Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5612
Themen:   96912
Momentan online:
402 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der versunkene Kontinent
Eingestellt am 27. 07. 2018 17:20


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Blumenberg
Häufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 27
Kommentare: 331
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Blumenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Obwohl ausgemachtes Landtier, greift der Mensch, wenn´s um die Beschreibung seines Daseins geht, immer wieder ausgiebig auf Meeresmetaphoriken zurück. Das sprachliche Repertoire ist dabei reichhaltig, es gibt –ohne Anspruch auf Vollständigkeit - hohes Meer, Untiefen, Riffe, Stürme und Windstillen, Fluten und Ebben, Häfen, Schiffe und Steuermänner. Das Meer ist, wie der Philosoph Hans Blumenberg schreibt, von allen elementaren Realitäten – vielleicht abgesehen vom Weltraum – die dem Menschen am wenigsten geheure. Das ist kein Zufall, hat doch das Meer immer etwas latent Bedrohliches. Grade noch liegt es still, nur um im nächsten Moment in Aufruhr zu geraten. Manchmal so sehr, dass die Grenze zwischen Wasser und Land nicht länger nur einseitig vom Menschen überschritten wird, sondern turmhohe Wellen ganze Landstriche verschlingen. Selbst in absoluter Ruhe ist es feindlich gesinnt. Nicht wenige Expeditionen vor der Erfindung des Dampfantriebs, enden stillgelegt, irgendwo in den windlosen Weiten des Ozeans. Davon kann auch heute noch jeder Segler, dem der Wind länger den Dienst versagt hat, ein Lied singen und er dankt insgeheim dem Hilfsmotor, wenn er verschämt in den Hafen einfährt.

Nicht umsonst ist das einzig sichere am Meer der Hafen. Sein Becken stellt, eingehegt zwischen Molen und Wellenbrechern, so etwas wie die Verlängerung des Landes ins Wasser dar. Wenigstens hier scheint das Meer in seiner Unberechenbarkeit gezähmt, weshalb Schiffbrüchen innerhalb der eigentlich sicheren Hafenanlagen immer eine besondere Tragik zukommt. Es ist die Kernaufgabe des Schiffskapitäns, wie des Steuermannes, hierhin zurückzufinden. Sie sind wesentlich die Garanten für die sichere Rückkehr. Die Literatur ist reich an Geschichten von heldenhaften Seeleuten, die unter Einsatz ihres Lebens, manchmal mit dem letzten Atemzug, das von den Naturgewalten gebeutelte Schiff, in die sichere Zone bringen. „Oh Captain, mein Captain“ ist hierfür ein wundervolles metaphorisches Beispiel, schafft es doch den Übergang vom Dasein ins Politische, denn Metaphorik ist schließlich die Übertragung einer Rede von einem Gegenstand, auf einen ganz anderen.

So lesen wir in den letzten Monaten immer wieder von Flüchtlingsflut, Asylantenwellen und so fort, während gleichzeitig der Ruf nach einem anderen Steuermann (-Frau) laut wird; der das Deutschland- respektive Europaschiff sicher durch die stürmische See bringt (Paradoxerweise ist das Schiff für die Ankommenden kein Schiff, sondern meint, ganz unmetaphorisch, den sicheren Hafen, an dem sie den tatsächlichen Ozean mit seinen Gefahren hinter sich gelassen haben.).

Hier passieren nun zwei Dinge. Zum einen wird das menschengemachte Ereignis Flucht zu etwas naturgesetzlichem, einer – in Blumenbergs Worten - elementaren Realität gemacht, bei dem eine Bekämpfung von Fluchtursachen, wie der Versuch erscheint, dem Meer verbieten zu wollen, Wellen zu schlagen. Ein ganzer Kontinent wird damit metaphorisch aus dem Bereich des Landes herausgetrennt und als unberechenbarer Ozean markiert, den zu betreten nur Entdeckergeist oder die Aussicht auf Gewinn legitimieren. Wohl dem, der es sicher wieder nach Hause geschafft hat, denn wer wäre so verrückt eine dauerhafte Besiedlung zu wagen, außer vielleicht auf den demokratischen Inseln, die hier und da aus dem Wasser ragen. Zum anderen gilt es den sicheren Hafen nach Kräften mit Wellenbrechern auszustatten, die den anbrandenden Fluten standzuhalten vermögen und verhindern, dass der Flüchtlingstsunami auch Teile unserer Landmasse überspült.

Wären Metaphern rein rhetorische Schmankerl, ließe sich lediglich über den ästhetischen Gehalt solcher Sprachspiele streiten, sie fügen dem Gegenstandsbereich, auf den sie übertragen werden, aber immer auch implizite Erkenntniselemente hinzu. In unserem Fall ist es das die Naturgesetzlichkeit; Wellenbewegungen lassen sich beschreiben, quantitativ erfassen, es lassen sich sogar technisch gestützte Vorhersagen über Extrembewegungen machen, aber wer käme auf die Idee am Wellengang eines Ozeans grundlegend etwas ändern zu wollen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung


Ausschreibung