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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der zehnte Hochzeitstag
Eingestellt am 09. 09. 2009 10:14


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Lesemaus
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Zum ersten Mal, seit sie hinter dem Lenkrad dieses Autos saß, fühlte sie sich fast wohl. Und das, obwohl sie nicht allein war. Nicht ganz. (Diese peinigende Angst, die von den Füßen, die beim Durchtreten der Kupplung zitterten, hinauf in den Bauch kroch. Nur keinen Fehler machen, jetzt, unter seinen strengen Blicken die richtigen Handgriffe zur rechten Zeit tun, den Choke nicht zu spät und mit Gefühl hinein schieben, die Straße vor und hinter ihr im Auge behalten, dem geheiligten Blech keine Schramme zufügen, das Getriebe nicht unnötig quälen, energiesparend fahren. Wie hatte sie diese Fahrten gehasst!) Vorhin war sie beim Ausparken vor der Raststätte extra weit an den Begrenzungspfosten heran gefahren, nur um dieses befreiende Geräusch zu hören: Das Quietschen von Metall an Metall. Triumphierend fast hatte sie den neben ihr hockenden Mann angeschaut. „Du sagst ja gar nichts!“ Nein, er hatte nicht, wie sonst, demütigende Tiraden über ihr ausgeschüttet wie einen Kübel übel riechender Jauche. (Du lernst es nie, Frauen sollte man wirklich nicht ans Steuer lassen!) Er hatte geschwiegen. Und er hatte allen Grund dazu.

Jetzt fuhr sie weiter diese verlassene nächtliche Autobahn entlang, immer weiter den schwarzen Streifen, der sich hinter der Reichweite ihres Fernlichtes verlor im Irgendwo. Und dort wollte sie auch hin. Auf dem Radio kam gerade einer ihrer Lieblingstitel. Sie drehte es auf volle Lautstärke. „Nicht dein Geschmack, Schatz, gell?“ Aus voller Kehle und absichtlich einen halben Ton daneben sang sie nun mit. Das Lenkrad hielt sie längst nur noch mit einer Hand. „Siehst du, wie gut ich Auto fahre? Kein Problem, du musst mich nur lassen! Und nicht immer dazwischen reden und mich mit deinem Meckern nervös machen.“

Sie tätschelte die Hand, die nicht weit von ihrem rechten Oberschenkel auf dem Beifahrersitz lag. Die Halbmonde der Fingernägel waren akkurat gefeilt, nicht zu lang und nicht zu kurz. Es waren schlanke, gelenkige Finger, die sie immer schon fasziniert hatten. Besonders am Anfang, als er mit ihnen noch abenteuerlustig ihren Körper erforscht hatte. Sie, die unberührte Jungfrau vom Lande, er, der erfahrene Lebemann. Und wie sie diese Finger zum Klingen gebracht hatten in ihren Honigmondnächten. Wann war seine Entdeckerlust verebbt? Wann war es ihm zu mühselig geworden, die Wege zu beschreiten, die es auch ihr ermöglichten, die Sterne tanzen zu sehen? Wann hatte er ihr zum ersten Mal den Satz vor den Kopf geknallt wie eine Keule: bei den anderen Frauen muss ich nicht so lange rummachen, bis sie ihren Orgasmus kriegen! Und etwas später, als sie immer mehr verkrampfte, weil ihn seine Anstrengungen zu offensichtlich nervten, das Todesurteil: du bist ja frigide!

Wenn er in den letzten Jahren im samstäglichen Ritual über sie hergefallen war, nach einem flüchtigen Küssen ihrer Lippen, das oft genug mehr ein Beißen gewesen war und einem kurzen Alibigriff an die empfindliche Knospe, die sich vor dieser Roheit wohlweislich schon zurückgezogen hatte, wenn er in die noch trockene Öffnung schmerzhaft eingedrungen war und sich schnaufend in ihr bewegte, rein – raus, rein – raus, dann sah sie sich längst von oben, sah seinen gelichteten Hinterkopf, der im Schein der Straßenlaterne glänzte wie ein Mond und sah ihre geschlossenen Augen, hinter denen blaue und orangene Kreise tanzten im Rhythmus des Stoßens: Klein – groß, klein – groß.

„Ja, Liebling, so hättest du dir unseren zehnten Hochzeitstag nicht vorgestellt“, bemerkte sie mit einer leichten Drehung des Kopfes in Richtung Beifahrersitz. Zärtlich strich sie über seine kalte Hand. Dass er – wie die Jahre zuvor auch – wieder die Blumen vergessen würde, damit hatte sie fast gerechnet. Doch sie wollte ihn trotzdem mit seinem Lieblingsessen – Roastbeef und Keniabohnen – überraschen. Den Tisch hatte sie so gedeckt, wie sie es in der letzten „Marianne“ gesehen hatte. Sogar versilberte Serviettenringe – passend zu dem schweren Kerzenleuchter – hatte sie erstanden. Sie hatte viel dazu gelernt. Auch, wenn es ihr Gatte, von anfänglichen Versuchen abgesehen, aufgegeben hatte, sie als seine Frau bei Geschäftsessen mitzubringen. Entweder, sie hatte zu viel geredet oder zu laut gelacht oder zu viel getrunken. Nie hatte sie es geschafft, sich zu seiner Zufriedenheit zu benehmen. Als kleine Apothekenhelferin verfügte sie wohl auch nicht über einen entsprechenden Horizont, um bei den hochgeistigen Gesprächen der Kollegen mithalten zu können. Aber ihr Heim hatte sie in ein gemütliches Nest verwandelt. Warum nur war er so selten zu Hause, um sich dort von dem stressigen Job zu erholen?
Den Wein hatte ihr der nette Franzose aus der Weinhandlung am Markt empfohlen. Sie wollte einen französischen Rotwein haben, um bei der Gelegenheit an glücklichere Zeiten zu erinnern. Als sie, frisch verliebt, durch die Provence gefahren waren. Mit einem alten VW-Bus und einem Zelt. Sie hatte ihn vorschriftsmäßig dekantiert in einer eigens hierfür gekauften Karaffe.

Auf der Gegenfahrbahn blendete sie ein Truck, so dass sie sekundenlang die StraĂźe vor sich nicht sah. Als sie die Augen zukniff, merkte sie, wie mĂĽde sie war. Doch was half es? Sie musste weiter. Immer weiter geradeaus.

Ihre Hochzeit kam ihr in den Sinn. (Warum hatten sie eigentlich geheiratet? Wessen Idee war das gewesen?) Sie wäre so gern in einem langen weißen Brautkleid vor den Altar getreten, mit Schleier. Einmal noch wollte sie ihre Kindheitsträume aufleben lassen. Einmal Prinzessin sein. Doch er hatte alles zunichte gemacht. (Warum willst du so viel Geld für ein Kleid ausgeben, dass du nur einmal in deinem Leben tragen kannst? Kauf lieber etwas Praktisches, das kannst du dann immer wieder anziehen.)
Und sie hatte sich überreden lassen. Hatte ein helles Kostüm mit schwarzen Streifen gekauft, das sie danach nie wieder getragen hatte. Wochenlang war sie herum gerannt, um in dem selben hellen Ton, dunkler als Weiß und heller als Beige – heute würde man wohl „Champagner“ dazu sagen – die Handschuhe, die Schuhe und die Tasche zu finden. Nur den Hut hatte sie ihm abgetrotzt. Weiß und üppig, mit einem Schleier und einer Stoffblume geschmückt. Vor ein paar Jahren hatte sie ihn, in einer Anwandlung von Vernichtungsbedürfnis in den Sack für die Altkleidersammlung gestopft.

Getanzt hätte sie auch gern bei ihrer Hochzeit. Mit ihm konnte sie wunderbar tanzen. Das hatten sie in der Zeit ihres Kennenlernens einige Male ausprobiert. Doch er hatte ihr nur vorgerechnet, wie teuer eine Kapelle käme und wieder hatte sie – ganz einsichtige Hausfrau und Haushaltsgeldverwalterin – zähneknirschend eingewilligt. Schließlich saßen sie – seine Verwandtschaft eindeutig in der Überzahl – in einer verrauchten lichtarmen Untergeschosswirtschaft, aßen lauwarmen Braten und Gemüseallerlei und versuchten, den zäh dahin fließenden Abend irgendwie umzubringen. Noch immer erinnerte sie sich an die Anstrengung, die es ihre Gesichtsmuskeln gekostet hatte, ununterbrochen zu lächeln. Dabei war es ihr nur danach zumute, sich irgend wohin zu verkriechen, wo sie niemand sehen, mit niemand reden, niemand danken, für niemand eine Rolle spielen musste. Die Rolle der glücklichen Braut. Und dann kam auch noch jemand von ihren Bekannten auf die Idee, die Braut zu entführen! Das denkbar Schlimmste geschah. Denn vor der Hochzeit hatte er ihr ausdrücklich zu verstehen gegeben, dass er diesen Brauch nicht gewillt wäre, mitzumachen. Und so sehr sie sich bemüht hatte, die Entführer von der Vergeblichkeit ihres Unterfangens zu überzeugen, sie hatte mit ihnen gehen müssen. In der kleinen Weinstube hockten sie dann und tranken eine Flasche Sekt nach der anderen. Dass er nicht kommen würde, um sie auszulösen, wusste sie. Das hatte er ja laut und deutlich gesagt. Erst nach mehrmaliger Intervention von sämtlichen Beteiligten ließ er sich mit Gewittermiene dazu herab, in die Kneipe zu kommen und sie abzuholen. Natürlich ohne die Zeche zu bezahlen. Spätestens da hätte sie ein Mauseloch dem immer noch gut gefüllten Nebenraum der Gaststätte vorgezogen. Doch es hieß weiterhin durchhalten, gute Miene zum bösen Spiel machen, die Wunden verbergen, so gut es ging. Die könnte sie noch lecken, wenn sie allein sein würde. Hoffentlich bald.

Die Flitterwochen hatten sie bei seiner Mutter verbracht. („Die Hochzeit wird teuer genug, da können wir uns keine große Reise mehr leisten. Und wenn wir schon einmal unten am Bodensee sind, können wir doch genauso gut dort ein paar Tage ausspannen. Schließlich gibt es rund um den See eine Menge zu sehen. Und meine Mutter freut sich auch, wenn sie nicht immer allein herum laufen muss.“) Also hatten sie sich jeden Tag etwas anderes angeschaut. Das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen, die Innenstadt und das Schloss von Meersburg, in Sipplingen das Reptilienhaus, in Bodmann die Marienschlucht und den Teufelstisch. („Wenn ich jemand verschwinden lassen wollte, würde ich es hier tun. Mit irgendwas beschweren und dann hinunter. Der taucht nie wieder auf!“) Sie erinnerte sich an die Gänsehaut, die sie bei diesen Worten bekommen hatte. Wie konnten einem solche Gedanken im Kopf umgehen?

Erschrocken zog sie das Lenkrad nach rechts. Fast wäre sie mit der Leitplanke kollidiert. Nur gut, dass jetzt so wenig Verkehr war. Aber sie musste aufpassen, durfte sich nicht so sehr von ihren Gedanken ablenken lassen.

In ihrem Magen ließ sich ein wohlbekanntes Grummeln vernehmen. Sie hatte schon wieder Hunger. Ein Blick zur Uhr sagte ihr, dass es bereits zwei Stunden her war, dass sie in der Raststätte einen Salat gegessen hatte. Und was hatte ein Salat schon für einen Sättigungsfaktor! Der geöffnete Knopf ihrer Jeans schien sie zu mahnen. Doch ein Blick auf ihren Beifahrer wischte die Bedenken zur Seite. Die Zeit der Hungerkuren und Aerobic-Kurse war nun endgültig vorbei. Sie würde jetzt essen, wenn sie hungrig war. Nur im Moment gab es da eine kleine Schwierigkeit. Noch einmal wollte sie ihren Mann nicht auf einem Raststättenparkplatz allein im Auto lassen. Man konnte nie wissen!

Wieder kamen ihr die letzten Stunden in den Sinn. Das Essen war fertig, das Rostbeef innen rosa, wie er es mochte, die Bohnen noch knackig, der Wein hatte genug geatmet, doch kein Schlüssel drehte sich in der Tür. Drei Mal schon hatte sie auf die Mailbox gesprochen, im Büro traute sie sich nicht mehr anzurufen, nachdem er ihr vor einem Jahr eine Szene gemacht hatte. Gerade noch konnte sie der Versuchung widerstehen, alle Krankenhäuser und Polizeireviere der Stadt anzurufen. Nach drei Stunden leerte sie den trockenen Braten in den Mülleimer und warf das zerkochte Gemüse in die Biotonne. Wo er nur blieb?

Dass er es mit der Treue nicht so genau nahm, hatte sie schon bald nach den ersten Bemerkungen über ihre Orgasmusfähigkeit entdeckt. Er schien sich nicht einmal besonders anzustrengen, seine Seitensprünge vor ihr zu verheimlichen. Als ob ihre Person ihm diese Mühe nicht wert wäre. Sie fand beim Ausbürsten seiner Anzüge Rechnungen einschlägiger Etablissements, Telefonnummern, unter denen sich stets stöhnende Frauen meldeten, Lippenstiftflecken an seinen Hemdkragen und andere Spuren in seiner Unterwäsche. War sie anfangs geschockt und empört über seinen Verrat, so wurde ihr bald die Aussichtslosigkeit einer Konfrontation bewusst. Sie würde immer nur den kürzeren ziehen. Schließlich war sie es ja, die ihn in die Arme anderer Frauen trieb. Frauen, die ihm im Bett auf jeden Fall mehr bieten konnten.

Doch dass er ausgerechnet an ihrem zehnten Hochzeitstag bei einer anderen Frau war, das ließ sie nun keineswegs kalt. Hatte sie ihm doch extra beim Frühstück angedeutet, dass es sich um einen besonderen Tag handelte. Ob er sie hinter seiner Zeitung überhaupt gehört hatte?

Die Karaffe war längst leer getrunken, als sie durch den Nebel in ihrem Kopf den Schlüssel unsicher an der Tür entlang kratzen hörte. Sofort war sie wieder hellwach. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Lallend kam er ihr entgegen. Ein triefäugiger, hängebauchiger Möchtegern-Casanova. Sie ekelte sich vor seinem Anblick. Er schaffte es gerade noch ins Schlafzimmer, wo er sich in voller Montur aufs Bett fallen ließ und fast sofort anfing lautstark zu schnarchen.

Seine Taschen waren auch diesmal eine wahre Fundgrube. Doch nicht die sonst üblichen Rechnungen und Zettelchen entfalteten sich unter ihren Händen, sondern ein amtlich aussehendes Stück Papier. Oben der Briefkopf von der Uni-Klinik. Und darunter einige Blutwerte. Selbst nach einer Flasche Wein brauchte sie nicht lange, um zu begreifen, was diese Zeile bedeutete: „HIV pos.“ Alles drehte sich um sie. Dieses Schwein. Dieses elende Mistschwein.

Und jetzt saĂź sie hier. In seinem Auto. Mit ihm auf dem Beifahrersitz.

Ein infernalisches Krachen katapultierte sie aus ihren Gedanken auf die Straße, auf der sie nun zum Stillstand gekommen war. Rechts neben sich sah sie ein anderes Auto, das irgendwie mit dem ihren verschmolzen zu sein schien. Da wurde auch schon ihre Tür aufgerissen und ein Mann schrie ihr angstvoll entgegen: „Sind Sie verletzt?“ Sie schüttelte den Kopf und zeigte stumm auf ihren Nebensitzer. Die Tür an seiner Seite war bis zum Bauch eingebeult. Das rechte Bein war unter dem Metall gänzlich verschwunden. Der Oberkörper hing leblos nach vorn, nur vom Gurt gehalten. Der Fremde zog sie aus dem Auto heraus. „O, Gott, es tut mir leid, ich muss kurz eingeschlafen sein, es tut mir so leid, kann man nichts mehr für ihn tun?“ Sie schüttelte den Kopf. Die Tränen strömten wie von selbst aus ihr heraus. Sie weinte, doch sie weinte nicht aus dem Grund, den der Fremde vermuten würde. Sie weinte um all ihre betrogenen Hoffnungen, um all die verlorenen Jahre, eingesperrt in ein Gefängnis, das sie sich selbst gewählt hatte. Nun war sie frei. Doch was fing sie mit dieser Freiheit an?

Als der Fremde seine Arme um sie legte, schluchzte sie laut auf. „Wir waren gerade auf dem Weg in unsere zweiten Flitterwochen“, presste sie undeutlich hervor und es schien ihr weniger eine Lüge zu sein, als es die letzten Jahre ihres Lebens gewesen waren.
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Ein Schriftsteller sollte nicht schreiben wollen, sondern schreiben mĂĽssen. (Erwin Strittmatter)

Version vom 09. 09. 2009 10:14

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