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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Des Todes Platz im Leben
Eingestellt am 21. 06. 2007 12:32


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Ohrensch├╝tzer
???
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Weiterf├╝hrende Gedanken zu "Der Selbstm├Ârder"

Ist der Anblick eines soeben vom Zug ├ťberfahrenen dem Menschen zumutbar? Soll man sich mit dieser Seite des Lebens auseinandersetzen? Ist man feig und bieder, wenn man behauptet, daf├╝r zu schwach zu sein? Macht man sich l├Ącherlich, wenn man betroffen davon ist? Sollte man nicht damit umzugehen lernen; dem Tod in seinem Leben einen Platz lassen, und nicht ganz hinten?

Ein guter Bekannter von mir ist Polizist und f├Ąhrt zus├Ątzlich noch als Volont├Ąr Eins├Ątze f├╝r das Rote Kreuz. Man kann sagen, dass er schon einiges gesehen hat. Er wirkt b├Ąrig, humorvoll, fest im Leben stehend, ein Optimist und Pragmatiker. ÔÇ×Es passiert eben viel, und man muss das Beste daraus machen und helfenÔÇť, sagt er. Ob ihm das nicht manchmal schon zu nahe gehe, frage ich. Das Schlimmste seien Unf├Ąlle mit Kindern, meint er.

In dem Moment sehe ich, wie er mit den Worten k├Ąmpft. Vielleicht auch mit den Emotionen. ÔÇ×Wenn Dir ein Kind hinten stirbtÔÇŽÔÇť beginnt er, und ich sehe ihn vor mir, wie er hilflos ÔÇ×hintenÔÇť im Krankenwagen bei einem sterbenden Kind sitzt. Als ob er das Bild physisch vor sich h├Ątte, dreht er sich weg, hebt den Kopf ein wenig und macht ein explosives ÔÇ×BahÔÇť. Seine Hand f├Ąhrt ├╝ber Nase und Mund. Ich frage nicht nach; ich habe schon mehr erfahren, als er mir mit Worten h├Ątte sagen k├Ânnen.

Es erinnert mich an eine Szene in ÔÇ×Ben HurÔÇť, wo Jesus Christus dem frisch versklavten Titelhelden zu trinken gibt, und der r├Âmische Sklaventreiber das verhindern will. Letzterer ist grobschl├Ąchtig, bullig und laut, als er jedoch Jesus gegen├╝bertritt, blinzelt er zun├Ąchst verbl├╝fft und h├Ąlt inne; schlie├člich senkt er fast betreten den Blick und dreht sich um, ohne dass ein Wort gefallen w├Ąre, und insistiert nicht mehr. Die Kamera zeigt dabei nicht das heilige Antlitz Christi oder einen bombastischen Heiligenschein, sondern nur das Gesicht des R├Âmers, in dem sich das besondere Charisma Jesu widerspiegelt.

So ├Ąhnlich erging es mir, als ich die Szene mit dem sterbenden Kind im Gesicht meines Bekannten sah. Und zwar nicht, was im Detail passiert war, sondern wie er dabei empfunden hatte. Und das wollte ich eigentlich wissen.
__________________
Der Ohrensch├╝tzer

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Haremsdame
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quote:
Sollte man nicht damit umzugehen lernen; dem Tod in seinem Leben einen Platz lassen, und nicht ganz hinten?

Hallo Ohrensch├╝tzer,

ich glaube, im Endeffekt kommt keiner drum rum, sich mit dem Tod auseinander zu setzen. Einige sind jeden Tag damit besch├Ąftigt, andere werden davon ├╝berrascht. Leicht ist es wohl nie, einen Menschen gehen zu lassen...

Aber es ist noch mal ein Unterschied, ob jemand sich aus "Feigheit" vor dem Leben (sicher ist es meist Verzweiflung, weil die dunklen Seiten des Lebens viel zu oft verdr├Ąngt werden) vor einen Zug wirft oder ob ihm eine Krankheit das Leben nimmt. Wir alle hoffen wahrscheinlich, eines Tages aus Altersgr├╝nden einfach nur einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Leider haben nur wenige das Gl├╝ck, so von dieser Welt zu gehen...

In meinen Augen ist das ein Thema, das durchaus in die Literatur geh├Ârt. Ich w├╝nschte mir, dass viel mehr den Mut h├Ątten, ihre Gedanken dazu festzuhalten.

Mit freundlichem Gru├č
Haremsdame


__________________
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petrasmiles
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Hallo Ohrensch├╝tzer,

ich finde das ganz wichtig, was Du da fragst, und Deine Parallele zum Abglanz einer Wahrheit auf dem Gesicht eines 'Beeindruckten' war sehr anr├╝hrend.

Nat├╝rlich geh├Ârt der Tod dazu und man darf ihm auch nicht ausweichen. Vor allem nicht, wenn diese starken Menschen voll Mitgef├╝hl die 'Drecksarbeit' f├╝r uns mitmachen m├╝ssen.

Die Grenze, wann ein Tod mich etwas angeht, ist flie├čend.
Eines jeden Mitmenschlichkeit ist da gefragt, inwieweit er meint, dass das Leid anderer Menschen ihn etwas angeht.
Die Selbstt├Âtung ist da keine Ausnahme.
Vor langer Zeit hatte ich einmal einen Kollegen, der die Fr├╝hpensionierung w├Ąhlte, um einem jungen Kollegen Platz zu machen. Er war 'alte Schule', p├╝nktlich, flei├čig, zuverl├Ąsslich. Ich habe ihn nicht gut gekannt, war drei├čig vierzig Jahre j├╝nger. Er hatte seinen Lebensabend auf Mallorca verbingen wollen, hie├č es. War alles schon geplant. Seine Frau wollte dann doch nicht hie├č es, nicht so weit weg von Tochter und Enkelkind. Er hat sich in seinem Gartenh├Ąuschen erschossen, Gewehrlauf in den Mund gesteckt. Seine Frau hat ihn gefunden.
Damals dachte ich nur, wie er das seiner Frau hatte antun k├Ânnen. Heute denke ich, er hat ihr geantwortet.
Das hat nichts mit Schuld zu tun. Nur mit dem allt├Ąglichen Mangel an Kommunikation, mit der Illusion von N├Ąhe manchmal, mit der Macht von Konventionen gegen das innerste Interesse.

Mich hat diese Geschichte trotz allem gelehrt, immer daran interessiert zu sein, was mein Partner wirklich will und nicht nur darauf bedacht zu sein, dass ich meinen Willen durchsetze.

Was geht mich ein Selbstm├Ârder an, der sich vor einen Zug warf? Hat er sich am Leben vers├╝ndigt? War er einfach ein dauerdeprimiert? Hartz IV Empf├Ąnger? Von der Frau/dem Mann verlassen? Hat jetzt mein Zug Versp├Ątung, ist Stau, verpasse ich eine Verabredung ...?
Was bringt einen Menschen dazu, sich selbst zu zerst├Âren? Ein Klumpen Blut und Fleisch und Knochen zu werden wie durch den Fleischwolf gedreht ... wie sehr muss man sich selbst geringsch├Ątzen, um das tun zu k├Ânnen.

Vor lauter Umweltbesoffenheit, dass selbst Pro7 ein 'rettet das Klima' Happening sendet, wird ganz vergessen, dass Menschen auch zur Umwelt geh├Âren. Rettet die Wale und die Pelikane, aber Sozialschmarotzer geh├Âren abgeschafft.
Komische Welt das. Aber das ist ein weites Feld, und dar├╝ber werden wir sicher nicht das letzte Mal gesprochen haben.

Liebe Gr├╝├če
Petra
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Ohrensch├╝tzer
???
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Hallo!

Vielen Dank Euch allen f├╝r die gehaltvollen Wortspenden. Es f├Ąllt mir einiges dazu ein, das ich vorhabe, h├Ąppchenweise hier zu posten.

Zuallererst zu Dir, Heike: Du hast Recht, die lebensverl├Ąngernden Ma├čnahmen mit ihrer Kompromisslosigkeit kratzen auch an meinen moralischen Vorstellungen. Das Thema ist stark verwandt - vielleicht sogar urs├Ąchlich - zum allgemeinen Tod-(=tot-)Ignorieren.

quote:
da gibt es etwas zu beklagen. warum weigern wir uns in der westlichen welt so sehr unseren gef├╝hlen raum zu geben?
Ich w├╝rde eher von der "n├Ârdlichen Welt" sprechen und wage eine Verallgemeinerung: Je weiter man nach S├╝den kommt, desto offener sind die Menschen im allgemeinen. Z├Ąune, verschlossene T├╝ren, ein anonymes Aneinander-Vorbeigehen - das findet man immer seltener, je weiter man nach S├╝den kommt. Stimmt vielleicht nicht ganz, aber so ungef├Ąhr.

Danke auch an no-name f├╝r das Lob.

Liebe Gr├╝├če,
__________________
Der Ohrensch├╝tzer

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Ohrensch├╝tzer
???
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Hallo Haremsdame,

quote:
ich glaube, im Endeffekt kommt keiner drum rum, sich mit dem Tod auseinander zu setzen. Einige sind jeden Tag damit besch├Ąftigt, andere werden davon ├╝berrascht. Leicht ist es wohl nie, einen Menschen gehen zu lassen...
An dieser Stelle war ich kurz versucht, Einspruch zu erheben; aber nach kurzem Nachdenken glaube ich doch, dass Du Recht hast: V├Âllig ignorieren kann man den Tod - oder zumindest seine Auswirkungen nicht. Man kann zwar versuchen, ihn zu verdr├Ąngen (zum Beispiel runterzusp├╝len), ihn zu ignorieren - aber von selber geht er nicht weg.

quote:
Aber es ist noch mal ein Unterschied, ob jemand sich aus "Feigheit" vor dem Leben (sicher ist es meist Verzweiflung, weil die dunklen Seiten des Lebens viel zu oft verdr├Ąngt werden) vor einen Zug wirft oder ob ihm eine Krankheit das Leben nimmt.

Hm. So gro├č finde ich den Unterschied gar nicht. Ein Selbstm├Ârder kommt mit seinem Leben so nicht mehr klar, er ist sozusagen "psychisch zu schwach" oder der Druck zu stark. Eine Krankheit k├Ânnte man als dasselbe sehen, nur eben k├Ârperlich.

(Du meinst vielleicht, mit 97 an Grippe zu sterben, ist anders als mit 25 unter einem Zug zu ├Ąndern. Aber vom Alter schreibst Du ja nicht; was w├Ąre mit einem 97j├Ąhrigen Selbstm├Ârder und einem 25j├Ąhrigen Krankheitsopfer?)

Es gr├╝├čt freundlich zur├╝ck
__________________
Der Ohrensch├╝tzer

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Haremsdame
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Ein Selbstm├Ârder kommt mit seinem Leben so nicht mehr klar, er ist sozusagen "psychisch zu schwach" oder der Druck zu stark. Eine Krankheit k├Ânnte man als dasselbe sehen, nur eben k├Ârperlich.

Tja, Ohrensch├╝tzer, wie soll ich das nun erkl├Ąren? Krankheiten kommen ungebeten und es gibt trotz eifriger Forschung immer noch welche, bei denen niemand helfen kann. Wenn man einen Menschen jahrelang durch eine Krankheit begleitet und er jeden Tag ein wenig stirbt (siehe Alzheimer, da ist die Person zwar noch da, aber der Geist geht und das bedeutet ununterbrochen Abschied nehmen von dem Menschen, der nie mehr so wird, wie er einmal war), dann ist das f├╝r diejenigen, die begleiten, grausam. Aber niemand kann etwas tun, da hei├čt es "einfach nur" abwarten... Oder Krebs, wo bis zum letzten Moment gehofft wird, dass alles wieder "gut" wird...

Selbstm├Ârder sto├čen die Menschen, die ihnen zugetan sind (was sie ja in dem Moment gar nicht wahrnehmen k├Ânnen oder es ist ihnen egal), mehr oder weniger bewusst ins Ungl├╝ck. Ich unterstelle ihnen mal, dass sie anderen Schuldgef├╝hle aufb├╝rden wollen. Schuldgef├╝hle daf├╝r, dass sie den Verzweifelten nicht gerettet haben... Selbstmord ist (in meinen Augen) meistens Egoismus pur. Vielleicht gibt es Ausnahmen, n├Ąmlich dann, wenn jemand krank ist und seinen Anverwandten die Pflege ersparen will...

quote:
Du meinst vielleicht, mit 97 an Grippe zu sterben, ist anders als mit 25 unter einem Zug zu ├Ąndern.

Oh ja, da sehe ich einen gro├čen Unterschied: Mit 97 hat ein Mensch seinen Beitrag geleistet, da darf er gehen. Da kann der Tod sogar eine Gnade sein. Mit 25 unter einem Zug zu enden, ist einfach nur grausam - f├╝r die Hinterbliebenen. Denn alle Hoffnungen auf ein erf├╝lltes Leben sind dahin... Wie sollen die Eltern oder die Freunde eines 25j├Ąhrigen Selbstm├Ârders damit fertig werden? Sicher ist es auch schwer, wenn ein 25j├Ąhriger durch einen Unfall oder eine Krankheit stirbt. Aber in dem Fall k├Ânnen die Hinterbliebenen sich vielleicht noch an "Gottes Willen" festhalten. Ich kann mir zumindest nicht vorstellen, dass es Gottes Wille sein k├Ânnte, dass sich ein 25j├Ąhriger das Leben nimmt (sich feig davon stiehlt).

Bei einem 97j├Ąhrigen Selbstm├Ârder (der das hoffentlich nicht in aller ├ľffentlichkeit tut!), bin ich viel nachsichtiger. Denn hier gilt das oben gesagte ebenfalls: er hat seinen Beitrag zum Leben und zur Welt geleistet. Vielleicht ist er allein ├╝briggeblieben? Vielleicht ist er schon schwach, hat st├Ąndig Schmerzen und ist des Lebens deshalb ├╝berdr├╝ssig? Vielleicht will er zu seinen Freunden und seiner Familie? So ein Fall geht f├╝r mich schon fast in die Richtung des "nat├╝rlichen Todes".

F├╝r mich gibt es jedenfalls einen riesengro├čen Unterschied zwischen einem "nat├╝rlichen" oder einem bewusst herbeigef├╝hrten Todesfall.

Mit freundlichen Gr├╝├čen
die Haremsdame



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