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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Augen der Malerin
Eingestellt am 08. 03. 2001 13:13


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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Die Augen der Malerin

"Ich will alleine laufen!"
Der Satz prallt an die Ohren der Frau im dunklen Mantel. Fast stockt ihr Schritt einen Moment, aber der Mann an ihrer Seite l├Ąuft unbeirrt weiter, beachtet das zornige Kind hinter ihnen nicht. Die Frau jedoch dreht sich um. Ihr Name ist Britta, und Britta h├Ątte selbst gern ein Kind gehabt. Stattdessen haben sie einen Hund, mit dem sie jetzt an diesem sonnigen Herbstnachmittag durch den Wald laufen.
"Nein!"
Wieder die Stimme des Kindes, Britta dreht leicht den Kopf und sieht hinter sich eine Familie mit einem kleinen M├Ądchen, das trotzig mit dem Fu├č auf den Boden stampft. Die Mutter zieht ihre Hand fort, die eben noch fest mit der des M├Ądchens verbunden war. Damit es nicht wegl├Ąuft, oder hinf├Ąllt und sich weh tut. Das Kind wird trotzdem hinfallen, denkt Britta, weil es hinfallen will. Alle Kinder wollen allein laufen und nicht von den besorgten H├Ąnden der Erwachsenen an den Abenteuern der Kindheit gehindert werden. Sie senkt den Blick auf ihre eigene Hand, die fest unter den Arm ihres Mannes geklemmt ist. Geklemmt, nicht festgehalten in seiner warmen, gro├čen Hand, die sie fr├╝her so gern gestreichelt hat. Fr├╝her hat er ihre Hand immer in die seine genommen, hat sie festgehalten, sie gew├Ąrmt.

Ich will auch alleine laufen! - die Worte fallen wie ein gro├čer, schwerer Tropfen in ihre Gedanken. W├Ąre sie nicht schon gro├č, w├Ąre sie auch einfach stehen geblieben, h├Ątte mit dem kleinen Fu├č kr├Ąftig auf den Boden gestampft, um den Worten Nachdruck zu verleihen. So aber tut sie es nicht. Die Worte in ihrem Kopf kann sie dennoch nicht ungeschehen machen. Wie lange ist es her, dass sie etwas alleine getan hat? Dass sie einfach losgelaufen ist, mitten hinein ins Leben? Britta zieht ihren Arm aus dem ihres Mannes Paul, wartet vorsichtig ab, ob er etwas sagt. Aber nichts geschieht. Paul ist mit seinen Gedanken bei der Arbeit, wie immer. Sie bleibt stehen - ob ihm das auff├Ąllt? Paul geht ein paar Schritte ohne sie, scheint nicht zu bemerken, dass der Abstand zwischen ihnen gr├Â├čer wird. Auf einmal wird es zum Spiel, sie l├Ąuft ein bisschen schneller, um ihn einzuholen. Als sie wieder auf gleicher H├Âhe sind, dreht Britta den Kopf, um in Pauls Gesicht zu sehen. Das ist nicht der Paul, der einmal mit der Leiter an ihr Fenster geklettert kam. Damals, als sie noch studierte und bei einer sehr auf die guten Sitten bedachten alten Dame ein Zimmer gemietet hatte. Im ersten Stock war ihr Zimmer gewesen, das mit den roten Geranien davor. Und eines Abends war Paul auf die Leiter gestiegen, hatte an ihre Scheibe geklopft und war zu ihr hereingeklettert. Nur so, weil es verboten war, und weil er sie unbedingt sehen wollte. Die Augen, in die sie jetzt an diesem Herbsttag im Wald sieht, sind anders. Sie wissen nichts mehr von Leitern an Fenstern, von Spazierg├Ąngen im Regen, von sommerlichen Ausfl├╝gen auf seiner Vespa.

"Die Rothauers kommen morgen abend, hast Du alles vorbereitet, wie es besprochen war?"
Pauls Stimme holt Britta in die Gegenwart zur├╝ck.
"Ich hab' das Fleisch nicht bekommen ..."
Das stimmt nicht, der Braten liegt bereits im K├╝hlschrank, fertig mariniert. Derselbe Gedanke, der sie mit dem Fu├č aufstampfen lassen wollte, will jetzt Paul aus der Reserve locken.
"Ist es denn zuviel verlangt, dass Du Dich um das Essen k├╝mmerst, und es auch richtig machst? Es kommt wei├č Gott nicht oft vor, dass ich etwas von Dir verlange ..."
Pauls Stimme wird leiser, davongetragen von dem Rauschen, das in Brittas Kopf aufbraust. Ja, ich will alleine laufen, denkt sie, endlich mal wieder losgel├Âst aus allem, endlich mal wieder tief Luft holen, den Atem des Lebens schmecken. Endlich frei sein.

Die Heimfahrt in Pauls sch├Ânem, neuen Mercedes ist schweigsam. Er ist verstimmt, weil sie ihn nicht unterst├╝tzt, gerade bei so einem wichtigen Essen. Und f├╝r Britta spielt dieses Essen auf einmal keine Rolle mehr. Wieviele Essen hat sie in all den gemeinsamen Jahren gegeben, sie hat die Rolle, die ihr zugedacht war, gut gespielt, das wei├č sie, aber sie wei├č auch, dass es eine Rolle war. Ein Kind im Wald hat es ihr gesagt, das unbedingt alleine laufen wollte, das nicht gef├╝hrt werden wollte. Britta hat sich f├╝hren lassen, zu sehr. Erst hatte Paul sie fort von der Malerei gef├╝hrt, denn niemand wollte ihre Bilder kaufen, weil soviele malten wie sie. Brotlose Kunst hatte er gesagt, 'mach' doch lieber was anderes'. Sie hatte sich von ihm in die Werbung f├╝hren lassen - 'da wirst Du wenigstens f├╝r Deine Arbeit gew├╝rdigt'. Mit Geld hatte er damit gemeint. 'F├╝r Kinder haben wir sp├Ąter noch Zeit, lass' uns erst die Welt sehen, ein sch├Ânes Haus bauen, uns etwas g├Ânnen.' Er hatte sie durch die Welt gef├╝hrt, das konnte sie nicht leugnen. Aber sie hatte sie mit seinen Augen gesehen, nicht mehr mit den Augen der Malerin. Oh ja, sie war ├╝berall gewesen mit Paul, auf vielen Empf├Ąngen, bei pomp├Âsen Festspielen - wo man eben so hinging, wenn man zu denen da oben geh├Âren wollte. Als sie ihren Job aufgab, war Paul gl├╝cklich, denn jetzt konnte sie zu Hause auf ihn warten, seinen Haushalt f├╝hren.
"Paul, wir sind zu weit gegangen. Ich will das nicht mehr."
Er schaut verst├Ąndnislos, vielleicht glaubt er, sie spricht von dem heutigen Spaziergang.
"Ich bin jetzt 45, und nichts, wovon ich in meiner Jugend getr├Ąumt habe, ist Wirklichkeit geworden. Ich habe meine Tr├Ąume verraten, meine Augen verschlossen."
"Geht es Dir denn nicht gut", fragt Paul, "hast Du nicht alles, was Du brauchst?"
"Du verstehst es nicht, nicht wahr? Ich wollte Dich, einfach nur Dich, aber in all den Jahren unserer Ehe habe ich Dich immer mehr verloren. Es ist fast zu sp├Ąt, aber ich will es trotzdem noch einmal versuchen."
Als er fragt, was sie meint, sagt Britta nur, dass sie alleine laufen will.

Am n├Ąchsten Morgen ist sie fort. Sie f├Ąhrt mit dem Zug nach Amsterdam, weil es ihr dort immer besonders gut gefallen hat. Und weil sie hofft, dort ihre Augen wiederzufinden. Die Augen der Malerin. Aber die langen Jahre der Dunkelheit haben ihren Blick getr├╝bt, und es ist nicht einfach f├╝r sie, dorthin zur├╝ckzufinden, wo sie vor langer Zeit einmal gewesen war. Als der ├ärger verflogen ist, den sie ├╝ber ihre schleichende Entm├╝ndigung empfunden hat, kommt die Trauer zu ihr, Trauer ├╝ber die verlorene Liebe, ├╝ber die vergeudeten Jahre. Dann kommen die Fragen, die Unsicherheit, ob sie das Richtige getan hat, denn sie liebt Paul immer noch. Aber eben den Paul, der mit der Leiter in ihr Zimmer gestiegen kam.

Aber dann kann sie eines Morgens die Fenster zu ihrem Zimmer ├Âffnen, den Kopf herausstrecken und tief die k├╝hle Luft der fr├╝hen Stunde einatmen. Es ist ruhig in ihr geworden, der ├ärger ist fort, sie hat sich entschieden. Eine Ecke ihres Herzens geh├Ârt noch immer Paul, wird f├╝r immer ihm geh├Âren. Aber es macht sie nur um so reicher, lieben zu k├Ânnen. Die Malerin braucht starke Gef├╝hle, sonst kann sie ihren Bildern keine Intensit├Ąt geben. Und weil der Fr├╝hling bald kommt, sucht sie sich eine kleine Wohnung, eine K├╝nstlerwohnung dieses Mal. Im Fr├╝hling soll man immer etwas Neues anfangen, keine kaputten T├Âpfe kleben, sondern neue kaufen.

Wenn Britta nun manchmal morgens wach wird und ihr Blick auf die Staffelei in ihrem Wohnzimmer f├Ąllt, dann springt ein kleiner Funke in ihrem Herzen, dann glaubt sie an ein neues Leben. Eine zweite Chance f├╝r sich und ihren Traum.

Als der Fr├╝hling in den Sommer ├╝bergeht, die Tage hei├čer werden, die N├Ąchte l├Ąnger, da klopft es eines Abends an die Scheibe zu ihrem Schlafzimmer. An der Mauer des kleinen Hauses lehnt eine Leiter, und ein Mann in Anzug und Krawatte schaut vorsichtig in das Zimmer, ob er nicht eine Frau entdeckt, die er fr├╝her einmal kannte.

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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zum

heulen sch├Ân, diese geschichte! mach weiter so. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 28
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Danke sch├Ân, ist mein erster Versuch!

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Biggi
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Eve,
f├╝r Dich - als Ansporn f├╝r weiteres, weil diese Geschichte so wundersch├Ân ist - ein Zitat:

"Phantasie haben hei├čt nicht,
sich etwas auszudenken,
es hei├čt,
sich aus den Dingen
etwas zu machen"
Thomas Mann

Weiter so, ich freu mich drauf!
Biggi

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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 28
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Liebe Biggi,

Ich danke Dir! Du hast auch einen Anteil daran, dass ich mir 'aus den Dingen wieder etwas mache'!

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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

Werke: 41
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Eine Geschichte...

Ich mu├č sagen, da├č ich die Geschichte nicht so gut finde wie meine VorrednerInnen. Ich finde es ist eine Geschichte, die man schon all zu oft geh├Ârt, gelesen, gesehen hat. Auch an der Schwarz-Wei├č-Malerei der Geschlechterrollen hatte ich wenig Vergn├╝gen. Bleibt zum Schlu├č die Frage, wovon die K├╝nstlerin in Amsterdam denn ihre Freiheit und ihre K├╝nstlerinnenwohnung finanziert?

Fazit: Die Geschichte ist nicht neu und die Autorin hat f├╝r meinen Geschmack zu deutlich Partei f├╝r die Frau ergriffen. Da├č der Mann am Ende wieder auf die Leiter steigt, macht die Sache nur noch kitschiger, aber nicht besser.
__________________
fz

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