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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der verwundete Pan
Eingestellt am 29. 12. 2003 09:44


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hwg
???
Registriert: Dec 2003

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Das Gewitter war plötzlich hereingebrochen. Eben noch hatte Helga im kniehohen Gras Margeriten gepflĂŒckt. Knatternd rauschte die Sturzflut auf den verwilderten Schlosspark nieder.
"Wir mĂŒssen einen Unterstand finden", sagte Ernst.
Sie liefen den verwachsenen Parkpfad entlang. Im Blattwerk der BĂ€ume trommelte der Regen. Die helle Landschaft war aschgrau und verwaschen, nur die aufgrellenden Blitze erhellten hin und wieder den alten Park.
Eine riesige, breitkronige Kastanie tauchte vor ihnen auf. "Hier können wir uns unterstellen", sagte Ernst.
"Nein, hier nicht..."
"Warum nicht, hier wirst du kaum nass, die Krone ist dicht wie ein Regenschirm."
Helga schĂŒttelte den Kopf. "Es ist ein hoher Baum. Der Blitz schlĂ€gt immer in die höchsten BĂ€ume ein."
"Der Gartenpavillon", sagte Ernst atemlos. "Ich habe gar nicht mehr daran gedacht. Jetzt kommen wir ins Trockene!"
Sie liefen auf den hellen Klecks zu.
Dann traten die BĂ€ume auseinander - und inmitten der Graswildnis erhob sich der Pavillon.
Ein hohes elliptisches GebĂ€ude mit verwitterten barocken SĂ€ulen und einem Zeltdach, durch dessen Schindeln die Sparren heraustraten wie bleiche Rippen. Von den WĂ€nden blĂ€tterte der Verputz in großen Flocken ab. Die leeren Fensterhöhlen waren mit morschen Holzbrettern verschalt. Durch das zerbröckelnde Volutenportal gelanten sie ins Innere.
Hier war es halbdunkel. An einigen Stellen lief das Wasser durch das schadhafte Dach, auf dem roten Ziegelboden standen die PfĂŒtzen wie kleine, trĂŒbe Seen.
"Komm hier herĂŒber", sagte Ernst. "Hier ist es trocken."
Eine verwitterte Steinbank lief um die Mauer herum. Ernst blieb Staub und das welke Laub des Vorjahres weg.
"Setz dich, hier können wir in Ruhe das Ende des Gewitters abwarten."
AllmÀhlich gewöhnten sich ihre Augen an das Halbdunkel.
Die InnenwÀnde des Pavillons waren ebenfalls fleckig und von breiten Rissen durchzogen. Dennoch erkannten sie etliche Fresken, Malereien in derber, grobkonturierter Manier - allegorisch-mythologische Szenen, deren Farben verblasst und abgeblÀttert waren im Wind und Regen der Jahrhunderte. An manchen Stellen war nicht mehr zu erkennen als formlose Kleckse in den stumpfen Farben des Rostes.
An der Breitseite des Raumes war eine Darstellung jedoch noch gut erhalten: ein Flöte spielender Pan, umgeben von ĂŒppigen Nymphen.
"Hoffentlich hört es bald zu regnen auf, ich muss rechtzeitig zu Hause sein", sagte Helga.
"Wie immer...", antwortete Ernst bitter.
"Du weißt doch...."
"Ja, ich weiß", sagte er unbeherrscht. "Ich weiß, aber ich kann dir nicht sagen, wie mir diese GeheimniskrĂ€merei auf die Nerven geht!"
"Glaubst du, mir macht es Spass?!"
"Eben. Warum sprichst du nicht endlich mit deinem Mann?"
Helga antwortete nicht. Sie starrte auf das Fresko, auf den Flöte spielenden Pan und die Nymphen, deren ĂŒppige Körper die grĂŒnspanigen Flecken der VergĂ€nglichkeit zeigten.
Pan blies seine Flöte, und diese Geste zarter EntrĂŒckung verlieh seinem derben Bocksgesicht etwas Trauriges, Kindliches.
"Wann wirst du endlich mit deinem Mann sprechen?" wiederholte Ernst.
Helga riss ihren Blick von dem traurigen Faungesicht los. "Was sagtest du?"
"Du hast mir nicht einmal zugehört! Ich frage dich noch einmal - wann sprichst du endlich mit deinem Mann?"
Helga antwortete nicht.
Es war still im Pavillon, nur der Regen trommelte auf das Dach.
"Schau, die Nymphen", sagte sie endlich, "jemand hatte sie als Zielscheibe benutzt."
Helga blickte immer noch zur Wand hinĂŒber. Die verstĂŒmmelten Nymphen wirkten platt und leblos, sie waren vom Verfall gezeichnet, man hĂ€tte sie nicht erst mit Maschinenpistolengarben zu töten gebraucht. Der bocksfĂŒĂŸige Gott aber mit seiner einzigen Schusswunde hatte etwas Mitleiderregendes an sich. Seine kleinen Augen schienen lebendig zu sein, lebendig in der unausgesprochenen Frage: W a r u m ? Er blies noch immer, aber seine Flöte rief vergeblich.
"Wann wirst du es deinem Mann sagen? So kann es nicht weitergehen mit uns, das musst du doch einsehen!"
"Nein", sagte Helga, "so kann es nicht weiterehen."
"Du wirst also mit ihem sprechen - heute noch?"
"Nein, ich werde das nicht tun. Es wird nicht mehr so weitergehen mit uns."
Ernst hatte sich erhoben. Sein Anzug war nass und zerknittert.
"Was soll das heißen? Willst du damit sagen, dass es zwischen uns aus ist?"
"Es hat noch nicht begonnen", sagte Helga, "und es wird nie beginnen."
"Aber, ich verstehe nicht...."
Helga war ebenfalls aufgestanden. Durch die TĂŒröffnung fiel helles Licht.
"Es hat aufgehört zu regnen", sagte sie.
Ernst packte sie an den Schultern. Er war so nahe, dass sie seinen Atem spĂŒrte. Trotzdem war er ihr ferner als je zuvor.
"Was ist in dich gefahren? Warum bist du plötzlich so anders? Das muss doch einen Grund haben!"
Helga sah noch immer den Flöte blasenden Pan an, einen verwundeten, traurigen Gott inmitten der toten Nymphen.
"Gehen wir", sagte sie ruhig, fast heiter....

__________________
-hwg-

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