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Leselupe.de > Kurzprosa
Des Tischlers Frau / Akt 1 Szenen 1-4
Eingestellt am 24. 02. 2004 01:56


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The Girl Who...
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1. Szene

Lenz, ein Mann mittleren Alters, der sich aber verh├Ąlt, als w├Ąre er ├Ąlter, steht am linken Rand der B├╝hne Er ist blind und tr├Ągt einen altmodischen Anzug. Neben ihm befinden sich zwei einfache, aber kunstvoll gefertigte St├╝hle. Der Mann richtet sich ans Publikum.

Lenz: Ich werde Ihnen eine Geschichte erz├Ąhlen. Wenn ich fertig bin, werden Sie fragen, ob diese Geschichte tats├Ąchlich stattgefunden hat, und ich werde mein bestes tun, um diese Frage zu beantworten. Ich werde mein bestes tun, muss aber zugeben, dass dies nicht mein Fachgebiet ist. In meiner Tasche ist eine Uhr, ein feines St├╝ck. Ich ziehe sie jeden Tag auf. Aber das Zifferblatt ist mit einem glatten Glas bedeckt, und so kann ich die Zeiger darunter nie ber├╝hren. An meiner Wand h├Ąngt ein Kalender. Das vorderste Blatt wechselt jeden Monat, jedoch f├╝hlt sich das Papier immer gleich an, und wenn ich hinh├Âre, gibt es kein Ger├Ąusch von sich.
Die Geschichte beginnt mit zwei alten M├Ąnnern in einer Werkstatt. Sehen Sie sie?

Die komplette B├╝hne wird nun beleuchtet, aber nicht zu stark. Zwei M├Ąnner sind zu sehen, einer alt, einer j├╝nger. Der ├Ąltere schleift an einem Stuhl. Der andere sitzt auf einem Stuhl.

Lenz: Es ist Abend. Die beiden haben fast den ganzen Tag miteinander verbracht. Er setzt sich. So istÔÇÖs angenehmer, aber wenn Sie nicht m├Âchten, brauchen Sie sich nicht...

Alfons: Ich gehe jetzt nach Hause.

Alfred: Wie gehtÔÇÖs deiner Frau?

Alfons: Gut. Es geht ihr gut. Die beiden Jungs sind starke Kerle, aber nachts dreht sie sich im Bett und jammert. Ihre Kn├Âchel w├Ąren schwach, sie w├╝rden sie sich verstauchen, wenn sie von der Bordsteinkante abrutschten. Aber ihr geht es gut. Ich gehe jetzt, Alfred. Sing mir doch noch eins deiner Lieder.

Alfred: Mein Freund, ich bin m├╝de.

Alfons: Sing ein Lied. Dann k├Ânnen wir alle zu Bett gehen.

Alfred singt das Lied eines M├Ânches.

Alfons als das Lied endet: Das w├Ąre vielleicht ein besseres Leben f├╝r dich gewesen.

Alfred: F├╝r dich vielleicht, f├╝r mich nicht.

Alfons: Der Orden der Franziskaner. Abgeschieden von der Welt. An einem fernen Ort. Die Luft schwer an Feuchtigkeit, das Land mit Gr├╝n gekr├Ânt. Nebenan ein Stall voller Heu.

Alfred: Dein Kopf ist voll Heu. Das war kein ferner Ort, mein Lieber. Ich bin da gewesen, und ich sage dir, das hier ist der ferne Ort.

Alfons: Trotzdem muss es ein besseres Leben sein als das eines Zimmermanns.

Alfred: Das sagt der Richtige, Steinmetz. Was k├Ânnte besser sein, als das Leben eines Zimmermanns? Au├čerdem bin ich gar kein Zimmermann.

Alfons: Du bist ein Zimmermann.

Alfred: Ich bin ein Tischler.

Alfons: Oh. Wer sagt, ein Zimmermann k├Ânne keinen Tisch aus Holz bauen?

Alfred: Wie viele Jahre bist du jetzt schon auf dieser Erde?

Alfons: He?

Alfred: Ein Tischler kann einen Tisch aus allem m├Âglichen bauen, wenn er das Talent dazu hat.

Alfons: Und worin liegt da der Unterschied?

Alfred: Willst du das wirklich wissen?

Alfons: Ja, will ich.

Alfred: Bist du dir da sicher?

Alfons: Beim heiligen Sidonius, was soll...

Alfred unterbricht ihn: Schrei nicht, du verschreckst meine Hasen. Nimmt eine T├╝te mit trockenem Toastbrot, bricht einige St├╝cke ab und streut sie auf den Boden. Fr├╝her war das hier wie Kuchen f├╝r uns.

Alfons: Ich wei├č.

Alfred: Jetzt verf├╝ttern wir es an die Hasen. Eins kannte ich einen Tischler, der hatte f├╝r einen blinden Passagier auf einem Schiff eine Kiste gebaut. In ihr war Platz f├╝r eine Person, und man konnte sie nur von innen ├Âffnen. Sie hing an einem der Rettungsboote und sah so aus, als geh├Âre sie dort hin. Er hatte sie f├╝r einen Freund gebaut, der aus Deutschland fort wollte. Ein Zimmermann h├Ątte sie auch bauen k├Ânnen, aber etwas h├Ątte er nicht gekonnt: In eine der Seiten, dort, wo der Kopf des Mannes liegen sollte, war das Relief einer Frau geschnitzt, der zuk├╝nftigen Frau des Mannes, die bereits im Ausland war. Diese Kiste war die Arbeit eines Tischlers, obwohl sie nie benutzt wurde. Der Freund hatte pl├Âtzlich keinen Grund mehr, das Land zu verlassen...

Alfons: Gute Nacht, Alfred.

Alfred: Gute Nacht, Alfons.

Alfons: Diese Geschichte hast du mir noch nie erz├Ąhlt.

Alfred: Warum sollte ich dir eine Geschichte mehr als einmal erz├Ąhlen?

Alfons zuckt mit den Schultern und geht. Alfred geht zu seinem Bett, einer einfachen Holzpritsche ohne Matratze. Er zieht das Laken beiseite, darunter liegen W├Ąschest├╝cke von Frauen. Er nimmt einige in die Hand, betrachtet sie im Licht, reibt sie an seiner Wange, dann legt er sie zur├╝ck. Das Licht geht aus.


2. Szene

Lenz: Guten Morgen.

St├Ąrkere Beleuchtung. Alfred kippt sein Bett ruckartig zur Seite, Decke und W├Ąsche verschwinden dahinter. Das Bett ist nun eine Ladentheke, Alfred nimmt aus einer Kiste Werkzeuge und legt sie aus. Man h├Ârt das Klingeln einer Ladent├╝r und eine Frau betritt die B├╝hne. Sie ist Mitte f├╝nfzig. Unter dem Arm tr├Ągt sie einige Papierrollen in unterschiedlichen Gr├Â├čen, in der anderen Hand ein verschn├╝rtes P├Ąckchen.

Alfred: Ja bitte?

Marie: Guten Morgen.

Alfred: Was kann ich f├╝r sie tun?

Marie: Sie sind Zimmermann, richtig?

Alfred: Äh... ja sicher.

Marie: Ich m├Âchte, dass sie etwas f├╝r mich bauen. Hier, ich habe Zeichnungen.

Alfred: Zeigen sie doch mal her.

W├Ąhrend Alfred die verschiedenen Papiere ausrollt, tritt Alfons ein.

Alfons: Guten Morgen.

Alfred: Jetzt nicht, ich habe Kundschaft.

Alfons setzt sich auf einen Stuhl.

Alfred: Also: Woher kommen diese Pl├Ąne?

Marie: Ich habe sie selbst entworfen.

Alfred: Ein Musikinstrument, ja?

Marie: Korrekt.

Alfred: Stimmen die Proportionen?

Marie: Ja.

Alfred: Aber was ist hiermit? Sehen sie, der Rand und der K├Ârper sind sehr klein im Vergleich zum Hals.

Marie: Weil ich nur sehr wenig Material zum Bespannen habe.

Sie reicht ihm das P├Ąckchen.

Alfred: Ich verstehe. Aber hierf├╝r brauchen sie einen Lautenisten.

Alfons: Lautenisten?

Alfred: Sei still, alter Narr. Meine Dame, was sie brauchen, ist ein Lautenbauer und keinen Zimmermann.

Marie: Ein Zimmermann ist v├Âllig in Ordnung.

Alfred: Selbstverst├Ąndlich.

Alfons: Aber Alfred, willst du ihr nicht erkl├Ąren, dass du gar kein...

Alfred: Ruhe, Alfons!

Alfons: Wissen sie, Madame, eigentlich ist er gar kein Zimmermann, sondern ein Tisch...

Alfred: Bitte, beachten sie ihn nicht. Er ist ein Steinmetz und macht Grabsteine, und genauso sieht es mit seinem Geist aus.

Marie: K├Ânnen sie mir einen Preis nennen?

Alfred: Nun, lassen sie mich ├╝berlegen. Sie haben noch nichts ├╝ber das Holz gesagt, dass ich verwenden soll.

Marie schaut ihn fragend an.

Alfred: Na ja, es gibt unterschiedliche Sorten mit unterschiedlichen Qualit├Ąten.

Marie: Davon verstehe ich nichts.

Alfred: In Ordnung. Ich werde ein paar Informationen einholen und ihnen dann wegen der Kosten Bescheid geben. Gew├Âhnlich verlange ich vern├╝nftige Preise.

Marie: Vielen Dank.

Alfred: M├Âchten sie vielleicht noch eine Tasse Kaffee?

Marie: Danke, nein. Auf Wiedersehen.

Alfons begleitet sie zur T├╝r und h├Ąlt sie ihr auf: Auf Wiedersehen, die Dame.

Alfred: Von so etwas habe ich doch keine Ahnung.

Er geht zur├╝ck zur Theke und betrachtet die Aufzeichnungen.

Alfons: Wie? Willst du etwa sagen, der gro├če Tischler kann einem St├╝ck Holz nicht das Singen beibringen?

Alfred: Aber das ist ein ganz anderes Handwerk.

Alfons: Warum hast du dann nicht nein gesagt?

Alfred abgelenkt: Was?

Alfons: Warum hast du der Frau nicht nein gesagt?

Alfred: Weil ich Dinge baue. Sag, was willst du eigentlich hier, so fr├╝h am Morgen?

Alfons: Mein Haus ist voll mit Steinen, und ich kann sie nicht mehr sehen. Ich habe ein Schild an die T├╝r gehangen: 'Bitte kommen Sie morgen wieder.'

Alfred: Mein Freund, die Toten k├Ânnen nicht bis morgen warten.

Alfons: Ach, den Toten ist es egal. Es sind die Lebenden, die alles sofort wollen. Ich w├╝nschte, ich w├Ąre ein M├Ânch.

Alfred studiert wieder die Papiere: Ich kann hier Hand nicht von Fu├č unterschieden. Ich wei├č nicht, wie das Ding klingen wird, welches Holz ich verwenden soll, aber es sieht wundersch├Ân aus.

Lenz noch immer am Rand sitzend: Beschreib mir das Instrument!

Alfred: Lenz? Wie lange sitzt du denn schon da? Zu Alfons: Hast du ihn mitgebracht?

Alfons sch├╝ttelt den Kopf.

Lenz: Du solltest nachts deine T├╝r abschlie├čen, Alfred.

Alfred flucht.

Lenz: Es soll ein Instrument mit Seiten werden, richtig?

Alfred: Richtig.

Lenz: In Ordnung, weiter.

Alfred: Es gibt einen langen Hohlraum, der gleichzeitig als Hals dient.

Lenz: Der Resonanzk├Ârper.

Alfred: Wie auch immer. Und es ist geschwungen.

Lenz: Symmetrisch?

Alfred: Nein. Na ja, ja, aber auch nein. Verdammt, warum musstest du blind werden?

Lenz: Ich f├╝rchte, ich musste es einfach, mein Freund.

Alfred: Da ist noch etwas, wie soll ich es dir nur... mein Gott, warum muss ich Sachen erkl├Ąren, statt sie mit meinen H├Ąnden zu bauen? Ach, ich w├╝rde ein Modell bauen und es sorgf├Ąltig schleifen, damit du es f├╝hlen k├Ânntest. Aber daf├╝r m├╝sste ich erst mit einem Experten ├╝ber das Holz reden, dass ich verwenden soll, und in solchen Dingen bist du der Experte. Und um mit dir zu reden, muss ich das Ding mit dem Mund statt mit den H├Ąnden bauen. Erst am Ende kannst du es f├╝hlen, und dann wirst du sagen ÔÇÜAh, so sollte es also aussehenÔÇÖ.

Lenz: Schon gut, dann beschreibe eben die Frau.

Alfred: Die Frau?

Lenz: Ja.

Alfred: Warum im Himmel musst du wissen, wie die...

Alfons: Sie ist sehr zierlich.

Alfred: Das ist sie, aber warum...

Alfons: Trug ein buntes Kleid. Und an ihrem Kragen steckte eine kleine Brosche aus Gold.

Alfred: Stimmt nicht!

Alfons: Stimmt wohl. H├╝bsche Schuhe. Einen Wollschal. Schwarze Augen, wie Kohlen.

Alfred: Alfons ist ein wahrer Dichter. Ich arbeite mit meinen H├Ąnden, aber er...

Lenz: Nun gut, f├╝r den geschwungenen Resonanzk├Ârper empfehle ich dir Kastanie. Das Instrument ist eher klein, oder?

Alfred: Richtig.

Lenz: Kastanie wird dem ganzen etwas Gewicht verleihen. F├╝r den Griffbereich solltest Du Elfenbein nehmen, das macht es leichter f├╝r die...

Alfred: Elfenbein?

Lenz: Nun, du kannst auch eine Schinkenb├╝chse verwenden, wenn du willst.

Alfred: Nein, nein. Schon gut.

Lenz: Gut. Ich werde versuchen, ein paar Wirbel aus Elfenbein f├╝r dich aufzutreiben.

Alfons: Und was ist mit dem Topf?

Lenz: Was sagst du da? Mit dem Topf? Mit welchen Topf?

Alfred: Da ist ein Topf mit dran, etwa so gro├č wie ein Tamburin.

Lenz: Wo?

Alfred: Am K├Ârper. Der K├Ârper ist nur zur H├Ąlfte da, der Rest ist ein Topf, ├╝ber den eine Haut gespannt wird.

Lenz: Und warum hast du das nicht gleich gesagt? Nun gut, daf├╝r nimmst du Ahornstreifen, weichst sie ein und leimst sie zu einem St├╝ck zusammen. Daf├╝r brauchst du eine Form, die alles mit Klammern zusammenh├Ąlt, bis es getrocknet ist. Das wird am schwierigsten.

Alfred runzelt die Stirn.

Lenz: Und dann m├╝ssen wir uns noch Gedanken ├╝ber die Bespannung machen.

Alfred: Was soll damit sein?

Lenz: Na ja, was willst du verwenden? Wahrscheinlich keinen deiner preisgekr├Ânten Karnickel, oder?

Alfons: Die Haut haben wir doch schon. Die Dame hat sie mitgebracht.

Lenz: Zeig her.

Alfred geht und holt das P├Ąckchen. Er knotet die Schnur auf and entfaltet den Inhalt etwas, holt ihn aber nicht heraus, sondern reicht alles an Lenz weiter.

Alfred: Sieht eher nach einem Hautfetzen aus, wenn ihr mich fragt.

Lenz greift in das P├Ąckchen und bef├╝hlt es mit den H├Ąnden.

Lenz: Jesus, Maria und Josef!

Alfred: Was zum Himmel ist los?

Lenz: Schaut euch das hier doch mal an!

Alfred und Alfons betrachten eingehend die Haut in LenzÔÇÖ H├Ąnden. Dann sehen sie sich gegenseitig an.

Lenz: So Alfred, jetzt beschreibe mir noch einmal die Frau. Ganz genau.


3. Szene

Alfons ist gegangen. Lenz sitzt noch immer an seinem Platz. Alfred geht zur Theke, an der Marie auf ihn wartet. Er zeigt ihr das Instrument.

Marie: Es ist noch nicht fertig.

Alfred: Ja. Die Bespannung fehlt noch.

Er zieht das P├Ąckchen unter den Ladentheke hervor. Es ist wieder verschn├╝rt.

Alfred: Das hier. Das ist eine Brust, nicht wahr? F├╝r... wie nennt man das gleich? Ach ja, f├╝r ein Transplantat. Es ist die Haut f├╝r das Brusttransplantat einer Frau.

Marie schweigt. Er zeigt beharrlich auf das P├Ąckchen und ├Âffnet es.

Alfred: Sehen sie! Hier ist die Farbe der Brustwarze.

Marie schweigt weiter.

Alfred: Verdammt noch mal, sehen sie doch!

Marie: Ja, ich wei├č. Sie nuschelt besch├Ąmt etwas. Um ehrlich zu sein...

Alfred: Werte Frau! Erz├Ąhlen sie mir jetzt nichts. Ich sage, das hier geh├Ârt ihnen. Habe ich Recht?

Marie: Ja.

Alfred: Woher haben sie das hier?

Marie: Der Arzt hat es mir gegeben.

Alfred: Warum?

Marie: Weil ich ihn darum gebeten habe.

Alfred: Aber wof├╝r?

Marie: Damit ich es zu einem Zimmermann bringen konnte.

Alfred: Also gut. Seufzt. Machen sie damit, was sie wollen. Aber sie k├Ânnen nicht von mir erwarten, dass ich... Pause. Sie wollen also, dass ich... Deutet auf das Instrument.

Marie: Genau.

Alfred: Wissen sie... Schluckt. Es gibt bessere Materialien. Die besser f├╝rs... Wetter geeignet sind. Zum Beispiel: Wenn die Luft sehr trocken ist, ist eine k├╝nstliche Bespannung... dehnbarer. Murmelt. Verdammt. Also gut. Ich werde tun, was sie verlangen. In Ordnung. Ich werde es fertig bauen.

Pause. Marie wendet sich zum Gehen.

Marie: Ich werde morgen wiederkommen.

Alfred. Nein! Bleiben sie doch. Es ist besser, wenn sie dabei sind, wenn ich... wenn ich anfange. Bitte. Ich mache ihnen eine Tasse Kaffee. Ich habe verschiedene Bohnensorten.

Marie nickt: In Ordnung.

Alfred: Wunderbar. Kommen sie. Er gestikuliert. Kommen sie wieder herein. Erst werde ich die Hasen f├╝ttern. Dann zeige ich ihnen, was ich mit dem St├╝ckchen... mit dem St├╝ckchen... kommen sie, kommen sie. Es ist lange her, seit ich so etwas zu Gesicht bekommen habe. Das hier ist nat├╝rlich etwas anderes. Na ja, nicht ganz anders nat├╝rlich. Eine Brustwarze ist eine Brustwarze, eine Brust ist eine Brust. Aber sie d├╝rfen nicht denken, dass... ich bin ein anst├Ąndiger Mann, m├╝ssen sie wissen...

Das Licht ├╝ber Alfred und Marie geht aus, und Lenz richtet sich von seinem Platz aus an das Publikum.

Lenz: K├Ânnen Sie Alfred bei der Arbeit zusehen?

Das Publikum sieht nichts.

Lenz: Die Frau betrachtet seine H├Ąnde. Die beiden reden nicht miteinander, nur ihre H├Ąnde sprechen. Alfreds H├Ąnde sprechen: seine Finger, seine Handr├╝cken, Hautfalten ├╝ber alten Knochen. Sie schaut weg, die Arbeit ist getan, sie verl├Ąsst den Laden. Die T├╝rklingel ert├Ânt. Und Alfred ist wieder allein. Die Nacht wird f├╝r Alfred zu meiner Uhr, nur hat jetzt jemand das Glas entfernt und die Zeiger messerscharf geschliffen. Sie schneiden in die Kn├Âchel seiner Finger, lassen Schmerzen durch seinen Arm schie├čen. Nacht f├╝r Nacht f├╝r Nacht, sieben N├Ąchte in Folge, aber Alfred tr├Ąumt nur von der Frau. Bevor er jedoch v├Âllig in seinen Tr├Ąumen versinkt, werden seine Freunde ihn wieder besuchen.


4. Szene

Alfred sitzt im Nachthemd auf seinem Bett, die Frauenw├Ąsche ist verschwunden. Lenz und Alfons kommen auf ihn zu, Alfred sieht zu ihnen auf.

Alfred: Ach! Was bel├Ąstigt ihr mich schon wieder, so fr├╝h am Morgen?

Lenz: Alfons hat ein Schild an seine T├╝r geh├Ąngt: ÔÇÜBitte gehen Sie noch einmal zur├╝ck und schauen nach, ob sie wirklich tot sind. Kommen Sie erst morgen wieder. Viel Gl├╝ck, Alfons der Steinmetz.ÔÇÖ

Alfred: Meine Herren. Dreht euch um, bitte!

Lenz nachdem sich beide umdrehen: Alfred will nicht, dass wir ihn nackt sehen. Er will nicht, dass wir sein Junggesellenbett sehen. Er will es selbst tags├╝ber nicht sehen, also l├Ąsst er es verschwinden, wuchtet es zur Theke um, was ihn jedes Mal viel Kraft kostet. Dann nimmt er die Laken und stopft sie in eine Kiste. Jetzt sucht er nach seiner Hose. Oh, er hat sie gefunden...

Alfred greift nach seiner Hose.

Lenz: Jetzt zieht er sie an. Linkes Bein, rechtes Bein. Das Bett ist verschwunden, Alfred ist bereit f├╝r den Tag.

Alfons: Genau, warum machst du das eigentlich, Alfred?

Alfred. Sei still.

Lenz: Er wird nur dann ein Bett bauen, wenn es ein Bett ist f├╝r die Frau, die er gefunden hat. Stimmt doch, Alfred?

Alfred flucht.

Lenz: Ach ja, Alfred, ist eigentlich die Frau mit... der edlen Goldbrosche mal wieder vor...

Alfred: Das geht dich nichts an.

Lenz: Also nicht.

Alfons: Wisst ihr, ich habe letztens von ihr getr├Ąumt.

Alfred: Du hast von ihr getr├Ąumt?

Alfons: Ja, sie war...

Alfred: Du liegst neben deiner Ehefrau im Bett und tr├Ąumst unanst├Ąndig von einer unschuldigen...

Alfons: Alfred! So war das nicht.

Alfred: Dann erz├Ąhl doch mal von deinem Traum.

Alfons: Das wollte ich doch, Jesus. Ich tr├Ąumte, dass sie zu mir kam und wollte, dass ich ihr ein weiteres Instrument baute.

Alfred: Himmel noch mal.

Alfons: Ich war mit ihr auf der Stra├če vor ihrem Haus, und sie sagte...

Alfred: Woher wusstest du, wo sie wohnt?

Alfons: Wusste ich nicht, nur im Traum. Sie forderte mich auf, mein Ohr auf den Boden zu legen und fragte mich, ob ich h├Âren konnte, wie der Zug durch den Zement kam. Ich verneinte. Sie sagte, sie k├Ânne es und forderte mich auf, ihr ein zweites Instrument zu bauen, eins aus Zement, damit sie es spielen konnte und den Zug nicht h├Âren musste. Ist das nicht verr├╝ckt? Ich sagte ihr, ich w├╝rde es nicht aus Zement bauen, sondern aus Marmor, Marmor sei ein viel besserer Material...

Alfred: Das ist es, da bin ich sicher.

Alfons: Sage ich ja.

Lenz: Was du da berichtest, mein Freund, ist nicht der Traum eines jungen Mannes.

Alfred: Nein, ist es nicht.

Alfons: Ist es wirklich nicht, oder?

Lenz: Meine Herren. Wir m├╝ssen wieder anfangen, die Tr├Ąume junger M├Ąnner zu tr├Ąumen!

Lenz zieht eine Mundharmonika hervor und spielt ein schwungvolles Volkslied. Alfred und Alfons fallen ein und beginnen zu tanzen. Sie h├Âren die Klingel nicht, und pl├Âtzlich steht Marie vor ihnen, diesmal ohne Per├╝cke und auf einen Stock gest├╝tzt. Ihr Haar ist d├╝nn und grau. Sie sieht wesentlich ├Ąlter aus, obwohl seit ihrem letzten Besuch kaum Zeit vergangen ist. Wieder tr├Ągt sie mehrere Rollen Papier und ein verschn├╝rtes P├Ąckchen.

Lenz: Alfons!

Alfons: Ja, ja, schon gut. Bis sp├Ąter, Alfred.

Er f├╝hrt Lenz weg und geht ab, Lenz nimmt seinen Platz am B├╝hnenrand ein. Alfred geht stumm hinter die Ladentheke, Marie reicht ihm die Rollen. Schweigsam studiert Alfred die Zeichnungen und schaut nur ab und an zu Marie auf.

Alfred: Ein zweites?

Marie. Ja.

Alfred: In Ordnung.

Marie: In zwei Tagen.

Alfred: Sie kommen in zwei Tagen wieder?

Marie: Ja.

Alfred: Also gut.

Sie wenden sich vom Publikum ab.

Lenz: Zwei Tage. Arbeitet Alfred in den zwei Tagen, oder tr├Ąumt er? Er arbeitet, schl├Ąft, arbeitet wieder, arbeitet noch mehr und f├Ąllt dann ins Bett und tr├Ąumt. Fragen Sie sich auch, was er wohl tr├Ąumt?

Marie und Alfred drehen sich zueinander um und tanzen.

Lenz: Sehen Sie das?

Marie und Alfred wenden sich wieder ab.

Lenz: Dann wacht er auf, und sie ist wieder da.

Alfred dreht sich zu Marie und reicht ihr einen offenen Karton.

Alfred: Diese hier ist besser beworden.

Marie: Tats├Ąchlich?

Alfred: Sie klingt besser. Ich habe einiges anders gemacht.

Marie: Dabei wei├č ich gar nicht, wie man sie spielt.

Sie zieht ihren Geldbeutel heraus, um zu bezahlen.

Alfred: Dann m├╝ssen sie es lernen. Sie sind einzigartig, nicht wahr? Nat├╝rlich sind sie das!

Marie bezahlt, Alfred versucht, sich zu beruhigen.

Alfred: Singen sie manchmal?

Marie: Nein.

Alfred: Nie?

Marie: Ich singe in der Kirche.

Alfred: Aha. F├╝r jedes der beiden Instrumente m├╝ssen sie ein St├╝ck lernen, das m├╝ssen sie einfach.

Marie: Aber ich wei├č doch nicht, wie man sie spielt.

Sie wendet sich zum Gehen.

Alfred: Ich sehe, da wartet jemand auf sie.

Marie: Wie bitte?

Alfred: Da wartet jemand, auf dem R├╝cksitz ihres Taxis.

Marie: Das ist mein Sohn.

Alfred: Ah, ihr Sohn. Haben sie viele Kinder?

Marie: Neun.

Alfred: Das sind viele. Neun Kinder. Und einen Mann?

Marie: Auf Wiedersehen.

Alfred: Auf Wiedersehen.

Sie geht. Alfred setzt sich auf einen Stuhl und starrt vor sich hin. Alfons kommt herein. Er geht auf Alfred zu und schaut ihn an. Alfred bemerkt ihn nicht.

Lenz: Nun komme ich zum Ende meiner Geschichte.

Er steht auf und geht zu den beiden anderen.

Alfons zu Lenz: So sitzt er jetzt schon seit Tagen da.

Er wedelt mit der Hand vor Alfreds Gesicht.

Alfred: Lass mich allein!

Lenz: Alfons, du musst das verstehen, Alfred ist verliebt.

Alfons: Vielleicht will ich auch verliebt sein, hast du daran schon mal gedacht?

Lenz: Ich dachte, du willst ein M├Ânch sein.

Alfons: Ich will auch ein M├Ânch sein. Aber erst will ich verliebt sein, als junger Mann, und dann M├Ânch, als alter Mann.

Lenz: Alfons der Verliebte.

Alfons: Jawohl, verdammt noch mal! Das kann doch sein. Ich k├Ânnte auch dar├╝ber Lieder singen. Und die Tr├Ąume von jungen M├Ąnnern tr├Ąumen. Das sollte ihn doch f├╝r eine Minute von seinem Stuhl holen.

Alfred: Welcher Tag ist heute?

Lenz: Es ist Samstag.

Alfred springt auf: Ich muss gehen. Wo ist mein Fahrrad? Kann einer von euch meine Hasen f├╝ttern?

Lenz: Kann ich machen.

Alfons: Wo willst du hin?

Alfred geht ab.

Alfons: Alfred geht nie irgendwo hin. Wo geht er hin?

Lenz: Ach, er ist verliebt. Lass ihn gehen. Schaut her, Hasen! Heute speist ihr mit uns.

Er verstreut das Brot. Pl├Âtzlich dreht er sich um und konzentriert sich stark auf etwas. Alfons kann nicht herausfinden, was Lenz macht und wendet sich ab.

Alfons: Wenn ich doch nur fortgehen k├Ânnte, ein M├Ânch w├╝rde, einen Eid schw├╝re zu schweigen, m├╝sste ich nicht mehr damit leben, ignoriert zu werden. Ich m├╝sste es nicht mehr ertragen, das Ziel von Frotzeleien zu sein, und k├Ânnte jedes Mal, wenn ich...

Lenz: Shhhh. Shhhh.

Alfons: Oh wunderbar, jetzt heuchelt er nicht mal mehr Interesse vor, nicht mal f├╝r einen kleinen...

Lenz: Sei still. Ich versuche, zuzuh├Âren.

Alfons: Mir scheint es eher, als versuchtest du, nicht zuzuh├Âren.

Lenz: Alfons, du bekommst sp├Ąter meine uneingeschr├Ąnkte Aufmerksamkeit.

Alfons: Ich will aber, dass du jetzt mit mir redest.

Lenz hebt die Hand und legt den Kopf schief.

Alfons: Was h├Ârst du denn da?

Lenz: Alfred.

Alfons: Alfred ist nicht da! Ich bin da, Alfred nicht!

Lenz: Nein, Alfred ist auf der Stra├če, den Berg hoch, auf seinem Fahrrad. Er h├Ąlt es gut in Schuss, es gibt kein einziges Quietschen von sich.

Alfons: Du kannst ihn h├Âren?

Lenz: Pssst. Er ist am Ende der Stra├če. Biegt nach Westen. Was ist im Westen?

Alfons: Wie, was ist im Westen?

Lenz: Was ist im Westen.

Alfons: Hmm... der Supermarkt.

Lenz: Nein, nicht der Supermarkt.

Alfons: Warum nicht der Supermarkt.

Lenz: Weil er gerade am Supermarkt vorbeigefahren ist.

Alfons: Oh.

Lenz: Jetzt ist er auf der Poststra├če. Ein Auto f├Ąhrt an ihm vorbei, es ist schwer, ihn zu... Moment, er biegt ab.

Alfons: In welche Richtung?

Es wird immer schwieriger f├╝r Lenz, Alfred zu verfolgen. Sein Gesicht ist vor Anstrengung verzerrt. Das von Alfons auch.

Lenz: Nach Norden.

Alfons: Nach Norden.

Lenz: Ich wei├č, wo er hin will.

Beide: Zur Kirche.

Lenz: Er geht zur Kirche. Er ist schon da. Sie hat bereits angefangen.

Alfons: Findet denn heute ├╝berhaupt...

Lenz: Die Samstagabendmesse. Er macht die T├╝r auf. Sie quietscht. Ziemlich alte Scharniere, ich wei├č, ob ich ihn noch h├Âren kann, wenn die... oh!

Alfons: Was denn?

Lenz: Die Kirchent├╝r ist aus irgendeinem Grund offen geblieben.

Alfons: Haben wir ein Gl├╝ck!

Lenz: Weiter. Da ist sie. Sie fl├╝stern mit jemandem. Es ist ihr Mann, der wohl ein Buch auf dem Scho├č liegen hat und w├Ąhrend der Messe darin liest. Bei dem St├Âhnen, dass er jetzt von sich gibt, w├╝rde ich vermuten, dass es sich um einen eher schweren philosophischen Schinken handelt, der sich mit der Existenz unseres heiligen Herrgottes auseinander setzt, aber diese Vermutung k├Ânnen wir nicht best├Ątigen, nein, es sei denn, er murmelt das ein oder andere Wort daraus. Sie fordert ihn auf, das Buch wegzulegen. Jetzt steht sie auf. Ich kann ihren Stock h├Âren, tock, tock, tock, auf dem Pinienfu├čboden. Sie geht nach vorne, und reiht sich in den Chor ein. Sie stimmen ein Lied an. Alfred ist ganz in ihrer N├Ąhe, jetzt steht er praktisch hinter ihr. Er sammelt seinen Atem, und sagt...

Alfons: Was sagt er denn? Pause. Was sagt er? Pause. Was sagt er?

Lenz: Nichts. Er hat nichts gesagt. Alles, was aus seinem Mund kam, war ein Seufzen.

Alfons: Oh.

Lenz: Ja. Aber n├Ąchste Woche... ich bin mir sicher, wenn eine Woche vorbei ginge, liefe alles anders ab. Er w├╝sste, was er sagen soll, wenn er eine Woche Zeit h├Ątte, sich etwas zu ├╝berlegen. Wo er doch jetzt wei├č, dass es schwer ist, in diesem Moment etwas zu sagen.

Alfons: Bis dahin k├Ânnte sie tot sein. Wir k├Ânnten alle tot sein.

Lenz: Ich sage, wir sollten es versuchen. Was meinst du, Alfons? Sollen wir eine Woche ├╝berspringen?

Alfons: Was?

Lenz: Es ist machbar.

Alfons: Glaubst du so etwas wirklich?

Lenz: Nat├╝rlich. Er w├╝rde in der Zwischenzeit eh nur in seinem Stuhl sitzen, nichts sagen, nichts sehen, nichts machen. Willst du das sehen?

Alfons: Nein.

Lenz: Ich auch nicht. Also?

Alfons: Eine Woche?

Lenz: Eine Woche.

Lenz steht auf, zieht an Alfons, der ebenfalls aufsteht.

Alfons: Was ist jetzt?

Lenz: Sie ist wieder in der Kirche.

Marie kommt auf die B├╝hne.

Alfons: Und Alfred?

Alfred taucht hinter Marie auf.

Lenz: Er steht hinter ihr. Versucht, nicht mit den Z├Ąhnen zu klappern. Sie singt zusammen mit dem Chor, siehst du?

Alfons: Ja ja, sehe ich.

Marie beginnt, einen Choral zu singen.

Lenz: Alfred sammelt wieder seinen Atem.

Alfons: Sagt er etwas?

Lenz: Diesmal muss er einfach etwas sagen.

Alfons: Sag etwas, Alfred.

Lenz: Er atmet noch mal tief ein, und...

Alfred unterbricht Lenz und beginnt zu sprechen. Er spricht zu Marie, als k├Ânnte ihn au├čer ihr niemand h├Âren.

Alfred: Ich sage dir, ich kenne die Form deiner Brust so gut wie dein Mann am Abend eurer Hochzeit. Ich halte deinen K├Ârper so zart in der Hand wie deine Mutter am Tag deiner Geburt. Ich kenne deine Haut. Deine Brustwarzen haben die Farbe von Milchkaffee. Ich wette, du warst dir sicher, dies nie wieder von einem anderen Mann zu h├Âren. Und noch etwas: deine Augen haben die Farbe von schwarzem Kaffee, dein Haar die des feinsten Tabaks in meinem Beutel. Deine Haut ist cremig, dunkler an den H├Ąnden, und deine Brustwarze hat die Farbe von Milchkaffee, wo du doch bei Gott geglaubt hast, Worte wie diese nie wieder von einem anderen Mann zu h├Âren, bei Gott. Die Musik, die deine Br├╝ste machen, wenn ich mit der Hand ├╝ber sie fahre, ist der Seufzer auf deinen Lippen, wenn der Mann, der dich liebt, obwohl er nicht dein Mann ist, dich ber├╝hrt und dann nie wieder ber├╝hrt.

Alfred schweigt, Marie unterbricht den Choral. Alfred verschwindet. Marie dreht sich nach der Stimme um, aber da ist niemand mehr. Sie geht auf ihrem Stock gebeugt von der B├╝hne. Lenz und Alfons sind w├Ąhrenddessen zu den beiden St├╝hlen am B├╝hnenrand gegangen und haben sich gesetzt.

Lenz: Bleib bei mir sitzen, Alfons, und h├Âr gut zu. Schlie├člich wirst du diese Geschichte ├╝bernehmen m├╝ssen, sobald ich mit ihr fertig bin.

Alfons: Ich?

Lenz: Ja. Du kannst Teil von ihr sein wann immer und wo immer du willst.

Alfons: Ganz so, wie ich es will?

Lenz: H├Âr jetzt genau zu. Ich habe keine Zeit, dir die Kunst des Geschichtenerz├Ąhlens beizubringen. Aber ich bin mir sicher, dass du es gut machen wirst, wenn du jetzt genau aufpasst.

Alfons: Ich passe auf.

Lenz: Zwei Tage sind vergangen.

Alfons: Zwei Tage.

Lenz: Vielleicht drei.

Alfons: Drei Tage.

Lenz: Alfred ist wieder in seinem Laden.

Alfred ist wieder in seinem Laden.

Alfons: Ist er? Wir sind in seinem Laden. Oder sind wir das nicht?

Lenz: Alfons, bitte, pass einfach auf! Er ist wieder in seinem Laden und versucht, die St├╝hle fertig zu stellen, auf denen wir immer gesessen haben.

Alfred: Verdammt, die Dinger sehen schon ziemlich gebraucht aus.

Lenz: Dann kommt die Frau.

Marie betritt die B├╝hne.

Lenz: Sie tr├Ągt ein Bild und sonst nichts.

Marie gibt Alfred das Bild: Vielen Dank... f├╝r... ihre.... Hilfe.

Lenz: Dann dreht sie sich um und geht wieder. Marie geht ab. Alfons ist sprachlos. Er schafft es kaum, auf Wiedersehen zu sagen.

Alfons: Auf Wiedersehen.

Lenz: Und sie sieht ihn an, vom Taxi aus, nachdem es bereits losgefahren ist. Durch die Heckscheibe sieht sie ihn an, wie er hinter seiner Theke steht. Was sie wohl denkt? Selbst ich vermag nicht, das zu sagen. Und sieh ihn mit dem Bild! Er beginnt wie in Trance zu arbeiten, und das Instrument formt sich in seinen H├Ąnden, besteht aus nur einem St├╝ck, ohne Kanten, mit einem einzigen geraden Schwung. Dann schl├Ąft er stehend ein. Unser Freund Alfred ist furchtbar m├╝de in den Knochen geworden. Wenn er aufwacht, werden wir beide da sein und das Ger├Ąusch eines Taxis h├Âren, dass gerade wegf├Ąhrt. Darin wird der selbe Junge wie damals sitzen. Bist du bereit?

Alfons nickt, beide gehen auf Alfred zu, der aufwacht und noch immer das neue Instrument in den H├Ąnden h├Ąlt. Alfons geht zur Seite, man h├Ârt zweimal die T├╝rklingel, er tr├Ągt einen Karton in den Laden.

Alfons: Es sind die anderen beiden.

Alfred: Aber warum hat sie sie zur├╝ck gebracht?

Alfons: Nicht sie. Ihr Sohn. Er reicht Alfred seine M├╝tze.

Lenz: Hast du dein Fahrrad wieder ge├Âlt, Alfred?

Alfred nickt und geht los.

Alfons: Wei├čt du, wohin du gehen musst?

Alfred bleibt stehen: Nein, wei├č ich nicht.

Alfons: Sie wohnt im letzten Haus in der Kirchgasse.

Alfred sieht ihn an.

Alfons: Ich wei├č es aus meinem Traum.

Alfred: Adieu.

Er geht ab. Die beiden warten, Lenz versucht, ihn zu h├Âren.

Lenz: Das ist eine ganz sch├Ân gro├če Familie, die sie da hat.

Nach einem Moment der Stille kommt Alfred zur├╝ck.

Lenz: Alfred, was ist passiert?

Alfred: Sie ist tot.

Lenz: Ja.

Alfons macht ein Kreuzzeichen.

Alfred: Ich ging hin. Ich klopfte. Keine Antwort, ich klopfte wieder. Immer noch nichts, also nahm ich die M├╝tze ab und ging hinein. Das Haus war voller Leute, die sich umarmten und weinten. D├╝rfte ich dort ├╝berhaupt eintreten? Aber es schien, als ob mich niemand bemerkte. Ich ging ein paar Stufen hoch, an den ganzen Leuten vorbei, und auf einmal bin ich in einem Raum mit einem Bett, an dem eine Schwester steht und ein kleines M├Ądchen sitzt. Sie liegt in dem Bett, und ist Schwester will gerade...

Mit seiner Hand gestikuliert Alfred das Schlie├čen der Augen der Toten. Das Licht f├Ąllt auf sein Bett, man sieht jetzt Marie darin liegen. Er geht zu ihr her├╝ber und streicht noch einmal ├╝ber ihre Augen. Dann greift er unter das Bett, zieht das neue Instrument hervor und legt es ihr in den Arm. Es passt perfekt an ihren schlanken K├Ârper. Dann tritt er vom Bett weg.

Alfred: Dann ging ich zur Vordert├╝r hinaus und stieg auf mein Fahrrad. Jetzt sahen mich alle, all die Leute. Er lacht. F├╝r einen Moment habe ich sie aus ihren Tr├Ąnen und ihrer Trauer heraus gerissen. Dann bin ich losgefahren. Das Instrument Er deutet darauf. ist nicht zum Spielen gedacht. Warum sollte sie sich ein Instrument ausgedacht haben, dass sie sowieso nicht spielen konnte? Es soll sollte einfach ein zweiter K├Ârper sein, mit einem Kopf und einem Arm, der neben ihrem K├Ârper ruht, sobald sie so da liegt. Es wurde mit meinen H├Ąnden gemacht, ja, es ist mein Arm, der nach harter Arbeit jetzt neben ihr liegt, dort in ihrem Bett.

Lenz: Also hast du sie geheiratet.

Alfred: Mein Freund, ich bin nicht ihr Mann.

Das Licht geht aus, einzig Lenz wird beleuchtet, der sich ans Publikum wendet.

Lenz: Und jetzt vergeht nat├╝rlich etwas Zeit, eine Menge Zeit. Wir k├Ânnten unsere Finger in diese Zeit graben, um sie gut in den Griff zu bekommen, w├Ąre sie aus Holz oder Stein. Und mit dieser Zeit, und mit Marie, gehe ich jetzt.

Schwarz.
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blaustrumpf
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Hallo, The Girl Who...

Ja, so verr├Ątselt in die Leere gehend stelle ich mir modernde Schauspiele vor. Aber dass in diesen vier Szenen nicht einmal geflucht oder wenigstens vom Ficken geredet wird, l├Ąsst mich stutzen. Vielleicht w├Ąre es einfacher, wenn du eine kleine Handreichung zum St├╝ck liefertest. Es einfach so zu lesen, ohne etwas ├╝ber den Inhalt, die Rollen oder die Autorin zu wissen, das macht mir einfach keinen Spa├č.

Und wenn es mir keinen Spa├č macht, dann f├Ąllt mir zu schnell ein, dass jede Minute online nicht nur Geld kostet, sondern auch von meiner Zeit abgeht, wenn du verstehst was ich meine. Ich bin da sicher nicht ma├čgeblich, aber wenn es klarer w├╝rde, was und wohin du mit deinem St├╝ck willst, h├Ątte vermutlich nicht nur ich es erheblich einfacher. Und das St├╝ck mit denen, die es lesen, auch.

Sch├Âne Gr├╝├če von blaustrumpf
__________________
Daf├╝r bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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The Girl Who...
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Guten Abend, blaustrumpf.

Um ehrlich zu sein, werde ich aus Deinem Posting nicht ganz schlau. Meinst Du mit 'kleine Handreichung' etwa ein Expose, das dem St├╝ck vorangeht? Ich habe mich vor dem Posten hier ein bisschen umgesehen und festgestellt, dass es nicht ├╝blich ist, Exposes zum St├╝ck zu posten. Kann ich aber machen, wenn's gew├╝nscht wird. Selbstverst├Ąndlich kann ich an den Anfang noch einmal eine ├ťbersicht der Namen der Personen im St├╝ck reineditieren, ich hielt das f├╝r ├╝berfl├╝ssig, da alle vier Personen des ersten Akts innerhalb von zwei Manuskriptseiten auftauchen. Und was meinst Du mit damit, etwas ├╝ber die Autorin erfahren zu wollen. Ich habe hier noch an keinem Beginn eines St├╝ck, eines Prosatexts oder eines Gedichts Infos zu den geweiligen Autoren gesehen, warum also hier?

Auch aus diesem Satz

"Aber dass in diesen vier Szenen nicht einmal geflucht oder wenigstens vom Ficken geredet wird, l├Ąsst mich stutzen."

werde ich nicht ganz schlau. Geflucht wird, den Personen entsprechend, das ein oder andere Mal, gefickt nicht, weil's die Handlung nicht voranbringt. Ist das ein Problem?

Sorry, aber ich wei├č mit Deinem Posting wirklich nur wenig anzufangen, obwohl es sicherlich nett gemeint ist. Kannst ja vielleicht nochmal n├Ąher draufeingehen.

Gr├╝├če,
S
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He who doesn't forget his first love will never experience his last. --- Majakowskij

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