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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Des Lebens Unebenheiten
Eingestellt am 30. 08. 2011 13:06


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Tantalos
Hobbydichter
Registriert: Aug 2011

Werke: 1
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Klar und rein ist die Nacht nach dem reinigenden Gewitter. Die Stra├čen sind menschenleer. Nur noch vereinzelt durschneidet Motorgebr├╝ll die hermetische Stille. Der Herbst hat bereits die Landschaft mit der gewohnten Gr├╝ndlichkeit kahl gefegt. Es ist sehr kalt und sp├Ąt, keine Zeit f├╝r einen gem├╝tlichen Spaziergang. Doch Michael h├Ąlt nichts in seinen eigenen vier W├Ąnden. Wenn man alles verloren hat, was das Leben eines Menschen bedeutend, fr├Âhlich, erstrebenswert und ertr├Ąglich machte, wird die Einsamkeit, die sonst so erholsam und beruhigend sein konnte, zum erbitterten Feind.

Michael streifte ├╝ber die Wunde an seinem Kopf, sie war inzwischen verkrustet. Er gelangte zu der eisernen Br├╝cke, wo er noch vor weniger als zehn Monaten, am Neujahrstag, voll Zuversicht in die Zukunft geblickt hatte. Welch gro├čartige Perspektiven er├Âffneten sich ihm damals. Jung, von angenehmeren ├äu├čeren, witzig und redegewandt, ein angegehender Schriftsteller. Damals fiel ihm das Schreiben ganz leicht. Wie nach einem untersch├╝tterlichen Naturgesetz flog die Feder ├╝ber die leeren Seiten und f├╝llte sie mit bewegenden Geschichten. Mitten in dieser euphorischen Stimmung ereilte ihn ein erster D├Ąmpfer. Leopold Wagner war in der Nacht zum 18. April an akutem Herzversagen gestorben.

Herr Leopold, wie ihn Michael seit jeher genannt hatte, war in den pubert├Ąren Jahren des K├╝nstlers eine st├╝tzende S├Ąule gewesen. Ein aufmunternder Berater, wenn ihm Michael mit seinen ersten dilletantischen Werken zweifelnd und jammernd in den Ohren lag. Er war ein Vaterersatz, nachdem sich seine Eltern scheiden lie├čen. Er war ein Gleichgesinnter in philosophischen und politischen Diskussionen. Vor allem aber, war er ein Freund f├╝r den sensiblen jungen Michael.

Bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr war Michael ein sehr schwer zu ertragender Mensch. Als kritisches, sehr impulsives Kind und Halbw├╝chsiger, lehnte er sich gerne gegen Autorit├Ąten auf. Von seinen Lehrern wurde er zwar als begabt, doch hoffnungslos faul eingesch├Ątzt. Von einigen sogar als destruktiv und assozial abgekanzelt. Nach kleineren Diebst├Ąhlen und Zerst├Ârungsaktionen kam er mit der Polizei in Ber├╝hrung. Seine Mitmenschen beurteilten ihn als kontaktarm, komplexbeladen und j├Ąhzornig. Wenn Michael diese st├╝rmische Zeit trotz allem relativ unbeschadet ├╝berstanden hatte, war es nur Herrn Leopold zu verdanken.

Als Michael allm├Ąhlich selbstsicherer, gelassener und erfahrener wurde, lernte er neue Freunde kennen, wechselte in andere Gesellschaftsschichten. Herrn Leopold sah er immer seltener. Er blieb ihm jedoch bis zuletzt ein inniger Freund. Michael wurde nach dessen Tod nachdenklicher. Doch nach einigen Wochen kehrte er an den Schreibtisch zur├╝ck und arbeite weiter an seinem Roman. Doch das Schreiben fiel ihm nicht mehr so leicht. Er musste mit jedem Absatz ringen. Die Seiten f├╝llten sich qu├Ąlend langsam.

Mit seiner Freundin Monika kam es immer ├Âfter zu Auseinandersetzungen. Im Sommer verlie├č sie ihn. Das kam f├╝r ihn wie aus heiterem Himmel. Er verfiel in alte Verhaltensmuster, schottete sich von der Umwelt ab, bekam hin und wieder Wutanf├Ąlle. Aber er schrieb weiter. Jetzt mehr denn je. Den ganzen Tag lang. Es wurde zu seinem einzigen Lebensinhalt. Endlich war das Werk fertig und wurde abgeschickt. Vor wenigen Tagen kam die Antwort:

Sehr geehrter Herr Hahnreich,
ihr Werk passt leider nicht unser derzeitiges Verlagsprogramm. Wir w├╝nschen Ihnen weiterhin viel Gl├╝ck.

Diese Antwort konnte er nicht mehr verkraften. Michael fl├╝chtete in drei exzessive Tage und N├Ąchte, in denen er seinen Kummer in Alkohol ertr├Ąnkte, bis er in einer Bar eine Schl├Ągerei anzettelte und hinaus geworfen wurde. Betrunken, mit einer blutenden Wunde am Kopf, schleppte er sich durch die menschenleeren Stra├čen.

Ein letztes Mal wollte er sich umblicken, um der schn├Âden Welt, die ihn so erb├Ąrmlich zugerichtet hatte, einen hasserf├╝llten Blick zuzuwerfen. Aber welch ein Bild fing er dabei auf. Am Horizont dr├Ąngte die ersten Lichterscharen heran und zogen rasch in die verborgensten Winkel der Stadt. Auf den an dieser Stelle schnell str├Âmenden Fluss tanzten kleine, bunte Lichtkobolde einen ├╝berm├╝tigen Reigen. Es war ein Freudentanz der Erneuerung. Es k├╝ndigte die nahende Ankunft der K├Ânigin an. Ein st├╝rmischer Ostwind trieb in grellem Schein erstrahlende Wolken vor sich her. Sie wirkten wie emsige Diener, die auszogen, um zu verk├╝nden: \"Sie kommt! Die Herrscherin kommt!\" Hinter ihnen brodelte das Firmament in feuerrotem Glanz. Dann hielt die Sonne ihren triumphalen Einzug. Anmutig erhob sie sich ├╝ber ihr K├Ânigreich und brachte als Geschenk einen neuen, wundervollen Tag mit. Wie k├╝hl und labend der erste Herbstwind war und wie z├Ąrtlich die ersten Morgenger├Ąusche. Zitternd und schaudernd wich Michael vor dem Abgrund zur├╝ck. Niemals durfte er seinem Leben ein Ende bereiten. Noch hatte er lange nicht alles geschrieben, nicht alles gef├╝hlt, nicht alles erfahren, was ihm dieses Leben zu bieten hatte. Noch hatte er nicht all seine Liebe und Z├Ąrtlichkeit verschenkt. Noch nicht die ganze bittere S├╝├če des Lebens gekostet.

Das Leben ist sch├Ân, dachte er sich. Selbst mit all dem Leid, das es mit sich bringt. Manchmal mag es graumsam sein, doch es ist auch erhaben. Ein Mensch muss wohl viele Irrwege beschreiten, bis er einen Pfad findet, den es sich bis zum Ende zu gehen lohnt. Spontan setzte er sich nieder, kramte einen halbzerkauten Bleistift hervor und kritzelte seine Gef├╝hle auf das Papier. Diesmal war es gut, was er schrieb, denn es war wahrhaftig.

Was z├Ąhlte es, ob dieser Text jemals ver├Âffentlicht werden w├╝rde. Michael wusste, das dieses Werk authentisch war. Ein Schritt auf dem langen Weg zur Selbsterkenntnis. Das musste das oberste, das edelste Ziel eines Schriftstellers sein. Gl├╝cklich stand Michael auf und eilte zur n├Ąchsten B├Ąckerei. Auf einmal hatte er Hei├čhunger auf frische, duftende, warme Semmeln.

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