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Leselupe.de > Kurzprosa
Die Art, wie sie Schokolade aufreißt
Eingestellt am 05. 07. 2004 16:45


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Anna Osowski
Routinierter Autor
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Sie sitzt mir gegenüber, ein weiteres Mal gelingt es mir nicht, meinen Blick vor ihrem Abgrund zu verschließen. Es ist die Art, wie sie Schokolade aufreißt... Es ist eine Mischung aus Gier und Hast. Und Oberflächlichkeit. Und dann auch wieder Abscheu. Und Langeweile. Und dann wieder: Gier. Es ist abstoßend. Ich mag sie dabei nicht anschauen. Wie ein Raubtier, das rücksichtslos einen unschuldigen Hasen reißt, ihm genüsslich und wie selbstverständlich das Blut aus den Wunden kaut, ihm dann ohne Bedenken ein Bein abbeißt. Nach einer schmatzenden Pause wischt es sich das Blut von den Lefzen und starrt mit leerem Blick auf die toten Reste. Es ist die Art, wie sie die Schokolade nicht einmal anschaut, bevor sie sie auspackt. Wie sie das Papier achtlos beiseite schiebt. Schon das Geräusch der Folie beschert mir eine Gänsehaut. Wie kann es sich bei ihr nur so grausam anhören. Es ist die Art dann auch, wie sie sich ruppig und ehrgeizig ein Stück von der Tafel abbricht. Ohne es auch nur eines Blickes zu würdigen, schiebt sie es lässig in den hässlichen Mund. Wie ein Wurm, nur ihre Mundöffnung ist beängstigend größer. Ekel packt mich, wenn ich das mit ansehen muss. Es ist das Geräusch, wenn ihre giftigen Zähne das fremde Süß zermalmen. Mechanisch wie ein Panzer. Kein Schmatzen, nein, ein kaum wahrnehmbares Schlickern. Wenn man die Ohren spitzt, ich bin sicher, wird man ein kleines Grunzen ausmachen können. Oder ein teuflisches Hecheln. Es ist die Farbe, die ihre Haut annimmt, wenn ihr der Zucker ins Blut schießt. Wenn sie dann lächelt und der Mund sich verzieht, eben noch Killerinstrument, nun bemüht um Freundlichkeit. Ich kann es nicht glauben, es ist die Art, wie ihre Augen dabei trüb bleiben und grau. Ganz dahinten irgendwo. Da steht sie. Oder kauert sie. Vielleicht weint sie, ich kann sie nicht sehen. Wir... Ach, wir waren uns doch einmal so nah...


Die Urfassung habe ich weiter unten in einer Antwort nochmals eingestellt.
__________________
"Große Geister müssen bereit sein, nicht nur Gelegenheiten zu ergreifen, sondern sie zu schaffen."
(Charles Colton, engl. Geistlicher 1780-1832)

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Monfou Nouveau
???
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Hallo Anna Osowski,

schöne Szene, die den Ekel sehr anschaulich zeigt und aus so etwas Alltäglichem wie Schokoladeessen einen Akt der Barbarei macht. Ich bin mir nicht sicher, aber du hältst den Ich-Erzähler sehr stark raus.
Erst so im fünften Satz kommt er:
"Ich mag sie dabei nicht anschauen." Dann wieder einige Sätze später:
„Ekel packt mich, wenn ich das mit ansehen muss.“

Plötzlich ist ein Gegenüber da. Dann fällt das Gegenüber wieder raus, um erst am Ende wieder aufzutauchen:
Ich kann es nicht glauben, es ist die Art, wie ihre Augen dabei trüb bleiben und grau.“

An sich finde ich es richtig und schlüssig, dass überhaupt eine zweite Person auftaucht, diejenige, die das Schokoladenessen beschreibt und daraus dann doch den sehr umfänglichen Schluss zieht:
„Wir... Ach, wir waren uns doch einmal so nah...“

Ich habe also gegen das Ich als schildernde Person nichts einzuwenden, nur sollte überlegt werden, ob du dieses Ich genau so einsetzen willst. Ich würde noch einmal ein bisschen testen, wann es auftauchen soll oder wann eben nicht.

Ich würde die Zeilen nicht brechen – bei mir sieht es aus, als wären sie gebrochen.
Ansonsten ein höchst origineller Versuch, der mir stellenweise großartig gefiel, hier und da vielleicht noch in der Wortwahl - nicht im Rhythmus - präziser werden könnte. So klingt der Satz „Eine atonale Symphonie des Grauens“ vielleicht zu überzogen und wäre allenfalls satirisch hinnehmbar. Aber satirisch ist dein Text nicht und will er wohl auch nicht sein.

Natürlich auch gut komponiert, wenn es sich ostentativ wiederholt: Es ist die Art, wie...


Liebe Grüße
Monfou

PS: Ich schiebe den Text in die Kurzprosa, laut Definition ist er da hervorragend aufgehoben.



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Anna Osowski
Routinierter Autor
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Hallo Monfou Nouveau.

Vielen Dank zunächst für den ausführlichen Kommentar.
Dieser Text ist ein Phänomen. Er ist schon etwas bejahrt und ich habe ihn seitdem mehrfach bearbeitet, habe aber schließlich immer wieder die Urfassung hervorgekramt. Deshalb bin ich auch froh über jeden konstruktiven Hinweis.

Was den Ich-Erzähler betrifft, so war mir seine streckenweise Abwesenheit nicht bewusst. Nach einigem Grübeln und Herumfeilen, welches immer wieder den Rhythmus zerstörte, bin ich Deiner Anregung gefolgt und habe schlicht den Ich-Erzähler gleich zu Anfang in die Szene gestellt. Ich glaube, das gibt der Konstruktion mehr Halt und der schildernden Person die nötige Präsenz. In dem Zusammenhang ist übrigens der Schlussatz fast als Pointe zu verstehen.

Ebenso habe ich die Zeilen „frei fließen“ lassen und zwei Stellen überarbeitet. Besser. J

Lieben Gruß
Anna
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(Charles Colton, engl. Geistlicher 1780-1832)

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Monfou Nouveau
???
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Liebe Anna Osowski,

ich möchte dich nicht durcheinander bringen, aber ich fand den ursprünglichen Anfang besser. "Ich" hin oder her. Lass dich nicht irritieren, du musst allein deinem Sprachgefühl vertrauen. Aber ich kenne das, man "verbessert" einen Text und dadurch kann der Text stellenweise verlieren. Manchmal geht man mit dem Korrigieren zu weit und muss wieder das eine oder andere zurücknehmen. Wie auch immer.

Ich lasse so Texte dann immer liegen und wende mich anderen Dingen oder Texten zu. Aus zeitlichen Abstand kann man dann aus den Alternativen wählen.

Wäre schön, wenn noch jemand was dazu sagen könnte und wenn du die Originalfassung hier irgendwo in einer Antwort noch einmal posten könntest, so dass man eine Vergleichsmöglichkeit hat.

Beste Grüße

Monfou

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freifrau von löwe
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da ich nicht weiß, wie diese szene vorher war, kann ich nur sagen, ich finde nun das gleichgewicht zwischen dem ich und dem du ausgewogen, wobei du ganz klar die essende ins rampenlich stellst und als erzähler im hintergrund bleibst.

eine kleinigkeit fand ich noch zu viel:

Ekel packt mich, wenn ich das mit ansehen muss.
der satz, sofern er da überhaupt eine daseinsberechtigung braucht, sollte nach "mich" enden. der rest ist eigentlich überflüssig.
__________________
Freifrau von Löwe

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Anna Osowski
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Recht hast Du. Was das Herumkorrigieren und auch das Durcheinanderbringen betrifft. Dabei fand ich nun die frühe Platzierung des "ich" durchaus stimmig?! Ich lege es noch einmal beiseite... anders als bei einer grafischen Darstellung von etwas hilft hier Augenzusammenkneifen nicht weiter...

Deine Anregung aufgreifend stelle ich noch einmal die Urfassung her, allerdings mit entfernten Umbrüchen; vielleicht findet sich ja noch ein weiteres Feedback.

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Es ist die Art, wie sie Schokolade aufreißt... Es ist eine Mischung aus Gier und Hast. Und Oberflächlichkeit. Und dann auch wieder Abscheu. Und Langeweile. Und dann wieder: Gier. Es ist abstoßend. Ich mag sie dabei nicht anschauen. Wie ein Raubtier, das rücksichtslos einen unschuldigen Hasen reißt, ihm genüsslich und wie selbstverständlich das Blut aus den Wunden kaut, ihm dann ohne Bedenken ein Bein abbeißt. Nach einer schmatzenden Pause wischt es sich das Blut von den Lefzen und starrt mit leerem Blick auf die toten Reste. Es ist die Art, wie sie die Schokolade nicht mal anschaut, bevor sie sie auspackt. Wie sie das Papier achtlos beiseite schiebt. Schon das Geräusch der Folie beschert mir eine Gänsehaut. Obwohl ich nicht ahne, wieso es sich bei ihr anders anhören kann als bei anderen. Es ist die Art dann auch, wie sie sich ruppig und ehrgeizig ein Stück von der Tafel abbricht. Ohne es auch nur eines Blickes zu würdigen, schiebt sie es lässig in den hässlichen Mund. Wie ein Wurm, nur ihre Mundöffnung ist beängstigend größer. Ekel packt mich, wenn ich das mit ansehen muss. Es ist das Geräusch, wenn ihre giftigen Zähne das fremde Süß zermalmen. Mechanisch wie ein Panzer. Kein Schmatzen, nein, ein kaum wahrnehmbares Schlickern. Wenn man die Ohren spitzt, ich bin sicher, wird man ein kleines Grunzen ausmachen können. Eine atonale Symphonie des Grauens. Es ist die Farbe, die ihre Haut annimmt, wenn ihr der Zucker ins Blut schießt. Wenn sie dann lächelt und der Mund sich verzieht, eben noch Killerinstrument, nun bemüht um Freundlichkeit. Ich kann es nicht glauben, es ist die Art, wie ihre Augen dabei trüb bleiben und grau. Ganz dahinten irgendwo. Da steht sie. Oder kauert sie. Vielleicht weint sie, ich kann sie nicht sehen. Wir... Ach, wir waren uns doch einmal so nah...
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