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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Diagnose
Eingestellt am 15. 07. 2014 09:58


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Tehdry
AutorenanwÀrter
Registriert: May 2014

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Der Arztbesuch

„Blut im Stuhl? Wann?“
„Letzte Woche.“ Kurzes Schweigen. „Kann sein, davor auch schon ein oder zwei Mal.“
„Kann sein?“
„Na ja, das eine Mal war ich ziemlich betrunken. Keine Brille auf, dann sehe ich sowieso alles nur verschwommen,“ Paul zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, davor ist es schon einmal passiert, bin mir nur nicht mehr sicher. Deswegen kann sein.“
„Von welchem Zeitraum reden wir da?“
„Weiß nicht genau, ist vielleicht drei oder vier Monate her.“
„Konnten Sie denn beim letzten Mal trotzdem erkennen, wie das Blut aussah? Mehr helles Rot oder dunkel gefĂ€rbt?“
„Mir kam es dunkel vor.“
„Haben Sie festen Stuhlgang?“
„Also meistens eher Durchfall, wĂŒrde ich sagen.“
Der Internist nickte gedankenverloren. Seine Finger trommelten leise auf der Schreibtischunterlage, bevor sie den Rhythmus wechselten und die Tastatur bedienten. Die Zeit ging dahin mit der Beharrlichkeit eines tropfenden Wasserhahnes, und genauso beharrlich studierte Paul das Adergeflecht seiner verschrÀnkten HÀnde.
„Folgendes.“ Der Arzt kramte kurz in seiner Schublade und hielt ihm eine Visitenkarte hin. „Wir checken Ihre Blutwerte, nehmen eine Stuhlprobe, und Sie lassen sich bei dem hier schon mal einen Termin fĂŒr eine Darmspiegelung geben. Ich gebe Ihnen die Überweisung mit.“
Paul verzog das Gesicht.
„Ist halb so schlimm wie es sich anhört. Sie bekommen davon gar nichts mit. Aber nur so lĂ€sst sich feststellen, ob was im Busch ist. Können HĂ€morriden sein, Darmpolypen, mitunter ein leichtes GeschwĂŒr. In jedem Fall will Blut im Stuhl noch nicht viel heißen.“
Blut. Tumor. Blut. Tumor. Die Worte verschmolzen bedrohlich, sie stachen aus dem Klangteppich heraus, der zu Paul rĂŒberschwappte, kleine Nadelstiche, die sich in seine schwammigen Gedanken bohrten. Blut. Tumor. Krebs. Erste Anzeichen von Demut, ein kurzes stummes Flehen zum Himmel, bitte, lieber Gott, lass es nicht wahr werden. Die quĂ€lende Frage, ob es bereits zu spĂ€t sein könnte. Und damit viel zu frĂŒh, doch nicht jetzt, mit Anfang vierzig, wo immer noch fast alles möglich schien, liegengelassene TrĂ€ume, die er nur abzustauben brĂ€uchte. Es konnte nicht sein. Ich doch nicht, dachte Paul, ich bin nicht gemeint, das Ganze musste ein Irrtum sein. Wie sollte das gehen, kleine gefrĂ€ĂŸigen Zellhaufen, die in ihm wucherten, und er merkte von all dem nichts? Das hier war ein Warnschuss, nichts weiter. Rauchen aufgeben, weniger Alkohol, einfach gesĂŒnder leben, das waren die Signale, die verstand er. Daran sollte es nicht scheitern. Wenn, ja wenn.

Warten, warten, warten. Die Tage schleppten sich unertrĂ€glich langsam dahin, vollgestopft mit zu viel Zeit und atemlosen Momenten, die Paul immer wieder die Brust zuschnĂŒrten. In den NĂ€chten wachte er schweißnass auf, und in der Dunkelheit traf ihn zuweilen die Angst zu sterben mit der Wucht von StromschlĂ€gen. Der Anruf beim Internisten, ja, irgendein Tumormarkerwert sei erhöht, kaum ausgesprochen hat Paul den Namen schon wieder vergessen, und auch beim Stuhltest hĂ€tten sie Blutbeimengungen entdeckt.
Nie zuvor hatte er ernsthaft ĂŒber seinen eigenen Tod nachgedacht, viel zu weit weg, und jetzt war er auf einmal geradezu schmerzhaft besessen davon. Er malte sich aus, dass er nur noch ein paar Monate Leben vor sich hĂ€tte, versuchte sich vorzustellen, wie es das bisschen Leben verĂ€ndern wĂŒrde, das ihm noch blieb. Versuchte dieses launenhafte Schicksal zu begreifen, das sich so beklemmend einsam anfĂŒhlte.
Seine Erfahrungen mit dem Tod beschrĂ€nkten sich auf die beilĂ€ufige Trauer bei Beerdigungen, mit Verstorbenen, die zum Sterben alt genug waren, wo es nichts gab, was er an sich heranlassen musste. Auch wenn der Tod im Menschen immer gegenwĂ€rtig ist, niemand will daran erinnert werden, dass jederzeit Schluss sein kann oder eine Krankheit ihr zerstörerisches Werk unbeirrbar bis zum letzten Atemzug vollendet. Noch schwieg er seinen Freunden gegenĂŒber, als könnten alleine Worte schon das Unheil anziehen. Einen Satz aussprechen wie 'könnte sein, dass ich Krebs habe' machte fĂŒr ihn bereits aus einer Möglichkeit eine unwiderrufliche Tatsache.

Ein verregneter Nachmittag, die Darmspiegelung lag hinter ihm und Paul saß dem Spezialisten gegenĂŒber. Er fĂŒhlte sich ausgelaugt, alles schien in Watte gebettet, auch die Trauer, die ihn mit einem sanften Ziehen im Bauch begleitete. Eine, die einfach da war, ohne auf etwas Bestimmtes abzuzielen.
Die ernste Miene des Arztes sprach BĂ€nde, und bevor er ĂŒberhaupt den Mund öffnete, spĂŒrte Paul schon den Schlag in die Magengrube. Ein kurzes RĂ€uspern kĂŒndigte die unerbittliche Wahrheit an.
„Ich will gar nicht erst lange drumherum reden: Bei Ihnen gibt es einen Befund. Genauer gesagt sind in der Darmwand im Bereich des Dickdarms mehrere Wucherungen erkennbar. Was wiederum bedeutet, dass Sie um eine Operation nicht herumkommen werden.“ Der Arzt starrte bei seinen Worten auf den Monitor. Dann drehte er ihn Paul hin und wies auf die Bilder von der Darmspiegelung.
„Hier. Sehen Sie?“
Paul sah ohne wirklich zu erkennen, das Bild blieb abweisend abstrakt.
„Bei diesen WĂŒlsten hier handelt es sich um Tumore, die sich an der Darmwand angesiedelt haben.“ Er sah Paul prĂŒfend an. „Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, um welche Art von Tumor es sich hier handelt, wie aggressiv, wie tief er eingewachsen ist oder ob zum Beispiel Lymphknoten befallen sind. Das lĂ€sst sich erst ĂŒber die OP genau feststellen, wenn das Tumorgewebe mikroskopisch untersucht worden ist. Sie werden sich auch zumindest vorĂŒbergehend mit einem kĂŒnstlichen Darmausgang anfreunden mĂŒssen. ZusĂ€tzlich zur Operation ist in der Regel zur Sicherheit eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie angebracht. Bei einem guten Heilungsverlauf, in etwa nach drei bis sechs Monaten, je nachdem, kann der kĂŒnstliche Ausgang wieder zurĂŒck verlegt werden. Wie auch immer, wir werden keine Zeit verlieren und Sie schnellstmöglich ins Krankenhaus einweisen.“
Der Arzt betrachtete fĂŒr einen Moment nachdenklich die Aufnahme und wendete sich ihm erneut zu. Wie oft er wohl schon derartige Nachrichten verkĂŒndet hat, dachte Paul. NĂŒchterne Routine mit einem Schuss MitgefĂŒhl.
„Ich serviere Ihnen hier schwer verdauliche Kost. Das ist mir durchaus bewusst. Doch Sie haben allen Anlass, das Beste zu hoffen. Okay?“
Paul hing an seinen Lippen, saugte die Wortmelodien auf, in denen die NebensÀchlichkeit einer belanglosen Plauderei mitschwang, wÀhrend ihm Bilder durch den Kopf geisterten, in denen er am Tropf hing, mit hohlen Wangen, dicken dunklen Ringen unter den Augen und kahlem SchÀdel. Und die Erkenntnis, wie sehr er am Leben hing.
„Das klingt alles ziemlich beĂ€ngstigend.“
„Ja, vielleicht tut es das“, antwortete der Arzt leicht zögernd, „aber diese Maßnahmen sind einfach erforderlich. Ihnen dĂŒrfte doch auch an einer guten Prognose gelegen sein.“
Krebs, Krebs, Krebs hallte es unter der Glocke nach, die sich ĂŒber Paul gesenkt hatte.
„Noch einmal“, die Stimme des Arztes drang durch die Ferne zu ihm durch, „Sie sind körperlich ansonsten in einer guten Verfassung, was auch nicht ganz unwichtig ist. Ich kann Ihnen nur den Rat geben, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Im Internet finden Sie entsprechende Selbsthilfegruppen von Menschen, die mit einem kĂŒnstlichen Darmausgang leben. Sie werden schneller damit umgehen lernen, als Sie es sich jetzt noch vorstellen können. Okay soweit?“
Jetzt klebt mir die Scheiße am Bauch und nicht an den Hacken, dachte Paul, kurz davor hysterisch loszukichern.
„Okay soweit“, echote er und stand auf.

__________________
A.S.

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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

Werke: 326
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Hallo Tehdry,

in Deinem Profil erwĂ€hnst Du, dass Du „Kurzgeschichten veröffentlichen“ möchtest, ich weiß allerdings nicht, ob Du auch an Kommentaren interessiert bist. Bisher hast Du Dich selbst mit Kommentaren zu anderen Geschichten zurĂŒckgehalten und gehörst damit in die Reihe der Autoren, um die es hier Hier klicken geht.
Ich versuche trotzdem mal, Dir meinen Eindruck zu diesem Text zu schildern.

Beim ersten Lesen war ich mir nicht sicher, ob es sich hier um eine Satire oder eine ernstgemeinte Kurzgeschichte handelt. Der Anfang

quote:
„Na ja, das eine Mal war ich ziemlich betrunken. Keine Brille auf, dann sehe ich sowieso alles nur verschwommen,“
und das Ende
quote:
Jetzt klebt mir die Scheiße am Bauch und nicht an den Hacken
ließen zunĂ€chst auf Ersteres, der Text dazwischen auf eine ernstgemeinte, vielleicht sogar selbst erlebte Geschichte schließen. Dennoch kann ich nicht ganz erkennen, was Du hier eigentlich schildern willst.
Die anfÀngliche Angst des Prot, die ihn
quote:
mit der Wucht von StromschlÀgen
trifft, kann ich in diesem Stadium nicht nachvollziehen. Soweit ich weiß, werden bei einer Darmspiegelung bei verdĂ€chtigen Wucherungen sofort Gewebsproben entnommen. Sogar GeschwĂŒlste bis zu einer gewissen GrĂ¶ĂŸe können dabei entfernt werden, so dass es nicht unbedingt gleich zu einer Operation kommen muss. Ein kĂŒnstlicher Darmausgang ist dann wirklich die Ultima Ratio.

Alles in allem kommen die BefĂŒrchtungen Deines Prot deshalb nicht bei mir an. Die ganze Schilderung wirkt auf mich ĂŒberzogen.

Zwei kleine Fehler habe ich noch gefunden:
quote:
kleine gefrĂ€ĂŸigen Zellhaufen
quote:
kaum ausgesprochen hat hatte Paul den Namen schon wieder vergessen

Vielleicht könntest Du auch noch einige FĂŒllwörter wie "noch" und "auch" herausnehmen.

Gruß Ciconia

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