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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der wahre Sachverhalt im Falle Angel Heart
Eingestellt am 08. 05. 2008 10:45


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Hat die Welt wirklich auf einen (ernst gemeinten) Roman gewartet, in dem im New York der 50er Jahre der leibhaftige Teufel auftritt? Der dann auch noch so dĂ€mlich ist, dass er sich von einem gewöhnlichen Sterblichen ĂŒbers Ohr hauen lĂ€sst? Einen Roman, der sich vom Plot und vom Ausdrucksstil her ungeniert bei den klassischen Hard-boiled-Detektivstorys bedient, und dazu noch einen faustdicken Logikfehler enthĂ€lt? TatsĂ€chlich ist "Angel Heart" von William Hjortsberg (1979, Originaltitel "Fallen Angel") viel besser, als man glauben könnte.
Vollends genial geriet die Geschichte dann schließlich in der Verfilmung von Alan Parker (Angel Heart, 1987. Mit Mickey Rourke, Robert De Niro ,Charlotte Rampling und Lisa Bonet. In einer kleineren Rolle ĂŒbrigens auch Brownie McGhee. Der Name wird den Bluesfans etwas sagen).
Parkers Erfolgsrezept besteht darin, dass er konsequent auf AtmosphĂ€re setzt. Dazu gehört nicht nur, dass Angels vorausdeutende AlbtrĂ€ume im Film zu kurzen, blitzlichthaften Erinnerungsfetzen komprimiert werden, die – visuell Ă€ußerst beeindruckend umgesetzt – langsam aber sicher auf den Schock zum Schluss zusteuern (genauer gesagt: im vergitterten Fahrstuhl ganz nach unten fĂŒhren). Vor allem aber wird ein Teil der Handlung aus der Metropole ins lĂ€ndliche Louisiana und nach New Orleans verlegt. Erst in diesem Ambiente entfalten Voodoo, Okkultismus, Blues, Jazz und schwarze Volkskultur ihre volle Ausstrahlungskraft. Außerdem kommt das erotische Element in der schwĂŒlen Hitze der SĂŒdstaaten einfach besser zur Geltung als im New Yorker Schneematsch.
Ich bezweifle, dass Film oder Roman von einem höheren Ehrgeiz beseelt sind und uns irgendeine fundamental-philosophische message ĂŒbermitteln wollen (außer vielleicht eine pauschale Warnung vor allzu ungehemmter Erfolgsgeilheit). Aber die brutale Konfrontation mit den Schattenseiten des eigenen Ichs ist allemal fĂŒr eine Story gut. Meine Empfehlung kann ich jedenfalls ohne EinschrĂ€nkungen aussprechen.
Etwas wackelig ist allerdings das Ausgangsszenario, das im Film zudem eher husch, husch! abgehandelt wird und sich auch im Roman nur mĂŒhsam erschließt. Achtung, im folgenden wird die Auflösung verraten! Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte sie sich fĂŒr spĂ€ter aufheben. Hier nun also die Chronologie der Ereignisse:
Das Waisenkind Johnny Favorite (eigentlich Jonathan Liebling) zeigt schon frĂŒh musikalisches Talent. Außerdem interessiert er sich von klein auf fĂŒr okkulte Dinge einschließlich schwarzer Magie. Er schließt einen Pakt mit dem Teufel: Erfolg gegen Seele. Und so geht es ab 1938 mit seiner Karriere als Big-Band-SĂ€nger steil nach oben. WĂ€hrenddessen unterhĂ€lt er nebeneinander sexuelle Beziehungen zur Wahrsagerin und Astrologin Margret Krusemark, Tochter eines reichen Reeders, und zur Voodoo-Priesterin Evangeline Proudfoot. Aus dieser Verbindung wird die schöne Epiphany hervorgehen. Im Jahr 1942 heckt Johnny einen Plan aus, um dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen und sich aus dem Pakt zu befreien. Am Times Square in der Neujahrsnacht macht er den Kriegsheimkehrer Harold Angel betrunken und entfĂŒhrt ihn auf das Zimmer einer billigen Absteige. UnterstĂŒtzt von Tochter und Vater Krusemark fĂŒhrt er ein okkultes Ritual durch, bei dem Angel getötet wird. Anschießend isst Johnny sein Herz. Wann immer er will, kann er jetzt Angels Gestalt annehmen.
An verschiedenen Stellen des Landes deponiert er Teile seines mittlerweile erheblichen Vermögens, um den Ausstieg aus seiner alten Existenz vorzubereiten. Dann aber mustert man ihn ĂŒberraschend zur Betreuung der StreitkrĂ€fte in Nordafrika. WĂ€hrend eines Konzerts vor der Truppe wird er bei einem Bombenangriff schwer verletzt.
Das Gesicht völlig bandagiert, wird er in eine Klinik fĂŒr Kriegsveteranen in der NĂ€he von New York eingeliefert. Außerdem hat er sein GedĂ€chtnis verloren. Wie – so vermute ich jedenfalls – vor der Verletzung vereinbart, wird Johnny Ende 1943 von den Krusemarks aus der Klinik abgeholt. Der behandelnde Arzt wird durch eine Bestechung dazu gebracht, die AnwĂ€lte des Satans ĂŒber dieses Verschwinden im Unklaren zu lassen.
In der Neujahrsnacht setzen die Krusemarks Johnny am Times Square ab. Dort, wo sie genau ein Jahr zuvor Harold Angel ermordeten. Ab jetzt fĂŒhrt Johnny, offensichtlich noch immer nicht im Besitz seines GedĂ€chtnisses, das Leben von Harold Angel und wird mĂ€ĂŸig erfolgreicher PrivatschnĂŒffler. Bis er von dem diabolisch-irritierenden Louis Cyphre den Auftrag erhĂ€lt, sich auf die Spuren eines gewissen Johnny Favorite zu begeben.
Tja, und hier gĂ€hnen so einige Lecks im Plot. MĂŒsste es in der Erinnerung des Harold Angels nicht eine LĂŒcke von genau einem Jahr geben? Und noch schwerwiegender: Margret Krusemark weiß, wer Harold Angel war und wie er ausgesehen hat, immerhin war sie beim Ritual anwesend. Auch nach einem Dutzend Jahren oder so hĂ€tte sie ihn wiedererkennen mĂŒssen. Vor allem, weil er sich bei ihrer Begegnung unter seinem richtigen Namen vorstellte. Und dabei verwahrte Margret Harold Angels Army-Erkennungsmarke unter ihren persönlichen Dingen!
Nun ja. Immerhin will der Streifen auch nur ein netter Horrorfilm sein und kein EinfĂŒhrungskurs in mathematischer Logik. Wer den Film gesehen hat und dabei vom Verdacht beschlichen wurde, nicht alles hundertprozentig genau verstanden zu haben, kann sich jedenfalls damit beruhigen, dass das nicht an seiner Begriffsstutzigkeit lag. Dem Genuss steht damit nichts mehr im Wege.


Version vom 08. 05. 2008 10:45

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