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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Anteile des Todes
Eingestellt am 07. 11. 2014 19:48


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CPMan
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2014

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There are things of which I may not speak.

Zeit kann problemlos vergehen, ohne dass ich das BedĂŒrfnis verspĂŒre, mich irgendwie zu Ă€ußern, nach außen zu kehren. Aber irgendwann, nach einer von Alltagssequenzen gefĂŒllten Zeitspanne, verdichtet sich das Erlebte zu einem sonderbaren Empfinden, zu einer AtmosphĂ€re, die nur in mir herrscht. Sicherlich ist diese AtmosphĂ€re immer von einer gewissen Melancholie geprĂ€gt, von einer nicht genau zu definierenden Ergebenheit in mich selbst.
Wundersam ist vielleicht auch, dass das Wetter dabei keine Rolle spielt. Denn heute war es, als strahle die Welt seit jeher die WĂ€rme und Geborgenheit aus, die ich fĂŒhlte, als ich den Nachmittag ĂŒber im nah gelegenen Park lag und schlummerte.
Seit Tagen reifen Gedanken in mir, PlĂ€ne, Ideen, SĂ€tze und Formulierungen. Von einer Grundidee ausgehend, will ich nun schreiben, was mich erfĂŒllt, in der Hoffnung, dass ich mich danach wieder den Dingen zuwenden kann, die das eigentliche Leben von mir verlangt.

There are dreams that cannot die.

Ich war ungefĂ€hr zehn, vielleicht elf Jahre alt. Ich wohnte in einer kleinen Stadt nahe der hollĂ€ndischen Grenze, es war Sonntag. Ich hatte die Nacht ĂŒber kaum geschlafen, vor Aufregung. Aufregung deshalb, weil ich mich mit jemandem verabredet hatte, der noch kein Kumpel von mir war, aber bald einer werden sollte. Ich hatte in der Klasse des bischöflichen Privatgymnasiums, auf das ich ging, noch nicht viele Freunde gefunden, und ich war aufgeregt, weil ich fĂŒr diesen Sonntag mit Christian in Anholt zum Tractor Pulling verabredet war. Tractor Pulling war ein Ereignis, bei dem Traktoren (nicht handelsĂŒbliche) mit allem möglichen technischen Schnickschnack zu Monstermaschinen aufgemotzt wurden, um eine bestimmte Last zu schleppen. Verschiedene dieser Monstertrucks standen zueinander in Konkurrenz und sollten an diesem Tag zum KrĂ€ftemessen den Sand auf einer eigens dafĂŒr hergerichteten FlĂ€che vor Tausenden von begeisterten Zuschauern aufwirbeln. Es war ein brutaler, mĂ€nnlicher Sport und genau das Richtige fĂŒr einen Jungen, um sich erstmalig ĂŒber seine Begeisterung fĂŒr PferdestĂ€rken zu definieren.
„Wir können noch nicht fahren!“, sagte mein Vater, als ich, fertig angezogen, darauf wartete, mit dem Familienwagen in das dreißig Kilometer entfernte Anholt chauffiert zu werden.
„ Wieso nicht“, fragte ich, in einem Ton, der von vorneherein jede noch so vernĂŒnftige Antwort abschmettern sollte.
„ Oma Hebbers ist heute nacht gestorben. Sie holen sie gerade ab!“
Zum Beweis fĂŒhrte mein Vater mich in das NĂ€hzimmer, von dem aus wir, im Schutz der Gardine natĂŒrlich, einen Ausblick auf die Hofeinfahrt des Nachbarhauses hatten. Dort geparkt stand ein langer schwarzer Kastenwagen mit Gardinen vor den lĂ€nglichen Fensterscheiben des Hecks.
Oma Hebbers war die Nachbarin, die die vierte Generation der im angrenzenden Haus lebenden Familie reprĂ€sentierte. Sie war seit einiger Zeit bettlĂ€gerig gewesen und ich hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. FrĂŒher hatte sie mir, wenn ich auf unserem Hof fegen musste, den Kopf gestreichelt und mir SĂŒĂŸes zugesteckt.

Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Vater vor der Gardine unseres NĂ€hzimmers stand, und darauf wartete, dass die alte, nun tote Frau endlich abtransportiert wĂŒrde. Mein Vater erklĂ€rte, es sei taktlos, nun aus unserer Garage das Auto zu holen um sich zu einer Sonntagsfahrt aufzumachen. Ich protestierte nicht. Ich wartete.
Um die Zeit des Wartens zu ĂŒberbrĂŒcken, stellte ich mir Oma Hebbers, die nun tot irgendwo hinter den fĂŒr uns sichtbaren Mauern lag, ein letztes Mal bildlich vor. Ich versuchte das abgedunkelte Zimmer zu sehen, in dem Oma Hebbers die letzten sechs Monate gelegen hatte. Ich versuchte, mir den Geruch des nahenden Ablebens vorzustellen, den das Zimmer abgegeben haben mochte. Ich versuchte, mir Oma Hebbers vorzustellen: die schlohweißen, wirren Haare, die gelbliche, eingefallene Haut, die Konturen des SchĂ€delskeletts, die zum Ende hin immer deutlicher hervor getreten sein mussten, die schwarze, zĂŒchtige Kleidung, die wie ein Brautkleid des ausgehenden 19. Jahrhunderts den Körper der Frau gezĂŒchtigt hatte, die Altersflecken, die dritten ZĂ€hne, die verwitterten und faltigen, blutleeren Lippen und die schwarzen Knopfaugen, in denen das Licht schon zu Lebzeiten erloschen war.
Ich glaube, dass ich sie mir so vorstellte, und ich meine zu wissen, dass mich diese Vorstellung nicht im Mindesten erschĂŒtterte. FĂŒr mich war Oma Hebbers vielleicht schon vorher gestorben. Außerdem war fĂŒr einen Jungen meines Alters nichts weiter weg als der Tod und trotz besseren Wissens hegte ich insgeheim immer noch Zweifel daran, dass mich eines Tages dasselbe Schicksal ereilen wĂŒrde.
Tractor Pulling. An diesem Tag war das mein Ereignis. Tractor Pulling. Der letzte Hauch einer Frau, die lange genug gelebt hatte, berĂŒhrte mich nicht.
SpĂ€ter sagte mir einmal mein Vater, dass er meinte, in diesem Moment, im NĂ€hzimmer vor der Gardine, ein sich bei mir entwickelndes Bewusstsein fĂŒr den Tod und die VergĂ€nglichkeit bemerkt zu haben.
„Blödsinn“, hatte ich erwidert.

There are thoughts that make the strong heart weak.

Ich war schon frĂŒher mit dem Tod in BerĂŒhrung gekommen. Als Messdiener hatte ich auf vielen Beerdigungen gedient, hatte bei strömendem Regen und strahlendem Sonnenschein Menschen verstĂ€ndnislos dabei zugesehen, wie sie sich weinend von ihren Angehörigen verabschiedeten. Diese GefĂŒhle, die da zum Ausdruck kamen, konnte ich nicht nachvollziehen, ich hatte bis dahin noch niemanden verloren, mir aber schon des öfteren gewĂŒnscht, dass jemand sterben möge.
Bei Beerdigungen sah ich also lauter mir unbekannte Leute, die zuweilen entgeistert, zuweilen schockiert, manchmal völlig orientierungslos einer Holzkiste hinterherliefen, diese auf erbĂ€rmlichste Weise bejammerten und zum Schluss immer mit einer Handvoll Erde bewarfen. Ich erlebte dieses Ritual als NormalitĂ€t, schließlich akzeptiert man als kleiner Junge widerspruchslos die Welt, die einem prĂ€sentiert wird, aber auch da erkannte ich mich nicht in dem Mann oder der Frau oder dem Kind wieder, die in der Holzkiste lagen. Das waren andere, ebenso trauerten ja auch andere. Ich kam in diesem Tod nicht vor, spielte nur eine marginale Rolle. Ich war nichts weiter als ein Statist, ich hatte keine tragende Rolle in diesem Schauspiel. UnbekĂŒmmert feixte ich nach der Messe mit dem anderen Messdiener herum, oder wir gingen Eis essen.
„Hast du die Tochter gesehen“, hatte mich Stefan, ein Messdiener, mal nach einer Beerdigung gefragt.
„Ja!“, hatte ich erwidert.
„Die war geil“, hatte Stefan dann gemeint.
Ich hatte stumm genickt und mir einen Moment lang vorgestellt, wie es wohl wĂ€re, diese Tochter zu trösten. Schließlich war es das doch, was man in einer Situation tat, oder nicht: Man spendete denen Trost, die weiterlebten, der Tote war tot, dem musste man nicht helfen.

And bring a pallor into the cheek.

Zwei Jahre spĂ€ter dann der Tod einer Klassenkameradin. Ein blondes MĂ€dchen, das schon im frĂŒhen Alter Heavy Metal hörte und sich Gothic kleidete. Auch von diesem MĂ€dchen wusste ich nicht viel, ich hatte ein paar Mal mit ihr geredet, vielleicht einen Scherz gemacht, weiter nichts. Doch, einmal hatte sie bei einem Aufenthalt in der Jugendherberge aus dem Fenster gepinkelt, und wir Jungs hatten uns, als wir davon erfuhren, tierisch drĂŒber lustig gemacht. Das blonde MĂ€dchen (ich weiß ihren Namen nicht mehr, wie war bloß ihr Name?) hatte unseren Scherzen und zuweilen gehĂ€ssigen Kommentaren dann jeden Wind aus den Segeln genommen, indem sie selber darĂŒber lachte und bereitwillig die ganze Geschichte im Detail beim Abendbrot erzĂ€hlte. Uns Jungen war das Abendbrot dabei fast im Halse stecken geblieben, aber einstimmig hatten wir nachher alle gemeint, dass das blonde MĂ€dchen ‚cool’ sei.
Irgendwann dann war dieses MÀdchen nicht mehr zum Unterricht gekommen. Pater Paulinus, unser Schulleiter, hatte uns informiert, dass das blonde MÀdchen an LeukÀmie erkrankt sei. Bei der Kundgabe waren zwei MÀdchen weinend aus dem Klassenzimmer gelaufen, komischerweise zwei MÀdchen, die wir vorher nie mit dem blonden MÀdchen hatten reden hören.
„So’n Mist“, meinte Uwe, ein krĂ€ftig gebauter Junge, zu dem wir alle aufschauten, „die schuldet mir nĂ€mlich noch Geld.“
Ein paar Jungs kicherten leise in sich hinein, ich versuchte ein ernstes, entrĂŒstetes Gesicht zu machen, was mir nicht wirklich gelang.

Wir organisierten Besuche, sammelten Geld ein, um ihr Geschenke zu machen und schrieben ihr Briefe ĂŒber unseren Schulalltag. Eine Operation folgte nach der anderen, mal ging es ihr besser, mal schlechter, mal war sie wieder auf dem Damm, kurz danach ging es wieder bergab. Schleichend machte sich Langeweile breit, wir Jungs hatten den letzten Rest MitgefĂŒhl schon lĂ€ngst aufgebraucht, und es hatte sich ja herausgestellt, dass die Schule, das Leben insgesamt, auch ohne das blonde MĂ€dchen weiter ging. UnverĂ€ndert sogar.

Irgendeines Tages schlug dann ein MĂ€dchen ein besonderes Geschenk vor.
„Sie ist doch Udo Lindenberg Fan! Wir könnten Udo Lindenberg doch einen Brief schreiben und ihn fragen, ob er sie nicht besuchen kommen will!“
„Versuchen können wir’s“, meinte Herr Figgener, unser Klassenlehrer.
Als dann nichts von Udo Lindenberg zurĂŒckkam, bestand das MĂ€dchen, das den Vorschlag gemacht hatte, darauf, ein Ă€hnlich gelagertes Geschenk zu kaufen.
„ Wir könnten ihr so einen Hut kaufen, den Lindenberg immer trĂ€gt. Und das neue Album!“
Als unser Klassenlehrer uns nach unseren Meinungen fragte, glaubte ich plötzlich, mich hervortun zu mĂŒssen.
„Seit einem Jahr machen wir ihr jetzt schon Geschenke. Ich finde, dass wir viel zu viel Geld ausgeben. Ich meine, die ist doch schon bald wieder gesund, warum mĂŒssen wir ihr andauernd was schenken?“
Der Klassenlehrer fand den Einwand sogar noch berechtigt und ich war fast ein bisschen stolz, meine Meinung gesagt zu haben.
Auch andere SchĂŒler meinten, dass man auf materielle Geschenke verzichten könne und stattdessen lieber die Krankenhausbesuche intensivieren solle. Schlussendlich kauften wir ihr nichts. Gleichzeitig gingen wir sie aber auch nicht mehr so oft besuchen, weil die Eltern meinten, sie könne soviel Besuch körperlich nicht verkraften.

Zwei Monate spĂ€ter kam unser Schulleiter wĂ€hrend des Matheunterrichts erneut zu uns in die Klasse, und erzĂ€hlte, dass das blonde MĂ€dchen bei einer Routineoperation gestorben sei. Es wiederholte sich dasselbe Szenario: Die zwei MĂ€dchen rannten weinend aus dem Klassenraum, und Uwe verabschiedete sich endgĂŒltig von dem nicht wirklich geschuldeten Geld. Ich vergrub mein Gesicht in den HĂ€nden, ĂŒbte mich in einem konsternierten Gesichtsausdruck und wusste nicht im Geringsten, was die angemessen Reaktion auf so eine Nachricht war.
„Auch wenn es jetzt schwierig ist“, meinte Herr Sahlmann, unser Mathelehrer, „ich denke, es ist das Beste, wenn wir jetzt einfach Mathe machen“.

Die Polynom-Division brachte uns tatsÀchlich auf andere, weltliche Gedanken.

Ein paar Tage spĂ€ter wurde das blonde MĂ€dchen beerdigt. Wir Jungs waren schwarz gekleidet, die MĂ€dchen auch. Als wir nach der Beerdigung auf dem Friedhof standen, meinte Holger Schmitz in bezug auf Anke, das von uns allen umschwĂ€rmte MĂ€dchen: „Habt ihr gesehen, wie traurig sie war? Ich hĂ€tte sie gerne getröstet!“. Er grinste schelmisch, als er das sagte.

And a mist before the eye.

Komischerweise glaubte ich irgendwann, an diesen Tragödien zu reifen. Menschen, mit denen ich nie wirklich etwas zu tun gehabt hatte, waren gestorben. Ich selbst lebte noch. Ich hatte sie ĂŒberlebt, war auf bizarre Weise als Sieger hervor gegangen. Aber ich merkte auch, dass diese Toten mich nicht los ließen. In GesprĂ€chen mit MitschĂŒlern kamen wir manchmal auf das blonde MĂ€dchen zu sprechen. Ein Jahr nach der Beerdigung gingen wir zum Seelenamt, einmal besuchte ich sie sogar auf dem Friedhof, sprach mit ihr ĂŒber irgendwelche Dinge. Ich realisierte, dass sie noch in meinem Bewusstsein vorhanden war, dass sie nie gĂ€nzlich daraus verschwand, und dass ich ihren Tod gelegentlich zum Anlass nahm, selbst ĂŒber den Tod als grundsĂ€tzliches Prinzip nachzudenken.

Ich habe einmal gehört, dass Elefanten, wenn sie am Skelett eines toten Elefanten vorbei kommen, die einzelnen Teile des Skeletts mit ihrem RĂŒssel ertasten. Was sich dabei genau in den Köpfen der Elefanten abspielt, kann nur vermutet werden. Es stellt sich die Frage, ob diese Elefanten, wenn die ruppige aber doch empfindsame Haut ihrer RĂŒssel ĂŒber die trockenen, versteinert wirkenden Überreste ihrer Artgenossen fĂ€hrt, ein Bewusstsein fĂŒr die VergĂ€nglichkeit ihrer eigenen Spezies entwickeln.

Und manchmal denke ich, dass wir diesen Elefanten nicht unĂ€hnlich sind. Wir zelebrieren den Tod, erinnern uns an ihn mithilfe allgegenwĂ€rtiger Rituale, beschweren uns darĂŒber, wie die Zeit verfliegt, aber gĂ€nzlich durchdrungen haben wir die Bedeutung des Todes fĂŒr unser Leben nicht. Und selbst, wenn wir sagen, dass es jeden Moment so weit sein könnte, resultiert daraus zumindest keine Handlung. Wir hören dann nicht auf, zu arbeiten oder uns die ZĂ€hne zu putzen, nur weil wir zu wissen meinen, dass theoretisch jeder Moment der letzte sein könnte. Aber wir lernen mit dem Bewusstsein zu leben, dass jeder Moment unseres Lebens einen Anteil des Todes in sich trĂ€gt.

And the words of that fatal song come over me like a chill.

Erst zu Studienzeiten, sieht man einmal vom Tod eines entferntenOnkels ab, kam ich wieder mit dem Tod in BerĂŒhrung. Ein Freund rief mich eines Nachts an. Dieser Freund war ein besonderer Freund, da er sechs Monate vorher aufgehört hatte, mein Freund zu sein. Schuld am Schluss der Studienfreundschaft war Geld und Geiz gewesen. Der Freund hatte mich immer um kleine BetrĂ€ge gebeten, die ihm fĂŒr irgendetwas fehlten. Mal waren es die letzten 50 Cent fĂŒr das Bier, das wir tranken, mal fehlten ihm in der Mensa ein paar Cent zum Bezahlen des Mittagessens. Anfangs hatte ich noch großzĂŒgig getönt, er brĂ€uchte mir wegen solch kleiner BetrĂ€ge nicht hinterher zu laufen. Irgendwann aber sammelten sich die kleinen BetrĂ€ge dermaßen an, dass sie zu einer stattlichen Summe mutiert waren. Als er mich dann eines Tages bat, mit ihm zur Mensa zu gehen und dort zu essen, wurde es mir zu bunt, als er kurz vor der Kasse, mit dem gefĂŒllten Tablett in der Hand, wieder den Studenten gab, der ĂŒberraschenderweise erst jetzt merkte, dass er kein Geld dabei hatte.
„Du musst mir was leihen“, sagte er, und ließ es betont beilĂ€ufig klingen.
„Nee,“ sagte ich mit unterdrĂŒckter Wut in der Stimm, „diesmal nicht!“
Das End von der Geschicht’ ? Er ließ das Tablett irgendwo stehen und lief davon. Er rief mich nicht mehr an und ich rief ihn auch nicht an. Im Seminar gingen wir uns, wenn wir uns vom weiten sahen, aus dem Weg, ging das nicht, verzichteten wir auf den Gruß.

Eines abends, besser gesagt, eines Nachts, rief dieser Kommilitone mich an.
„Ich bin’s“, sagte er.
Ich war darauf gefasst, dass er sich fĂŒr sein blödes Benehmen entschuldigen wollte, stattdessen sagte er nur diesen Satz: „Maik hat sich umgebracht!“
Maik war ein gemeinsamer Freund gewesen, nur dass besagter Kommilitone ihn schon von Kindesbeinen an kannte. Maik war auffĂ€llig gewesen, weil er immer guter Laune war und sowohl Ă€ußerlich als auch charakterlich auf mich immer den Eindruck eines jungen Mannes gemacht hatte, den nichts erschĂŒttern kann.
Der Kommilitone erzĂ€hlte, dass er mit Maik auf einer Party gewesen sei, um sich zu besaufen. Maik hatte sich von seiner Freundin getrennt, beziehungsweise sie sich von ihm, nachdem sie sechs Monate mehr „wie Bruder und Schwester als wie ein Paar“ zusammen verbracht hatten. Da der Kommilitone an einem mit zwölf Jahren bei einem Slayer Konzert zugezogenen Tinnitus laborierte, hatte er die Party aufgrund der lauten Musik frĂŒher verlassen.
„Ich hatte ihn extra gefragt, ob das O.K. sei“, erzĂ€hlte der Kommilitone mir, hĂ€ufig schluckend und mit leicht zitternder Stimme, am Telefon. „Ich habe ihn gefragt, ob er klar komme. Und er hat gesagt, 
er hat gesagt, er kĂ€me klar. Und dann bin ich gegangen. Ich meine, er war besoffen, aber da waren Leute, die wir kannten, Leute, die ihn nach Hause bringen konnten.“
Er machte eine Pause.
„Und am nĂ€chsten Morgen ruft die Mutter an und erzĂ€hlt mir im hysterischsten Tonfall, dass Maik sich am TĂŒrgriff“, und das Wort wiederholte er mit einer Betonung, die UnglĂ€ubigkeit zum Ausdruck bringen sollte, „am TÜRGRIFF erhĂ€ngt habe“.
Ich weiß, dass es mir angesichts dieser Nachricht wie immer ging. Ich wusste nicht, wie ichb reagieren sollte. Der erste Moment, in dem der Tod verkĂŒndet wird, scheint eine Art Aufnahme des Gesagten ohne VerstĂ€ndnis des Inhalts zu sein.
Maik war tot. Maik war tot. Ich hatte ihn nicht besonders gut gekannt, aber ich sehe ihn noch manchmal. Sein Lachen, seine große Statur, sein blondes Haar, seine sportliche Figur. Maik war tot.

Diese Menschen, diese toten Menschen, begleiten uns ein Leben lang. Bestimmte Situationen, bestimmte GerĂŒche, bestimmte GerĂ€usche, bestimmte Gegenden und Orte rufen sie in unser GedĂ€chtnis, und dann werden wir Menschen zu Elefanten, die mit ihren Sinnesorganen die Anteile des Todes, die unserem Leben innewohnen, zu ertasten versuchen.

The boy’s will ist he wind’s will.

Aber wenn wir tiefer gehen, und den Schmerz angesichts unserer VergĂ€nglichkeit wie eine Seuche erforschen, dann mĂŒssen wir konstatieren, daß nicht nur tote Menschen Anteile an unserem Leben haben. Denn VergĂ€nglichkeit kommt auch so im Alltag vor, sie muss nicht immer in ihrer stĂ€rksten AusprĂ€gung, dem Exitus, vorliegen. Das Ende einer Beziehung, der zur Neige gehende Tag, das Löschen des Lichts im ganzen Land, der beendete Beischlaf auf einer blĂŒhenden Sommerwiese, die runtergelassenen Rollladen, all diese Dinge sind Rituale, die ein Ende signalisieren. Wie sagte ein Poet doch so schön: Selbst, wenn wir uns mitten im Leben meinen, weilt der Tod doch unter uns.

Und so kĂ€mpfe ich mit dem bitteren Nachgeschmack meines Lebens, das ich in vollen ZĂŒgen genieße, obwohl ich stets in der Gewissheit lebe, dass mein Dasein Anteile des Todes in sich trĂ€gt, die sich Tagt fĂŒr Tag vermehren um mich schließlich auszufĂŒllen. Ich gedenke der Toten und gedenke damit meiner selbst.

And the thoughts of youth are long, long thoughts.

In memoriam:
Henry Wadsworth Longfellow (1807 1882)

THE LOST YOUTH

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cellllo
Guest
Registriert: Not Yet

Hab diesen schönen, da so ehrlichen und ganz ungeschönten Text
mit Interesse gelesen.
Schöne Idee, bei den Elefanten in Lehre zu gehen !!!
Und es passt sehr gut zu diesem Text, dass die berĂŒhmte Vorlage
nur so ungefÀhr zitiert wird wie sie eben so ganz zufÀllig und unprÀzise
im Kopf hÀngen geblieben war und plötzlich auftaucht.... !
cellllo

( Nur privat hat es mich dann doch interessiert, Genaueres zu suchen,
wurde fĂŒndig und war ĂŒberrascht, dass die Quelle sooooo alt ist :

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen
»Media vita in morte sumus«

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.
Wer ist, der uns Hilfe bringt, daß wir Gnad erlangen?
Das bist du, Herr, alleine.
Uns reuet unsre Missetat,
die dich, Herr, erzĂŒrnet hat.
Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott:
laß uns nicht versinken in des bittern Todes Not.
Kyrieleison.

Salzburg 1456 nach der Antiphon »Media vita in morte sumus« 11. Jh. )







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