Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
134 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Die Arztrechnung
Eingestellt am 02. 09. 2006 20:06


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Raniero
Textablader
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Oct 2005

Werke: 161
Kommentare: 159
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Raniero eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Arztrechnung

Als Richard Reumer die Post öffnete, fiel ihm hierbei eine Arztrechnung, ausgestellt vom städtischen Klinikum, in die Hände.
Richard hatte sich vor einiger Zeit einer leichten Operation unterziehen m√ľssen und daher schon auf den Brief vom Krankenhaus gewartet.
Da er privat krankenversichert war, erhielt er im Gegensatz zu den pflichtversicherten Kassenpatienten alle medizinischen Rechnungen direkt zugestellt, die er selbst beglich und zwecks R√ľckerstattung seiner Kasse weiterleitete.
F√ľr ihn bedeuteten diese Rechnungen stets ein besonderes Vergn√ľgen; einerseits, weil er keine Unkosten damit hatte, wenn er diese nur entsprechend fr√ľh bei der Kasse einreichte und relativ sp√§t beglich.
Zum anderen bekam er einen genauen √úberblick √ľber alle Handgriffe der √Ąrzte, und, was noch wichtiger war, in welcher H√∂he sich die Mediziner diese verg√ľten beziehungsweise seiner Meinung nach vergolden lie√üen.
Auf diese Weise, so glaubte Richard, hatte sich bei ihm durch das genaue Studium dieser Arztrechnungen ein derartiges Wissen angesammelt, dass er sich f√ľr sehr kompetent hielt, zwar noch nicht in dem Ma√üe, eine Praxis zu er√∂ffnen, doch zumindest insoweit, ein ordentliches W√∂rtchen im Gesundheitswesen mitsprechen zu k√∂nnen.
Als er sich gerade mit fachm√§nnischen Augen auf die Rechnung st√ľrzen wollte, entdeckte Reumer zu seiner √úberraschung, dass noch ein weiteres Schreiben in dem Briefumschlag steckte.
‚ÄěWas ist das denn, noch eine Rechnung?‚Äú
In der Tat enthielt der Brief eine weitere Arztrechnung, die jedoch nicht an Richard Reumer gerichtet war, sondern, wie er zu seinem großen Erstaunen feststellte, an einen Herrn Joseph Knöpel, seinen maßlos verhassten unmittelbaren Reihenhausnachbarn.
‚ÄěEi, guck mal da‚Äú, rief Richard aus, ‚Äějetzt schicken sie mir schon die Rechnung von dem Kn√∂pel, dem alten Kotzbrocken, ‚Äěich bin mal gespannt, was da so alles drin steht‚Äú.
Mit gr√∂√ütem Vergn√ľgen begann er, die fehlgeleiteten Unterlagen seines Erzfeindes, der sich offenkundig einem k√∂rperlichen Generalcheck unterzogen hatte, zu √ľberpr√ľfen und machte dabei erstaunliche Entdeckungen.
Richard erfuhr hierbei, dass sein Nachbar aufgrund der kaputten Leber ein starker heimlicher S√§ufer sein musste, was er schon immer vermutet hatte, dass dieser an be√§ngstigend hohem Blutdruck litt ‚Äď aha, daher diese cholerischen Anf√§lle - und dar√ľber hinaus auch Prostatabeschwerden zu haben schien.
Richard Reumer machte sich keine Gedanken dar√ľber, dass es sich bei all diesen Untersuchungsergebnissen um vertrauliche Informationen handelte, die absolut nicht in fremde H√§nde geh√∂rten, im Gegenteil, hocherfreut, intime Informationen √ľber seinen Nachbarn zu besitzen, mit dem seine Frau und er schon seit Jahren aus nichtigem Anlass im Streit lagen, dachte er nur daran, wie er diesem und seiner arroganten Frau damit schaden k√∂nnte.
Das Mindeste, was er in dem Fall t√§te, nahm er sich vor, w√§re, weder das Krankenhaus noch den Nachbarn davon in Kenntnis zu setzen, dass die Rechnung an die falsche Adresse gesandt wurde; sollte dieser doch ruhig bald eine Mahnung erhalten und sich schwarz √§rgern, das g√∂nnte er ihm und dessen Frau, dieser √ľberheblichen Kuh von ganzem Herzen.
Leider aber brachte diese Form der Rache noch nicht die richtige Genugtuung, denn auf diese Art w√ľrde Richard ja nicht unmittelbar teilhaftig werden an dem √Ąrger, den der Nachbar und seine Frau mit dem Aussteller der Rechnung h√§tten, wenn sie denn √ľberhaupt welchen bek√§men und die ganze Angelegenheit nicht durch eine Entschuldigung der Krankenhausbuchhaltung sowie Neuausstellung der Rechnung aus der Welt geschafft w√ľrde.
Nein, sagte sich Richard Reumer, wenn schon Rache, dann richtig, und er hielt eine h√§rtere Gangart durchaus f√ľr angebracht; da er nun schon einmal √ľber Unterlagen verf√ľgte, welche die Beschaffenheit des k√∂rperlichen Innenlebens seines Intimfeindes widerspiegelten, warum sollte man diese nicht der √Ėffentlichkeit zug√§nglich machen, damit alle Welt erf√ľhre, wie es um diesen b√∂sen Menschen im Innern bestellt sei. An die Presse konnte er allerdings nicht herantreten, dessen war er sich bewusst, doch es gab sicher andere Wege, und bald schon stand ihm ein solcher glasklar vor Augen.

Richard schritt zur Tat.
Er fertigte ein paar Dutzend Kopien von der Arztrechnung und verteilte diese in einer nächtlichen Aktion anonym in der ganzen kleinen Seitenstraße, sodass die erstaunten Nachbarn am nächsten Morgen, als sie ihre Briefkästen öffneten, einen kompletten Einblick in die Eingeweide des allseits bekannten Herrn Joseph Knöpel erhielten.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, in der gesamten Nachbarschaft, und da der seit Jahren offen ausgetragene Streit zwischen den Ehepaaren Reumer und Knöpel allen bekannt war, fehlte es nicht an Mutmaßungen, wer wohl der oder die Veranlasser dieser anonymen Post sein könnte, doch es fehlten halt die Beweise.
Merkw√ľrdig fand man es auch, dass sich an diesem Tag niemand von den Eheleuten Beumer drau√üen blicken lie√ü, w√§hrend man f√ľr das Fehlen der Kn√∂pels, die sich offensichtlich sch√§mten, Verst√§ndnis hatte. An diesem Abend wurden die Lichter erst sp√§t gel√∂scht, in der kleinen Stra√üe; zu sehr besch√§ftigte das Thema die Leute, und nicht wenige schauten sp√§tabends noch in ihre Briefk√§sten, ob sich nicht erneut eine √úberraschung darin bef√§nde. Diese √úberraschung erlebten die Anwohner dann in der Tat am n√§chsten Tag, aber nicht in den Briefk√§sten.

Als sie am nächsten Morgen aus ihren Häusern traten, trauten sie ihren Augen nicht. An allen Bäumen, welche die Straße säumten, waren Flugblätter angebracht, die sich beim näheren Hinsehen ebenfalls als Kopien einer Arztrechnung herausstellten.
Dieses Mal handelte es sich jedoch um eine Arztrechnung √ľber gyn√§kologische Leistungen f√ľr Frau Reumer, welche diese noch nicht so schnell erwartet hatte, da die Behandlung erst einige Tage zur√ľcklag, die aber offensichtlich aus Versehen bei jemand anderem eingegangen war, der nichts eiligeres zu tun hatte, als die sie auf diesem Wege publik zu machen.
Ausgestellt war auch diese Rechnung wiederum von dem gleichen Krankenhaus wie zuvor; offenbar war dort in der Buchhaltung ein mittleres Chaos ausgebrochen.
Diese zweite √∂ffentliche Arztrechnung enthielt √§hnlich enth√ľllende intime Details wie der erste Irrl√§ufer, diesmal √ľber das Innenleben von Frau Reumer.
Die gesamte Nachbarschaft zeigte sich entr√ľstet, nach au√üen hin; hinter verschlossenen T√ľren jedoch lachte man sich halbtot dar√ľber, dass innerhalb von zwei Tagen intimste Kenntnisse √ľber zwei Mitglieder verkrachter Familien auf eine Weise √∂ffentlich bekannt geworden waren, wie man es seinem √§rgsten Feind nicht w√ľnschte.
Da man nat√ľrlich ahnte, dass hinter der zweiten Nacht- und Nebelaktion niemand anders als einer von den Kn√∂pels oder gar beide stecken konnten, die auf eben die gleiche Weise in den Besitz der nicht f√ľr sie bestimmten Arztrechnung gelangt waren, wartete man nun voller Spannung ab, wie es weiter ginge.
Schon wurden Wetten abgeschlossen, ob es zu einem Duell mit Feuerwaffen k√§me, mitten auf der Stra√üe, zu high noon oder zu high midnight, zwischen den Herren Reumer und Kn√∂pel, oder ob sich die beiden besseren H√§lften einen Kampf mit ihren B√ľgeleisen lieferten, an ihrer Grundst√ľcksgrenze, doch nichts dergleichen tat sich und alles blieb erstaunlicherweise ruhig.

Sie musste lange warten, die liebe Nachbarschaft, denn erst eine Woche später zeigte sich eine Reaktion, allerdings eine, mit der niemand gerechnet hätte.
Die T√ľren der beiden verfeindeten Reihenh√§user √∂ffneten sich, und heraus traten die zerstrittenen Ehepaare, die Frauen jeweils mit Koffern und anderen Utensilien, wie f√ľr einen bevorstehenden Umzug ger√ľstet.
Dieser Umzug gestaltete sich als wenig aufwendig; die M√§nner nahmen jeweils die Koffer sowie die restlichen Sachen ihrer Nachbarinnen in Empfang und trugen diese √ľber ihre Schwellen, w√§hrend sie bei den Damen aus Altersgr√ľnden darauf verzichteten und diese stattdessen nur √ľber die Schwellen in ihre neuen Domizile geleiteten.
Die gesamte Nachbarschaft staunte nicht schlecht, als auf diese Weise Frau Reumer bei Herrn Kn√∂pel und Frau Kn√∂pel bei Herrn Reumer Quartier bezog, doch die neu formierten Paare hatten hierf√ľr eine f√ľr sie eindeutige, f√ľr die Allgemeinheit noch etwas kryptische Erkl√§rung bereit: aufgrund eines genauen Studiums der beiden √∂ffentlich bekannt gewordenen Arztrechnungen h√§tte sich ihnen ein Detail aufgetan, welches sie sie zu der √úberzeugung gelangen lie√ü, dass ein Partnertausch nicht nur angebracht, sondern sogar zwingend notwendig geworden sei.
Die Nachbarn zeigten sich perplex, doch anhand des Details, dass sich alsbald in Form der Schwangerschaft von Frau Reumer zeigte, gew√∂hnten sie sich schnell an den neuen Zustand; dar√ľber hinaus, so freuten sie sich, blieben ihnen doch die altbekannten Gesichter erhalten, und wohnten diese nun eine T√ľr weiter rechts oder links, was spielte das f√ľr eine Rolle.
Die neuen Partnerschaften traten nach nicht allzu langer Zeit gemeinsam vor den Traualtar, um eine Doppelhochzeit zu feiern; von nun an hie√ü die ehemalige Frau Reumer ‚ÄöKn√∂pel-Reumer‚Äô, w√§hrend sich Frau Kn√∂pel den Namen ‚ÄöReumer-Kn√∂pel‚Äô zulegte, und es entstand eine derartige Freundschaft zwischen den vier ehemals bis auf‚Äôs Blut verfeindeten Personen, welche die M√§nner sogar veranlasste, den dicken trennenden Zaun zwischen den Grundst√ľcken niederzurei√üen.
Dar√ľber hinaus hatten alle vier jetzt zusammen ein abendf√ľllendes Hobby gefunden , welches die Freuden der Freundschaft noch steigerte; gemeinsam pr√ľften sie ab jetzt all ihre Arztrechnungen auf Herz und Nieren, und in der Stra√üe ging bald das Ger√ľcht um, sie w√ľrden sich in K√ľrze selbst√§ndig machen und irgendetwas er√∂ffnen, als Heilpraktiker.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur√ľck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!