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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Ameise
Eingestellt am 26. 08. 2000 17:32


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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Wiesen. Ich erinnere mich an Wiesen. Wie alt mag ich damals gewesen sein? Sechs? Sieben? Allerh√∂chstens sieben Jahre alt. Es mu√ü in dem Jahr gewesen sein, nachdem ich in die Schule gekommen bin. Wir fuhren in die Ferien, und da lagen sie vor mir: Wiesen. Saftig gr√ľn, voller Gras, Blumen und Insekten. Wenn man sich hinhockte und nur still zuschaute, dann begann es irgendwo ganz sicher zu krabbeln. Wenn man aber einmal die Krabbler entdeckt hatte, dann war es vorbei mit der Ruhe, dann konnte man √ľberall die Bewegung sehen. Wie winzige Zivilisationen. Zivilisationen, die man mit einem einzigen Fu√ütritt zerst√∂ren konnte. Wie leicht das ging, als ich ein Kind war. Heute mu√ü man schon mit Zerst√∂rern, mit Gewehren und Detonationsger√§ten auffahren, um den Kampf zu gewinnen.
Damals lag ich im Gras, die Sonne schien, und vom Waldrand her konnte ich die V√∂gel singen h√∂ren, und meine Mutter, die rief: Geh nicht zu weit weg! Jetzt liege ich in den Tr√ľmmern einer Stadt, die Fremde gebaut und bewohnt haben, aber ich habe sie zerst√∂rt. Meine Wange pre√üt sich gegen kalten Beton, w√§hrend meine H√§nde die Waffe umklammern, die sie mir gegeben haben, damit ich die Stellung halten kann. Die Stellung halten! So wie meine Mutter nicht wollte, da√ü ich zu weit von unserer Picknickdecke fortlaufe, wollen sie nicht, da√ü ich die Stellung, diesen bedeutend unbedeutenden Flecken hier im Stich lasse. Keine Angst, ich werde sie nicht verlassen. Wie sollte ich auch. Keine drei√üig Schritt entfernt von hier, hinter den rauchenden Ruinen des alten Krankenhauses, werden sie vermutlich schon lauern. Warten sie auf mich? Warten sie darauf, mich, gerade mich umzubringen? Das kann ich nicht glauben. Ich bin doch h√∂chstens eine Ameise, und wer kann sich schon jemanden denken, der sich in mitten einer bl√ľhenden Wiese stellt, um dann eine einzige Ameise zu zertrampeln? Das w√§re aufwendig, teuer und eine Verschwendung von Zeit. Zeit... Wer hat sie schon zu verschwenden? Ich habe es mit vollen H√§nden getan, wird mir bewu√üt. Damals, als ich in der Wiese lag und diese krabbelnden Insekten beobachtet habe, habe ich vielleicht das erste und einzige Mal in meinem Leben keine Zeit verschwendet. Aber danach? Es ging so schnell, da√ü mir keine Zeit blieb, und jetzt, wo die K√§lte langsam in meine Beine klettert, erscheint es mir, als sei ich nicht zur√ľck zu meiner Mutter gelaufen, die auf der Picknickdecke auf mich gewartet hat, sondern als w√§re ich aufgesprungen und geradewegs hierher gelaufen. Wen k√ľmmert es, da√ü ich dabei ein ganzes St√ľck gewachsen bin. Mich nicht, und die hinter der Ruine auch nicht. Besser w√§re es gewesen, ich w√§re noch so klein wie damals, denn dann g√§be ich ein schlechteres Ziel ab.
Meine Mutter stand auch auf dem Flughafen, an dem Abend, an dem ich in den Helikopter geklettert bin. Ich hatte sie gebeten, nicht zu kommen, weil es doch Winter war. Die Stra√üen waren so verdammt glatt, und auf dem B√ľrgersteig w√§re ich beinahe auf einer Pf√ľtze ausgerutscht, die mit Eis √ľberzogen war. Aber meine Mutter wollte es sich nicht nehmen lassen, mir Auf Wiedersehen zu sagen. Sie sagte nie mehr zu mir als diese zwei Worte: Auf Wiedersehen. Und damit war alles gesagt. Ich kann sie vor mir stehen sehen, die Wangen vom schneidenden Wind ger√∂tet, Tr√§nen in den Augen. Ihr grauer Mantel weht, ihr braunes Haar weht, ihr gr√ľner Schal flattert im Wind. Ich habe ihn ihr vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt, weil er so gut zu ihren Augen pa√üte. Gr√ľnen Augen mit Tr√§nen. Auf Wiedersehen. Nur zwei Worte.
Mein Hauptmann sagt nie Auf Wiedersehen. Er sagt, da√ü wir unsere Pflicht erf√ľllen m√ľssen, er erteilt die Befehle, Befehle wie: Haltet die Stellung.
Ich werde die Stellung halten, weil es mir befohlen worden ist. Werde weiter hier auf den Steinen liegen und mich darum bem√ľhen, eine bequemere Lage zu bekommen. Gerne w√ľrde ich einen Blick auf die Uhr werfen, aber meine Armbanduhr habe ich im Camp liegen lassen, weil sie mich an Danny erinnert. Danny hat sie mir geschenkt, damit ich die Zeit nicht vergesse. Das stand auf der Karte, die bei der Uhr lag, und ich mu√üte l√§cheln, weil mich die gelbe Uhr an blondes Haar erinnert. Sie erinnert mich an die Zeit, die ich mit Danny verbracht habe. Auch damals schien die Sonne, zwar meist von Wolken verdeckt, denn es war im Herbst, aber ich erinnere mich an die Sonne. Sie hat mich geblendet, weil ihr Licht st√§ndig in meine Augen fiel, wenn die Wolken mal wieder einen Spalt lie√üen.
Hier ist es dunkel. Der schwarze Qualm von den Ruinen hebt sich gegen die Nacht ab. Ich w√ľrde mir gerne eine Zigarette anz√ľnden, aber das Licht k√∂nnte man hinter den Ruinen sehen, und dann w√§re ich ein entz√ľckendes Ziel, ein Geschenk f√ľr die anderen. Keine Uhr und kein Schal, aber ein Geschenk.
Es muß schon später sein, als ich dachte. Ich höre Gewehre, Explosionen und Lärm. Sie kommen. Sie kommen! Ich muß die Stellung halten.
__________________
Andrea Rohmert

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Lieselore Warmeling
Guest
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Die Ameise

So eindringlich beschrieben, dass man die Angst des jungen Soldaten zu sp√ľren meint, aber auch seine √úberlegungen, wie sehr er in diesem Spiel die Ameise verk√∂rpert, die JEMAND oder ETWAS nur so zum Spa√ü, oder weil sie gerade da herum krabbelt, vernichten kann.

Ist es seltsam, sich zu w√ľnschen, diese Geschichte w√§re von einem jungen Mann geschrieben worden?

Hätte irgendwie die Hoffnung ergeben, irgendwann beginnt einmal die massive Weigerung aller, sich zertreten zu lassen, nur weil Jemand sagt, *halt die Stellung*.

Aber das wird wohl auf ewig eine Illusion bleiben.

Niederschmetternd realistisch....

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Ob es seltsam ist, sich einen m√§nnlichen Autor zu w√ľnschen, kann ich nicht beantworten. Aber ich verstehe auch nicht, wieso das die Hoffnung auf eine friedliche Welt best√§rkt h√§tte. Denn einmal sind es l√§ngst nicht nur die M√§nner, die Waffen in die Hand nehmen und t√∂ten und get√∂tet werden und auf die wir deshalb die Verantwortung abschieben k√∂nnten.
Langsam sollte unsere Welt doch soweit sein, daß jeder, oder in diesem Fall eher: jede sagen kann, es reicht. Daß sie das nicht weiter akzeptieren wird.
Nach Ansicht aller Experten wird das neue Jahrtausend immerhin das Jahrtausend der Frau, und daher sollten wir doch auch beginnen, Verantwortung f√ľr unsere Zukunft zu √ľbernehmen.
Nebenbei bemerkt: Das Geschlecht der Ameise wird nirgends explizit erwähnt...

Aber auf alle F√§lle bedanke ich mich f√ľr das Lob.
__________________
Andrea Rohmert

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Lieselore Warmeling
Guest
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Die Ameise

>Ob es seltsam ist, sich einen m√§nnlichen Autor zu w√ľnschen, kann ich nicht beantworten. Aber ich verstehe >auch nicht, wieso das die Hoffnung auf eine friedliche Welt best√§rkt h√§tte.
> Denn einmal sind es längst nicht nur die Männer, die Waffen in die Hand nehmen und töten und getötet
> werden und auf die wir deshalb die Verantwortung abschieben könnten.

Das sehe ich dann anders, weil Kriege - soweit wir alle zur√ľckdenken k√∂nnen - von M√§nnern ausgel√∂st und gef√ľhrt werden.
Sobald *Frau* darin verwickelt wird, ist sie das zumeist als Opfer.

>Langsam sollte unsere Welt doch soweit sein, daß jeder, oder in diesem Fall eher: jede sagen kann, es >reicht. Daß sie das nicht weiter akzeptieren wird.

Sagen können das Alle, gehört werden sie nicht.

>Nach Ansicht aller Experten wird das neue Jahrtausend immerhin das Jahrtausend der Frau, und daher >sollten wir doch auch beginnen, Verantwortung f√ľr unsere Zukunft zu √ľbernehmen.
>Nebenbei bemerkt: Das Geschlecht der Ameise wird nirgends explizit erwähnt...

Das Geschlecht der Ameise spielt auch keine Rolle, es ging um die pazifistische Einstellung einer Autorin.
Aber wenn Du hoffst, das neue Jahrtausend werde das der FRAU dann toi toi toi den kommenden Generationen.
Verantwortung √ľbernehmen sollte FRAU aber erst dann, wenn sie den Zustand dieser Welt auch zu mindestens 50% mitbestimmen kann, also wann?
Nat√ľrlich dann, wenn die erw√§hnten Experten mit ihren Prognosen halbwegs richtig liegen.

Aber dazwischen, da hast Du sicher recht, kann sie dann ja pausenlos sagen, dass es ihr reicht:-)

Gruss Lieselore

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Die Argumentation riecht mir immer noch zu sehr nach Ausrede. Nebenbei ist sie nicht korrekt.
Frauen nehmen in Guerilla-Kriegen aktiv teil. Frauen lassen sich √ľberall in der Welt zu Soldatinnen ausbilden, und im Golfkrieg werden meiner Meinung nach auch Frauen eingesetzt worden sein. Frauen haben immer schon bei der Entwicklung und Herstellung von Waffen geholfen, und nicht √ľberall wurden sie dazu gezwungen!
Wenn bisher in so wenigen Kriegen Frauen an vorderster Front mitgekämpft haben, so haben wir das ironischerweise dem Machogehabe der Männer zu verdanken, die eine Frau am Gewehr als unästhetisch empfanden und sie sowieso lieber auf Heim und Herd beschränkt hätten.
Krieg ist ein Instrument der Macht, und wenn Frauen ind er Vergangenheit mehr Macht gehabt hätten, hätten sie auch daran teilgenommen.
Nebenbei gefragt: Womit h√§tten wir es verdient, eine aktive Rolle in dieser Welt zu spielen, wenn wir uns scheuen, schon jetzt Verantwortung zu √ľbernehmen. Nat√ľrlich sind Frauen vielerorts nicht in der Lage, das zu tun, aber wenn ich an die Proteste von M√ľttern w√§hrend der Kriege in Ex-Jugoslawien denke, an die Protestm√§rsche der Frauen in Tschetschenien, dann denke ich doch, da√ü wir Verantwortung genug √ľbernehmen k√∂nnen - in L√§ndern wie Deutschland, Frankreich, England, Italien, der USA usw. usf. allemal!
Und wie soll etwas je getan werden, wenn niemand etwas sagt?!
__________________
Andrea Rohmert

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Lieselore Warmeling
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Die Ameise

>>Die Argumentation riecht mir immer noch zu sehr nach Ausrede. Nebenbei ist sie nicht korrekt.
Frauen nehmen in Guerilla-Kriegen aktiv teil. Frauen lassen sich √ľberall in der Welt zu Soldatinnen ausbilden, und im Golfkrieg werden meiner Meinung nach auch Frauen eingesetzt worden sein.

Kann sein, dass es einige waren, die glaubten, es gebe etwas auf dieser Welt, dass einen Krieg rechtfertige.
Aber genau die wolltest Du Dir doch sicher nicht zum Vorbild nehmen oder?
Im √ľbrigen spielen sie nat√ľrlich zahlenm√§√üig so gut wie keine Rolle und als Ausl√∂ser oder Dirigisten von Kriegen sind sie gar nicht vorhanden.


>> Frauen haben immer schon bei der Entwicklung und Herstellung von Waffen geholfen, und nicht √ľberall wurden sie dazu gezwungen!

Da wo sie nicht gezwungen wurden, sind sie Terroristinnen, aber in der Waffenschmiede der
Dritten Reiches gabs keine, die dort freiwillig hingegangen w√§ren, es sei denn, sie h√§tten ansonsten verhungern m√ľssen.
Und das wei√ü ich dann mal nicht aus B√ľchern, sondern es ist *Erfahrung*
Jetzt darfst Du dann √úberlegungen √ľber mein Alter anstellen und das d√ľrfte nun nicht mehr allzu schwer sein.

Deshalb mache ich mir auch nicht mehr Deine Illusionen dar√ľber, dass FRAU es irgendwann in der Hand haben d√ľrfte, durch blo√üen Einspruch irgend etwas auf dieser Welt zu ver√§ndern.

>>Wenn bisher in so wenigen Kriegen Frauen an vorderster Front mitgekämpft haben, so haben wir das ironischerweise dem Machogehabe der Männer zu verdanken, die eine Frau am Gewehr als unästhetisch empfanden und sie sowieso lieber auf Heim und Herd beschränkt hätten.
Krieg ist ein Instrument der Macht, und wenn Frauen in der Vergangenheit mehr Macht gehabt hätten, hätten sie auch daran teilgenommen.

Nein, das h√§tten sie nicht, wenn sie mehr Macht gehabt h√§tten, dann h√§tten sie als Erstes ihre S√∂hne gesch√ľtzt, denn sie sind zuallererst M√ľtter, und das wird sie bei entsprechender Auswahlm√∂glichkeit immer auf die pazifistische Seite bringen. Aber...diese Wahl hatten sie nie und werden sie nicht haben, es sei denn, die Genforschung ist eines wundervollen und hoffentlich nicht allzu fernen Tages in der Lage, die m√§nnliche Aggressivit√§t wegzuz√ľchten.

Erst dann werden ihre Einspr√ľche eventuell unterst√ľtzt werden.

>>Nebenbei gefragt: Womit h√§tten wir es verdient, eine aktive Rolle in dieser Welt zu spielen, wenn wir uns scheuen, schon jetzt Verantwortung zu √ľbernehmen. Nat√ľrlich sind Frauen vielerorts nicht in der Lage, das zu tun, aber wenn ich an die Proteste von M√ľttern w√§hrend der Kriege in Ex-Jugoslawien denke, an die Protestm√§rsche der Frauen in Tschetschenien, dann denke ich doch, da√ü wir Verantwortung genug √ľbernehmen k√∂nnen - in L√§ndern wie Deutschland, Frankreich, England, Italien, der USA usw. usf. allemal!

Und wann machs Du Dir Gedanken dar√ľber, was den Frauen in den genannten L√§ndern diese Proteste gebracht haben?
Null soviel ich weiß..oder?

>>Und wie soll etwas je getan werden, wenn niemand etwas sagt?!

Aber sagen soll doch jeder alles, je mehr desto besser, er (Sie in dem Fall) darf nur nicht erwarten, dass sie geh√∂rt werden wird und das ist bittere Realit√§t und deshalb sagte ich, f√ľr das Bild dieser Welt, die man nicht mitbestimmt hat, die Verantwortung zu √ľbernehmen, fehlte gerade noch, dass sollten Diejenigen tun, die diesen Zustand zu verantworten haben.

Ich bin eben f√ľr eine glasklare Sicht auf die Welt wie sie ist und nicht, wie ich sie mir w√ľnsche.
Dann wirds zur einfachen Rechenaufgabe, 50% Mitbestimmung gleich 50% Verantwortung.

L.W.




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