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Leselupe.de > Kindergeschichten
Der wunderbare Maurice
Eingestellt am 12. 12. 2005 22:12


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Chaja
Hobbydichter
Registriert: Dec 2005

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„Es klappt nicht“, murmelte Sam. „Irgendwas mach ich falsch.“
Er blinzelte, als sich eine Schneeflocke in seinen Wimpern verfing, und beobachtete geistesabwesend das bunte Treiben auf der hellerleuchteten Straße. „Vielleicht habe ich Regel Nummer 15 nicht richtig befolgt?“
„Hör mal Junge, hast du am Heiligen Abend nichts besseres zu tun, als anderen Leuten im Weg zu stehen und Löcher in die Luft zu starren? Mach mal Platz!“
Etwas Kratziges streifte Sams Wange und er sprang erschrocken zur Seite, als er einen großen Tannenbaum auf sich zukommen sah.
Zwischen den Zweigen lugte ein rotes, mürrisches Gesicht hervor.
„Heimlieferservice für Weihnachtsbäume - ich muss verrückt gewesen sein, als ich mich für den Job beworben habe. In drei Stunden ist Mitternacht und es gibt immer noch Leute, denen jetzt erst einfällt, dass heute Weihnachten ist. Und dass sie noch keine Baum haben. Mein Weihnachten ist jedenfalls gelaufen!“
„Ich könnte Ihnen...ähm..helfen“, piepste Sam und sein Herz begann schneller zu klopfen. „Ich meine...ich würde mich freuen... also wenn es Ihnen nichts ausmacht....“
„Bist du verrückt? Mir ist nicht mehr helfen, mir nicht!“ knurrte das Gesicht und der Tannenbaum lief weiter. Zumindest sah es so aus. „Und von so einem wie dir schon gleich gar nicht!“
Enttäuscht sah Sam dem Tannenbaum nach, der ein paar Stufen hinaufwackelte und dann in einem Hauseingang verschwand.
„Regel Nummer 11: Gib die Hoffnung niemals auf“, murmelte Sam und ließ sich ziellos von der Menge weitertreiben.
Ich hätte nicht gedacht, dass am Heiligen Abend noch so viele Leute unterwegs sind, dachte er. Komisch, dass kaum jemand dabei ist, der fröhlich oder zufrieden aussieht. Noch komischer, dass ich da nicht schon längst jemanden gefunden habe. Dabei habe ich doch alle Regeln beachtet!
Nach einer Weile stellte er fest, dass er die festlich geschmückten Häuser und die schicken Geschäfte mit ihren blinkenden Lichterketten hinter sich gelassen hatte. Die Gegend sah dunkel und schäbig aus und Sam hoffte, dass er hier doch noch Gelegenheit haben würde, sein Vorhaben auszuführen. Gleichzeitig bekam er bei dem Gedanken ein flaues Gefühl im Magen, das er sich nicht so recht erklären konnte.
Er bog in einen schmalen Weg ein, der zwischen zwei großen grauen Wohnblocks hindurchführte und in einer engen, schmutzigen Gasse endete. Kleine, graffitibeschmierte Läden, deren Schaufenster längst blind geworden waren, drängten sich eng an alte, baufällige Häuser.
„Frodo lebt!“ las Sam. “Rettet die Flubberwürmer!”
Im Rinnstein lagen Zigarettenkippen, zerknüllte, schmutzige Papierknäuel, achtlos weggeworfene Pappbecher und andere, undefinierbare Haufen. Eine große Ratte sprang aus einem Abfalleimer und verschwand im Dunkeln, als Sam näher kam.
Die kleinen Schneeflocken, die in der Luft noch einen Hauch von Weihnachtsstimmung verbreiteten, verwandelten sich auf dem Pflaster schnell in schmutzigen Matsch.
„Was willsn du hier?“ fragte eine heisere Stimme aus der Dunkelheit.
Ein unförmiger, karierter Haufen, der gegen den geschlossenen Rollladen eines schmuddelig wirkenden kleinen Geschäfts lehnte, bewegte sich und eine breite, beinahe quadratische Hand winkte unwillig in seine Richtung.
„Gehörs nich hierher“, krächzte der Haufen. „Verschwinde!“
Über ihm baumelte ein Schild auf dem Die lustige Wollliesel stand. Unter dem halbrunden Schriftzug grinste das Bild einer jungen Frau mit blonden Zöpfen ziemlich einfältig durch die Gegend.
Sam blieb stehen.
„Tut mir leid“, sagte er und seine Stimme rutschte zwei Oktaven nach oben. „Ich wollte bloß..also...eigentlich wollte ich...“ Und mit einem Anflug von Verzweiflung fragte er plötzlich:
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
„Dem Eckigen Ed ist nicht mehr zu helfen“, sagte eine Stimme hinter Sam. Ein magerer Junge mit kurzem, mausbraunen Haar stand plötzlich da, wie aus dem Boden gewachsen. Er trug einen viel zu großen, mehrfach geflickten Wollmantel, den er auf dem Boden hinter sich herzog. Seine lange Nase zuckte in Sams Richtung, wie wenn sie seine Witterung aufnehmen wollte und seine schwarzen Augen musterten ihn ungeniert.
„Der Eckige Ed sitzt lieber vor dem Goldesel und bläst Trübsal, anstatt mit den anderen zu feiern“, erklärte der Junge. „Dem kannst du echt nicht mehr helfen.“
Bei diesen Worten kam Bewegung in den Haufen. Die karierte Decke fiel mit einem Ruck zu Boden und darunter erhob sich ein kleiner, vierschrötiger Mann. Er war nicht größer als Sam, aber mindestens dreimal so breit.
„Der Goldesel hat offen? Das sagst du erst jetzt, du kleine Ratte?“
Der Junge grinste und sagte spöttisch:
„Wenn du dich nicht wie ein Wickelkind unter deiner Decke versteckt hättest, dann hättest du es selbst gemerkt, Ed. Du sitzt schließlich genau davor.“
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des kleinen Ladens und zwei aneinandergeklammerte Gestalten schwankten heraus. Mit ihnen kam Musik und warmes Licht aus der Tür und das ausgelassene Singen und Gelächter einer feiernden Menge. Die dunkle, schmutzige Gasse wirkte mit einem Mal viel freundlicher. Einer der beiden Männer stolperte über den Eckigen Ed und begann zu fluchen, während der zweite einen Lachanfall bekam und beinahe ebenfalls auf der Straße landete.
„Komm schon Hen, lass uns noch bei Roderick vorbeischauen,“ kicherte er. „Ich hab zuviel von diesen gelben Dingern gegessen!“
„Der Hinkende Henning und der Durstige Dan“, sagte der Junge mit dem großen Mantel zu Sam. „Und da hinten kommt der Hagere Haddock.“
Ein langer, klapperdürrer Mann, der eine Art Morgenrock trug, schlenderte laut singend auf sie zu.
„Kommet ihr Würste, ob rot oder braun!“ grölte er.
„Wir wollen uns richtig die Wampe vollhaun!
Über dem Feuer, da sollt ihr schmoren,
auf dass kein Bissen uns geht verloren!
Fürchtet euch nicht!
Lasset uns gehen in Rodericks Stall,
bevors uns verreißt mit gar lautem Geknall!
Dort ganz nach hinten lasset uns sprinten,
hinter das Eisen lasset uns ...“

„Frohe Weihnachten, Haddock!“ rief der Junge hastig.
„Dir auch, Kleiner, dir auch“, sagte der Hagere Haddock. „Werden ganz fantastische Weihnachten dieses Jahr, denk an meine Worte! Bin froh, dass ich noch rechtzeitig hergefunden habe!“
Summend öffnete er die Tür des kleinen Ladens und verschwand im Inneren. Sam bemerkte, dass auf dem Emailleschild über der Tür nicht mehr Die lustige Wollliesel stand, sondern Der durstige Goldesel. Statt der blonden Frau war ein feixender Esel abgebildet. Sam runzelte die Stirn.
„Was schaust du so grimmig?“ fragte der Junge. „Gefällts dir nicht?“
„Naja“, sagte Sam, „ich...“
\"Wer bist du überhaupt?“ unterbrach ihn der Junge. Der Blick, mit dem er ihn musterte, war nicht gerade schmeichelhaft. „Und was willst du hier?“
„Ich bin Sam“, antwortete Sam und ignorierte den zweiten Teil der Frage. „Und wer bist du?“
Der Junge verbeugte sich so tief, dass seine mausbraunen Haare beinahe die Straße berührten.
„Ich bin Maurice. Der wunderbare Maurice. Der merkwürdige Maurice. Der außergewöhnliche Maurice.“
Er griff in die Tasche seines riesigen Mantel und zog eine große Ratte hervor.
„Das hier ist Nelson. Er wohnt bei mir. Nelson, das ist Sam. Der schüchterne Sam.“
„Ich bin nicht schüchtern“, widersprach Sam verlegen und überlegte, ob er mit dieser Behauptung gegen Regel Nummer 19 verstieß.
„Nelson ist mein Special Agent. Er hält Augen und Ohren für mich offen und hilft, wenn Not am Mann ist!“ erklärte der wunderbare Maurice.
Sam horchte auf.
„Ist bei dir öfter Not am Mann?“ fragte er. „Vielleicht kann ich ja... ich meine...wenn du willst...also...“
Der wunderbare Maurice schüttelte grinsend den Kopf.
„Hast du ein Problem?“
Sam spürte, wie er rot wurde.
„Vielleicht kann ich dir ja helfen“, sagte er leise. „Nein? Dann geh ich lieber wieder. Tut mir leid, dass ich dich gestört habe“.
Mit brennenden Wangen drehte sich Sam um und eilte davon.
„Frohe Weihnachten!“ rief er zurück, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Von einem Augenblick zum nächsten stand der wunderbare Maurice vor ihm, so plötzlich, dass Sam ihn in seiner Hast beinahe über den Haufen gerannt hätte.
„Oh, oh“, sagte der wunderbare Maurice. „Ich glaube, du brauchst Hilfe. Bist noch nicht lange im Geschäft, wie? Ich glaube, du gehst die Sache zu verkrampft an. Viel zu streng nach Lehrbuch. Bestimmt murmelst du ständig die 24 Goldenen Regeln vor dich hin.“
„Was meinst du damit?“ fragte Sam ängstlich.
„Weiße Nachthemden sind out, Bruder“, sagte der wunderbare Maurice. „Erst recht, wenn du damit durch den größten Dreck stiefelst, ohne einen Spritzer abzubekommen. So was kommt nur in Bilderbüchern vor. Und mit deinem Auftritt als allzeit hilfsbereiter Junge kannst du höchstens eine Karriere als Pfadfinder ins Auge fassen. Die Sternchen im Haar würde ich übrigens auch weglassen. Schau mal, was ich hier hab.“
Er knöpfte seinen Mantel auf, zog sein schmuddeliges Sweatshirt nach oben und zeigte auf ein Tattoo über seinem Bauchnabel. Engel 07 stand dort.
Samiel starrte es sprachlos an.
„Es ist nicht so furchtbar schwer mit dem Helfen,“ sagte der wunderbare Maurice ungerührt und knöpfte seinen Mantel wieder zu. „Du musst nur die Augen offen halten und ab und zu ein kleines Wunder loslassen. Meine Spezialität sind wandernde Wirtshäuser. Nicht zu oft, dass es auffällig wird, und niemals an der gleichen Stelle. Aber es spricht sich immer ziemlich schnell rum.“
Er betrachtete zufrieden das Schild, auf dem Zum durstigen Goldesel stand, dann wandte er sich abrupt zu Sam um.
„Wenn du hier unten unterwegs bist, musst du vor allem die 32. Regel beachten.“
„In den 24 Goldenen Regeln gibt keine Nummer 32“, protestierte Sam.
„Natürlich gibt es die. Es ist sogar die allerwichtigste.“
Der wunderbare Maurice grinste und zog ihn Richtung Goldesel.
„Wenn du den Leutchen da drinnen wirklich was gutes tun willst, dann geh rein und gib ihnen eine Runde aus!“
Er öffnete die Tür des kleinen Ladens und schob Sam vor sich her ins Innere.
„Die 32. Regel lautet: Fürchte dich nicht!


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Not all those who wander are lost

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