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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Deutschland: Ein Weihnachtsmärchen?
Eingestellt am 23. 12. 2006 18:57


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derbert
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2006

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Döner kaufen tut den Augen weh. Denn der örtlich zuständige Spezialitätenhändler türkischer Speisen und Getränke wohnt direkt an der Landebahn. Dies muss man zumindest stark annehmen, wenn man zur Weihnachtszeit die hell mit blinkenden Leuchtfeuern erstrahlte Strasse passieren muss, was zwingend erforderlich ist, wenn man Döner essen möchte, da der Dönerbäcker auch Anlieger eben dieser Lichterstrasse ist.

Längst vorbei ist die schöne alte Zeit, wo eine, aus dem Otto-Katalog bestellte, einsame Pyramide mit fünf Kerzen dem vorbeigehenden Fußgänger aus dem Wohnzimmerfenster seinen Weg leuchtete.
Heutzutage haben wir Saturday Night Fever in den Fenstern unserer Städte. Und das kann man nicht nur auf die Re-Importe deutscher Kultur des frühen 18. Jahrhunderts mit dem Modegeschmack der frühen 30er Jahre des letzten Jahrhunderts schieben. Gut, die sogenannten Russland-Deutschen haben damit angefangen. Aber woher sollten Sie auch wissen, dass wir hier, am anderen Ende der Welt, noch nicht so westlich ausgeprägt sind, wie es die US-amerikanischen Weihnachts-Kitsch-Filme mit russischem Untertitel damals versprochen hatten?

Nein schlimmer noch, dass mein Dönermann sich dieser Unsitte angenommen hat und jetzt selber, einen in allen Spektralfarben und mit wahnsinnigen Mustern blinkenden Stern im Fenster hängen hat, dass es einem doch etwas anders wird, gerade wenn man, auf das Essen wartend, einen Raki zur Zeitverkürzung zu sich genommen hat. Beim Anblick dieses Sterns klingt bei mir teilweise diese typische Melodie von Gewinnspielautomaten im Ohr, wenn man die Beträge hochdrückt (dedöde, dedöde, dedöde…). Bloß, dass man diesem Stern kein Geld einwerfen kann, und Gewinne gibt es auch nicht.
Nein, es gibt keinen anderen Dönerbäcker in unserem Ort. Und da man es sich mit dem zum besten Dönerbäcker dieser Stadt verdammten Mitmenschen nicht verübeln will, ist jede Diskussion über blickende Sterne im Schaufenster ausgeschlossen.

Bei unserem Pizzabäcker ist es auch nicht besser. Aber der hat wenigstens einen Bringdienst, so dass man seinem singenden und tanzenden Plastiknikolaus durch fernmündliche Bestellung entgehen kann.

Wer jetzt aber wieder mal alles auf die Menschen mit Migrationshintergrund schieben möchte, der lasse bei der nächsten Autofahrt doch mal einen wachen Blick durch die Strassen schweifen. Irgendwo findet man in jedem Ort einen Rentierschlitten auf dem Dach, oder fühlt sich durch die komplett mit Lichterketten umrahmten Häuser wirklich langsam wie in Las Vegas (dedöde, dedöde).

Da springt jedem Hotline-Mitarbeiter eines Stromversorgers das Herz vor Freude. Endlich vorbei die Zeit fehlender Argumente ob der überhöhten Energierechnung. Jetzt reicht ein: „Wissen Sie noch, es war kürzlich wieder Weihnachten…“ um jeden Zweifler zum Schweigen zu bringen.

Wo der tiefere Sinn dieser neuen Mode liegt, die schöne selige Zeit mit Discolichtern zu erhellen, bleibt fraglich. Wenn ich Weihnachtmann, Christkind oder Schornsteinfeger wäre, würde ich einen großen Bogen um diese lichtverschmutzenden Haushalte machen. Aber wahrscheinlich denkt der Verursacher anders und meint, ein besonders großes Zeichen damit zu setzen, indem er durch diese Art Opfergabe, die Atmosphäre mit einer Lichtzeichenanlage zu versehen, den Weihnachtsmann, das Christkind oder wen auch immer direkt mit dem vollen Geschenkesack zu ihm lotst.

Jedes Jahr bin ich froher, wenn der Spuk endlich ein Ende hat, und die Beleuchtungen wieder abgenommen wurden, ohne dass eine Passagiermaschine, die eigentlich nach Hannover sollte, auf unserer Dorfstrasse gelandet ist.

Was noch zu klären wäre: Wer wird eigentlich haftbar gemacht, wenn am Straßenverkehr teilnehmende Straßenverkehrsteilnehmer durch die imposante Beleuchtung vom eigentlichen Tun abgelenkt werden und einen Unfall verursachen?

Und die Langzeitschäden? Ahnungslose Eltern von Kleinkindern können gar nicht abschätzen, wie hoch der von außen geschändete Geschmacksnerv des Nachwuchses in Mitleidenschaft gezogen wird. Da wird eine spätere Generation „Highlight“ herangezüchtet, die dann nicht mehr bei Ikea die 50er Packung Wachskerzen, sondern bei Obi die 50 Meter lange Regebogenlichterkette kaufen wird.

Den Fernseher kann man abschalten. Aber die Nachbarn?
„Du Papa, warum ist bei uns Weihnachten immer so dunkel? In der ganzen Strasse sind wir die Einzigen, die so eine doofe Lichterpyramide im Fenster haben. Der Kevin aus meiner Klasse hat einen sooo großen Tannenbaum im Vorgarten, und der blinkt ganz toll, sogar die ganze Nacht.“

Spätestens bei dieser jugendlichen Kritik wird wohl jeder Familienvater zum Ergeiz getrieben, wenigstens mit der holden Nachbarschaft mitzuhalten und aufzurüsten. Das fängt dann bei einer Türlichterkette mit kleinen Sternchen an, im nächsten Jahr gefolgt von einem kleinen Elektro-Stern im Fenster, bis hin zu, mit LEDs ausgestatteten Schneemännern aus Pappmaschee vor der Eingangstür.

Ja, und wer jetzt noch an das Abstellen der Atomkraftwerke denkt, der hat die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden. Bleibt nur zu hoffen, dass man diese unvermeidliche Entwicklung nicht mehr miterleben muss. Ich für meinen Teil versuche diesen Prozess zu verzögern und stelle eine einsame Kerze aus Wachs in mein Fenster. Auch, wenn die Fußgänger diese wohl nicht mehr wahrnehmen werden.

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Rosentraum
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Satire ist mehr als nur ein Lachkrampf ...

Weihnachtsmärchen waren früher. Heute dominiert wie auch von dir hier dargestellt, ein weihnachtlicher Darstellungs- und Gestaltungsdrang der jenseits weihnachtlicher Besinnung liegt. Äusserlich mehr Schein als Sein. Heilig ist das bestimmt auch nicht. Wenn so mancher schon nicht mehr in den Urlaub fährt, nur um sich sein weihnachtliches Lichterspektakel leisten zu können ... wird es grotesk. Andererseits hat Coca Cola den Weihnachtsmann erfunden. Früher kam der Nikolaus oder Knecht Ruprecht. Vielleicht wird ja auch dieser flimmernde Wahnsinn eines Tages historisch wertvoll ...
Bis dahin genieße ich es, in der Weihnachtszeit an Abenden mit Freunden beim Kerzenschein der klassischen Wachskerzen zu sitzen und zu plaudern. Wo jetzt da der Humor ist? Im inneren unserer Konversation ...
mit einem leisen servus - der Rosentraum
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Aus der Quelle meiner Gedanken werden Worte.
Aus meinem Schreiben werden Texte.
Möge der Spaß an der Freude die Richtung des Flusses ermöglichen . . . Rosentraum

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Marius Speermann
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Ja Rosentraum, wenn's nur eine Satire wäre. Aber dieser Text ist reine Polemik. Polemiken sind immer zornig und eher brachial, bei Satire erwarte ich einen feinen oder zumindest ironischen Unterton. Den kann ich in diesem Text nicht erkennen.
__________________
Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor für Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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