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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Anhalterin
Eingestellt am 14. 12. 2015 11:26


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Hyazinthe
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Die Anhalterin

Eigentlich nehme ich nie Anhalter mit. Man kann als Frau ja nicht wissen, ob man nicht an einen Vergewaltiger oder einen Massenmörder gerĂ€t. Ich weiß nicht, warum ich diesmal einem plötzlichen Impuls folgte und bremste, als ich das MĂ€dchen mit dem großen Pappschild in der Hand sah. Sie stand an der Ausfahrt der AutobahnraststĂ€tte kurz hinter Hamburg und hielt den Daumen in die Höhe. Auf dem Schild stand in dicken, handgeschriebenen Buchstaben: ROM. Als sie sah, dass ich rechts ran fuhr, kam sie eilig angelaufen, öffnete die BeifahrertĂŒr und fragte mit einem strahlenden LĂ€cheln: „Nehmen sie mich ein StĂŒck mit?“ Ich nickte, und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Toll! Kann ich meinen Rucksack in den Kofferraum legen?“
Mir fielen die beiden GepĂ€ckstĂŒcke ein, die ich mit MĂŒhe und Not in dem kleinen Toyota verstaut hatte. „Legen Sie ihn besser auf die RĂŒckbank. Der Kofferraum ist schon voll.“
Sie bugsierte das voluminöse Ding mit der eingerollten Isomatte mit einiger MĂŒhe auf die RĂŒckbank und ließ sich dann aufatmend auf den Beifahrersitz fallen.
„Danke, dass Sie angehalten haben! Ich stehe hier schon ĂŒber eine Stunde.“ Sie setzte sich zurecht und schnallte sich an. Ich legte den Gang ein und fĂ€delte mich in den Autobahnverkehr ein, der um diese frĂŒhe Morgenstunde noch relativ ruhig lief.
„Ich fahre aber nicht bis nach Rom“, sagte ich und deutete auf das Schild, das das MĂ€dchen noch in der Hand hielt.
Sie lachte. „Schon okay, das hatte ich auch nicht erwartet. Hauptsache, es geht ein StĂŒck weiter Richtung SĂŒden. Wohin fahren Sie denn?“
Was sollte ich auf diese einfache Frage antworten?
„Ich weiß es noch nicht“, sagte ich, „das heißt, nicht genau,“ fĂŒgte ich schnell hinzu, weil ich merkte, wie seltsam meine Antwort klingen musste. „Ich mache Urlaub“, log ich. Sie gab sich mit dieser vagen Auskunft zufrieden, und eine Weile trat Schweigen ein. Ich ĂŒberholte mit hoher Geschwindigkeit, die mein Auto fast an die Grenze seiner LeistungsfĂ€higkeit brachte, eine schier endlose Kolonne von LKWs. Dann scherte ich wieder auf die rechte Fahrspur ein und fuhr in gemĂ€chlicherem Tempo weiter, damit ich die junge Frau neben mir unauffĂ€llig mustern konnte. SchĂ€tzungsweise Anfang zwanzig, schlank, fast dĂŒnn, mit langen Beinen, die im Fußraum meines Kleinwagens kaum Platz fanden. Rostrotes, sehr kurzes Haar, starke gerade Augenbrauen in der gleichen Farbe, eine große, etwas grobe Nase, volle, schön geschwungene Lippen und ein krĂ€ftiges Kinn. Nicht hĂŒbsch im landlĂ€ufigem Sinn, aber ausdrucksstark. Selbstbewusst. Besonders die tiefliegenden braunen Augen, die von langen, rotblonden Wimpern umrahmt wurden, riefen diesen Eindruck hervor. Sie war völlig ungeschminkt, außergewöhnlich bei der heutigen Vorliebe der jungen MĂ€dchen fĂŒr auffĂ€lliges Make-up.
„Na, zufrieden mit der Begutachtung?“
Ich errötete. Offenbar hatte sie meine Seitenblicke bemerkt. „Entschuldigen Sie“, antwortete ich kleinlaut, „ich wollte nicht unhöflich sein.“
„Schon gut, ist okay. Ist doch ganz klar, dass Sie wissen wollen, wen Sie sich da eingeladen haben.“ Ihr Lachen klang fröhlich und unbekĂŒmmert. „Ich heiße Henriette, aber alle nennen mich Jette.“ Sie streckte mir ihre lange, schmale Hand entgegen, auf deren weiße Haut etliche Sommersprossen prangten.
„Ich bin Elisabeth, aber alle nennen mich Lisa“, antwortete ich. Ihr HĂ€ndedruck war kurz und fest.
“So, das wĂ€re erledigt“, meinte sie munter, „jetzt kennen wir uns.“
Das entspannte Schweigen, das nun folgte, empfand ich als angenehm. Jette sah aus dem Beifahrerfenster hinaus und schien ihren Gedanken nachzuhÀngen.
Es war ruhig im Auto, der Verkehr lief gleichmĂ€ĂŸig und problemlos, und schon war sie wieder da, die Erinnerung an die quĂ€lenden Ereignisse der letzten Nacht, vor denen ich geflohen war. Freds verzweifeltes Gesicht, seine Entschuldigungen und ErklĂ€rungen, meine unbĂ€ndige Wut und der Schmerz ĂŒber seine Untreue, sein ewiges: „Was soll ich denn nun tun?“ Dann das TĂŒrenschlagen, mein hastiges Kofferpacken, im Kopf nur den einen Gedanken :“Weg hier!“ Die entsetzten Gesichter der Kinder, die durch den LĂ€rm aus dem Schlaf gerissenen worden waren und in der TĂŒr standen, als ich um drei Uhr morgens aus dem Haus stĂŒrmte und sie dort zurĂŒckließ. Sollte Fred ihnen doch erklĂ€ren, was los war! Was er getan hatte! Wie er mich betrogen hatte, all die Monate! Mit seiner ach so schicken Kollegin! Die Vorstellung, wie er mit ihr im Bett lag und all die Dinge mit ihr tat, die, wie ich geglaubt hatte, nur mir vorbehalten waren! Das Bild verfolgte mich; es hatte sich wie mit einem glĂŒhenden Eisen in meine Seele eingebrannt. Es tat so weh!
Ich spĂŒrte, wie mir wieder die TrĂ€nen kamen. Nicht jetzt!, rief ich mich zur Ordnung. Schließlich war ich nicht allein im Auto. Ich holte tief Luft und versuchte, die Gedanken an die letzte Nacht aus meinem Kopf zu verbannen und mich auf den Verkehr zu konzentrieren.
„Wenn es hilft, erzĂ€hlen Sie es mir ruhig“, hörte ich Jette sagen. Offenbar hatte sie mich beobachtet, ohne dass ich es bemerkt hatte. “Ich sehe doch, dass Sie unglĂŒcklich sind. Und dass Sie geweint haben.“
„Ach, es ist nichts. Nur das Übliche. Mann betrĂŒgt Frau, Frau verlĂ€sst Mann, Ehe ist gescheitert.“ Ich lachte hysterisch auf. „Nichts Besonderes also. Da gibt es nicht viel zu erzĂ€hlen.“
„Okay“, sagte sie. „Wenn Sie spĂ€ter darĂŒber sprechen wollen: Ich bin eine gute Zuhörerin, sagt man.“
Ich wollte nicht darĂŒber reden. Ich hatte genug damit zu tun, meine Fassung zu bewahren und Auto zu fahren. Es war alles noch zu frisch. Ich versuchte abzulenken.
„Wie wĂ€rs, wenn Sie mir ein wenig von sich erzĂ€hlen, Jette. Zum Beispiel: Warum gerade Rom? Was haben sie dort vor?“
Jette Gesicht erstrahlte in einem breiten LĂ€cheln, das ihre weißen ZĂ€hne blitzen ließ. Ich bemerkte, dass der eine Schneidezahn ein wenig schief stand, was ihrem LĂ€cheln einen individuellen Charme gab. „Rom ist mein Traum! Die ewige Stadt. Ich möchte unbedingt den Petersdom sehen. Und das Kolosseum. Und die vielen anderen SehenswĂŒrdigkeiten. Die Engelsburg! Und die Pauluskirche. Ganz zu schweigen natĂŒrlich von der Sixtinischen Kapelle. Ach, ich habe so viel gelesen und gehört von dieser Stadt, ich will sie unbedingt selber erleben.“ Sie war ins SchwĂ€rmen geraten. „Ich studiere Architektur und Kunstgeschichte, mĂŒssen Sie wissen. Und Rom steht ganz oben auf meiner Liste.“
„Aha. Aber warum trampen Sie? Heutzutage gibt es doch so preiswerte DirektflĂŒge nach Rom. In ein paar Stunden wĂ€ren sie dort.“
„Das stimmt schon. Aber abgesehen davon, dass die FlĂŒge fĂŒr eine arme Bafög-Studentin immer noch recht teuer sind, möchte ich gern den Weg dorthin bewusst erleben. Deutschland vom Nord bis SĂŒd, die Schweiz und Österreich, halb Italien. Damit man erfĂ€hrt, wie lang der Weg ist, den man zurĂŒcklegen muss und durch welche LĂ€nder und StĂ€dte er fĂŒhrt, bis man an seinem Ziel angekommen ist.“
Ich nickte. „Das verstehe ich gut. Ich finde es auch irritierend, wenn man nach ein paar Stunden im Flugzeug in einem fremden Land, bei ganz anderem Wetter und in einer völlig verĂ€nderten Umgebung aussteigt.“

Ein nachdenkliches Schweigen entstand. Das gleichmĂ€ĂŸige Brummen des Autos hatte eine einschlĂ€fernde Wirkung. Der Verkehr war dichter geworden und erforderte meine ganze Aufmerksamkeit. Nach einiger Zeit machte sich eine bleierne MĂŒdigkeit hinter meinen Augen bemerkbar. Ich hatte die Nacht ĂŒber nicht geschlafen und außer der Tasse Kaffee wĂ€hrend der Tankpause auf der RaststĂ€tte, wo ich Jette aufgelesen hatte, nichts im Magen. Und das war schon fast zwei Stunden her.
„Wie wĂ€r's mit einer kleinen Pause?“
Jette schrak auf. Anscheinend war sie ein wenig eingedöst. „Okay“, sagte sie und rieb sich die Augen. „Wo sind wir denn inzwischen?“
„In der NĂ€he von Hannover, auf der A7. Die fĂŒhrt uns immer Richtung SĂŒden. Wir halten an der nĂ€chsten RaststĂ€tte. Ich brauche unbedingt etwas zu essen. Sie auch?“
„Hm.“ Jette setzte sich auf. Sie kramte in ihrem Rucksack nach einer Wasserflasche und einem Röhrchen mit Tabletten.
„Ich habe nur etwas Kopfschmerzen“, erklĂ€rte sie, wĂ€hrend sie eine der Tabletten aus dem Röhrchen schĂŒttelte, in den Mund steckte und mit einem Schluck Wasser hinunterspĂŒlte.

In der RaststĂ€tte roch es appetitlich nach Kaffee, frischen Brötchen und RĂŒhrei. Ich lud mir neben den Brötchen, der Marmelade und der Butter einen großen Teller RĂŒhrei, zwei kleine WĂŒrstchen und gebratenen Speck auf mein Tablett und trug es zu dem Tisch, an dem Jette schon wartete.
„Ich habe richtigen Hunger“, rechtfertigte ich meine ĂŒbergroße Portion, als ich Jettes bescheidene BrötchenhĂ€lfte sah. Kein Wunder, dass sie so schlank war. Beneidenswert, die schmale Taille und der kleine Busen in dem dĂŒnnen T-Shirt. Und die endlos langen schlanken Beine, die in der engen Jeans erst richtig zur Geltung kamen. Seit der Geburt der beiden Kinder hatte sich meine Figur leider ungĂŒnstig verĂ€ndert. Das jugendlich Straffe war nicht mehr da, besonders um den Bauch herum. Nun ja, mit Ende dreißig sah man eben nicht mehr aus wie mit zwanzig. Lange noch kein Grund, sich sofort in das Bett einer JĂŒngeren zu legen wie Fred es getan hatte, dachte ich wĂŒtend. Nein, nicht daran denken!
„Sind Ihre Eltern nicht besorgt, wenn Sie so ganz allein auf die Reise gehen? Es ist ja nicht ganz ungefĂ€hrlich zu trampen.“
Jette strich sich mit allen zehn Fingern durch ihre Haare und brachte sie so in die richtige Form. Ein seltsames LĂ€cheln spielte um ihre Lippen.
„Sie wissen nichts davon. Sie hĂ€tten es mir nie erlaubt. Aber ich wollte es unbedingt. Es ist ...“ Sie stockte. Anscheinend hatte sie etwas sagen wollen, es sich dann aber anders ĂŒberlegt. „Es ist wichtig fĂŒr mich, diese Reise allein zu machen und nicht mit Mama und Papa und Bruder und Schwester. Dann wĂ€re es nur eine Urlaubsreise gewesen und nichts Besonderes mehr.“
„Verstehe“, sagte ich. „Es ist das Abenteuer, das Sie lockt.“
Wieder dieses merkwĂŒrdige LĂ€cheln. „Ja, in gewisser Weise.“ In ihre Augen trat ein Ausdruck, den ich nicht deuten konnte. War es Traurigkeit? Oder nur Nachdenklichkeit? Die helle Haut ihres schmalen Gesichtes zeigte eine leichte Rötung, durch die die vereinzelten Sommersprossen fast verschwanden. Was fĂŒr ein apartes MĂ€dchen, dachte ich. Und so beneidenswert jung!
Nachdem ich mein reichhaltiges FrĂŒhstĂŒck verschlungen und zwei Becher von dem ĂŒberraschend guten Kaffee getrunken hatte, fĂŒhlte ich mich besser. Die MĂŒdigkeit war verflogen, und wir machten uns wieder auf den Weg. Ich hatte immer noch keine Ahnung, wohin ich eigentlich wollte. Erst einmal nur weg. Mit meinem Handy meldete ich mich im BĂŒro und sagte, ich sei krank. In gewisser Weise war ich das auch; jedenfalls war ich in meinem jetzigen Zustand nicht in der Lage zu arbeiten. An die Kinder wollte ich vorerst nicht denken. Maike, unsere siebenjĂ€hrige Tochter, und Jan-Philipp mit seinen zehn Jahren waren groß genug, eine Weile ohne mich zurechtzukommen. Außerdem war Fred ja da. Sollte er sich doch um unsere Kinder kĂŒmmern!

„Wie wĂ€r's mit ein wenig Musik?“ Jettes Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Gerade durchfuhren wir mit Tempo Sechzig eine endlos lange Baustelle. Vor und hinter mir, bedrohlich nahe, riesige LKWs.
„Im Handschuhfach ist eine Tasche mit CDs, vielleicht suchen Sie eine davon aus“, sagte ich.
„Toll, Sie mögen Jazz!“ Jette hatte die CD gefunden, die Fred und ich von einer Jazzband gekauft hatten. Sie spielte so hinreißende Soul- und Jazzmusik, damals in New Orleans. Der hagere schwarze SĂ€nger besaß fast dieselbe Stimme wie Louis Armstrong.'The House of the Rising Sun' erklang, unvergleichlich schön gesungen, und die Erinnerung an unsere Reise in den SĂŒden der USA trieb mir schon wieder die TrĂ€nen in die Augen. Zum zehnten Hochzeitstag hatten wir uns diesen Urlaub geschenkt, Fred und ich, ohne die Kinder, nur wir beide. Es war heiß und schwĂŒl gewesen in der Stadt, an allen Ecken spielten Lifebands diese einzigartige Musik, die Straßen waren voll mit Touristen, schwarzen Einheimischen und StraßenkĂŒnstlern. Ich musste lĂ€cheln, als ich an die Hochzeitsgesellschaft dachte, die singend und musizierend durch die Bourbon Street tanzte, allen voran der BrĂ€utigam und die fĂŒllige Braut in ihrem voluminösen weißen Kleid, wĂ€hrend sie bunte Perlenketten unter die applaudierenden Zuschauer warfen. Fred und ich hatten nach der obligatorischen Raddampferfahrt auf dem Mississippi und einer Sightseeingtour mit der klapprigen hölzernen Straßenbahn schließlich, erschöpft und völlig verschwitzt, in einem Straßenrestaurant unter einem riesigen Sonnenschirm zwei freie PlĂ€tze ergattert. WĂ€hrend wir die wohltuende KĂŒhlung des Ventilators genossen, spielten die schwarzen Musiker auf dem Podium den unvergleichlichen New Orleans-Jazz. Wir saßen da und hörten zu, tranken Cola mit viel Eis, hielten uns an den HĂ€nden und waren glĂŒcklich. FĂŒr zehn Dollar nahmen wir anschießend eine der CDs mit, die die Band auf einer umgedrehten Bierkiste anbot. Nach dem, was gestern geschehen war, tat die Erinnerung an diese wundervollen Tage schrecklich weh.

„Bitte, legen Sie eine andere CD ein“, bat ich Jette. Sie sah mir fragend ins Gesicht, sagte aber nichts und folgte meiner Bitte.
Inzwischen war es weit nach Mittag, wir waren in der NĂ€he von Göttingen, und ich spĂŒrte, dass ich nun wirklich nicht mehr weiterfahren konnte vor MĂŒdigkeit.
„Ich nehme die nĂ€chste Ausfahrt, Jette, egal, in welchen Ort sie fĂŒhrt. Ich muss unbedingt ein paar Stunden schlafen, ich bin todmĂŒde. Und Hunger habe ich auch schon wieder. Wenn es geht, werde ich dort ĂŒbernachten. FĂŒr heute bin ich weit genug gefahren. Wollen Sie mit mir kommen oder soll ich Sie vorher an einer RaststĂ€tte absetzen, damit sie weiter trampen können?“
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, komme ich mit. Ich habe es nicht eilig.“
In einem kleinen Kaff namens Ellershausen fanden wir einen Gasthof, der auch Fremdenzimmer vermietete. Da es keine Einzelzimmer gab, schlug ich vor, dass wir uns ein Doppelzimmer teilten, obwohl Jette sagte, sie könne auch im Freien schlafen; dafĂŒr habe sie ihr kleines Einmannzelt dabei. Nach einigem Hin und her einigten wir uns darauf, gemeinsam eines der sehr preiswerten Doppelzimmer zu nehmen, wobei Jette darauf bestand, die HĂ€lfte des Preises zu bezahlen.
Die Gastwirtin bot uns das Tagesgericht an, das ich heißhungrig verschlang. Anscheinend fĂŒhrte seelischer Kummer bei mir nicht wie bei anderen Menschen zu Appetitlosigkeit, sondern im Gegenteil zu einem stĂ€ndigen HungergefĂŒhl. Jette hingegen aß nur die HĂ€lfte des leckeren Schweinebratens. Langsam fing ich an, mir Gedanken zu machen, warum sie so wenig aß. Sie sagte, sie sei mĂŒde, genau wie ich, und hĂ€tte nichts gegen einen kleinen Mittagsschlaf. Kaum hatten wir uns auf dem komfortablen Doppelbett ausgestreckt, fielen mir die Augen zu.

Als ich aufwachte, fĂŒhlte ich mich frisch und ausgeruht. Es war zu meinem Erstaunen schon sechs Uhr abends. Jette war nicht da; ihr riesiger Rucksach stand halb ausgepackt neben ihrem Bett. Ich nahm mein Handy und schaltete es ein. Drei Anrufe in Abwesenheit, teilte mir das Display mit. Fred natĂŒrlich. Einen Augenblick ĂŒberlegte ich, dann wĂ€hlte ich den Festanschluss von zu Hause.
„Hallo?“ Jan-Philipps Stimme klang dĂŒnn und zaghaft. Mir wurde das Herz schwer.
„Hallo Janni“, sagte ich, „hier ist Mama. Ich wollte nur mal hören, wie es euch geht.“
„Papa macht gerade Abendbrot.“
„Ach so? Das ist gut. Was macht Maike?“
„Maike sitzt vorm Fernseher. Soll ich sie rufen?“
„Nein, lass nur.“ Eine Pause entstand. „Du, Janni? Du hast ja heute Nacht den LĂ€rm mitgekriegt, nicht?“
„Hm.“
„Also. Papa und ich haben uns gestritten, und ich war so wĂŒtend, dass ich weggefahren bin. Aber ihr mĂŒsst euch keine Sorgen machen, ich komme bald wieder. Das kannst du auch Maike sagen. Machst du das?“
„Ja.“
„Okay, Janni! Ich hab euch lieb, vergiss das nicht.“
„Ja.“
„Gut. Gibst du mir jetzt den Papa, bitte?“
„Ja. TschĂŒss, Mama!“
Ich wischte mir die TrÀnen aus dem Gesicht, die mir ohne dass ich es verhindern konnte, aus den Augen gelaufen waren, und rÀusperte mich.
„Hallo!“
„Hallo, Fred. Ich rufe nur an um zu sagen, dass es mir gut geht.“
„Okay.“ Seine Stimme klang belegt. Ich hörte, wie er sich rĂ€usperte. „Lisa, ich weiß nicht, was ...“
Ich unterbrach ihn.
„Das höre ich jetzt zum x-ten Mal von dir. Lass dir mal was Neues einfallen!“ Die Wut kochte wieder in mir hoch. Ich atmete tief ein. Es hatte keinen Sinn, den Streit am Telefon fortzusetzen. „Hör zu! Ich weiß noch nicht, wann ich zurĂŒckkomme. Du musst inzwischen fĂŒr die Kinder sorgen. Denk daran, Jan-Philipp muss morgen zum KieferorthopĂ€den, und Maike hat Donnerstag Klavierunterricht.“
„Aber ich muss doch in die Firma, ich kann doch nicht ...“
„Das ist mir scheißegal“!“ Ich schrie jetzt. Aufgebracht lief ich in dem kleinen Hotelzimmer hin und her.„Du konntest doch sonst auch alles so gut organisieren mit deiner Geliebten. Sieh zu, wie du fertig wirst.“ Wenn ich gekonnt hĂ€tte, hĂ€tte ich den Hörer auf die Gabel geschmettert, aber so drĂŒckte ich nur mit Vehemenz auf den Aus-Knopf am Handy. In mir tobte ein Aufruhr an GefĂŒhlen. Ich musste mich beruhigen. Ich beschloss, eine lange Dusche zu nehmen, mir frische Sachen anzuziehen und dann zu sehen, wo meine neue Freundin geblieben war.

„Sie ist so gegen FĂŒnf ausgegangen. Sie sagte, ich solle Ihnen ausrichten, dass sie einen Stadtbummel macht. Es ist ja auch ein so schöner Sommerabend.“ Die Gastwirtin wischte die ohnehin saubere Theke in der altmodischen, aber gemĂŒtlichen Gaststube, bis sie glĂ€nzte. „Wollen Sie hier zu Abend essen? Ich könnte Ihnen schnell etwas Warmes zubereiten. Ansonsten hĂ€tten wir eine deftige Wurst- und KĂ€seplatte.“
Ich spĂŒrte, wie ich schon wieder Appetit bekam.
„Nein, danke, vielleicht spĂ€ter. Zuerst möchte ich einen kleinen Spaziergang machen. Vielleicht treffe ich ja meine Bekannte zufĂ€llig unterwegs. Wenn nicht, wĂŒrden Sie ihr bitte ausrichten, wenn sie kommt, dass ich spĂ€testens um acht wieder hier bin?“
„NatĂŒrlich, gern.“

Es war tatsĂ€chlich ein schöner Abend. Überhaupt wollte das Wetter nicht zu meiner dĂŒsteren Stimmung passen. Das StĂ€dtchen war schnell durchquert, und ich gelangte am Ortsrand auf einen Feldweg, der durch die hoch stehenden Kornfelder fĂŒhrte. WĂ€hrend ich langsam dahinschlenderte, versuchte ich ein wenig Ordnung in meine GefĂŒhle zu bringen. Noch immer war da diese ungeheure Verletztheit, die alles andere in den Hintergrund drĂ€ngte. Fred hatte mein Vertrauen missbraucht, mich monatelang belogen und meine Liebe mit FĂŒĂŸen getreten. Mein Mann, mit dem ich seit dreizehn Jahren verheiratet war! Der Vater meiner Kinder! Wir hatten gemeinsam so viel erlebt, hatten uns etwas aufgebaut. Das alles setzte er aufs Spiel, wegen dieser anderen Frau. Es war unverzeihlich. Alles war zu Ende. Wieder kamen mir die TrĂ€nen und ich konnte ein bitteres Schluchzen nicht zurĂŒckhalten.

„Sie ist auf Ihrem Zimmer“, richtete mir die Gastwirtin aus, als ich zurĂŒckkam.
„Danke. Wir kommen gleich zum Abendbrot herunter.“

Jette kam gerade aus der Duschkabine, als ich das Zimmer betrat. Sie hatte sich ein Badetuch um den Körper geschlungen und die Haare mit einem Handtuch umwickelt. Unbekleidet sah sie noch dĂŒnner aus. Zu dĂŒnn fĂŒr meinen Geschmack.
„Wie sind Ihre PlĂ€ne fĂŒr den Abend“, fragte sie. Mich störte die förmliche Anrede plötzlich.
„Wollen wir uns nicht duzen?“, fragte ich. „Jetzt, wo wir quasi Auto und Bett miteinander teilen.“
„NatĂŒrlich“, lachte sie, „sehr gern“. Förmlich reichte sie mir ihre Hand. „Wie gesagt, ich bin Jette.“
„Und ich Lisa.“ Ich wies auf ihre Aufmachung. „Zieh dir was an, ich habe uns unten angemeldet zum Abendessen. Damit du ein bisschen was auf die Rippen kriegst, so dĂŒnn, wie du aussiehst.“
„Ach das. Das sind die Nebenwirkungen.“
„Nebenwirkungen? Wovon?“
Sie winkte ab. „ErzĂ€hl ich dir vielleicht spĂ€ter. Ich bin in fĂŒnf Minuten fertig.“

„Hast du Lust auszugehen? Sicher gibt es hier ein nettes Lokal oder eine Disco oder so etwas. Obwohl ich schon lange nicht mehr in irgendeiner Disco war“, fĂŒgte ich hinzu, wĂ€hrend ich mein Schinkenbrot mit heißem Tee hinunterspĂŒlte.
„Nein, eigentlich nicht“, sagte Jette. Ich fĂŒhle mich nicht nach Ausgehen. Wie wĂ€re es mit einer Flasche Rotwein und einem MĂ€delsabend vor dem Fernseher in unserem Zimmer? Ich habe in der Programmzeitschrift gelesen, dass im Privatfernsehen 'Schlaflos in Seattle' lĂ€uft. TaschentĂŒcher habe ich genug eingepackt. WĂ€re das nichts?“
„Das ist eine grandiose Idee. Mir ist nĂ€mlich auch nicht nach anderen Menschen.“

Als der Film zu Ende war, hatten wir die Flasche geleert, etliche PapiertaschentĂŒcher verbraucht und waren in rĂŒhrseliger Stimmung.
„Alles Lug und Trug, das mit der Liebe. Im Film gibt es immer ein Happy end. Im richtigen Leben ist das nicht so.“ Ich erzĂ€hlte Jette weinend und schniefend von meinem untreuen Ehemann und dass nun alles kaputt sei. „Das Schlimmste ist: Diese Schlampe bekommt ein Kind von ihm! Von meinem Mann, stell dir das vor! Was soll ich denn jetzt nur tun?“ Ich fĂŒllte mein Glas noch einmal nach und trank einen Schluck. „Wenn er mich nur einfach betrogen hĂ€tte, könnte ich ihm vielleicht verzeihen. Denn ich liebe ihn ja, diesen Schweinehund. Aber wenn er doch ein Kind mit dieser anderen bekommt! Es hat gesagt, er weiß nicht, wie er sich entscheiden soll. Er will mich und unsere Familie nicht verlieren, aber er will auch sie mit ihrem Kind nicht im Stich lassen. Was sollen wir denn bloß tun, Jette?“
Jette hatte sich lang auf ihrem Bett ausgestreckt und starrte in die Luft.
„Ach, weißt du, Lisa, das sind alles keine großen Probleme. Die kann man lösen. Ich“, sie setzte sich auf unde zeigte mit dem halbvollen Weinglas in der Hand auf sich selbst, “ich habe ein Problem. Und das ist nicht lösbar.“ Sie sah mich an. Ihr Blick war vollkommen nĂŒchtern.
„Ich werde sterben.“
Es dauerte eine Weile, bis mein benebeltes Hirn die Botschaft verstanden hatte.
„Was?“ Ich rappelte mich von den Kissen auf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. „Du wirst sterben? Was soll das heißen: Du wirst sterben?“
„Ich werde sterben. Bald. Dies ist meine letzte Reise.“
Sie verzog ihr Gesicht zu einem traurigen LĂ€cheln. „Es ist ein Tumor. Er sitzt in meinem Kopf. Inoperabel. Man kann nichts mehr machen. Der Arzt sagt, noch zwei oder drei Monate, dann werden die Schmerzen so unertrĂ€glich sein, dass ich Morphium nehmen muss. Und dann ist es bald zu Ende.“
Ich starrte sie an. Diese junge Frau hatte nur noch ein paar Monate zu leben! Ich war erschĂŒttert. Plötzlich wirkten meine eigenen Probleme geradezu lĂ€cherlich.
Ich rutschte zu ihr hinĂŒber auf die andere Seite des Doppelbettes und nahm sie in die Arme. Nach einer Weile löste sie sich von mir.
„Jetzt weißt du, warum ich so wenig esse. Das sind die Nebenwirkungen der Tabletten, die ich gegen die Schmerzen im Kopf nehmen muss. Sie fĂŒhren zu Appetitlosigkeit. Manchmal auch zu Übelkeit und Erbrechen.“ Sie rĂŒckte etwas von mir ab. „Aber sonst geht es mir gut. Ich brauche kein Mitleid.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und fĂŒhlte mich schrecklich hilflos. Dann kam mir ein Gedanke.
„Deshalb also Rom? Der Sitz des Papstes? Bist du glĂ€ubig?“
Abrupt wandte sie sich mir wieder zu und ein Strahlen ging ĂŒber ihr Gesicht.
“Ja“, sagte sie, „ja, ich glaube an Gott. Ich glaube an Gerechtigkeit. Dass es einen Ausgleich gibt fĂŒr das, was wir in unserem irdischen Leben erleiden. Ich glaube ganz fest daran. Deshalb will ich nach Rom und all die heiligen StĂ€tten sehen. Vielleicht sogar dem Heiligen Vater begegnen. Danach kann ich mich in Ruhe auf meinen Tod vorbereiten. Ich weiß, dass ich im nĂ€chsten Leben die EntschĂ€digung dafĂŒr bekommen werde, was ich in diesem Leben versĂ€ume.“ Sie umarmte mich kurz und sah mir eindringlich ins Gesicht. „Du wirst eine Lösung fĂŒr euer Problem finden, Lisa, da bin ich ganz sicher. Du bist stark. StĂ€rker als dein Mann.“

Der nĂ€chste Morgen begrĂŒĂŸte uns wieder mit strahlendem Sonnenschein. Obwohl ich in der Nacht nur wenig geschlafen hatte, fĂŒhlte ich mich gut. Ich war zu einem Entschluss gekommen.
„Jette, ich werde nach Hause zurĂŒckfahren. Zusammen mit meinem Mann werde ich die Situation klĂ€ren. Ich glaube, ich möchte, dass wir zusammenbleiben. Dass unsere Familie erhalten bleibt.“
Sie lÀchelte und nickte nur.
„Soll ich dich an der Autobahn absetzen, damit du weiter trampen kannst?“
„Ja, das wĂ€re nett. Und danke, dass du mich ein StĂŒck mitgenommen hast.“
Ich fuhr mit ihr zur nĂ€chsten AutobahnraststĂ€tte, damit sie dort jemanden finden konnte, der sie ein weiteres StĂŒck auf ihrer Reise nach Rom begleiten wĂŒrde. Wir sprachen kein Wort mehr. Nicht ĂŒber ihre Krankheit, nicht ĂŒber meine Eheprobleme. Es war nicht nötig.
Als sie ihren Rucksack ausgeladen hatte, standen wir voreinander und sahen uns an. Ich spĂŒrte, wie mir die TrĂ€nen kamen. Trotzdem versuchte ich zu lĂ€cheln.
„Schon gut“, sagte Jette und legte ihre Arme um mich. „Es ist in Ordnung.“
Ich drĂŒckte sie an mich, dann stieg ich schnell in mein Auto und fuhr los. Im RĂŒckspiegel sah ich sie dort stehen: Rothaarig, dĂŒnn, neben ihrem großen Rucksack. Sie hob die Hand und winkte. Ihre Gestalt wurde rasch kleiner.







































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Ji Rina
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Hallo Hyazinthe!

Ein kleiner Road Movie!
Flott geschrieben – in einem Zug durchgelesen! Das macht mir immer wieder großen Spass, wenn ich Deine Texte lese.Ich hab dauernd geraten: Was kommt jetzt? Und dachte an einen Mord (der in vielen Deiner Texte oft vorkommt). Über das Ende war ich dann ĂŒberrascht: Was fĂŒr ein Gewicht kann schon ein Eheproblem haben, wenn es junge Menschen gibt, die durch eine Krankheit kurz vor dem Tod stehen? Eine Aussage, die viele Leser sicherlich teilen. Ich fĂŒr mich denke, jeder Schmerz braucht einen besonderen Trost; man kann den Schmerz des einen nicht mit dem Schmerz eines anderen vergleichen. Aber das ist Ansichtssache. Im Großen und Ganzen hast Du mit Deiner Aussage natĂŒrlich Recht.

Mich hat die LĂ€nge nicht gestört. Aber falls FrankK hier „zum pfeilen“ kommt, wird er bestimmt sagen, Du sollst die Geschichte zur HĂ€lfte reduzieren.

Vielleicht kannst Du am Anfang, auf der Autobahn das Tempo der Autofahrerin ein wenig reduzieren. Denn wenn man ĂŒber die Autobahn brettert ist es meines Erachtens wirklich schwer jemanden „zu mustern“ ohne gegen den nĂ€chsten Baum zu fahren.

Gut. Ich hab frĂŒher Tramper mittgenommen und kenne das GefĂŒhl. In der Geschichte fand ich einiges atmosphĂ€risch aber ein wenig dĂŒnn: FĂŒr mich sind sich die beiden Frauen noch zu fremd, um gemeinsam ins nĂ€chste Hotelzimmer zu fahren, und Tisch und Bett zu teilen. Das junge MĂ€dchen verlĂ€sst das Hotel, um einen Stadtbummel zu machen (seltsam, da sie ganz von der Autofahrerin abhĂ€ngt). Und dann sitzen sie zusammen und weinen ĂŒber einen Film. Dies erscheint mir alles ein wenig unreal, frag mich nicht warum.Vielleicht liegt es daran, dass Du die Tramperin sehr gut beschreibst – die ErzĂ€hlerin als Charakter jedoch blass bleibt, sie wirkt ernst und verbissen; da passt dieses nette vertraute mitteinander irgendwie nicht. Auch wĂŒrde ich erwĂ€hnen , dass das GepĂ€ck des MĂ€dchens sich noch im Zimmer befand, nachdem sie verschwunden war. Diese Frage stellte ich mir nĂ€mlich: Und ihr GepĂ€ck?
Lieben Gruss,
Ji

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Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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steky
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Eigentlich nehme ich nie Anhalter mit. Man kann als Frau ja nicht wissen, ob man nicht an einen Vergewaltiger oder einen Massenmörder gerĂ€t. Ich weiß nicht, warum ich diesmal einem plötzlichen Impuls folgte und bremste, als ich die Anhalterin mit dem großen Pappschild in der Hand sah. Sie stand an der Ausfahrt der AutobahnraststĂ€tte kurz hinter Hamburg und hielt den Daumen in die Höhe. Auf dem Schild stand in dicken, handgeschriebenen Buchstaben: ROM. Als sie sah, dass ich rechts ran fuhr, kam sie eilig angelaufen, öffnete die BeifahrertĂŒr und fragte mit einem strahlenden LĂ€cheln: „Nehmen sie mich ein StĂŒck mit?“ Ich nickte, und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Toll! Kann ich meinen Rucksack in den Kofferraum legen?“
Mir fielen die beiden GepĂ€ckstĂŒcke ein, die ich mit MĂŒhe und Not in dem kleinen Toyota verstaut hatte. „Legen Sie ihn besser auf die RĂŒckbank. Der Kofferraum ist schon voll.“
Sie bugsierte das voluminöse Ding mit der eingerollten Isomatte mit einiger MĂŒhe auf die RĂŒckbank und ließ sich dann aufatmend auf den Beifahrersitz fallen.

"Eines Tages nahm ich eine Anhalterin mit." Punkt.

Eine Kurzgeschichte schreibt man nicht aus der Vogelperspektive.

LG
Steky

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FrankK
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Aber Hallo, Ji Rina

quote:
Mich hat die LĂ€nge nicht gestört. Aber falls FrankK hier „zum pfeilen“ kommt, wird er bestimmt sagen, Du sollst die Geschichte zur HĂ€lfte reduzieren.

Pfeile, werte Kollegin, verschieße ich nicht, ich kann aber mal daran feilen, schmirgeln schleifen und polieren.

Hallo, Hyazinthe
FĂŒr eine Kurzgeschichte ... keine Sorge, das hat nichts mit der LĂ€nge zu tun ... oder auch mit der LĂ€nge ... es sind einfach zu viele thematisch unabhĂ€ngige Elemente zu einer gemeinsamen Geschichte verwoben:

  • Begegnung zweier Frauen
  • Lisas Vorgeschichte: Ehekrach
  • Lisas Ehemann: Untreue mit einer Arbeitskollegin
  • Lisas Verantwortungslosigkeit gegenĂŒber den gemeinsamen Kindern
  • RaststĂ€ttenaufenthalt
  • Urlaubserinnerung New Orleans
  • Pensionsaufenthalt
  • Telefonkontakt Zu Hause
  • Fernsehabend
  • Beichte des Ehekraches
  • Beichte der Todeskrankheit
  • Glaubensbekenntnis
  • Gegenseitiges Einvernehmen
  • Abschied

Dieser Umfang, dieser Themenkatalog, der wirklich gut miteinander verwoben ist, gereicht dieser Geschichte eher zur ErzÀhlung, weniger zur Kurzgeschichte.

KĂŒrzen? WĂŒrde ich gar nicht viel, wenn ĂŒberhaupt nur an den Stellen, wo stilistisch / sprachlich etwas eingegriffen werden sollte.
Fangen wir mal an zu „feilen“ , mit einigen ErbsenzĂ€hlereien komme ich auch an:
quote:
Eigentlich nehme ich nie Anhalter mit. Man kann als Frau ja nicht wissen, ob man nicht an einen Vergewaltiger oder einen Massenmörder gerĂ€t. Ich weiß nicht, warum ich diesmal einem plötzlichen Impuls folgte und bremste, als ich die Anhalterin mit dem großen Pappschild in der Hand sah. Sie stand an der Ausfahrt der AutobahnraststĂ€tte kurz hinter Hamburg und hielt den Daumen in die Höhe. Auf dem Schild stand in dicken, handgeschriebenen Buchstaben: ROM.

Ich wĂŒrde den Start in die Geschichte nicht ganz so sparsam angehen, wie es Kollege Steky vorgeschlagen hatte. Allerdings könnte man hier etwas komprimieren und die Wortdopplungen ausmerzen. Aus irgendeinem Grund fallen sie hier besonders stark auf, weil der ErzĂ€hlrhythmus mich noch nicht gefesselt hat.

quote:
Dann scherte ich wieder auf die rechten Fahrspur ein

Korrektur: rechte

quote:
Vorliebe der jungen MĂ€dchen fĂŒr auffĂ€lliges Make up.

Korrektur: Make-up (Duden)
MĂ€dels „schminken“ sich doch aber heute viel umfangreicher, nicht nur Make-up?

quote:
Freds verzweifeltes Gesicht, seine Entschuldigungen und ErklĂ€rungen, meine unbĂ€ndige Wut und der Schmerz ĂŒber seine Untreue, sein ewiges(Doppelpunkt) „Was soll ich denn nun tun?“(kein Punkt) Dann das TĂŒrenschlagen, mein hastiges Kofferpacken, im Kopf nur den einen Gedanken(kein Leerzeichen|Doppelpunkt|Leerzeichen)„Weg hier!“

Zeichensetzung.

quote:
bei ganz anderem Wetter und in einer völlig verÀndertem Umgebung aussteigt.

Korrektur: verÀnderten

quote:
Sie spielte so hinreißende Soul- und Jazzmusik, damals in New Orleans. Der hagere schwarze SĂ€nger besaß fast dieselbe Stimme wie Louis Armstrong.'The House of the Rising Sun' erklang, unvergleichlich gesungen von dem SĂ€nger mit der Armstrong-Stimme, und die Erinnerung an unsere Reise in den SĂŒden der USA trieb mir schon wieder die TrĂ€nen in die Augen.

Doppelte Aussage, zu dicht und zu markant, deshalb auffÀllig.

quote:
Da es keine Einzelzimmer gab, einigten wir uns darauf, gemeinsam ein Doppelzimmer zu nehmen.

Irgendwie klingt es ungewollt komisch. Die beiden hĂ€tten ja auch zwei Doppelzimmer nehmen können. Klingt einfacher, wenn sie sich direkt auf ein gemeinsames Doppelzimmer einigten. Bestenfalls eine gewisse Sympathie fĂŒr die finanzschwache Studentin einflechten.
WĂŒrde etwas Ji Rinas Probleme ausmerzen, die sich damit schwertut, dass die beiden Frauen so leicht zusammenfinden.

quote:
Jette hingegen aß nur die HĂ€lfte des leckeren Schweinebratens. Kein Wunder, dass sie so dĂŒnn war

Nach dem Einstieg ins Auto: „schlank, fast dĂŒnn“
Kurz vorher (an der RaststĂ€tte): „Kein Wunder, dass sie so schlank war.“
Langsame Steigerung der EinschÀtzung.
Dieses erneute „Kein Wunder“ stört mich, um die Steigerung zu verdeutlichen, sollte hier stattdessen vielleicht eher:
„Ich machte mir Gedanken, weil sie so dĂŒnn war.“

quote:
„NatĂŒrlich, gern.“ Die freundliche Frau widmete sich wieder ihrer Theke.

Das sie nach dem GesprĂ€ch wieder ihrer unterbrochenen BeschĂ€ftigung nachgeht, ist durchaus logisch. Dieser Satz ließe sich ersatzlos streichen, weil das „Theken-Putz-Thema“ kurz zuvor schon recht ausfĂŒhrlich behandelt wurde. Außerdem erlischt dann die doppelte Theke und ich habe wieder was zum kĂŒrzen gefunden.

quote:
Überhaupt wollte das Wetter in keinster Weise zu meiner dĂŒsteren Stimmung passen.

Das ist wie die Steigerung von „nichts“, die gibt es nicht.
Zum vorangestellten „Überhaupt“ passt doch wunderbar ein „nicht“:
Überhaupt wollte das Wetter nicht zu meiner dĂŒsteren Stimmung passen.

quote:
... der durch die meterhoch stehenden Kornfelder fĂŒhrte.

Kornfelder stehen nicht „mehrere Meter“ hoch, was unterschwellig durch dieses Konstrukt suggeriert wird. Lass die Kornfelder einfach nur „hoch“ stehen, das reicht fĂŒr das Stimmungsbild.

quote:
Wie wÀre es mit einer Flasche Rotwein und einem MÀdelsabend vor dem Fernseher in unserem Zimmer? Ich habe in der Programmzeitschrift gelesen, dass auf Pro sieben 'Schlaflos in Seattle' lÀuft.

Korrektur: MĂ€delabend (Wahrhaftig, Duden-Empfehlung)
Korrektur: ProSieben (Eigenname)

quote:
Im Film gibt es immer ein Happy end.

Korrektur: Happy End (Duden-Empfehlung, alternativ: Happyend)

quote:
Jette hatte sich lang auf ihrem Bett ausgestreckt und starrte in die Luft.
„Ach, weißt du, Lisa, das sind alles keine großen Probleme. Die kann man lösen. Ich“, sie zeigte mit dem halbvollen Weinglas in der Hand auf sich selbst, “ich habe ein Problem.

Ich habe auch ein Problem. Im Bett lang ausgestreckt (liegend!) kann ich schwerlich mit einem halbvollen Weinglas auf mich selbst zeigen, ohne dass es schwappt. Mein Kopfkino klemmt da ein wenig. Wieso muss hier auf jemanden gedeutet werden? Als Kunstpause (dramaturgisch genau an der richtigen Stelle) lass sie doch einfach im GesprĂ€chsfluss „stocken“.

Allgemein noch:
Grundzahlen unter einer Million schreibt man klein, auch wenn sie die formalen Merkmale eines Nomens haben.
Also zwanzig, nicht Zwanzig - sechzig, nicht Sechzig
Davon gibt es auch noch eine Handvoll in Deinem Text, habe mir aber nicht alle gemerkt.


Zusammenfassend:
Eine schöne, einfĂŒhlsam erzĂ€hlte Geschichte ĂŒber zwei Frauen, deren Wege sich fĂŒr einen kurzen Moment kreuzten. Jede konnte, in gewisser Hinsicht, fĂŒr die andere eine Hilfe sein.

Abschließend habe ich eher das GefĂŒhl, es geht nicht darum, welches Schicksal schwerer wiegt. Das ist gar keine Frage.
Unterschwellig hatte ich den Eindruck, es ginge Dir, werte Hyazinthe, darum, zu zeigen, dass auch Totgeweihte noch einen elementaren Beitrag leisten können.
Jette, dem Tode selbst so nah, gibt einen Teil ihrer Kraft an Lisa weiter, damit sie sich wieder dem Leben, der Herausforderung mit Mann, Kindern und Geliebter stellen kann.
Hut ab, reife Leistung.


Noch mehr kĂŒrzen?
Empfinde ich nicht so. Ehrlich, ich bin kein „KĂŒrzungs-Fanatiker“. Hier passt es, so wie es ist. Ich bin eher dafĂŒr, dass es einer Geschichte erlaubt sein sollte, eine Geschichte zu erzĂ€hlen. Vor allem, wenn das wie hier so gut gelungen ist.

Ich hĂ€tte nur eine Empfehlung fĂŒr das Gesamtwerk (keinen Tipp, davon krieg ich mittlerweile einen unangenehmen Ausschlag):
Dies ist (mit aller Sanftmut) keine Kurzgeschichte. Ich wĂŒrde es fĂŒr meinen Geschmack eher als „kurze ErzĂ€hlung“ bezeichnen. Im Endeffekt musst Du aber selber wissen, wo und wie Du Deine Geschichte einordnen möchtest.
Ich fĂŒrchte nur, unter „Kurzgeschichte“ wird es weitere Diskussionen ĂŒber den Umfang des StĂŒckes geben. Das wĂ€re schade.


Herzliche GrĂŒĂŸe aus Westfalen
Frank

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Leben und leben lassen.

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TaugeniX
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Die Geschichte gefĂ€llt mir. Es ist ein Balsam auf mein erzkatholisches Herz, dass jemand noch in "palliativer Gesamtsituation" nach Rom pilgert, anstatt sich mit Anxiolytika und Antidepressiva vollstopfen zu lassen. Ihre aufrechte mutige Haltung und auch ihre Zuwendung dem Leid eines Anderen wirken auf mich authentisch, obwohl - obtrotz sogar - ich es sehr selten auf diese Art erlebe. - Kann sein, dass Patienten mit diesem starken und heiteren GemĂŒt gar nicht auf unserer Station landen.

Die kleine Überheblichkeit des Sterbenskranken ĂŒber die Probleme der Gesunden ist auch gut gesetzt, finde ich. - Realistisch.

Die Eheprobleme der ErzĂ€hlerin empfinde ich lediglich als Hintergrund fĂŒr die "Charakterentwicklung" der Patientin. - Dies liegt aber vermutlich nicht am fehlenden Gleichgewicht der Geschichte, sondern an meiner Berufsdeformation.

Ich wĂŒrde im Rahmen des Feinschliffs auf die Opiate verzichten. In der Phase, wo die Tumorschmerzen bereits opiatpflichtig sind, trampt keiner mehr von Norddeutschland nach Rom, bzw. wĂ€ren wir schon im Bereich des ÜbernatĂŒrlichen. Gerade die Gehirntumore produzieren noch VOR den so argen Schmerzen Bewußtseins- und Gleichgewichtsstörungen.

Aber wenn es doch so bleiben soll, dann mĂŒĂŸte man zumindest den Wein rausnehmen. Wenn man ihre Medis mit Alkohol runterspĂŒlt, dann ist wirklich Achterbahn.

Upps. Warte, jetzt habe ich nachgelesen: sie nimmt noch gar keine Opiate. Was nimmt sie denn dann mit Übelkeit und Appetitlosigkeit im Nebenwirkungsprofil? Sie geht doch nicht mit oraler Chemo auf Reisen? Aber da ist der Nebenwirkungsprofil so, dass man kaum aus dem Haus greien kann.
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Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht. Th. Fontane

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Hyazinthe
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Hallo Thomas!

Ob Jette fĂŒr Lisa ein Engel war? Wohl nicht. Aber eine junge Frau, die ihr geholfen hat, ĂŒber den ersten Schmerz hinwegzukommen und den Ehebruch ihres Mannes in einem objektiveren Licht zu sehen.
Danke fĂŒr deinen freundlichen Kommentar.
Gruß, Hyazinthe


Hallo Ji!

Du hast Recht mit deinen Kritikpunkten. Ich habe versucht, dieses spontane Sich-Verstehen der beiden Frauen glaubhafter zu machen. Ich hoffe, die Textstellen, ĂŒber die du "gestolpert" bist, sind jetzt besser.
Mit lieben Gruß, Hyazinthe


Hallo steky!

Was meinst du denn mit "Vogelperspektive"?
Gruß, Hyazinthe


Hallo Frank!

Vielen Dank fĂŒr deinen ausfĂŒhrlichen Kommentar! (Warum nimmst du eigentlich kein Honorar fĂŒrs Lektorieren? Nebenbei: Wann schlĂ€fst du eigentlich, wenn du nachts um halb zwei noch so kluge und umfangreiche Literaturarbeit leistest? )

Ich bin deinen Empfehlungen weitgehend gefolgt. Nur bei Make-up bin ich bei dem Begriff geblieben, weil er nicht nur eine Hauttönung oder -puder bedeutet, wie du zu meinen scheinst, sondern (s.Duden) eine "kosmetische Verschönerung" insgsamt. (Endlich weiß ich einmal etwas besser!
Auch das Wort "MÀdelsabend" werde ich stehen lassen, weil es Umgangssprache ist und "MÀdelabend" irgendwie komisch klingt, und weil es in einer wörtlichen Rede vorkommt.

Ich finde, dass du ansonsten die Aussage des Textes sehr gut verstanden hast (egal, ob es sich hier um die klassische Form einer Kurzgeschichte handelt oder eher um eine ErzĂ€hlung). Ich freue mich ĂŒber dein Lob sehr.

Mit freundlichem Gruß aus dem Oldenburger MĂŒnsterland nach Westfalen, Hyazinthe


Hallo Taugenix!

Ich danke dir fĂŒr deinen interessanten Kommentar.
Ich bin keine Medizinerin und kenne mich mit Krebsmedikamenten nicht aus. Sicher hast du Recht mit dem, was du dazu anmerkst. Aber ich finde, es ist fĂŒr die Geschichte auch nicht allzu wichtig, denn es geht ja um eine gewisse Grundhaltung, dem Leben und dem Tod gegenĂŒber.
Ich stelle hier zwei sehr unterschiedliche Frauentypen gegenĂŒber, beide in besonderen, extremen Lebenssituationen, die sich dennoch gegenseitig eine StĂŒtze sein können.

Was den Glauben betrifft: Als ĂŒberzeugte Atheistin stehe ich oft gleichermaßen bewundernd wie verstĂ€ndnislos vor der tiefen GlĂ€ubigkeit mancher Menschen und beneide sie um die Kraft und die Ruhe, die sie aus ihrem Glauben schöpfen. Wie meine Protagonistin Jette, die trotz ihrer Jugend in der Lage ist, dem Tod gelassen entgegen zu sehen in der Gewissheit auf ein spĂ€teres Leben, das sie entschĂ€digen wird.

Das war eines der Dinge, die mich veranlasst haben, diese Geschichte zu schreiben.

PS: Ich lese deine Geschichten, die du in der LL eingestellt hast, mit großem Interesse.

Gruß, Hyazinthe

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