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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Dichter sagen...
Eingestellt am 21. 03. 2003 18:18


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Kabelkolb
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Mar 2003

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Brennholz im M├Ąrz

Dichter sagen: Schreiben ist Handwerk. Ich w├╝nschte, das w├Ąre es auch f├╝r mich. Immer hatte ich gedacht, es sei wichtig, handschriftlich mit der Feder in ein geheimes Heft zu schreiben, wenn man es den ernst nehmen wollte, das Schreiben, in seiner ganzen Einfachheit. Ich war sogar im Schreibwarenladen an der Ecke der Greifswalder Strasse und irgend einer anderen. Die Dame, die p├╝nktlich um 9 Uhr die Au├čenk├Ârbe raustrug, welche mit allerlei unm├Âglichen, f├╝r mich unverwendbaren Waren gef├╝llt waren, begr├╝├čte mich als ersten Kunden. In den K├Ârben: Bastelkrepp und die passenden Schneidewerkzeuge, Wachsmalstifte in nur drei Farben und Masken in Kindergr├Â├če f├╝r den nahenden Fasching. Berlin ist eine Karnevalshochburg. In jeder Eck, ein Neck. Die flei├čige Verk├Ąuferin (dieses Wort erkennt Word 2000 nicht, ist wohl eher Word 200) bekam nicht mit, wie ich mir den sch├Ânen blauen Uniball-Pen, allein des Namens wegen, in meine Tasche steckte. Ich nahm mir noch schnell eins der Hefte, die sich daf├╝r eignen vollgeschrieben zu werden und ging zur Kasse. Bezahlt. Durch die T├╝r. Zackig weg und das Diebesgut betrachtet. Es stellte sich sofort heraus, dass ich den Uniball-Probier-Pen geklaut hatte. Halb leer und abgegrabbelt wie die Kneipenklinke im Dorf meiner Eltern. Ich habe damals, als ich noch bei ihnen wohnen musste, erheblich zu diesen Abnutzungserscheinungen beigetragen. Doch zur├╝ck zu den Dichtern und ihrem Ausspruch: Schreiben ist Handwerk. Meine Idee war: ÔÇ×Ich kann ja mal was schreiben. Soll beruhigen, wenn man seine Gedanken festh├Ąlt. Vielleicht sind sie ja sp├Ąter noch mal zu was n├╝tze. Vielleicht werde ich ein ber├╝hmter Schriftsteller und kaufe mir n Eigentumswohnung ├╝ber einer Anlageberaterin, die Single ist und einen Sohn hat, der mir immer die Zeitung hochbringt. Vielleicht aber,...ÔÇť Stop, jetzt erst mal schreiben, dann die Fr├╝chte des Erfolges ernten!
Ich sa├č in der Bahn und war gefasst von einem Gef├╝hl des Segens. Ich schrieb Geschichten, die von der Welt, den Menschen und ihrem ungez├Ąhlten Leiden sprachen. Nein. Ich z├Ąhlte ihr Leiden. In jedem einzelnem Buchstaben verfocht ich den Kampf des Gerechten gegen die ├ťbermacht der Wahnsinnigen, der Herrscher, unserer neuen G├Âtter, die sich aufgeschwungen haben, zu H├Âherem. Sie zogen in einen von uns errichteten Olymp, aus Dummheit gebaut, von dir und mir und Schuld trifft eigentlich alle. Die Rettung, das Wort. Ein zweites, ein drittes und so glitten sie aus meiner Uniball-Feder, wurden geboren, erblickten das Licht der grausamen, kalten Welt, die sie ├Ąndern sollten. Sie machten sich bald auf und auch die Runde. Die W├Ârter meiner Feder, in Gestalten von Heiligen. Und als die gesamte Stra├čenbahn bekehrt war zu dem Glauben, dass der Mensch selbst alles erreichen kann, wenn er nur die Abscheu vor dem Mitgef├╝hl ablegen und ein neues, anderes Leben beginnen w├╝rde, kam ich an einer Haltestelle an, zu der ich eigentlich gar nicht wollte. Trotzdem feierte man mich als den Messias. W├Ąhrend ich an der Otto-Braun-Strasse ausstieg, schrieb ich schnell ein epochales Werk ├╝ber diesen preu├čischen Politiker, handelte die auslaufende Greifswalder-Strasse in einem Reisebericht ├╝ber die ebenso benannte Stadt ab und verfasste eine neue Parkbeschilderung f├╝r die Anlagen am Friedrichshain. Ich wurde gefeiert, wo ich erschien und ich erschien vielen Leuten. Doch es war nicht so, dass ich ihnen hinterherlaufen musste. Sie kamen zu mir. Erz├Ąhlten von ihren Sorgen und ├ängsten, von ihren Problemen mit dem Leben oder auch nur mit dem Nachbarn. Es ist ungerecht, wenn einer mehr vom Kuchen abgeschnitten bekommt, schon lange, wenn der Kuchen ein Hausflur ist und voller Fahrr├Ąder steht. Das ist eine Sache f├╝r die Hausverwaltung. Was, die verlangt au├čerdem zu hohe Mieten und k├╝mmert sich sowieso nicht um das Geb├Ąude. Dann benimmt sie sich wie die M├╝llabfuhr, die kommt auch nicht mehr hier her. Man m├╝sste sie bezahlen, aber das empfinden die Hausbewohner als ungeb├╝hrlich. Am Alexanderplatz fragt mich eine Frau, ob ich ihrem Sohn helfen k├Ânnte, er sei schlecht in der Schule und pr├╝gelte sich dauernd mit den anderen aus seiner Klasse. Die Lehrer beschweren sich in einer Tour. Sein Hausaufgabenheft s├Ąhe aus, wie ein Kriegstagebuch. Sie w├╝rde sich so freuen, wenn ihr Sohn, vielleicht, Gedichte schreiben w├╝rde oder Violine spielen. Ich konnte ihr helfen. Der Sohn wurde Violinist, der seine eigenen Gedichte vertonte, hatte viel Erfolg und f├╝hrte ein Leben in Reichtum, von dem er nichts abgab. Mhm? Ich schwor mir, meine Heiligentaten in Zukunft etwas mehr zu ├╝berdenken. Die Menschen mussten doch zu ├Ąndern sein.
Die Busfahrer wollen bessere Arbeitsbedingungen und eine Klimaanlage f├╝r den Sommer, die Mitarbeiter bei Burger King ben├Âtigen unbedingt mal einen Snackautomaten in den Pausenr├Ąumen und die Hunde, die irgendwelche Tierqu├Ąler vor dem Laden angebunden hatten, habe ich einfach losgemacht. Der eine hat mich gebissen.
ÔÇ×Ich wollte dich doch nur befreien. Renn los. Los. In die Freiheit mit dir. Tolle herum, springe durch Wiesen und Felder, renn die Alleen entlang und suche dich selbst.ÔÇť Der Hund sah mich an und ich ging, damit er mich nicht noch einmal bei├čen konnte.
Warum tat ich das alles? Was wollte ich erreichen? Warum erz├Ąhlte ich einem Hund in Berlin von Freiheit und Leben? Ich wusste es nicht.
Wenige Stunden sp├Ąter hatte sich die frohe Botschaft durch die ganze Stadt verbreitet. Ich arbeitete hart, um all die Sorgen und Lasten der B├╝rger aufzunehmen. Ich schrieb Geschichten, die ihren ├ärger wiedergaben und in sich die L├Âsung trugen. Wie ich das tat, bleibt f├╝r mich bis heute im Verborgenen. Sicher ist nur, dass die wartende Schlange der Gebeutelten nicht l├Ąnger Warten wollte. Sie wurden unruhig und m├╝rrisch. Langsam d├Ąmmerte mir, warum sich niemand um sie und ihre Probleme k├╝mmern wollte. Sie br├╝llten sich an und dr├Ąngelten. Die starken und gro├čen, schubsten die schwachen und kleine beiseite, um schneller zu mir vorzudringen. Vorn angekommen heulten sie mir das ewige Lied vom armen Arbeitslosen vor, der unverschuldet in die Sozialhilfe gefallen ist. Aha. Aber sollte sich dar├╝ber nicht eher das Bezirksamt k├╝mmern. Ich meine, ich war hier um die Menschen vor den metaphysischen Leiden zu befreien, die sie sich in ihrem langwierigen Kampf gegen die Realit├Ąt und die immer enger werdende, bedr├╝ckende Zivilisation, zuzogen. Jetzt sollte ich Eingaben an das Amt verfassen, die einen Antrag auf Kohlengeld darstellten.
ÔÇ×Aber der Winter ist doch gradÔÇÖ vorbei.ÔÇť, entgegnete ich. ÔÇ×Schreib, sonst knallt dit.ÔÇť
So waren die Menschen also. Das Heft war voll und mit dem letzten Platz in ihm, verschwand auch meine Begabung, die Leiden und Ängste der Menschen zu erkennen und sie zu heilen. Ich fand es war gut so. Die aufgebrachte Menge fand das nicht.
ÔÇ×Ick dachte, hier jibt dit wat umsonst. Bin extra aus n 14 Stock runterjekommÔÇÖ um jetz zu sehen, hier is jar nischt los. Sch├Âne Schei├če.ÔÇť
Um auf Nummer Sicher zu gehen, kaufte ich s├Ąmtliche Uniball-PenÔÇÖs und Herlitz-Schulhefte der Stadt auf. Ich wollte schlimmeres vermeiden. Heute hatte ich erfahren, dass das einzige auf der Welt, vor dem man wirklich Angst haben sollte, die Masse ist. Sie ist ein Teig, den man schon zu lange ziehen l├Ąsst. Welcher B├Ącker wird ihn kneten, welcher Ofen ihm Farbe geben? Ich habe keine Ahnung.
Mit wundgeschriebenen Fingern und einem Raum voll von Heften und Uniball-PenÔÇÖs, sitze ich am Abend vor dem Fernseher. Ein Schriftsteller spricht ├╝ber das Schreiben. Schreiben sei, wie alle Kunst ├╝brigens, ein Handwerk. Ich w├╝nschte, das w├Ąre es auch f├╝r mich.




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flammarion
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. ich habe mich ├╝ber deine geschichte sehr am├╝siert.
ick kieke grade die jreifswalder ruff und runter und seh keen schreibwarenjesch├Ąft. uff welche ecke is et denn? ick wohne ├╝prinx in de duncker.
ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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Kabelkolb
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hallo flammarion, das gescg├Ąft ist der McPaper an der Didi-Bonheoffer-Str. Ich wohne gleich in der N├Ąhe und gehe immer dahin, wenn ich was brauche.

Ich habe den Laden nat├╝rlich nicht beklaut... das habe ich dann noch etwas dramatisiert, da ich nicht als so doof dastehen wollte, weil ich doch den Uni-Ball-Prbierr-Pen hatte... :-)

Danke f├╝rn Kommentar, ist irgendwie sch├Ân, wenn mal jemand anderes die Texte liest, als man selbst...
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flammarion
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ei,

das ist dann wohl der teil der greifswalder, der mehr zum s bahnhof zu liegt. da fahr ich h├Âchstens mal fl├╝chtig vorbei. na ja, berlin is jro├č . . .
ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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