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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Des Kanzlers neue Kleider
Eingestellt am 24. 04. 2000 00:00


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Holger Breuer
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2001

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Des Kanzlers neue Kleider
Ein leichtes R├╝tteln war zu sp├╝ren, der Zug wurde langsamer und dann stand er still und unbeweglich auf den Gleisen. Herr Gratschek schaute aus dem Fenster, konnte den Grund f├╝r den Stop jedoch nicht erkennen. Na ja, dachte er, es wird schon irgendwann weitergehen, faltete die Zeitung auseinander und betrachtete nachdenklich das Bild auf der Titelseite: Im Vordergrund der Bundeskanzler, bekleidet mit einem schwarzen Jackett, einem wei├čen Hemd und einer gemusterten Krawatte. Da es sich um ein Schwarzwei├čfoto handelte, konnte er ├╝ber die Farben nur Vermutungen anstellen. Dezent blauwei├č gemustert, entschied er. Aber wer sagte denn, dass das Jackett schwarz sein musste? Es konnte ebenso gut jede andere dunkle Farbe haben. Dunkelblau, das w├╝rde passen. Das Hemd war eindeutig wei├č. Oder auch nicht, es konnte genauso gut grau oder hellbeige sein. Schwierig, ├Ąu├čerst schwierig. Und die Krawatte? Passte eine blauwei├č gemusterte Krawatte zu einem dunkelblauen Jackett und einem hellen Hemd? Mit der Farbzuteilung kam er im Moment nicht weiter. Eva w├╝rde ihn nun wegen seiner fehlenden Phantasie tadeln und das als typisch m├Ąnnlich bezeichnen. Aber das war ein anderes Thema, damit wollte er sich in diesem Moment nicht besch├Ąftigen. Das Foto zeigte den Kanzler bis zur Brust, seine rechte Hand verschwand au├čerhalb des Bildes im Nichts, den linken Arm hatte er triumphierend und einladend hochgehoben und dazu ein siegessicheres L├Ącheln aufgesetzt: Kommt her zu mir, meine W├Ąhler! Was konnte die tiefe Falte ├╝ber der Nasenwurzel bedeuten? Eva w├╝rde sie psychologisch begr├╝nden: Der Bundeskanzler ist verkrampft, krankhaft ehrgeizig, machtgierig und steht permanent unter hohen Druck. Er war nicht ordentlich gek├Ąmmt, der Bundeskanzler, aber wahrscheinlich hatte der Wind ihm die Frisur durcheinander gebracht. Im Hintergrund war, etwas im Dunst, die Halle der H├Âchsten Harmonie in der Verbotenen Stadt in Peking zu sehen; verboten mit gro├čem V, aber es war ja ein Eigenname. ├ťber dem Foto stand als Titel: Auf dem Weg zur H├Âchsten Harmonie. Mit einem gro├čen H, obwohl das auch nach der Rechtschreibreform eindeutig falsch war, und um einen Eigennamen handelte es sich in diesem Fall auch nicht. M├Âglicherweise war es ironisch gemeint, denn von der h(H)├Âchsten Harmonie war der Bundeskanzler so weit entfernt wie er, Herr Gratschek, von der Verbotenen Stadt. Er stand schlie├člich mitten in einer gro├čen Koalitionskrise und im Grunde genommen konnte ihn au├čer seiner Frau Doris mittlerweile niemand mehr leiden. Und das war auch noch die Frage, immerhin war der Kanzler schon zum vierten Mal verheiratet und vielleicht stand schon die n├Ąchste Scheidung bevor. Er konnte sich eine Scheidung von Eva beim besten Willen nicht vorstellen. Nat├╝rlich stritten sie sich manchmal, aber das war ein anderes Thema. Er selbst war im ├ťbrigen derzeit ebenso weit von der h(H)├Âchsten Harmonie entfernt wie der Bundeskanzler, den er nun mitsamt der Zeitung auf Knie sinken lie├č. Seufzend schaute er aus dem Fenster des Zuges und betrachtete die W├Ąlder, Wiesen und B├Ąume. Am Himmel trieb der b├Âige Wind die wei├čen Wolken vor sich her, und in weiter Ferne kreiste ein Flugzeug und zog einen Kondensstreifen hinter sicher her. In einigen Minuten w├╝rde er verschwunden sein und nichts mehr an das Flugzeug erinnern. Ein Vogelschwarm schob sich zwischen ihn und den wei├čen Streifen, im Grunde genommen ein sch├Âner Anblick, aber in diesem Moment konnte er ihn beim besten Willen nicht genie├čen und w├Ąre lieber in dem Tempo der Wolken, der V├Âgel oder des Flugzeugs durch die Landschaft gefahren. Nun stand der Interreggio schon seit zehn Minuten mitten auf der Strecke in dieser Landschaft und nichts tat sich, keinen Zentimeter ging es vorw├Ąrts. Sein Herz klopfte, und er f├╝hlte sich machtlos, er wollte etwas tun. Aber was? Den Zug anschieben? Die K├╝he von der Wiese vor die Lok spannen? Den Fahrer mit dem Obstmesser aus seiner Tasche zum Weiterfahren zwingen? Zu Fu├č weitergehen? Nein, nichts von alle dem ging, f├╝r den Moment musste er sich in sein unab├Ąnderbares Schicksal f├╝gen. Eva wartete bestimmt bereits sehns├╝chtig auf ihn, er wollte zu ihr, sofort! Aber nein, in diesem Moment vermisste sie ihn noch nicht, da er ja auch mit einem normal fahrenden Zug noch nicht zuhause w├Ąre. Und sie selbst w├╝rde ohnehin erst in diesen Minuten von der Arbeit zur├╝ckkommen. In dem voll besetzten Gro├čraumabteil herrschte eine betr├Ąchtliche Unruhe. Einige Fahrg├Ąste rutschten nerv├Âs auf ihren Sitzen hin und her, andere liefen im Gang auf und ab, wieder andere lehnten sich weit aus dem Fenster, um so die Ursache des Stops feststellen zu k├Ânnen. Eine ├Ąltere, etwas pummelige, auffallend kleine Frau mit schneewei├čen Haaren war in den letzten Minuten dreimal zur Toilette gegangen: Einmal allein und dann hintereinander mit zwei Kindern, einem Jungen und einem M├Ądchen im Alter von ungef├Ąhr sechs Jahren, die nun losgel├Âst durch das Abteil tobten und sich von ihrer Gro├čmutter, wie Herr Gratschek vermutete, nicht in ihrem Tun beeinflussen lie├čen. Das war ein Problem vieler Gro├čm├╝tter, wie er aus eigener Erfahrung wusste. Jemand anders, er konnte ihn nur h├Âren, beschwerte sich lauthals ├╝ber das nicht anwesende Personal und die schlechte Informationspolitik der Deutschen Bundesbahn. Er ├╝berlegte angestrengt, was geschehen w├╝rde, falls der Zug nicht in n├Ąchster Zeit weiterfuhr. Nun, das hing wesentlich von der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts ab. Zun├Ąchst w├╝rde Eva sich keine Sorgen machen, warum auch, der Zug versp├Ątete sich heute schlie├člich nicht zum ersten Mal. Irgendwann w├╝rde sie sich dann ├Ąrgern, da die Zeit f├╝r ihr gemeinsames Abendessen knapper und knapper wurde und einige Zeit sp├Ąter gar nicht mehr stattfinden konnte. Wie ├╝brigens auch schon am vorletzten Wochenende, da hatte sie allerdings ihm die Schuld gegeben, da er von einem Besuch im Zoo mit Melanie, ihrer Tochter, zu sp├Ąt zur├╝ckgekommen war, sie hatten die Zeit vergessen. Aber das war ein anderes Thema. Irgendwann w├╝rde sie sich dann ├Ąrgern, weil der geplante gemeinsame Kinobesuch ebenfalls ausfiel. Und sp├Ąter im Laufe des Abends w├╝rde sie sich zun├Ąchst mehr und mehr wundern und sich dann letztendlich doch Sorgen machen. Daf├╝r m├╝sste der Zug aber noch sehr lange hier stehen. Das beruhigte ihn zwar zun├Ąchst einmal, aber nichtsdestotrotz wuchsen seine schlechte Laune und das Herzklopfen stetig weiter. Nicht nur, dass das Abendbrot und der Kinobesuch auszufallen drohten, nein, es war auch noch Montag, und an diesem Tag hatte er ohnehin immer besonders schlechte Laune. Dazu hatte er sich auch noch sehr ├╝ber Herrn Michels, seinen Abteilungsleiter ge├Ąrgert. Herr Michels, Mitte f├╝nfzig, von mittlerer Gr├Â├če, ein wenig ├╝bergewichtig, mit einer Halbglatze und immer korrekt gekleidet, war ebenfalls ein ausgesprochener Montagsmuffel, wie er unumwunden selbst zugab. Allerdings immer erst am Dienstag. Kurz vor Dienstschluss an diesem Montag hatte er Herrn Gratschek knapp und in einem Ton, als ob er selbst daran schuld w├Ąre, dar├╝ber informiert, dass bis morgen fr├╝h um zehn Uhr eine wichtige Abrechnung auf seinem Schreibtisch zu liegen habe. Morgen w├╝rde Herr Michels sich dann etwas verlegen und durch die Blume f├╝r sein r├╝des Verhalten entschuldigen und Besserung geloben, wie jeden Dienstag, und Herr Gratschek w├╝rde seine Entschuldigung annehmen, wie jeden Dienstag. Im Prinzip war Herr Michels n├Ąmlich ein umg├Ąnglicher Vorgesetzter, an fast jedem Tag der Woche, eben nur nicht am Montag. Er hatte die entsprechenden Dateien dann auf eine Computerdiskette kopiert und wollte die Abrechnung zuhause fertig stellen. In der Zeit zwischen Abendessen und Kino, aber das w├╝rde ihm nun kaum noch gelingen und wahrscheinlich w├╝rde er nun doch z├Ąhneknirschend morgen eine Stunde eher aufstehen m├╝ssen. W├Ąhrend Herr Michels noch im Bett lag und sich von seinem Montagstress erholte. Ver├Ąrgert starrte er aus dem Fenster, aber die Felder, Wiesen und B├Ąume bewegten sich immer noch nicht. Er nahm die Zeitung und betrachtete erneut das Bild des Bundeskanzlers. Es war eingerahmt von einem gro├čen Artikel mit der ├ťberschrift: Zehn Milliarden Mark mehr Steuereinnahmen. Wer hatte diese Seite wohl zusammengestellt? Das Bild hatte doch gar nichts mit dem Artikel zu tun. Herr Gratschek liebte Klarheit, auch und gerade im Layout einer Tageszeitung. Sofort morgen w├╝rde er einen Leserbrief schreiben und sich beschweren. Zehn Milliarden Mark mehr Steuereinnahmen? Eine h├╝bsche Summe, die am besten sofort in den Service der Bundesbahn investiert werden w├╝rde, wo sie dringend ben├Âtigt wurde. Oder Herr Michels konnte jemanden einstellen, der ihn montags vertrat. Damit er nicht seine schlechte Laune an unschuldigen Zeitgenossen auslassen musste. Er faltete die Zeitung zusammen und wandte sich wieder dem Geschehen im Zug zu. Dort versuchte die vermeintliche Gro├čmutter noch immer, ihre vermeintlichen Enkelkinder zur Raison zu bringen und die Leute beschwerten sich noch immer laut oder lehnten sich weit aus dem Fenster. Herr Gratschek hatte, wie immer, einen Fensterplatz in Fahrtrichtung in einem abgetrennten Abteil mit vier Pl├Ątzen und einem hochklappbaren Tisch in der Mitte. Neben ihm sa├č eine junge Frau in einem bunten Anorak, die beim Anhalten des Zuges einmal kurz aufgeschaut hatte und seitdem weiter unger├╝hrt in ihrem Buch, Unter dem Tagmond von Keri Hulme, las. Der Titel sagte ihm nichts, aber vielleicht war es eine Idee f├╝r ein Weihnachtsgeschenk f├╝r Eva. Die junge Frau hatte den rechten Schn├╝rstiefel ausgezogen und den Fu├č unter ihren linken Oberschenkel gelegt. Langsam und bed├Ąchtig, eine tiefe Falte auf der Stirn, bl├Ątterte sie mit dem Zeigefinger Seite f├╝r Seite um. Einmal fiel ihr das Lesezeichen mit dem roten Faden herunter, aber bevor Herr Gratschek es h├Ątte aufheben und ihr zur├╝ckgeben k├Ânnen, hatte sie es schon, ohne dabei aufzuschauen und ihre Lekt├╝re zu unterbrechen, selber vom Boden aufgenommen und in das Buch zur├╝ckgelegt. Ab und an fuhr sie sich mit der linken Hand durch die langen, braunen Haare und zog den Scheitel nach. Er wunderte sich, dass ihr dieser unfreiwillige Aufenthalt offenkundig gar nichts auszumachen schien. Aber wahrscheinlich unterdr├╝ckte sie ihre Unruhe nur und lenkte sich mit dem Buch ab. Der Mann auf dem Fensterplatz gegen├╝ber, ungef├Ąhr Anfang drei├čig, mit leicht ger├Âtetem Gesicht und bekleidet mit einer dunklen Anzughose und einem beigen Hemd, das Jackett hing am Haken neben dem Fenster, schaute zwischenzeitlich immer mal wieder von seinem Laptop hoch, st├Âhnte ab und an kurz auf und schrieb dann weiter. Er schien nerv├Âs zu sein: Seine F├╝├če schabten st├Ąndig ├╝ber den Boden, die Beine zuckten hin und her, und er knirschte fortw├Ąhrend mit den Z├Ąhnen. Au├čerdem schwitzte er, daher auch das ger├Âtete Gesicht. Mit so einem Laptop h├Ątte Herrn Gratschek seine Abrechnung hier und jetzt im Zug fertig stellen k├Ânnen. Vielleicht sollte er einen Antrag auf einen Dienst-Laptop stellen. Und was w├╝rde geschehen? Herr Michels w├╝rde zun├Ąchst ein pers├Ânliches Verst├Ąndnis bekunden, dann resigniert und schuldbewusst auf die angespannte Haushaltslage des Landes verweisen und kurz darauf unter irgendeinem Vorwand den Raum verlassen. An einem Montag w├╝rde er ihn m├Âglicherweise sogar aus seinem B├╝ro weisen. Vielleicht w├╝rde ihn ja an einem Montag einmal der Schlag treffen. F├╝r diesen Gedanken sch├Ąmte er sich jedoch sofort wieder, das war schlie├člich auch nicht in Ordnung. Und wo blieben die 10 Milliarden DM Mehreinnahmen? War da wirklich kein Laptop f├╝r einen gestressten h├Âheren Verwaltungsangestellten des Landes drin? Und ├╝berhaupt, was bildete Herr Michels sich eigentlich ein? H├Ątte er ihm von der Abrechnung nicht eher etwas sagen k├Ânnen, dann h├Ątte er sich darauf eingestellt. Anstatt dass seine Ver├Ąrgerung in Anbetracht des begonnen Feierabends nachlie├č, steigerte sie sich von Minute zu Minute weiter. Auf dem Platz schr├Ąg gegen├╝ber zum Gang hin sa├č ein ├Ąlterer, vollst├Ąndig ergrauter, sehr gro├čer, schlanker Mann. Seine H├Ąnde lagen gefaltet auf dem langen wei├čen Mantel auf seinen Knien; ab und an bewegten sich die Finger ein wenig auf und ab, aber das war auch die einzige Regung, die er zeigte. Offensichtlich unterdr├╝ckte auch er seine Nervosit├Ąt. Genau das gelang dem Mann mit dem Laptop ├╝berhaupt nicht. Er legte seinen Computer auf den Tisch, lie├č das Fenster herunter und lehnte sich weit hinaus. Die junge Frau in dem bunten Anorak schaute kurz von ihrem Buch auf, und die Finger des alten Mannes bewegten sich ein wenig schneller. Nun stand der Zug bereits seit einer Viertelstunde an dieser Stelle und immer noch tat sich nichts, die B├Ąume standen immer noch an derselben Stelle, der Wind trieb die Wolken immer noch vor sich her und ein Schaffner hatte sich immer noch nicht blicken lassen. Und in diesem Moment fiel ihm siedendhei├č ein, dass er f├╝r das gemeinsame Abendessen h├Ątte einkaufen m├╝ssen. Das bedeutete, dass Eva nicht einmal ohne ihn essen konnte, denn der K├╝hlschrank war leer, wie immer am Montag. Wie er diesen ersten Tag in der Woche verabscheute. Aber wenn es den Montag nicht g├Ąbe, dann w├Ąre der Dienstag der erste Tag der Woche und alles w├Ąre genauso. Und wenn der es nicht w├Ąre, dann w├Ąre es der Mittwoch. Und so ginge das weiter bis zum Freitag und dann w├Ąre wieder Wochenende und alles beg├Ąnne von vorn. Der nerv├Âse Mann mit dem Laptop schloss das Fenster und setzte sich auf seinen Platz zur├╝ck. Seine Gesicht war noch r├Âter als zuvor. Die allgemeine Unruhe im Zug steigerte sich wieder, nachdem es f├╝r einen kurzen Moment ruhiger geworden war: Die Fahrg├Ąste beschwerten sich lauthals ├╝ber den Stop, die st├Ąndigen Versp├Ątungen, die Unf├Ąlle der letzten Zeit, die Preiserh├Âhungen und den schlechten Service der Bahn. Besonders hervor taten sich dabei eine ├Ąltere Frau mit einem gro├čen Hut auf dem Kopf und ein stark ├╝bergewichtiger Mann mittleren Alters, die sich gegenseitig die Argumente in die H├Ąnde spielten. Andere Fahrg├Ąste schalteten sich ein und ergriffen f├╝r den einen oder anderen Partei. Zwischendrin ergriff ein junger Mann todesmutig Partei f├╝r die Deutsche Bundesbahn: Man m├╝sse doch zun├Ąchst einmal den Grund f├╝r den Stop kennen, und au├čerdem, gegen├╝ber anderen L├Ąndern in Europa seien die Versp├Ątungen der Bahn in Deutschland doch eher gering, und es g├Ąbe L├Ąnder auf dieser Welt, da f├╝hren die Z├╝ge erst dann los, wenn sie voll waren. Er drang jedoch mit seinen Argumenten nicht durch, zun├Ąchst wurde er ungl├Ąubig angestarrt, dann ignoriert und letztendlich ging die Diskussion dort weiter, wo sie vor seinem Einwand aufgeh├Ârt hatte. Der junge Mann l├Ąchelte, sagte jedoch nichts mehr. Wozu auch, es wollte ihn ja offensichtlich niemand h├Âren. Herr Gratschek bewunderte seinen Mut, sich so einfach gegen alle anderen Leute zu stellen. Nur war es doch vollkommen vergeblich gewesen, warum also dieser Aufwand? War es da nicht besser, einfach gar nichts zu sagen und sich seinen Teil zu denken? Eva vertrat die Ansicht, dass es sehr wohl richtig w├Ąre, jederzeit und an jedem Ort dieser Welt seine Meinung offen zu vertreten. Er fand, dass es besser w├Ąre, ab und an einmal seine Meinung f├╝r sich zu behalten, um Nachteile zu vermeiden. Au├čerdem m├╝sse ja nicht immer jeder wissen, was gerade in seinem Kopf vorging. Typische Beamtenmentalit├Ąt, entgegnete sie dann schnippisch, das ist mal wieder typisch f├╝r dich. Und dann f├╝hlte er sich missverstanden, er widersprach Herrn Michels schlie├člich sehr oft, nur eben am Montag nicht. Weil es da vollkommen zwecklos war, da er ohnehin nicht zuh├Ârte und die Situation sich nur noch weiter versch├Ąrfen w├╝rde. Au├čerdem war er ja trotz allem ein korrekter und vertr├Ąglicher Vorgesetzter. Daraufhin entgegnete Eva, dass es gerade in diesem Fall wichtig und angebracht w├Ąre, ihm zu widersprechen und sich eben nicht alles gefallen zu lassen. Denn so w├╝rde er immer ein willkommenes Opfer seines launischen Vorgesetzten bleiben. Und au├čerdem, wenn er wirklich so ein korrekter und vertr├Ąglicher Vorgesetzter w├Ąre, vertr├╝ge er auch Kritik. Herr Gratschek bef├╝rchtete jedoch, dass er dann an Montagen wie heute noch mehr Abrechnungen hervorholen w├╝rde, die unbedingt bis zum n├Ąchsten Tag fertig sein mussten, und dann w├Ąre er wieder der Dumme. Solchen Argumenten war Eva allerdings nicht zug├Ąnglich, sie wollte sie nicht h├Âren. Also ist er doch nicht so korrekt und vertr├Ąglich, fragte sie ironisch. Mit ihrer Ironie brachte sie ihn ├Âfter aus der Fassung und nun ├Ąrgerte er sich ├╝ber sie, sollte sie doch kein Abendessen bekommen, was st├Ârte es ihn? Die Frau in dem bunten Anorak legte das Lesezeichen in das Buch, klappte es zu und atmete tief ein. Nun wird sie endlich nerv├Âs, das wurde ja auch Zeit. Die Finger des alten Mannes auf dem Platz zum Gang bewegten sich in immer k├╝rzeren Abst├Ąnden auf und nieder, und der Mann mit dem Laptop wurde von Minute zu Minute unruhiger. Nun holte er ein Handy aus seinem Jackett, schaltete es ein und w├Ąhlte eine Nummer; bei jeder Zahl, die er dr├╝ckte, ert├Ânte ein schrilles Piepen. Auf seiner Stirn bildeten sich Schwei├čperlen, und er kniff die Augenbrauen zusammen. Er tat ihm leid, aber wie konnte er ihm helfen? Was f├╝r einen wichtigen Termin hatte er heute noch wahrzunehmen? Nach ungef├Ąhr einer Minute schaltete der nerv├Âse Mann das Handy wieder aus und warf es neben den Laptop auf den kleinen Tisch. So ein Handy h├Ątte Herr Gratschek in diesem Moment ebenfalls gut gebrauchen k├Ânnen: Damit h├Ątte er Eva anrufen und sie bitten k├Ânnen, ausnahmsweise einmal f├╝r ihn einkaufen zu gehen. Er ├╝berlegte kurz, ob er den nerv├Âsen Mann fragen sollte, lie├č es dann aber bleiben, er wollte ihn nicht st├Âren. Und au├čerdem, vielleicht fuhr der Zug ja gleich los, und es w├╝rde gar nicht n├Âtig sein. In diesem Moment hob der Mann den Laptop wieder auf seine Knie und schrieb weiter. Schade, dachte Herr Gratschek. Wenn Herr Michels schon so kurzfristig mit irgendwelchen Terminen an ihn herantrat, warum stellte er ihm dann nicht auch das passende Arbeitsmaterial zur Verf├╝gung? Von den 10 Milliarden DM Mehreinnahmen! Oder? Wen hatte er das jetzt gefragt? Sich selbst? Eva? Herrn Michels? Oder den nerv├Âsen Mann gegen├╝ber? Je l├Ąnger der Zug stand, desto philosophischer wurde er. Ein Lichtstrahl fiel genau auf die Nase der jungen Frau in dem gebl├╝mten Anorak. Sie blickte gedankenverloren an ihm vorbei aus dem Fenster. Er folgte ihren Augen und dem Lichtstrahl. Alle B├Ąume standen noch immer an derselben Stelle, wurden jedoch nun von der untergehenden milden Herbstsonne angestrahlt, ein wundersch├Âner Anblick: Die ohnehin schon bunten Bl├Ątter waren in ein goldenes Licht getaucht, kein Maler oder Fotograf h├Ątte es sch├Âner darstellen k├Ânnen. Ein leichter Wind wehte die Bl├Ątter hin und her und ab und an fiel eins auf den Boden. Herr Gratschek atmete tief ein, er f├╝hlte sich wohl, er wollte diesen Augenblick festhalten und hoffte nun pl├Âtzlich, dass der Zug noch sehr lange an dieser Stelle stehen w├╝rde. Er legte seinen Ellenbogen auf das Fensterbrett und st├╝tzte seinen Kopf auf die Handfl├Ąche. Ein Vogel schwebte ├╝ber die B├Ąume, setzte sich kurz auf einen Ast und flog dann weiter. In weiter Ferne sah er spielende Kinder, die hinter irgendetwas herliefen. Das Flugzeug war nicht mehr zu sehen. Das Handy des Mannes mit dem Laptop klingelte. Er riss es mit einer hastigen Handbewegung vom Tisch, schaltete es ein und meldete sich in einem barschen und unh├Âflichen Ton und sagte immer nur ja, nein, ja, nein und erkl├Ąrte dann irgendjemandem am anderen Ende der Leitung atemlos und mit abgehakten Worten, dass er irgendwohin sp├Ąter kommen w├╝rde. War er ├╝berhaupt in der Lage, die Sch├Ânheit dieses Anblicks zu erkennen und zu w├╝rdigen? Herr Gratschek wandte seinen Blick wieder nach drau├čen und genoss den herbstlichen Sonnenuntergang, er wollte sich nicht die Stimmung verderben lassen, weder von Herrn Michels, noch von Eva und auch nicht von irgendwelchen nerv├Âsen Zeitgenossen, er verdr├Ąngte sie aus seiner Gedankenwelt. Er stellte sich vor, auf den Fl├╝geln eines der V├Âgel dort drau├čen zu sitzen und ├╝ber die Landschaft zu fliegen. Er erinnerte sich an Nils Holgersson, eine Geschichte, die er als Kind mit Begeisterung gelesen hatte. Wohin w├╝rde er, Reinhold Gratschek, fliegen? Pl├Âtzlich verschwand die Sonne hinter einer Wolke und der Zauber der Farben wurde blasser, die D├Ąmmerung setzte ein. Herr Michels kehrte in Herrn Gratscheks Gedankenwelt zur├╝ck, aber er schob ihn an die Seite, er war in diesem Moment unwesentlich und hatte seinen Schrecken verloren. Seine Gedanken wanderten zu Melanie, die in der n├Ąchsten Woche acht Jahre alt werden w├╝rde. Sie hatte das Wochenende bei Oma Anneliese, Evas Mutter, verbracht. Von dort aus war sie auch heute morgen in die Schule gegangen. Das hoffte er zumindest, denn Oma Anneliese war ebenfalls eine jener Gro├čm├╝tter, denen die Durchsetzungskraft im Laufe ihres Lebens abhanden gekommen war. Eva behauptete, dass sie die in fr├╝heren Jahren durchaus gehabt habe und erz├Ąhlte auch schon einmal einige wenige angenehme Geschichten aus ihrer Kindheit. Aber welcher Mensch tat das nicht? Zun├Ąchst sollte Melanie nur bis Sonntagabend bei ihrer Gro├čmutter bleiben, der Besuch wurde dann jedoch auf den gemeinsamen Wunsch von ihr und Oma Anneliese bis Dienstagmittag verl├Ąngert. Nur dadurch w├Ąre es f├╝r ihn und Eva ├╝berhaupt m├Âglich gewesen, an diesem Abend ins Kino zu gehen. Die junge Frau in dem gebl├╝mten Anorak schlug ihr Buch wieder auf und las weiter. Wie alt mochte sie sein? Er sch├Ątzte sie auf Mitte zwanzig. Wahrscheinlich war sie eine Studentin, die in ihrer Freizeit jobbte, um ihr Studium zu finanzieren. Ob sie einen Freund hatte? Bestimmt, wahrscheinlich auch ein Student. Und was studierte sie? Er betrachtete sie verstohlen von der Seite. Wirtschaft und Jura wohl kaum, dazu war sie nicht ordentlich genug angezogen. Die Art ihrer Kleidung, der bunte Anorak, die ausgetretenen Schuhe, die Ringels├Âckchen und die leicht unordentlichen Haare deuteten in eine andere Richtung. Eventuell Geisteswissenschaften oder ein P├Ądagogikstudium. Warum fragte er sie nicht einfach? Nein, das w├╝rde zu weit gehen, hinterher dachte sie noch etwas vollkommen Falsches von ihm. Unvorstellbar, wenn Eva mit ihrer krankhaften Eifersucht das erfahren w├╝rde. Er tippte auf Lehramt, das war es, eine angehende Lehrerin, Deutsch und Geographie. Deutsch, weil sie offensichtlich gerne las und Geographie, weil sie anscheinend ein Auge f├╝r die Sch├Ânheit der Landschaft hatte. Ob sie schon Kinder hatte? Nein, dazu war sie noch zu jung. Obwohl, man konnte nie wissen. Wo sie jetzt wohl herkam? Um diese Tageszeit wahrscheinlich von der Universit├Ąt, und nun wartete die Arbeit auf sie, m├Âglicherweise jobbte sie als Bedienung in einem Restaurant oder in einer Kneipe. Der alte Mann auf dem Platz zum Gang hob seinen Mantel hoch, faltete ihn auseinander, dann wieder zusammen und legte ihn auf seine Knie zur├╝ck. Herr Gratschek sch├Ątzte ihn auf Anfang siebzig, eher ein wenig ├Ąlter. Er machte einen sehr w├╝rdevollen und gebildeten Eindruck. In welcher Branche hatte er fr├╝her wohl gearbeitet? Bestimmt etwas geistig hochstehendes. Als Lehrer? Oder vielleicht in einer Bank? Als Professor an einer Universit├Ąt? Als Arzt? Hatte er m├Âglicherweise eine eigene Firma gehabt? Und welche Branche? Wo kam er jetzt her? Hatte er seine Enkelkinder besucht? Warum reiste er allein? Wo war seine Frau? War sie krank, und er hatte sie gerade im Krankenhaus besucht? Oder lebte sie m├Âglicherweise schon nicht mehr? Fragen ├╝ber Fragen, und die Antworten gingen ihn im Grunde genommen gar nichts an. Wie er und Eva wohl in dem Alter sein w├╝rden? Vor kurzem hatten sie einmal Pl├Ąne geschmiedet, was sie als Rentner alles machen w├╝rden: Reisen, Ausfl├╝ge, Konzertbesuche und noch ganz viele andere Dinge, zu denen sie heute keine Zeit hatten. Seltsame Gedanken f├╝r ein Paar knapp unter vierzig, aber sie machten sie eben so ihre Gedanken. Der nerv├Âse Mann mit dem Laptop bl├Ątterte in seinen Unterlagen und verglich sie mit dem, was er auf dem Bildschirm sah. Herr Gratschek ├╝berlegte noch einmal, ihn zu fragen, ob er einmal telefonieren d├╝rfe, unterlie├č es dann aber doch wieder. Er wollte lieber weiter in Ruhe seinen Gedanken nachh├Ąngen und die Sch├Ânheit des Augenblicks genie├čen. Der verschwand nun allerdings schnell in der Dunkelheit und war nur noch zu erahnen. Zum Gl├╝ck ging in diesem Moment die Beleuchtung im Zug an, unvorstellbar, was passiert w├Ąre, wenn sie im Dunkeln h├Ątten sitzen m├╝ssen. Er griff nach seiner Tageszeitung und betrachtete den Bundeskanzler. Welche Farbe hatten seine Kleidungsst├╝cke denn nun? Das Hemd wei├č, das Jackett dunkelblau und die Krawatte schwarzgrau gemustert! Das war nat├╝rlich sehr konventionell, konnte es nicht auch ganz anders sein? Das Hemd gelb, das Jackett dunkelgr├╝n und die Krawatte rotblau gemustert? Er kicherte verstohlen, ob der chinesische Staatschef ihn so empfangen h├Ątte? Das war nat├╝rlich sehr extravagant. Gab es noch eine andere M├Âglichkeit? Nein, damit wollte er sich nun nicht mehr besch├Ąftigen, der Kanzler war eingekleidet. Er faltete die Zeitung zusammen, legte sie in seine Aktentasche und zog den Rei├čverschluss zu. Den w├╝rde er heute nicht mehr ├Âffnen, sein Arbeitstag war beendet. Im Zug war Ruhe eingekehrt, die Kinder waren verschwunden, und es beschwerte sich auch niemand mehr, die Fahrg├Ąste hatten resigniert und sich in ihr Schicksal ergeben. Die Finger des alten Mann schr├Ąg gegen├╝ber lagen ruhig auf seinem Mantel und bewegten sich nicht; die junge Frau in dem gebl├╝mten Anorak blickte aus dem Fenster, das ge├Âffnete Buch unbeachtet auf ihren Knien; der nerv├Âse Mann mit dem Laptop schrieb nicht mehr, auch sein Telefon schellte nicht, er hatte den Kopf zur├╝ckgelehnt und starrte an die Decke. Herr Gratschek konnte die Ruhe greifen, sie war allgegenw├Ąrtig, die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Hatte jemand die Uhr angehalten oder den Schalter herumgestellt? In diesem Moment ging das Licht aus, es gab einen Ruck, das Licht ging wieder an, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung, fuhr einige Meter, blieb wieder stehen, das Licht ging aus und wieder an und dann fuhr er, erst langsam, dann schneller und schlie├člich in der normalen Geschwindigkeit. Das Stimmengewirr im Zug setzte wieder ein, die Leute erwachten und von irgendwoher ert├Ânte Beifall. Die Finger des alten Mannes fuhren wieder ├╝ber den Mantel, die junge Frau in dem gebl├╝mten Anorak las weiter, und der nerv├Âse Mann atmete tief ein und schrieb wieder in seinen Laptop. Allen war die Erleichterung anzusehen, dass es endlich weiterging. Es war nur ein kurzer Moment gewesen, einige Sekunden vielleicht nur. Irgendetwas hatte sich jedoch ver├Ąndert, auch wenn er nicht sagen konnte, was. Aber er wusste, dass er noch Zeit zum Einkaufen hatte und mit Eva ins Kino gehen konnte, und er wusste, dass es ein sch├Âner Montag gewesen war. Und der Bundeskanzler war geschmackvoll eingekleidet!

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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