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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 13. 10. 2014 10:46


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SiraB
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2014

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Vor etwa einem Monat hatte ich auf einen freundschaftlichen Rat hin entschieden, mich in mein Schicksal einzumischen und nicht mehr tatenlos auf den Zufall zu warten:
Nach einer gescheiterten Ehe mit einem untreuen, egomanischem und sich st├Ąndig selbst ├╝bersch├Ątzenden Mann, hatte sich das Gl├╝ck in Sachen Liebe g├Ąnzlich von mir verabschiedet. F├╝nf Jahre waren seit meiner Scheidung dahingeflossen und wieder mal munkelte man in meinem Bekanntenkreis, mein Ex habe eine neue Flamme. Auch wenn ich meinen Ex f├╝r nichts auf der Welt zur├╝ckhaben will, kann ich nicht verhehlen, dass mich die regelm├Ą├čig aufwallenden Ger├╝chte ├╝ber seine attraktiven Begleiterinnen, immer wieder schmerzhaft treffen. Denn w├Ąhrend er in steter Folge mit neuen Eroberungen brilliert, hat in diesen f├╝nf Jahren auf mich kein einziger Mann ein Auge geworfen, geschweige denn sich in mich verliebt.
Vielleicht liegt es an meinen ├╝bersteigerten Anspr├╝chen, vielleicht an meinen 46 Jahren, denen ich die Knitterf├Ąltchen um Mund und Augen und die Fettp├Âlsterchen an Bauch und H├╝ften zu verdanken habe. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich als ehrgeizige Dozentin f├╝r Literaturwissenschaften meine Zeit vorwiegend mit B├╝chern, Zeitschriften und dem Computer verbringe, um mein stattliches Pensum an Vorlesungen, Seminaren, Vortr├Ągen und Publikationen abzuarbeiten.
Als mir also Anfang letzten Monats wieder mal die neuesten Ger├╝chte hinsichtlich meines Exs zu Ohren kamen, suchte ich, wie immer in solchen Situationen, meine Freundin Renate auf. Sie ist, was Trost und gute Ratschl├Ąge anbelangte, eine meiner zuverl├Ąssigsten Vertrauten. Doch an jenem Abend war auch Renate ratlos. Nach zwei Flaschen Prosecco, einer Schachtel Zigaretten und meinem selbstmitleidigem Gejammer resignierte sie in ungewohnter Weise und speiste mich mit der Empfehlung ab, es einmal mit einer Annonce oder Agentur zu versuchen. Ich war entsetzt. ÔÇ×SchwervermittelbarÔÇť schoss es durch meine Gehirnsynapsen. War es nun schon so weit, dass Amors Pfeil mich nicht mehr auf nat├╝rlichem Wege, sondern nur noch mit Hilfe von Fachpersonal treffen k├Ânnte? Derartige Interventionen in Liebesdingen hatten f├╝r mich von jeher etwas Unsolides, etwas Schmieriges. Ich war sicher, dort tr├Ąfen sich nur die Gestrandeten, die die keine Freunde mehr hatten, Sonderlinge, Au├čenseiter und nat├╝rlich haufenweise Heiratsschwindler. Keine Frage Renates Vorschlag kr├Ąnkte mich zutiefst und so gingen wir an diesem Abend einigerma├čen verstimmt auseinander.
Doch umso mehr ich mich ├╝ber Renates Worte ├Ąrgerte, umso mehr nisteten sie sich in meinem Kopf ein. Ohne mein Zutun arbeiteten meine Gedanken unabl├Ąssig an dem Problem, bis ich allm├Ąhlich begann Renates Rat auch positive Seiten abzugewinnen.
Warum eigentlich nicht, dachte ich schlie├člich zwei Tage sp├Ąter und beschloss, die Sache sei einen Versuch wert. Schlie├člich gab es wenig zu verlieren, m├Âglicherweise aber einiges zu gewinnen.
Ich entkorkte eine Flasche Bordeaux, schenkte mir ein Gl├Ąschen ein und hockte mich vor den PC. Dann begann meine hoffungsvolle Suche in den Rubriken ÔÇ×Er sucht Sie.ÔÇť
Schnell setzte Ern├╝chterung ein, denn ich fand, dass sich die Anzeigen doch auf eigent├╝mliche Weise glichen. Allerdings muss man zugeben, dass es vermutlich eines ausgefallenen sprachlichen Talentes Bedarf, sich in diesen knappen Zwei- bis Vierzeilern auf originelle Art zu pr├Ąsentieren. Verzweifelt appellierte ich an meine Phantasie, um hinter einer dieser minimalistischen Charakter-Pr├Ąsentationen meinen Traumprinzen erahnen zu k├Ânnen. Nichts. Ich h├Ątte nun den Computer ausschalten und die Sache beenden k├Ânnen, stattdessen w├Ąhlte ich ganz willk├╝rlich folgenden Kandidaten: Selbst├Ąndig, Mitte vierzig, 1,83 m gro├č, gebildet und vielseitig interessiert ist auf der Suche nach einer treuen, unabh├Ąngigen und intellektuellen Frau. Wer auch immer sich hinter dieser Durchschnittsbiographie verbarg, es gab nur einen Weg das herauszufinden.
Ich druckte die Anzeige aus, legte sie neben den Computer und begann beherzt zu tippen. Einen handgeschriebenen Brief zog ich gar nicht erst in Betracht, da meine schon immer unansehnliche Schrift durch die ewige Computertipperei mit den Jahren geradezu verst├╝mmelt war und nur noch f├╝r kleinere an mich selbst gerichtete Notizen taugte. Wichtiger war meines Erachtens sowieso der Stil.
Ich schrieb, verwarf, l├Âschte, schrieb, l├Âschte und war irgendwann mit dem Ergebnis zufrieden. Ich schob den Brief in ein Kuvert, schrieb die Chiffrenummer drauf und steckte das Kuvert in ein Zweites mit der Adresse der Zeitung.
Bevor ich es mir anders ├╝berlegen konnte brachte ich den Brief zum Briefkasten und die Sache damit unwiederbringlich ans Laufen.
Schon an einem der folgenden Vormittage erhielt ich eine Antwort, die Stil hatte. Das musste man dem Durchschnittskandidaten lassen, sprachlich gesehen, war sein nicht allzu langer Brief Balsam f├╝r meine Literaturverw├Âhnte Seele. Die pr├Ązisen Formulierungen, die phantasievolle Wortwahl, sie waren das blanke Gegenteil der stets schnoddrigen, mit aufgesetzt jugendlichem Unterton verfassten Kurzbriefe meines Ex. Dieser Mann hatte eindeutig Qualit├Ąten, auf die ich w├Ąhrend meiner Ehe verzichten musste. Zum Gl├╝ck machte er auch direkt einen Vorschlag f├╝r ein Treffen, das k├╝rzte die Sache angenehm ab und lie├č keine unn├Âtigen Missverst├Ąndnisse g├Ąren: ÔÇ×Zeit der KirschenÔÇť Samstagabend? Ich googelte das vorgeschlagene Restaurant und stimmte zu. Es war ein einfaches Lokal, nicht zu gro├č nicht zu klein mit guter K├╝che, guten Weinen und einer schlichten, geschmackvollen Ausstattung. Mein Ex h├Ątte in so einer Situation ganz sicher dick aufgetragen und eines seiner ├╝berteuerten Schicki-Micki Restaurants vorgeschlagen. Mir war die bescheidene Variante sehr willkommen. Mein Auserw├Ąhlter wurde mir sympathisch.
Am entscheidenden Abend kleidete ich mich zur├╝ckhaltend aber elegant und schminkte mich dezent. Nichts sollte aufgesetzt und ├╝bertrieben wirken.
Erkennungszeichen war eine wei├če Tulpe, die er bei sich tragen wollte. Tulpen sind meine Lieblingsblumen, was er nat├╝rlich nicht wissen konnte. Seelenverwandtschaft also. Mittlerweile wurde ich ein wenig stolz auf meine Intuition.
Wie immer war ich zu fr├╝h. Ich wartete nerv├Âs und vor K├Ąlte trippelnd vor der ÔÇ×Zeit der KirschenÔÇť und ├Ąrgerte mich ├╝ber meine krankhafte ├ťberp├╝nktlichkeit. Dann sah ich ihn auf der gegen├╝berliegenden Stra├čenseite kommen. Die wei├če Tulpe baumelte in seiner Linken, mit der Rechten streifte er seine ├╝ppige Haartolle aus der Stirn. Mir stockte das Blut. Er blieb stehen und schaute zum Restaurant hin├╝ber. Zuerst schien es als sehe er mich gar nicht, dann trafen sich unsere Blicke. Ich war auf alles gefasst gewesen nur nicht darauf: der Auserw├Ąhlte war mein Ex.

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