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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Artistische Imagination
Eingestellt am 10. 05. 2006 17:26


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Brombeertaler
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2006

Werke: 2
Kommentare: 7
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„Es wird der Unschuld und des Zornes einiger kĂŒnftiger Menschen bedĂŒrfen, um am Surrealismus das freizulegen, was auch dann noch unfehlbar an ihm lebendig geblieben sein wird, seine AuswĂŒchse unbarmherzig zu stutzen und ihn wieder auf sein eigentliches Ziel hinzulenken .“

-Andre Breton-

„Wer ist da? – Oh, ausgezeichnet! FĂŒhren Sie das Unendliche nur herein!“

-Luis Aragon-

Anmerkung: wenn im folgenden vom Surrealismus die Rede ist, so meine ich damit die geistige Haltung, die den Menschen zu allen Zeiten bekannt war. Ich meine nicht die Gruppe der Surrealisten, die sich 1924 um Andre Breton gegrĂŒndet hatte. Diese wichtige Nuance bitte ich im Vorfeld zu beachten, damit es nicht zu MissverstĂ€ndnissen kommt. Ich weisse die Gruppe der Surrealisten explizit als solche aus, denn:

Das surrealistische Denken, nĂ€mlich das Wirkliche tiefer zu ergrĂŒnden, ist zeitlos.

Dennoch geht es uns nicht um den reinen Automatismus aller psychischen VorgĂ€nge. Im Rahmen dieses Essays erlĂ€utere ich die UmstĂ€nde, die uns dazu fĂŒhren, unser Vorhaben mit dem Namen des Partikularismus zu versehen, denn dies bedeutet in erster Instanz nichts anderes als die eigenen Interessen gegenĂŒber eines Ganzen durchzusetzen. Ich erlĂ€utere ferner, was wir aus den avantgarden „Ismen“ das ĂŒbernehmen mĂŒssen, was unmissverstĂ€ndlich in ihnen steckt, was zu allen Zeiten dem poetischen Geist gehörte und was nicht verloren gehen kann: Es ist der Traum und das Wunderbare, es ist die Wirklichkeit ohne die sie wieder negierende RealitĂ€t.

Baudelaire ist der erste Seher und wahre Dichter. Den wahren Baudelaire entdeckt man aber eher in seinen Gedichten in Prosa als in den Blumen des Bösen, denn hier gelang es ihm, das geheimnisvolle im Alltagsleben zur Sprache zu bringen.

Um das will es mir ebenfalls gehen, um das Geheimnisvolle.

Rimbaud beschrieb das Wesen der wahren Inspiration. Sie dringt nicht von oben wie eine mystische Stimme herab, sondern quillt aus den Tiefen des eigenen Wesens, aus jenem Unbewußten, dem TĂŒr und Tor geöffnet werden sollten.

„Zum Seher wird der Dichter erst kraft einer langwierigen, ungeheuerlichen, aber vernĂŒnftig und absichtsvoll angebahnten chaotischen Verwirrung aller seiner Sinne. Bis zur Neige hat er Liebe, Leiden, VerrĂŒcktheit in allen ihren Erscheinungsformen auszukosten. Auf der Suche nach seinem Selbst schöpft er in sich alle Gifte, bewahrt davon nur die sublimiertesten Quintessenzen. Er versinkt in unaussprechlicher Qual, bedarf, um sie zu ertragen, der vollen stĂ€rke seines Glaubens an sich selbst, seiner ganzen ĂŒbermenschlichen Kraft, und wird darin fĂŒr seine Mitmenschen zum Todkranken, zum Schwerverbrecher, zum Verfluchten, Ausgestoßenen, aber auch zum erhabendsten Wissenden!“
Arthur Rimbaud

Nun steht es fest, daß die Dichtung auf jeden Fall irgendwohin fĂŒhren muß!

Die naturwissenschaftlichen, philosophischen Entdeckungen Einsteins, Heisenbergs, de Brogiles und Freuds nötigten die Menschen, ihre frĂŒheren Anschauungen aufzugeben und Welt, Materie und Mensch radikal anders aufzufassen. Der Nachweis des durchgĂ€ngigen Relativismus, der Unhaltbarkeit des Begriffs der KausalitĂ€t und die Einsicht in die Allmacht des Unbewußten fegten die althergebrachten, auf Logik und Determinismus grĂŒndenden Auffassungen beiseite, erzwangen eine neue Sichtweise, ermutigten zu leidenschaftlichem, erfolgversprechendem Forschen, angesichts dessen das bloß zersetzende Geschrei der Dadaisten lĂ€cherlich und unzeitgemĂ€ĂŸ wirkten.
Nun ist es aber plötzlich so, als wĂ€re das vor beinahe hundert Jahren gar nicht geschehen und noch immer tun wir so, als wĂŒĂŸten wir das alles plötzlich nicht mehr und fielen wieder zurĂŒck in unsere archaische Blindheit.

Dichtung hat GesprĂ€ch von Seele zu Seele zu sein. Die bildhaften Vorstellungen dĂŒrfen nicht mehr als Irrlichter ĂŒber die OberflĂ€che der Gedanken oder der GefĂŒhle hinlaufen, sondern sollen gleich zuckenden Blitzen alle Augenblicke >die AbgrĂŒnde des Seins< erhellen.

Vergessen wir nicht: Wir sind außergewöhnliche Lebewesen in einer außergewöhnlichen Welt. Alles, was uns umgibt ist ein unergrĂŒndliches Geheimnis und dennoch mĂŒssen wir versuchen, dieses RĂ€tsel zu lösen, jedoch ohne die Hoffnung, daß es uns jemals gelingen wird.

Ich propagiere eine totale Kunst und eine Dichtung, die der Dichter will. Das Leben als Gesamtkunstwerk.
DarĂŒberhinaus muß eine Zensur, wo immer sie ausgefĂŒhrt werden soll, unmißverstĂ€ndlich bekĂ€mpft und angeprangert werden. Zensur ist ein aggressiver Akt gegen den KĂŒnstler, das Absprechen seiner Grundrechte, das Behindern seines Ausdrucks und somit ein Eingriff in die Schöpfung selbst.

Nehmen wir die mittelalterlichen Volksdichtungen, die zusammenhanglos wilde Orgien aus ungereimt bunten Bildern nebeneinanderstellen. Haben wir eine Vorliebe fĂŒr Spuk, Gespenster, Wahngebilde, Hexerei, Geheimlehren, Magie, Laster, Traum, VerrĂŒcktheiten, Leidenschaft, Utopien, kauzigen Plunder, Trödelkram, Wunderbares, abenteuerliche Geschehnisse bei wilden Völkerschaften, deren Sitten und BrĂ€uchen, und ĂŒberhaupt fĂŒr alles, was ĂŒber den starren Rahmen hinausreicht.

Angezweifelt wird vor allem die Möglichkeit einer absoluten Erkenntnis im Sinne des menschlichen Verstandes, der Sprache und deren Gehilfen, der fĂŒnf Sinne des Menschen.
Unter der Bezeichnung „Skeptizismus“ wird diese Haltung des „Zweifels als Methode des Denkens“ in der Philosophiegeschichte zusammengefaßt. AnhĂ€nger der verschiedenen Positionen des Skeptizismus waren viele Denker des Altertums, wie zB. Pyrrhon oder Platon, in neuerer Zeit waren es Descartes, Kant, Berkeley und Husserl.
Der erkenntnistheoretische Skeptizismus im speziellen bezieht sich auf die Frage nach der Möglichkeit einer Wahrheitsgewinnung ĂŒberhaupt, sei es durch Wahrnehmung, Denken oder auch durch wissenschaftliche Forschung.
Der deutsche Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl gilt als BegrĂŒnder der PhĂ€nomenologie. Diese Lehre befaßt sich mit der Frage, inwieweit eine wirkliche Welt vom Menschen erkannt und wahrgenommen werden kann, bzw. wird.

Es ist heute allgemein bekannt, daß der Surrealismus als organisierte Bewegung seinen Ursprung in einer weitgespannten, auf die Sprache zielenden Aktion hat.
Worum also ging es?
Um nichts geringeres, als das Geheimnis einer Sprache wiederzufinden, deren Elemente nicht mehr wie Treibgut an der OberflĂ€che eines toten Meeres schwömmen. Zu diesem Zweck mußte man sie aus ihrem zunehmend nur zweckhaften Gebrauch herauslösen, es war dies die einzige Möglichkeit, sie zu befreien und ihr ihre ganze Kraft zurĂŒckzugeben.
Es ist ein Aufstand gegen die völlig entwertete Sprache.

Statt von einer Erneuerung spreche ich in den meisten FĂ€llen von „Sublimierung“, weil ich der Meinung bin, dass nur daraus etwas neues entstehen kann und wird, bedenken wir, dass wir an allen Kreuzungen schon vorbeigekommen sind.
SpĂ€testens seit Derridas Feststellung: „Der Autor ist tot!“ wird nicht mehr der Text und der Interpret befragt, sondern die Bedeutung des Textes selbst wird hinterfragt. Damit haben wir ein sehr wichtiges avantgardistisches Instrument in der Hand, die so genannte Dekonstruktion.
Wird ein Text dekonstruiert, ergebe sich eine Vielzahl von weiteren Perspektiven, die gleichzeitig vorhanden sind und sich gegenseitig zu widersprechen scheinen. Dadurch wird sichtbar, was hinter dem Text verborgen bleibt.
Dieses Verfahren wird die Kritik an Texten bekömmlicher machen, insofern es sich bei den StĂŒcken nicht um gewöhnliche ErzĂ€hlungen und leicht zu durchschauende VerknĂŒpfungen handelt.

„Sublimation“ bedeutet wörtlich ĂŒbersetzt „etwas erhöhen“ oder „etwas veredeln“ und ist der Fachsprache der Psychologie entnommen. Dort betitelt man den Vorgang des Lustgewinns, der zu allen kulturellen Leistungen gefĂŒhrt hat als „Sublimationsprozess“.
Ich selbst möchte den Begriff wie folgt verstehen: Wir nehmen die wertvollsten Errungenschaften, die zu einer völligen Befreiung der Sprache und des Unbewussten fĂŒhren und sublimieren sie in einem Topf, den wir etwa LĂ€rmende Akademie nennen. Das Schreiben findet auf einer Metaebene statt, von der aus wir nicht nur mehr Belanglosigkeiten beschreiben, sondern die UrgrĂŒnde der Wahrnehmung, der Empfindung und der Verschachtelung dieser Metaebene mit unserem Bewusstsein selbst erreichen, weil es keine Schranken und Inhalte mehr gibt, die wir nicht betreten könnten und wollten.

Der Mensch ist nicht mehr als der Teil eines Ganzen. Er ist ein Partikel. Hat er sein Leben gelebt, so ist sein Werk wohl zu Ende, niemals aber wird er es vollendet haben. Sein Leben wird immer nur ein Teil des ganzen Lebens gewesen sein, das er zu leben gehabt hĂ€tte. Geradeso verhĂ€lt es sich mit seinen Gedanken und wenn wir so wollen verhĂ€lt es sich ebenso mit dem Werk eines KĂŒnstlers.
Diese lapidare Aussage ist aber nun die Essenz des Sublimierungsgedankens, denn wenn etwas nicht vollendet werden kann, so kann man es doch veredeln.
Ausgehend davon, dass es niemals einen Roman oder eine ErzĂ€hlung geben kann, die vollendet ist, auch wenn das Werk als solches deklariert wird, hörte ich damit auf, etwas fertig stellen zu wollen und lenkte mein Augenmerk auf die prĂ€zise Widergabe der Gedanken selbst, die ein Werk ausmachen könnten. Ich befasste mich mit den Fragmenten, den Skizzen, den Chiffrierungen und fand durch die verschiedensten Strömungen der Literatur wandernd, die Reinheit der Dichtung in den Partikularen. StĂŒck fĂŒr StĂŒck formte sich mir die Perfektion der Miniatur und ich begann sie aus ihrem Schattendasein (KĂŒrzestprosa genannt) dorthin zu fĂŒhren, wo ich sie StĂŒcke in Prosa nennen konnte. Mein Schaffen wirkt hier und da wie ein Schattenriß, der aber durchdrungen von kleinen Kapillaren, Wege öffnet.
Seit mein erstes Buch, das den Anfang eines umfassenden Werkes bildet, begonnen wurde, tauchte entgegengesetzt des Wunsches nach Vollendung folgendes Problem auf: Ich begann auf die RĂ€tsel der Welt einzugehen und es öffnete sich mir ein Tor, das ich ganz und gar visionĂ€r durchschreiten konnte, ich löste das RĂ€tsel und hatte plötzlich zwei neue vor mir. Anfangs kam mir diese Situation sehr mieslich vor, doch dann fand ich heraus, daß dieses Buch in etwa so funktioniert wie unser Denken. Es kann nur Splittertechnik sein und all das Gerundete wird schließlich scheitern mĂŒssen. Im Endeffekt ist ein Roman ebensowenig etwas Ganzes wie etwa ein Gedicht und doch beinhalten beide im Idealfall das, was gesagt werden muß. Dasselbe möchte ich nun von meinen Miniaturen behaupten.
Wenn ich betrachte, was ich wissen mĂŒĂŸte, fĂ€llt mir auf, daß ich es niemals schaffen werde, etwas je zu wissen, denn: weiß ich das Eine, habe ich das Andere, das ich zuvor wußte, wieder vergessen. Zwar könnte ich Analogien herstellen, doch fĂŒhren sie mich im Kreis herum. Ich könnte einem Menschen niemals erklĂ€ren, warum er etwa dies und jenes lesen sollte und warum es schön sei, dies und das zu lesen. Ich selbst suche die Seele des Geschriebenen, das Unsterbliche und bin bemĂŒht, wenn ich schreibe, selbst unsterblich zu sein.
Ich finde Unsterblichkeit meist im Kontroversen, im Absurden, im RĂ€tselhaften, im Kryptischen. Ich finde es im Mythischen und im scheinbar Sinnlosen, im kurzen Gedanken und all meine Gier, soviel wissen zu wollen, zeigt mir, daß ich mir wĂŒnsche, einem Gott nahe zu sein, der keinen Namen trĂ€gt.
Dabei empfinde ich nichts, wenn ich denke. Ich denke nicht, wenn ich denke. Die Worte kommen und ich lasse sie zu. Ich feile an einem Bild in meinem Innern und wenn das GefĂŒhl der Einheit durch irgendetwas gestört wird, dann weiß ich: Es war nicht gut, was ich da schrieb. Warum das aber so ist, wird mir ewig selbst ein RĂ€tsel bleiben.
Meine Furcht verhindert, daß ich ĂŒbermĂ€chtig werde, meine Furcht verhindert, daß ich mir die Dinge merke, die mich ĂŒbermĂ€chtig werden lassen.
Ich habe die Prosa, wie man sie im allgemeinen in LiteraturenzyklopĂ€dien aufruft, nicht erfunden, nicht weiterentwickelt und nie geschrieben, aber ich habe mit meinen StĂŒcken in Prosa eine Eigenart der Sprache offengelegt: sie taugt, um damit zu malen, sie ist sogar geschaffen hierfĂŒr. Meine Sprache erzĂ€hlt nicht, wie es gestern war, sie erschafft eine Vision weit ĂŒber der Zeit gelegen.
Diese StĂŒcke bleiben außerhalb von Raum und Zeit, ins ImaginĂ€re gebaut, ins Momentane, FlĂŒchtige gelegt, ihr Gegenteil ist Psychologie und Evolution. In den letzten zehn Jahren meiner Arbeit hĂ€tte ich meine Werke eher in die Assoziationsreihe mit Beckett oder Burroughs gelegt, mit dem frĂŒhen Breton vielleicht, mit den Akteuren des Theater des Absurden ĂŒberhaupt und selbstverstĂ€ndlich mit Gerard de Nerval. Nun ist es aber doch leichter geworden, die Dinge fĂŒr sich selbst sprechen zu lassen.
Es ist wahrhaftiger.
Wir werden ĂŒberschwemmt vom Abgegriffenen und viele Verlage sind daran nicht unbeteiligt, weil sie das Triviale bevorzugen und das Neue schmĂ€hen, wenn es dann ein solches ĂŒberhaupt gibt. Meist fehlt darin offenkundig der Mut, die Literatur nach vorne zu bewegen, ihre Protagonisten als höchste KĂŒnstler zu betrachten, sie ĂŒberlassen das dem Dichter selbst, der immer ein Opfer einer profunden Marktstrategie bleiben wird.
Es ist unmöglich geworden, einen Brief zu schreiben, es ist unmöglich geworden, eine Novelle zu schreiben, ja, es ist sogar unmöglich geworden, ĂŒberhaupt zu schreiben und deshalb muß die heutige Epik mit der Lyrik zusammenfließen um alles neu zu berauschen. Nichts ist daran neu, am wenigsten das Neue. Was sich ganz einfach modernisieren lĂ€ĂŸt, ist doch eher der Expressionismus, der auf Grund seines Hanges zu eruptiver Einzelheiten und Splittertechnik in der Prosa nicht ĂŒber AnsĂ€tze zum Roman hinauskam. An scheinbar belanglosen Situationen entzĂŒnden sich entscheidende Stellen. Einzelne atmosphĂ€risch durchzeichnete Abschnitte entstehen. Sie entstehen in den von mir geschaffenen StĂŒcken zuhauf und verĂ€ndern dadurch den Raumzeitfaktor notwendig fĂŒr den poetischen Geist. NatĂŒrlich sind die StĂŒcke auch Skizzen, denn eine Skizze gibt Stimmungen und Reflexionen wieder ohne eine Geschichte, ohne eine Handlung. Aber es sind vollendete Skizzen, es sind GemĂ€lde und sie gehören so gemacht.
Die RealitĂ€t war gestern. Heute ist der Traum. Er existiert unabhĂ€ngig des TrĂ€umers. Der TrĂ€umer erschafft den Traum nicht etwa sondern er betritt ihn, wie er einen Raum betritt. Die traditionellen Grundregeln einer Einheit und Unzerstörbarkeit des Charakters sind abzulehnen wie es in etwa die „poetische Avantgarde“ tat, ebenso wird die Forderung nach einer zusammenhĂ€ngenden Handlung nicht erfĂŒllt. Ich bewege mich auf einem Gebiet, da jeder jeder sein kann oder keiner. So z.B. ist eine Frau alle Frauen und die Idee des Urdichters steck in allen Dichtern
Lehnt nicht höchstselbst Samuel Beckett die zeilenschinderische VulgaritĂ€t einer Literatur der Beschreibung ab? – „diese erbĂ€rmliche Festlegung von Linie und OberflĂ€che.“
„Es ist die Pflicht des KĂŒnstlers, seine Erfahrungen in ihrer Gesamtheit und Vielschichtigkeit wiederzugeben, ohne dabei die TrĂ€gheit des Lesers zu berĂŒcksichtigen, der nach dem leichtverstĂ€ndlichen verlange.“

Wenn also die Surrealisten das automatische, unreflektierte Schreiben forderten, dann fordere ich das direkte Wahrnehmen und zulassen aufkeimender Bilder. Es wird immer wieder vorkommen, dass die Satzkonstruktionen nicht ganz stimmig erscheinen, was bei einer Überarbeitung in der gleichen Stimmung der Wahrnehmung und Niederschrift ins rechte Licht gerĂŒckt werden kann. Das Schreiben soll dem Gedankenstrom Ă€hneln, soll aber nicht die Ă€sthetischen Errungenschaften aufheben. Wir mĂŒssen beide Welten bemĂŒhen, das Unterbewusste zulassen und in eine klare PrĂ€senz zu unserer Wahrnehmung setzen. Der Schreibende bemerkt stets selbst, wann das Bild zu Ende ist, es sollten keine BemĂŒhungen stattfinden, ein „Partikular“ kĂŒnstlich zu verlĂ€ngern. Aus diesem Grunde sind die Möglichkeiten des „fragmentarischen Romans“ ganz anderer Natur, besteht er doch vornehmlich aus sehr vielen Partikularen, die sich um ein grosses Thema gruppieren. Jedes „Partikular“ des Romans kann so genommen extrahiert werden , um es fĂŒr sich zu betrachten. Das gelingt meist mit einer herkömmlichen ErzĂ€hlmethode nicht. Es wird also in den seltensten FĂ€llen zu einem avantgardistischen Roman kommen können, weil er stets den Eindruck einer Sammlung erwecken wird, dass ein Sammelsurium von Impressionen um ein zentrales Thema gruppiert. Allein dadurch löst sich der Roman auf und wird ĂŒber die Postmoderne hinaus befördert. Der Skizze wird die eigene Grösse zuerkannt, selbst wenn es sich dabei um einen einzigen Satz handeln sollte.

Die postmoderne Ästhetik reagierte mit der Infragestellung der zu Konformismen gewordenen Avantgarde, die sich plötzlich mit dem „vernĂŒnftigen“ Subjekt und sein Logozentrismus in Literatur und Philosophie beschĂ€ftigte.
Jede Modernisierung ist ein wirtschaftlicher, technischer, sozialer und politischer Prozeß, der stets auch das kulturelle SelbstverstĂ€ndnis der KollektivitĂ€ten und die subjektive IdentitĂ€t in Frage stellt. Man beschreibt solche gesellschaftlichen Zeitphasen mit dem Begriff „Krise“
Die Krise der Avantgarde nun beginnt dort, wo sie sich nicht mehr bewegt, in dem eine andere Theorie mit ihr opportuniert und nun ihres Zeichens zur Avantgarde wird.
Am besten sieht man das an dem Beispiel der Popkultur, die ein Schlagwort der Postmoderne ist und heute zu einer scheinbaren Avantgarde gehört.
Als literarische Strömung ist sie allerdings nicht ernst zu nehmen und von da her auch nicht zu ĂŒberwinden, ganz im Gegensatz zum postmodernen Roman, dessen Ausgangspunkt, das lineare Narrativ zu verlassen eines der wesentlichen StĂŒtzpfeiler der wirklichen modernen Avantgarde ist, den es zu sublimieren gilt. Der Roman splittet sich auf und dissemeniert in tausend ErzĂ€hlpartikel ohne Anfang und Ende.
Das „Partikular“ ist aus diesem Grunde die Errungenschaft, die man nun aus der Postmoderne herausnehmen muß, um sie wiederum mit anderen Erkenntnissen des frĂŒhen Avantgarde zu verbinden. Die Reduktion wesentlich avantgardistischer Tendenzen, angefangen bei seiner wichtigsten Strömung, dem Surrealismus und sie als eigentliche Theorie zu verwerten, diese SchĂ€tze also aus dem Sammelbecken des kulturellen Niedergangs zu bergen und sie gemeinschaftlich wieder ihrem eigentlichen Ziel zuzufĂŒhren, ist die Aufgabe der LĂ€rmenden Akademie.
Die Tendenzen wider dem Naturalismus, wider dem Kapitalismus und wider dem Nationalismus stĂ€rken das „Partikular“ moderner Avantgarde, weil sie das wesentliche Element des Impressionismus darstellen, deren bevorzugte Literaturgattung die Lyrik war, kurze Prosa, Novellen, selten Romane. Beim Drama dominierte der Einakter. Die Prosa nahm oft skizzenhafte ZĂŒge an, voller SynĂ€sthesien, Lautmalerei, erlebte Rede, Bildsprache und innerer Monolog. Die ErzĂ€hlweise war oft passiver Natur.
Mit all diesen Errungenschaften arbeitet die Avantgarde also nicht weiter und ließ es zu, daß sie gegen andere Epochen und Stilrichtungen abzugrenzen war.

Mit dem Auftreten avantgardistischer Literatur ist kein Literaturkanon mehr leicht zu rechtfertigen.
Die Sackgasse der Avantgarde war also diese: Sie benachteiligte die Evolution, nahm ihre geschichtliche Entwicklung gar nicht wahr und trieb sie jenen Punkt entgegen, da sie nichts mehr zu sagen hatte, weil sie nichts mehr sagen konnte.

Es kann immer nur darum gehen, die eigene Seele hochfahren zu lassen, das Beobachtete oder Empfundene nicht abzubilden sondern ĂŒberhaupt erst zu erschaffen. Aus der Psychologie kennen wir den Begriff der Assoziation, der hier zur Geltung kommt.
Beobachten zwei Beobachter einen Ball, der ĂŒber eine Strasse rollt, so werden sie, insofern sie assoziieren, etwas gĂ€nzlich unterschiedliches erschaffen. Zwei beschreibende Autoren wĂŒrden ein ĂŒbereinstimmendes Bild zeichnen, ganz in Gedanken an den Leser, der dieses Bild genauso auferstehen lĂ€sst, wie es beschrieben wurde. Sie brĂ€chten uns um die Dimension der reinen Schau, aus dem Eindruck geboren, brĂ€chten uns um ein Kunstwerk der Wahrnehmung.
__________________
Die Pflicht ist im Herzen der Schönheit ein Dorn.

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bonanza
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Registriert: Not Yet

auch in der kunst wird sich alles unter einem Àhnlichkeits-
duktus wiederholen.
die mĂŒhlen der evolution mahlen nunmal physiologisch wie
geistig-kulturell langsam.
netter essay.
man kann dem autor seine ambitionierten gedanken abnehmen.

bon.



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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

"Angezweifelt wird ... Descartes ... Husserl ..." tschuldige, da hab ich aufgehört zu lesen.
Sehr ambitioniert, zweifellos. Anfangs fielen mir ein paar winzige Grammatikfehler auf aber sonst bis dahin eigentlich einwandfrei. Ähm. Vielleicht schaffe ich einen dritten Anlauf (das war nĂ€mlich schon der zweite) wenn ich mal weniger mĂŒde bin.
Falls nicht: Ja, ja, du wirst schon Recht haben, klingt alles sehr einleuchtend (seufz, stöhn, BĂŒcherstapel vom Nachttisch schmeiß um fĂŒr ein simples Wasserglas Platz zu machen ...).

Postmodern Àsthetisch (aber durchaus freundlich!) grinsend,
Mel


P.S.:
Frage an bon: Hast du das etwa alles verstanden??? Meine Hochachtung.

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bonanza
Guest
Registriert: Not Yet

(ehrlich gesagt, habe ich nur den schluß gelesen - aber
bitte nicht petzen, melusine.)

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