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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Des Schicksals Advokaten
Eingestellt am 11. 10. 2002 19:48


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Ralph Ronneberger
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Des Schicksals Advokaten

"Hier mu√ü es sein", murmelte Malte T√ľll und trat auf die Bremse. Sein asthmatischer "Polo" kam genau vor der protzig breiten Einfahrt zum Stehen. W√§hrend Malte sich eine Str√§hne seines strubbeligen Haares aus der verschwitzten Stirn strich, starrte er auf das wuchtige schmiedeeiserne Tor, dessen mit unz√§hligen Schn√∂rkeln versehene Fl√ľgel weit ge√∂ffnet waren.
"Ja, hier mu√ü es sein", wiederholte er fast schon ein wenig ehrf√ľrchtig und blickte den mit schwarz gl√§nzendem Basalt gepflasterten Weg entlang, der leicht geschwungen bis zu dem reich verzierten Portal einer wuchtig hingeklotzten Villa f√ľhrte. Malte f√ľhlte, wie sich eine leichte Beklemmung auf seine Brust legte. Er stammte aus dieser Stadt, hatte mehr als 40 Jahre in ihr gelebt, aber in diese stinkvornehme Gegend hatte es ihn bisher ganz selten verschlagen. Und noch nie hatte er eine dieser luxuri√∂sen Villen betreten. Am liebsten h√§tte er Gas gegeben, um zur√ľck in seine Einraumwohnung zu fahren, wo er gem√ľtlich bei ein paar Bierchen dem Abend entgegen d√∂sen w√ľrde. Aber da war ja noch der Brief in seiner Jackentasche.

"... bitte ich Sie, in dieser dringenden Angelegenheit am Freitag den 13. September um 16.00 Uhr in meiner Kanzlei vorzusprechen.

Hochachtungsvoll Dr. Schnitter
Rechtsanwalt"

In Malte k√§mpften Neugier und Unbehagen. Neugier deshalb, weil die angeblich so dringende Angelegenheit nur vage umschrieben worden war. Aber einiges schien darauf hinzudeuten, dass es sich wohl um eine Erbschaftsangelegenheit handeln k√∂nnte. Malte war alles andere als verm√∂gend. Und die paar Pimperlinge, die er m√ľhsam beiseite gebracht hatte, w√ľrden f√ľr die Scheidungskosten drauf gehen. Oh ja - da k√§me so eine kleine Erbschaft - woher sie auch immer stammen m√∂ge - sehr gelegen. Mit diesem Gedanken lie√ü er die Kupplung kommen, und nahm die Auffahrt rasanter als gewollt.
An einem der Seitenfl√ľgel der Villa entdeckte er einen kleinen von m√§chtigen Blutbuchen ges√§umten Platz, auf dem bereits zwei Nobelkarossen parkten.
Malte stellte sein klappriges Gef√§hrt mit geb√ľhrendem Abstand daneben, und w√§hrend er den Wagen abschlo√ü, besa√ü er Gelegenheit, die Lungen noch einmal so richtig mit fr√ľhherbstlich warmer Luft voll zu pumpen, bevor er die paar Schritte bis zur klobigen Eingangst√ľr ging. Der altmodische Klingelknopf, der unter dem goldgl√§nzendem Firmenschild mit dem Schriftzug "Kanzlei Dr. Schnitter & Partner" angebracht war, l√∂ste, nachdem Malte mit klopfendem Herzen drauf gedr√ľckt hatte, einen dezenten Gong aus. Keine drei Sekunden sp√§ter √∂ffnete sich das schwere Portal. Nach weiteren drei Sekunden unwillk√ľrlichen Z√∂gerns trat er schlie√ülich ein. W√§hrend sich die T√ľr mit sanftem Klack wieder hinter ihm schloss, wagte er einen ersten Rundblick.
Er stand in einem mehrere Stockwerke hohem und von einer gl√§sernen Kuppel √ľberspanntem Atrium, von dem eine breite, sich auf halber H√∂he teilende Treppe zu einer Galerie f√ľhrte. Vielleicht h√§tte Malte hier und da noch einen Blick auf all die in d√ľsteren Farben gehaltenen Gem√§lde an den W√§nden geworfen, wenn da nicht diese Frau oben am Treppenansatz gewesen w√§re.
"Kommen Sie hier herauf. Man erwartet Sie schon."
Allein der Klang ihrer Stimme besa√ü etwas ungemein Anziehendes. W√§hrend Malte langsam die uralte Holztreppe empor stieg, lie√ü er keinen Blick von dieser Frau. Sie mochte etwa Ende drei√üig sein - eine reife Sch√∂nheit. Dichtes tizianrotes Haar flo√ü ihr mit sanften Wellen bis auf die Schultern und bildete einen bezaubernden Kontrast zu ihrem moosgr√ľnen Kost√ľm. Gr√ľn blitzten auch die lebhaften Augen, die sie mit einem aus Neugier und Distanz gepaarten Blick auf den Besucher gerichtet hielt. Es konnte wohl nicht nur am Treppensteigen gelegen haben, dass Malte so au√üer Atem war, als er oben angekommen, dieser au√üergew√∂hnlichen Sch√∂nheit gegen√ľber stand.
"T√ľll", sagte er mit trockenem Mund und reichte ihr die leicht feucht gewordene Hand. Die Sch√∂ne verzog die vollen, aber kaum geschminkten Lippen zu einem zur√ľckhaltend freundlichen L√§cheln.
"Ich weiß. Sie sind der Letzte. Herzlich willkommen in unserem Hause."
W√§hrend sie immer noch l√§chelnd sprach, entbl√∂√üte sie hin und wieder ihre akkurat ausgerichteten schneewei√üen Z√§hne. Zwei- dreimal huschte dabei ihre Zungenspitze spielerisch dar√ľber hinweg.
"√úbrigens, mein Name ist Rose."
Malte vermochte seinen Blick einfach nicht von diesem faszinierenden Mund zu l√∂sen. Erst als die Frau auf eine der von der Galerie abgehenden T√ľren wies und ein dunkles "Darf ich voran gehen" raunte, fiel die sekundenlange Starre von ihm ab. Er folgte ihr und besa√ü nun Gelegenheit, ihre in ihrer ausgereiften Weiblichkeit kaum zu √ľbertreffende Figur zu bewundern. Vom biegsamen Nacken, √ľber den schmalen R√ľcken, die angenehm leicht ausladenden H√ľften und den sich straff unter dem Stoff abzeichnenden Po bis hin zu den makellosen Beinen stimmte einfach alles an ihr. Auf dem dicken L√§ufer schritt sie fast ger√§uschlos dahin, und f√ľr einen Moment gewann Malte den Eindruck, sie w√ľrde schweben. Doch schon √∂ffnete sie die bezeichnete T√ľr und blieb seitlich im Rahmen stehen. Er mu√üte so dicht an ihr vorbei, dass er sie f√ľr einen winzigen Moment mit dem Oberarm ber√ľhrte. Er atmete den intensiv schweren Duft, der ihrem Dekolletee zu entstr√∂men schien und w√§re am liebsten stehen geblieben, nur um dieses Odeur l√§nger genie√üen zu k√∂nnen.
'Was f√ľr eine Frau!' dachte er und mu√üte sich regelrecht zum Weitergehen zwingen. Mehr stolpernd als gehend betrat er ein gro√ües mit schweren Teppichen ausgelegtes Zimmer.
"Ah, da sind Sie ja", h√∂rte er eine unangenehm kratzende Stimme aus der Tiefe dieses im leichten Halbdunkel liegenden Raumes. Malte schaute blinzelnd in die Richtung, aus der die Worte gekommen waren und gewahrte hinter einem Unget√ľm von Schreibtisch einen √§lteren sehr hageren Mann. Der Alte sa√ü leicht vorgebeugt in einem nicht weniger gewaltigen Ledersessel und fuhr mit den knochigen H√§nden unentwegt √ľber die auf Hochglanz polierte Tischplatte.
"Setzen Sie sich!" Kam es kurz und knapp aus dem d√ľnnlippigen Mund, und es klang eher nach einem Befehl, als nach einer h√∂flichen Einladung.
Inzwischen hatten sich Maltes Augen an das D√§mmerlicht gew√∂hnt. Als er sich umschaute, entdeckte er dem Schreibtisch gegen√ľber eine Sesselgruppe, wo bereits zwei M√§nner Platz genommen hatten. Der eine mochte etwa im gleichen Alter wie Malte sein. Er war schlank, besa√ü markante Gesichtsz√ľge und pr√§sentierte sich in einem tadellos sitzendem Ma√üanzug. Er l√ľmmelte mit arrogant gelangweilter Miene und l√§ssig √ľbereinander geschlagenen Beinen im dem dicken Polster und hatte f√ľr Malte nur ein kurzes Kopfnicken. Der andere war ein ziemlich beleibter Mitsechziger. Kurzatmig hockte er auf der √§u√üersten Sesselkante und knetete nerv√∂s seine kurzen Wurstfinger. Den runden kahlgeschorenen Kopf hielt er dabei tief zwischen die massigen Schultern gezogen. Die kleinen Schweinsaugen irrten fahrig von einer Zimmerecke in die andere. Nur einen Moment lang blieben sie ausdruckslos an Malte haften, ehe sie wieder ihre Wanderung aufnahmen. Das Knarren des Leders, das entstand, als sich Malte in den noch freien Sessel setzte, klang √ľbernat√ľrlich laut in dem ansonsten totenstillen Raum. Die bedr√ľckende Atmosph√§re in diesem Zimmer lie√ü Malte fr√∂steln. Der Alte hinter seinem Schreibtisch gefiel ihm nicht. Von ihm ging etwas aus, das Unbehagen hervor rief. Fast schon verzweifelt suchte er nach einem Punkt, der beruhigend auf seine Sinne wirken k√∂nnte. Den fand er erst, als er den Kopf schr√§g nach hinten drehte. Rose! Wie sie so mit nachl√§ssiger Eleganz leicht gegen die Wand gelehnt neben der T√ľr stand, wirkte sie wie ein funkelnder Edelstein, den man in einer staubig grauen Holzkiste vergessen hatte. Einen Moment lang kreuzten sich ihre Blicke. T√§uschte er sich, oder hatte sie wirklich zu ihm her√ľber gel√§chelt? Nein - da war er wohl seinem Wunschdenken aufgesessen. Solche Frauen halten sich gew√∂hnlich nur in der Umgebung ausgesprochen wohlhabender M√§nner auf. Wie k√§me die sch√∂ne und sicherlich ausgesprochen verw√∂hnte Rose dazu, ihm Malte "Niemand" ein vertrauliches L√§cheln zu schenken? Er besa√ü in diesem ungleichen Duell der Augen weiter nichts als seinen Stolz, mit dessen Hilfe er Roses Ausstrahlung lediglich den Anschein v√∂lliger Gleichg√ľltigkeit entgegen zu setzen vermochte. Doch dieser sonst so hervorragend funktionierende Selbstschutz versagte hier kl√§glich. Er f√ľhlte, wie ihre Aura seinen ohnehin d√ľnnen Panzer zum Schmelzen brachte und er immer wieder den Blickkontakt mit ihr suchte. Er h√§tte nicht sagen k√∂nnen, wie lange dieses kribbelnde Spiel gedauert hatte, als sich in der Wand hinter dem Schreibtisch eine bis dahin verborgene T√ľr √∂ffnete und ein schwarzhaariger Mann von ausgesprochen kr√§ftiger Statur den Raum betrat. Er setzte sich an die Stirnseite des Schreibtisches, nickte dem Hageren fl√ľchtig zu und begann dann mit fast schon schmerzhaft stechenden Augen die G√§ste zu mustern.
"Das ist mein Partner, Dr. Belz", krächzte der Alte. "Ich schlage vor, dass wir beginnen."
Malte, der nur widerwillig den Blick von der schönen Rose zu lösen bereit war, sah, wie der Dicke neben ihm den Oberkörper straffte. Auch in den Augen des arrogant Gelangweilten blitzte so etwas wie Interesse auf.
"Aus unserem Schriftsatz, den wir Ihnen zugeschickt haben, geht nichts hervor, was Ihnen konkreten Aufschlu√ü √ľber die Angelegenheit, um die es hier geht, gegeben h√§tte. Ich freue mich trotzdem, dass Sie vollz√§hlig unserer Einladung gefolgt sind. Das war klug von Ihnen, denn Sie h√§tten wom√∂glich die Chance Ihres Lebens verpa√üt. Ja - Sie haben richtig geh√∂rt. Die Chance Ihres Lebens - besser gesagt Ihre letzte Chance."
Malte f√ľhlte, wie pl√∂tzlich eine eigent√ľmliche K√§lte seine Beine erfasste. Einen Moment lang hatte er die w√§ssrig gelben Augen des Alten auf sich gerichtet gef√ľhlt.
"Wir f√ľhren hier n√§mlich keine gew√∂hnliche Anwaltskanzlei mit ebenso gew√∂hnlichen Mandanten. Unser einziger - ich betone - einziger Klient ist das Schicksal, das uns damit beauftragt hat, mit gebotener Umsicht in seinem Sinne zu wirken. Und eben dieses Schicksal ist zu dem Entschlu√ü gekommen, Ihre..." Der Alte lie√ü den Blick sehr eindringlich √ľber die drei Besucher gleiten. "...Ihre Lebensuhr binnen k√ľrzester Frist ablaufen zu lassen."
Die Kälte kroch höher, umklammerte den Brustkorb, hinderte am Atmen.
"Wir sind nicht irgendwelche Wald- und Wiesenanw√§lte, nein, wir sind die Erf√ľllungsgehilfen des Schicksals. Die Menschen haben sich die verschiedensten Bezeichnungen f√ľr uns ausgedacht. Die Gebr√§uchlichsten sind wohl 'der Tod'" - Mit dem knochigen Finger wies der Alte auf sich, bevor er ihn auf seinen Partner richtete. - "Und der Teufel". So, meine Herren - jetzt wissen Sie, mit wem Sie es zu tun haben."
Malte hörte, wie der Dicke aufstöhnte und den Kopf nach hinten warf. Der Schlaksige dagegen ließ ein unwilliges Knurren hören und federte aus seinem Sessel.
"Hören Sie! Ich bin hierher gekommen, weil ich irgendein seriöses Geschäft erwartet hatte. Meine Zeit ist zu schade, um mich von zwei senilen Spinnern verarschen zu lassen."
"Setzen!" donnerte Dr. Belz. Es war das erste Mal, dass er das Wort ergriff. Seine Stimme sowie die pl√∂tzlich rot aufgl√ľhenden Augen lie√üen Malte das Blut in den Adern gefrieren. Auch auf den Schlaksigen schien der Befehl einen sp√ľrbaren Eindruck zu hinterlassen. Mit aschfahlem Gesicht sank er zur√ľck in den Sessel.
"Senile Spinner?‚Äú zog der Alte mit kr√§chzender Stimme die Aufmerksamkeit wieder auf sich. ‚ÄěMeinen Sie wirklich? Vielleicht sehe ich tats√§chlich aus wie ein verwirrter Greis. Nun gut. Aber vielleicht √ľberzeugt Sie das!" Der Alte kicherte und richtete sich kerzengerade hinter dem Schreibtisch auf. Er blinzelte ein paarmal, schlo√ü dann die Lider, und als er sie endlich wieder hob, waren da nur noch zwei leere H√∂hlen. Malte f√ľhlte das blanke Entsetzen in sich hoch kriechen. Fassungslos sah er zu, wie sich das ohnehin schon ledrig wirkende Antlitz des Alten g√§nzlich entfleischte, bis schlie√ülich nur noch ein b√∂se grinsender Totensch√§del √ľbrig blieb. Sein Partner hatte sein teuflisches Feixen aufgesetzt, mit dem er das Grauen in den Gesichtern der drei Delinquenten quittierte. W√§hrend der Dicke winselnd die H√§nde vor das Gesicht schlug, ri√ü der Schlaksige die Augen weit auf und schien die Szene am Schreibtisch nur noch mit ungl√§ubigem Staunen zu verfolgen.
"Doch nun zur Sache!" dr√∂hnte es mit unvermutet kr√§ftiger Stimme aus dem Totenkopf. "Das Schicksal hat beschlossen, Ihnen noch eine Frist zu geben, bis ich Sie zu mir holen darf. Wie lang diese Frist ist h√§ngt von Ihnen bzw. von den W√ľnschen ab, die Sie in der verbleibenden Zeit noch erf√ľllt sehen m√∂chten. Das ist weiter nichts als ein Experiment, vielleicht auch ein Spiel, welches sich das Schicksal hin und wieder g√∂nnt."
W√§hrend er sprach, war der Teufel in Person des Dr. Belz aufgestanden, und indem seine gl√ľhenden Augen an den unter l√§hmender Furcht regelrecht √§chzenden M√§nner vorbei starrten, machte er eine auffordernde Handbewegung. Malte gewahrte aus den Augenwinkeln, wie sich die sch√∂ne Rose darauf hin vom T√ľrrahmen l√∂ste und vor zum Schreibtisch ging. Aus den kn√∂chernen Fingern des Todes empfing sie Papier und Stifte, die sie dann an die drei immer noch wie erstarrt wirkenden Auserw√§hlten verteilte. Malte schaute zu ihr auf, als sie ihm die Schreibutensilien reichte. Selbst in dieser vom Grauen beherrschten Situation, f√ľhlte er erneut, wie sich seine Bewunderung f√ľr diese Frau erneut Bahn brach. Er registrierte ihr feines L√§cheln, und f√ľr einen Moment schien dies die dumpfe Angst zu verdr√§ngen. Wenn das dort vorn der Tod war - und nichts lie√ü ihn daran mehr zweifeln - dann war Rose das Leben. Leben? Malte kamen Zweifel. Nein - sie verk√∂rperte wohl eher das Schicksal. Sein Schicksal?
Malte kam nicht dazu, diesen Gedanken weiter zu spinnen, denn kaum hatte Rose ihren Platz an der T√ľr wieder eingenommen, da dr√∂hnte auch schon des Todes Stimme wieder durch den Raum.
"Schreiben Sie jetzt auf, welchen bisher unerf√ľllten Wunsch Sie unbedingt noch verwirklicht sehen m√∂chten. Gehen Sie davon aus, bereits jetzt auf dem Sterbebett zu liegen. Mich schon sp√ľrend, mu√üten bereits unendlich viele Menschen pl√∂tzlich feststellen, wieviel sie eigentlich in ihrem Leben verpasst, nicht wahrgenommen oder nicht erledigt hatten. Oft reduziert sich das dann, je n√§her ich trete, auf eine ganz konkrete Sache. Dieses panische Gef√ľhl, etwas furchtbar Wichtiges in diesem nur einmal geschenkten Leben unwiderruflich vers√§umt zu haben, wollen wir Ihnen nehmen. Empfinden Sie das als eine ganz besondere Auszeichnung, eine Laune des Schicksal, die nur ganz wenigen Sterblichen widerf√§hrt. Denken Sie aber daran, ich bin unvermeidlich, und ich werde vor der T√ľr stehen, sobald Ihr Wunsch in Erf√ľllung gegangen ist."
In Maltes Kopf rauschten tosende Gef√ľhlsb√§che. Nur im Unterbewusstsein nahm er wahr, wie der Dicke neben ihm aufschluchzte und mit sabberndem Mund wirre Satzfetzen formulierte.
"Und als eine zus√§tzliche Gnade geben wir Ihnen die M√∂glichkeit, die Todesart selbst zu w√§hlen", erg√§nzte der Teufel und grinste dabei sichtlich am√ľsiert.
Und nun - schreiben Sie. Dringlichster Wunsch und...Todesart. Sie haben genau f√ľnf Minuten Zeit. "
Malte hockte apathisch auf seinem Sessel. Er merkte nicht, wie sehr das Papier in seinen H√§nden zitterte. Er achtete nicht auf seine beiden Gef√§hrten, von denen der eine kreidebleich auf die leeren Bl√§tter starrte und der andere in wilder Hast den Stift gebrauchte. Malte f√ľhlte instinktiv, dass ihn die L√§hmung auch nach Ablauf der Frist noch gefangen halten w√ľrde. Die panische Angst, nicht nur den Tod vor Augen zu haben, sondern obendrein ein v√∂llig leeres Blatt abgeben zu m√ľssen, lie√ü ihn unwillk√ľrlich keuchen. Was sollte er schreiben? Was konnte noch in Erf√ľllung gehen, wovon man sagen durfte, daf√ľr hat es sich gelohnt zu sterben? Gedanken kamen und gingen. Keiner lie√ü sich festhalten.
"Noch drei Minuten!"
Nun begann auch der Arrogante, hastig zu schreiben. Malte ließ entnervt das Blatt sinken. Sinnlos.
"Noch zwei Minuten!"
Immer noch kein Gedanke, keine Idee - im Kopf weiter nichts als sich steigernde Panik.
"Noch eine Minute!"
Malte f√ľhlte Resignation in sich aufsteigen. Mit was f√ľr einer Miene w√ľrde Rose sein leeres Blatt entgegen nehmen? W√ľrde wenigstens sie so etwas wie Mitgef√ľhl...?
Es gelang ihm, den Kopf zu wenden und zu ihr zu schauen. Wieder kreuzten sich ihre Blicke. Und sie l√§chelte. Ein L√§cheln nur f√ľr ihn. Ein L√§cheln, das Hoffnung - nein - Gewissheit vermittelte. Und blitzartig wurde ihm bewusst: Da war sie, die Chance, die ihn im letzten Moment zu retten vermochte.
Er z√ľckte den Stift und schrieb nur einen einzigen Satz, von dem er wusste, dass er ihm noch Jahrzehnte bescheren k√∂nnte.
"Mein sehnlichster Wunsch - 3.000 kleine Tode in den Armen von Rose."


__________________
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flammarion
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na,

da bin ich aber froh, da√ü du die geschichte so schnell gepostet hast. ich f√ľrchtete schon, du l√§√üt sie in der versenkung verschwinden, dabei ist sie doch so sch√∂n, besonders der schlu√ü.
ganz lieb gr√ľ√üt
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Old Icke

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soleil
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Hallo Ralph,

die Geschichte habe ich mit gro√üem Vergn√ľgen gelesen. Eine gute Idee f√ľr eine Kurzgeschichte und herrlich erz√§hlt: stimmige Atmosph√§re, spannend bis zum Schlu√ü. Die Beschreibung der f√ľnf Minuten zum Formulieren des Wunsches hat mir besonders gut gefallen. Und nat√ľrlich der Schlu√ü. ;-)

Ich w√ľnsche Dir ein sch√∂nes Wochenende
Soleil

Hier sind noch einige Anmerkungen:
"Kommen Sie hier herauf. Man erwartet Sie schon."
...
Erst als die Frau auf eine der von der Galerie abgehenden T√ľren wies und ein dunkles "Darf ich voran gehen" KOMMA raunte, fiel die sekundenlange Starre von ihm ab.
...
'Was f√ľr eine Frau!'KOMMA dachte er und mu√üte ...

"Ah, da sind Sie ja", hörte er eine unangenehm kratzende Stimme aus
...
"Setzen Sie sich!" Kam es kurz und knapp
...
Er war schlank, besa√ü markante Gesichtsz√ľge und pr√§sentierte sich in einem tadellos sitzendem Ma√üanzug. Er l√ľmmelte mit arrogant gelangweilter Miene und l√§ssig √ľbereinander geschlagenen Beinen im dem dicken Polster und besa√ü -> ich w√ľrde das zweite "besa√ü" durch "hatte" ersetzen f√ľr Malte nur ein kurzes Kopfnicken √ľbrig.
...
Wie käme die schöne und sicherlich ausgesprochen verwöhnte Rose dazu, ihm KOMMA Malte "Niemand" KOMMA ein vertrauliches Lächeln zu schenken.
...
"Aus unserem Schriftsatz, den wir Ihnen zugeschickt haben, geht nichts hervor, was Ihnen konkreten Aufschlu√ü √ľber die Angelegenheit, um die es hier geht, gegeben h√§tte. Ich freue mich trotzdem, dass Sie vollz√§hlig unserer Einladung gefolgt sind. Das war klug von Ihnen, denn Sie h√§tten wom√∂glich die Chance ihres Lebens verpa√üt. Ja - Sie haben richtig geh√∂rt. Die Chance ihres Lebens - besser gesagt Ihre letzte Chance."
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Und eben dieses Schicksal ist zu dem Entschlu√ü gekommen, ihre LEERSTELLE..." Der Alte lie√ü den Blick sehr eindringlich √ľber die drei Besucher gleiten. "...LEERSTELLE Ihre Lebensuhr binnen k√ľrzester Frist ablaufen zu lassen."
...
"Setzen!" KOMMA donnerte jetzt Dr. Belz und besa√ü pl√∂tzlich rot gl√ľhende Augen.
"Senile Spinner? Meinen Sie wirklich? Vielleicht sehe ich tats√§chlich aus wie verwirrter Greis. Nun gut. Aber vielleicht √ľberzeugt Sie das!"
...
"Doch nun zur Sache!" KOMMA dröhnte es mit ...Das ist weiter nichts als ein Experiment, vielleicht auch ein Spiel, welches sich das Schicksal hin und wieder gönnt., welches "
...
"Schreiben Sie jetzt auf, welchen bisher unerf√ľllten Wunsch Sie noch unbedingt verwirklicht sehen m√∂chten. ... Oft reduziert sich das dann, je n√§her ich trete KOMMA auf eine ganz konkrete Sache.
...
"Und als eine zus√§tzliche Gnade geben wir Ihnen die M√∂glichkeit, die Todesart selbst zu w√§hlen", erg√§nzte der Teufel und grinste dabei sichtlich am√ľsiert.
Und nun - schreiben Sie.

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Antaris
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Schicksal

Hi Ralph,

super vom Anfang bis zum letzten Wort!!!

LG

Antaris
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Esel sei der Mensch, störrisch und klug

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Ralph Ronneberger
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Hallo, Ihr drei,

erst mal herzlichen Dank f√ľr Eure lobenden Worte. So etwas spornt nat√ľrlich an. Dir, Christa m√∂chte ich an dieser Stelle ganz einfach mal f√ľr deine stete Hartn√§ckigkeit danken, mit der Du beharrlich unsere Berliner "Vier-Wochen-Texte" abforderst. Ohne diesen "Druck" h√§tte der faule Ronneberger dieses Geschichtchen n√§mlich gar nicht geschrieben.
Und ein ganz gro√ües, aber versch√§mtes Dankesch√∂n an soleil, die mich auf all meine (vermeidbaren) Fehler aufmerksam gemacht hat. Ich wei√ü, wieviel Zeit das kostet. So wurde ich (wieder mal) daran erinnert, dass man auch zu sp√§ter Stunde sehr sorgf√§ltig Korrektur zu lesen hat, bevor man etwas in die Lupe stellt. Ich gelobe Besserung und gr√ľ√üe Euch ganz herzlich

Ralph

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Hannes Nygaard
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Hallo Ralph,

in fl√ľssiger Weise und handwerklich √ľberaus gelungen dargestellt habe ich Deine Geschichte als Balancestange zwischen fr√∂hichem Schmunzeln und Nachdenklichkeit angesehen.

Ein herzliches Dankesch√∂n f√ľr den sympathischen Einblick in das, was jeden Menschen in stillen Stunden einmal besch√§ftigt und ein fr√∂hliches Dankesch√∂n f√ľr die Anregung, mit welchen M√∂glichkeiten man(n) dann operieren kann.

...und falls Malte wieder einmal eine Vorladung erh√§lt: la√ü es mich bitte wissen. Ich w√ľrde ihm gerne lauschen.

Mit einem lachenden Augenzwinkern aus dem M√ľnsterland...
Hannes
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Hannes Nygaard

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