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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der vierte Morgen
Eingestellt am 22. 06. 2014 15:20


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Clapauzius
Hobbydichter
Registriert: Jun 2014

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Sie schloss ihre Augen. Sie wurde ganz still. Ihre kleine Brust senkte sich sanft, von kurzen Atemst√∂√üen getragen, auf und ab. Innerhalb weniger Sekunden war sie eingeschlafen; als ob die Ereignisse der vergangenen drei Tage ihr jegliche Kraft geraubt h√§tten und sie sich nun schwach, ausgelaugt und wehrlos der tiefen Schwere des Schlafes hing√§be. Er betrachtete sie. Ihre Augenlider mit ihren ungew√∂hnlich hellen Wimpern zuckten von Zeit zu Zeit, so als erwache sie jeden Moment. Doch sie schlief weiterhin tief und fest. Er w√ľnschte ihr einen traumlosen Schlaf, hoffte, dass sie in dunkler Schw√§rze tauche und nicht in einem Mahlstrom aus den Erlebnissen der letzten Tage geriete. Er stellte sich vor, wie sie im dunklen und leerem Raum dahin glitt, dem Strudel roter Bilder ausweichend, welcher sie nach unten zu ziehen drohte. Er dachte an seine eigene, in nicht allzu ferner Vergangenheit liegende Kindheit zur√ľck und an die vielen Albtr√§ume, die er damals gehabt hatte. Seit er sich erinnern konnte war er ein √§ngstlicher Junge gewesen, trotz seiner beh√ľteten Kindheit. Niemals musste er so etwas erleben wie dieses kleine M√§dchen in den vergangenen Tagen. In diesem Moment kniff sie die Augen zusammen und legte die Stirn in Falten, als sei sie ver√§ngstigt, und zog den verschmutzten Dhoti, mit dem er sie zugedeckt hatte, krampfhaft bis unter ihr Kinn. Doch schon nach wenigen Sekunden entspannte sich wieder der Ausdruck auf ihrem Gesicht und sie wirkte so gel√∂st wie zuvor. Er zog vorsichtig den Dhoti zur√ľck und bedeckte so wieder ihre nackten F√ľ√üe, die sie durch ihre nerv√∂sen Bewegungen freigelegt hatte. Er war froh, dass er den Dhoti mitgenommen hatte und ihr so etwas W√§rmendes zum Zudecken geben konnte.

W√§hrend er, das M√§dchen in den Armen tragend, durch die engen Gassen gelaufen war, um an das Ende der Stadt zu gelangen, hatte er den Dhoti in einer Seitenstra√üe, mitten auf dem Weg liegend, gefunden. Vielleicht war er einem Fl√ľchtenden entrissen worden oder jemand hatte ihn sogar bewusst von seinen H√ľften gel√∂st und fallengelassen, um ungehindert und schneller laufen zu k√∂nnen. Abrupt hatte er innegehalten und nerv√∂s nach links und rechts geschaut. Doch niemand war weit und breit zu sehen gewesen. Er hatte das M√§dchen mit seinem rechten Arm fest an sich gedr√ľckt, seine Hand ihren kleinen Kopf haltend, hatte sich dann rasch geb√ľckt und den Dhoti schnell mit der anderen Hand aufgehoben. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, brauchte er ein paar Sekunden, um wieder sein Gleichgewicht und einen festen Stand zu erlangen. Mit der linken Hand hatte er den Dhoti fest an sie gedr√ľckt und war dann weiter gerannt. Er war so lange gerannt, bis sie die Ausl√§ufer der Stadt erreicht hatten. Er hatte sich gewundert, dass sie w√§hrend des gesamten Weges keiner einzigen Person begegnet waren. Entweder hatte man schlicht vergessen, diesen Bezirk abzuriegeln, oder man hatte die Blockaden bereits aufgel√∂st. Er hatte sich gefragt, ob die Bewohner des Viertels rechtzeitig gefl√ľchtet waren oder gewaltsam vertrieben wurden. Die Gassen waren menschenleer gewesen und auch durch die Fenster der niedrigen H√§user hatte er niemanden ausmachen k√∂nnen. Als sie eine kleine Gasse gekreuzt hatten, kurz bevor er die gr√ľne Anh√∂he mit der kleinen H√ľtte erblickte, hatte er jedoch einige hundert Meter enttfernt eine Gruppe von vier M√§nnern in kurzen, khakifarbenen Hosen ausgemacht, S√§bel und Speere bei sich tragend. Sie hatten in die entgegengesetzte Richtung geschaut und sie so nicht bemerkt. Schnell war er weitergelaufen, bis sie die H√ľtte erreicht hatten.

Er schaute sie weiter an. Sie hatte die Stirn erneut in Falten gelegt und atmete nun heftiger, als ob sie in ihren Tr√§umen mit etwas zu k√§mpfen h√§tte. Doch kurz darauf entspannten sich ihre Z√ľge abermals. Er w√ľnschte, er k√∂nne etwas tun, ihr helfen das Erlebte abzusch√ľtteln und ihr so ihre unschuldige Kindheit zur√ľckzugeben. Er bemerkte, dass einige Str√§hnen ihres dunklen Haares vom Blut ganz verklebt und mittlerweile verkrustet waren und machte sich Vorw√ľrfe, dass er ihr vor dem Schlafengehen nicht noch etwas Wasser besorgt hatte, damit sie sich wenigstens notd√ľrftig h√§tte s√§ubern k√∂nnen. Vielleicht h√§tte man alles abwaschen k√∂nnen. Vielleicht w√§re das Erlebte in dunklen Str√∂men vermischt mit dem schwarzen Blut aus ihrem Haar ihren kleinen K√∂rper hinabgeflossen und schlie√ülich im festgetretenen Lehmboden versickert. Wieder legte sie die Stirn in Falten, kniff wie ver√§ngstigt die Augen zusammen und √∂ffnete diese dann langsam zu schmalen Schlitzen. ‚ÄěMama, Papa?‚Äú, fragte sie noch halb im Schlaf verweilend, doch die Realit√§t bereits erahnend, ihre Z√ľge mit Zweifel behaftet. ‚ÄěWir sind hier, meine Kleine‚Äú, log er, strich ihr z√§rtlich √ľber die Wange und legte schlie√ülich seine Hand auf die ihre. Sie schien etwas zu l√§cheln, ihr Gesicht nahm wieder einen gel√∂sten Ausdruck an, sie schloss die Augen und war kurz darauf wieder einged√§mmert. Seine Hand lag immer noch auf der ihren. Tr√§nen stiegen ihm in die Augen.

Nachdem er einige Minuten weinend neben ihr auf dem Boden gekauert hatte, wischte er sich schlie√ülich mit dem Handr√ľcken die Tr√§nen aus dem Gesicht. Sie hatten eine feine Spur auf seine von Ru√ü und Staub v√∂llig verschmutzten Wangen hinterlassen. Er stand auf und begann vorsichtig, die schief vernagelten Fensterl√§den zu √∂ffnen, bis er durch einen Spalt auf die Stadt blicken konnte, die unterhalb des kleinen H√ľgels lag, auf dem die H√ľtte stand. Das Fenster war ungew√∂hnlich hoch, sodass er sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um durch den Spalt zu lugen. Obwohl sich der Horizont mittlerweile erhellte, einen weiteren hei√üen Tag ank√ľndigend, strich ein k√ľhler Wind am Fenster vorbei. Er blickte auf die Stadt. Er erwartete irgendetwas auszumachen, was auf die Ereignisse der vergangenen drei Tage hinwies: klaffende L√ľcken in den Stra√üenreihen, dort wo Gesch√§fte zertr√ľmmert, angez√ľndet und dem Erdboden gleichgemacht wurden; aufsteigende Rauchschwaden von brennenden Wohnh√§usern und zusammengetragenen Leichenbergen; leblose M√§nner-, Frauen- und Kinderk√∂rper, die zerfetzt in den Stra√üen liegen; blutige F√∂ten, aufgespie√üt auf eiserne Zaunspitzen, die M√ľtter ausgeweidet daneben liegend. Doch die Stadt lag ruhig und friedlich, wie im D√§mmerzustand vor ihm, so als sei Nichts geschehen. Er wartete. Er schaute erwartungsvoll in jene Richtung, dort wo er die Moschee vermutete und horchte. Die Sonne begann bereits aufzugehen und die Stadt in orangefarbenes Licht zu tauchen. Er horchte angespannt und wippte nerv√∂s auf und nieder. Doch heute schwieg der Muezzin. Er schloss die Augen und begann zu beten.

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