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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der verschwundene Lottoschein
Eingestellt am 12. 06. 2001 00:16


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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2001

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Der verschwundene Lottoschein

Er starrte sekundenlang wie magisch auf die Zahlenreihe. Es gab keinen Zweifel. Es waren genau die Zahlen, die er seit seinem sechzehnten Lebensjahr Woche f├╝r Woche, Jahr f├╝r Jahr, gespielt hatte. Mehr als 30 Jahre lang bei jeder Ziehung. Nun hatte seine Ausdauer endlich ihren verdienten Lohn gefunden. Ihm schwindelte, als er die Tragweite des Geschehens begriff. Die Gewinnsumme war mehrere Wochen lang nicht ausgesch├╝ttet worden und es befanden sich 12 Millionen DM im Jackpot. W├╝rde er die Summe allein kassieren oder gab es noch andere Gewinner? Sein Kopf verwandelte sich in ein Bienenhaus und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sein Herz klopfte wie rasend, angetrieben vom Adrenalin, das der freudige Schreck freigesetzt hatte. Er sprang vom Stuhl auf, rannte ein paarmal kopflos im Zimmer hin und her, stiess dabei eine Vase von ihrem Platz, die knallend auf dem Fussboden zersprang. Er bemerkte es nicht einmal, denn er sah nicht, was um ihn herum passierte.

Der Schein........, wo ist der Schein, durchzuckte es ihn. Ihm wurde heiss, denn ein neuer Adrenalinstoss brachte sein Blut in Wallung. Er riss die Schublade der Kommode auf, wo er den jeweils g├╝ltigen Lottoschein verwahrte. Da war er. Er riss ihn an sich, eilte zur├╝ck an den Tisch mit der aufgeschlagenen Zeitung. Kein Zweifel, die Zahlen stimmten ├╝berein. Aber was war das? Warum stand auf dem Schein 42. Ausspielung und in der Zeitung 43.? Sein Gesicht wurde zur Abwechslung kalkweiss und seine H├Ąnde zitterten. Er bem├╝hte sich krampfhaft, seine Gedanken zu ordnen. Gleich darauf schoss er mit solcher Schnelligkeit vom Stuhl hoch, dass dieser krachend nach hinten ├╝berfiel. Er eilte zur Garderobe und zog seine Brieftasche aus der Innentasche seines Jacketts. Er durchforschte mit zitternden Fingern alle F├Ącher - vom Lottoschein keine Spur. Warum war der Schein der vorigen Woche in der Schublade und nicht der neue? Wo war der neue, verdammt nochmal? Seine Beine wurden weich und er musste sich wieder setzen. Er war v├Âllig mit den Nerven fertig. In den ganzen Jahren hatte er nicht ein einziges mal vergessen, den Lottoschein abzugeben. Sollte das Schicksal so grausam sein, dass er es ausgerechnet diesmal vergessen hatte?

Sein Kopf war wie leergefegt von allen Gedanken und es gelang ihm nicht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Stattdessen kam ihm ins Bewusstsein, wie er sich in den letzten Wochen regelrecht auf die Verwirklichung seines Reichwerdens vorbereitet hatte. Er hatte ein Werk eines Philosophen ├╝ber Positives Denken gelesen und sich strikt an die Anweisungen gehalten. Denke nicht, ich m├Âchte reich werden, sondern denke, ich werde reich. Denke es 100 mal und spreche es 50 mal aus am Tag. Gedanken sind Energiestr├Âme, die sich verst├Ąrken, wenn sie ausgesprochen werden. Je ├Âfter, desto mehr Energie wird freigesetzt, um die Gedanken in die Wirklichkeit umzusetzen. Das war die Kernaussage des Werkes. Er hatte sich sogar ein Liedchen zurechtgefeilt, dass er sogleich auf den Lippen hatte, wenn er sich allein f├╝hlte.

'Ich werde reich, ich werde reich, ich werde reich,
und das zwar gleich,
und das zwar gleich,
dann hab' ich Geld
und die sch├Ânste Frau der Welt,
das ist das was mir gef├Ąllt'.

Die sch├Ânste Frau der Welt........, ha! Er meinte damit kein Model oder Pin-Up Girl, sondern eine Frau, die nach seinen Massst├Ąben die sch├Ânste war. Er war Witwer und sehnte sich nach einer neuen Liebe mit seiner Traumprinzessin. Er glaubte, wenn er reich sei, ginge dieser Wunsch eher in Erf├╝llung und er gab ihm Gestalt in seiner positiven Denkstrategie.
Den Reim hatte er wohl an die tausend mal gesungen in den letzten Wochen. Er hatte sogar sein Passwort vom Computer in 'ichwerdereich' ge├Ąndert und alle Dateien, die er t├Ąglich bearbeitete mit ├Ąhnlichen Aussagen ├╝berschrieben. Der Gedanke an den Computer irritierte ihn etwas, aber er wurde durch das Klingeln an der Wohnungst├╝r unterbrochen.

Er riss sich zusammen, begab sich zur T├╝r und ├Âffnete diese. Vor ihm stand eine elegant gekleidete, etwa 170 cm grosse Frau mit einem von langen schwarzen Haaren eingerahmten, schlanken Gesicht. Sie l├Ąchelte wie eine Fee, wobei sich zwei reizende Gr├╝bchen in ihre Wangen pr├Ągten.

"Sind sie Herr Peter Maulbart?" fragte die Sch├Âne. "Ja", antwortete er verwundert, denn das, was er sah, erschien ihm wie ein Traum. Diese Frau entsprach haargenau seinem Sch├Ânheitsideal und seine Verwirrung wurde noch um einiges gr├Âsser. Wollte das Schicksal ihm schon wieder einen Streich spielen? Erst der verschwundene Lottoschein und jetzt seine Traumprinzessin, die sich wahrscheinlich sogleich in Luft aufl├Âsen w├╝rde.

"Darf ich reinkommen? Das was ich mit Ihnen zu besprechen habe, ist sehr vertraulich." Damit ├╝berreichte sie ihm eine Visitenkarte. Er trat automatisch zur Seite, denn die Buchstaben des Kartentextes verschwammen vor seinen Augen.

Im Wohnzimmer griff die Sch├Âne in ihren mitgebrachten Aktenkoffer und f├Ârderte eine Flasche Champagner zutage. Erst jetzt sah er, dass die geheimnisvolle Besucherin einen Blumenstrauss auf den Wohnzimmertisch gelegt hatte. Er ├╝berlegte, ob er heute Geburtstag oder sonst ein Jubil├Ąum zu feiern hatte, aber es fiel ihm nichts ein.

"Herr Maulbart", h├Ârte er die liebliche Stimme der Fee sagen, "ich darf ihnen im Namen der Lottodirektion meine allerherzlichsten Gl├╝ckw├╝nsche aussprechen. Sie sind der einzige Hauptgewinner der 43. Ausspielung im Deutschen Lottoblock. Der Gewinnanteil betr├Ągt genau 12 438 680 DM."

Ihm wurde abwechselnd heiss und kalt und schliesslich stotterte er: "Soll....., soll das ein Scherz sein? Der Lottoschein........., der Lottoschein ist verschwunden. Wahrscheinlich habe ich vergessen, ihn abzugeben."

"Der Tip wurde online per Computer gespielt. Sie haben vorige Woche ein Online-Konto eingerichtet und gleich der erste Tip war ein Volltreffer. Sie sind ein leibhaftiger Gl├╝ckspilz, Herr Maulbart." Dabei l├Ąchelte die Sch├Âne mit entwaffnender Herzlichkeit und man sah, dass sie sich an seinem grossen Gl├╝ck mitfreute. Er sah nur dieses liebe Gesicht und begriff noch immer nicht ganz, dass er nun mehrfacher Lottomillion├Ąr war. Er begriff nur, dass seine Gl├╝cksfee pers├Ânlich vor ihm stand und er fiel ihr ger├╝hrt um den Hals.

"Haben sie noch eine andere Vase, als die kaputte dort auf dem Fussboden?" fragte die Lottofee l├Ąchelnd, als sie sich m├╝hsam aus Herrn Maulbarts Armen befreit hatte. Damit wickelte sie den Blumenstrauss aus und ├╝berreichte ihn zusammen mit einem Kuvert dem verwirrten Lottomillion├Ąr. "Am besten, sie bringen den Scheck gleich zur Bank, damit er ihnen nicht abhanden kommt. Solche Ereignisse l├Âsen manchmal einen Schock aus und man weiss nicht recht, was man tut," sagte sie nicht ohne Anspielung auf die st├╝rmische Umarmung.

W├Ąhrend Herr Maulbart eine Vase suchte, fuhr sie fort: "Den Champagner stellen sie am besten kalt und feiern zusammen mit ihren Lieben das freudige Ereignis." Er kam mit der Vase und sagte schon etwas gefasster: "Ich lebe allein, seit meine Frau vor drei Jahren starb."
"Oh, das tut mir leid," versicherte die Fee und fuhr fort: "Ja, ich muss mich nun verabschieden und lasse sie mit ihrem Gl├╝ck allein. Ach......., ├Ąh..... falls ihre Wohnung ihnen demn├Ąchst zu klein vorkommen sollte, ich w├╝sste da ein Haus, das zum Verkauf steht. Mein Mann starb im vergangenen Jahr, meine Kinder sind ausgeflogen und ich brauche nicht mehr soviel Platz. Kommen sie doch mal vorbei, ganz unverbindlich, die Adresse steht auf der Visitenkarte."

Als sie wieder im Flur stand, h├Ârte sie ein fr├Âhliches, ├╝berm├╝tiges Singen durch die geschlossene T├╝r:

'Ich werde reich, ich werde reich, ich werde reich,
und das zwar gleich,
und das zwar gleich,
dann hab' ich Geld
und die sch├Ânste Frau der Welt,
das ist das was mir gef├Ąllt'.

Sie zeufzte l├Ąchelnd und entfernte sich mit einer kleinen Hoffnung in der Brust. Ein Verh├Ąltnis mit einem Lottomillion├Ąr, warum nicht. Sie wollte ihre Denkstrategie sogleich darauf ausrichten, denn sie hatte gerade ein Werk eines Philosophen ├╝ber positives Denken gelesen......
__________________
"Liebe kostet nichts und ist doch das Teuerste auf der Welt."

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dommas
Festzeitungsschreiber
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hallo intonia

da hast du dich ja des alptraums eines jeden lottospielers angenommen. und, so glaube ich, auch ziemlich treffend beschrieben, was so alles im kopf umgeht (oder nicht), wenn man den zettel nicht finden kann.
nur das mit der frau...hmm, ist das dann ein altes m├Ąnner-vorurteil, wenn ich sage: sehr opportunistisch?
alles liebe
yours
dommas
__________________
viele menschen f├╝rchten die stille wegen der ungewollten gedanken

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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2001

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hallo dommas,

danke f├╝r den Kommentar. Ob Vorurteil oder nicht. Wer w├╝rde da nicht die Gunst der Stunde nutzen, vorausgesetzt, es ist die notwendige Sympathie vorhanden. Und die unterstelle ich ganz einfach der Lottofee.

Herzliche Gr├╝sse
Intonia
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"Liebe kostet nichts und ist doch das Teuerste auf der Welt."

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
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Hallo Intonia,

die Geschichte gef├Ąllt mir, obwohl sie vom Thema her etwas ausgereizt ist.
Mir spukt da so einiges im Kopf herum, wie man den Schluss...
Mehr verrate ich nicht, Du h├Ârst aber dieser Tage von mir.
Wird vielleicht interessant.
Es gr├╝├čt Dich lieb
Willi

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gladiator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2001

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Nette Pointe

Am Anfang dachte ich, meine G├╝te, was f├╝r ein abgenudeltes Thema. Aber die Pointe rei├čt doch einiges wieder raus. ├ťber eine ganze Reihe von sprachlichen Formulierungen bin ich gestolpert. Wenn Du sie wissen willst, sag's mir. Dann schreibe ich mehr.

Gru├č
Gladiator
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Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

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Intonia
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2001

Werke: 85
Kommentare: 226
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Lieber Willi,

bin gespannt, was Dir im Kopf rumspukt!

Hallo Gladiator,

bin f├╝r Lob, sachliche Kritik, Anregung jederzeit offen. Bin gespannt, was Dir missfiel!

Liebe Gr├╝sse
Intonia
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