischendurch hĂ€tten all die anderen Basenpaare die gleiche Chance auf Mutationen. Wie viel Hunderttausende von Mutationen an anderen Stellen des Organismus wĂ€ren das wohl zwischen Erst-Mutation und Folge-Mutation am Schnabel? Die Finken sehen nicht nach einer solchen Flut von Mutationen aus, sie sind außer bei den SchnĂ€beln ziemlich gleich geblieben.
Nein, die SchnĂ€bel der Finken waren wohl eher eine „Baustelle“ der Evolution wie etwa auch das Gehirn der Primaten und frĂŒhen Menschen, das ebenfalls in mehreren Schritten vergrĂ¶ĂŸert und verĂ€ndert wurde. Auch die kombinierte Entwicklung beispielsweise von Hand und Hirn der Primaten war wohl eine solche Baustelle. Baustellen aber gibt es nicht aus Zufall.
Es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass Menschen just zu dem Zeitpunkt eine zufĂ€llige Mutation zur Laktose-VertrĂ€glichkeit erfuhren, als sie mit der Milchwirtschaft begannen – und das nicht nur bei uns, sondern angeblich unabhĂ€ngig davon bei den Massai und den Samen! Und dass sich bei den Menschen immer die passenden Mutationen zur Hautfarbe einstellten, je nach der UV-Strahlung in einer Region, sieht auch nicht nach Zufall aus.
Es drĂ€ngt sich die Vermutung auf, dass Mutationen nicht nur als zufĂ€llige Kopierfehler zu fassen sind, sondern dass es einen Steuerungsmechanismus gibt, der Einfluss auf Mutationen nimmt. Das wĂ€re ein dritter Mechanismus neben Mutation und Selektion, der molekularbiologisch noch zu entdecken ist. Danach wĂŒrden Organismen aus der Begegnung mit der Umwelt „lernen“, in welcher Weise ihre Erbinformation besser angepasst werden kann.
Wenn diese Hypothese stimmt, hĂ€tte sie weitreichende theoretische Bedeutung. Die Selektion, der berĂŒchtigte „Kampf ums Dasein“ wĂ€re dann nicht mehr der einzige Anpassungsprozess. Es gĂ€be auch eine proaktive Anpassung, nicht nur die im Nachhinein wirksame Auslese. Die Rolle des Zufalls in der Evolution und damit in der Menschheitsgeschichte wĂ€re weniger bedeutsam als bisher angenommen. Das wĂŒrde manche Menschen freuen, die sich nicht gern als Produkt des Zufalls sehen.
Darwin hielt ĂŒbrigens nicht viel vom Zufall; im Gegenteil verneinte er ausdrĂŒcklich, dass ErbĂ€nderungen zufĂ€llig entstehen könnten. Er glaubte vielmehr, dass sie durch Umweltbedingungen oder durch Gebrauch oder Nichtgebrauch von Organen verursacht werden –und als Anpassungen an vorher geĂ€nderte Teile eines Organismus.
Darwin hĂ€tte es verdient, wenn die heutigen Evolutionstheoretiker einmal darĂŒber nachdenken wĂŒrden.


Version vom 28. 02. 2009 09:42

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Kasper Grimm
Guest
Registriert: Not Yet

Interessante Gedanken. Ich selber habe wenig Ahnung von der Materie, mir aber auch schon Gedanken darĂŒber gemacht. Vielleicht ist der "Kopierfehler" zu kurz gedacht. Ich stelle es mir eher als ein Experimentieren, Ausprobieren, TĂŒfteln der Natur bzw. eines Details aus ihr in ihrem Gesamtumfeld vor. Da werden verschiedene Versuche, Proben, Mutationen gestartet und abgewartet, was passiert. Schnell stellt sich das Praktischere heraus, und wenn die Art es schafft, das zu selektieren und im Erbgut zu verankern, hat sie bessere Aussichten zum Überleben. Ich denke da ein einen weißen Falter, der ursprĂŒnglich auf weißen BirkenstĂ€mmen sein Überleben im Tarnkleid erfolgreich lebte. In England kam dann die industrielle Reveolution, die viel Kohlestaub und verdreckte BirkenstĂ€mme mit sich brachte: nun war der einst vorzĂŒglich getarnte Falter ein willkommen kontrastierendes Beuteobjekt fĂŒr Vögel auf den nunmehr kohlschwarzen StĂ€mmen und wĂ€re in kurzer Zeit ausgerottet, hĂ€tte sein Erbgut nicht experimentiert: plötzlich tauchte dieselbe Faltersorte als dunkles, schwarzes Exemplar auf - das war nun wieder vorzĂŒglich getarnt und konnte ĂŒberleben. Das heißt, das Mutieren steht in Kommunikation mit dem Umfeld. So schickt die Art immer wieder diversse Testballons ab, sei es ein albinoweißes Exemplar einer sonst schwarzen Art oder... Ich stelle mir gerade einen schwarzen EisbĂ€ren und weißen Panther vor. Übrigens sehe ich, fahre ich per Rad am Rhein vorbei, neuerdings öfter Raben mit weißen Federn im den FlĂŒgeln: Ă€ußerst merkwĂŒrdig - sieht aus wie die Kids, die sich Lichter in die Haare fĂ€rben ;-)
Wer weiß, vielleicht haben die schneeweißen Schwungfedern der Möwen es den sonst konservativ schwarzen Raben angetan, und die neue Generation experimentiert da ein bißchen, der uralten Tradition zum Trotz?
LG Kasper

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