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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Augenbraue im Wind
Eingestellt am 19. 02. 2004 16:22


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Tochter des Ozeans
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2003

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Quietschend kam der Zug auf dem Gleis zum Stehen. Die T├╝ren flogen auf und ein kalter Wind kroch den Weiterfahrenden ├╝ber das Gesicht, zwischen Schal und Jacke. Eine G├Ąnsehaut breitete sich rechts und links der Wirbels├Ąule aus. Die Handschuhe ballten sich, in den ├ärmeln eingezogen, zur Faust. Jeder der Insassen war ├╝ber einen weiteren Fahrgast, welcher sich neben den eigenen Platz setzte und ein wenig W├Ąrme spendete, erfreut.
Eingeh├╝llt in Wollklamotten und Stiefel bahnte Veronika sich einen Weg durch das Gedr├Ąnge an den T├╝ren und sprang vergn├╝gt die Treppen der Gleisunterf├╝hrung hinab. An den Stra├čenlaternen, Kaufh├Ąusern und an Drahtseilen, welche von der einen zur anderen Stra├čenseite gespannt waren, hingen rot geschm├╝ckte Tannenkr├Ąnze und Sterne und die Schaufenster boten Sonderposten zu festlichen Preisen an. Veronika mochte das Gedr├Ąnge in den Passagen, die s├╝├če Hektik und die festliche Stimmung welche sich in der Vorweihnachtszeit auf den Stra├čen ausbreitete.
Fr├Âhlich begutachtete sie einige Gru├čkarten, die vor einem Drogeriegesch├Ąft angeboten wurden, roch den Duft frischer Maronen, der durch die Stra├čen zog und am├╝sierte sich ├╝ber ein Duzend junger Burschen, die sich vor einem Dessousgesch├Ąft dar├╝ber stritten, welche ihrer Freundinnen die erotischste Unterw├Ąsche tr├╝ge.

„Guten Tag“, wurde Veronika von der l├Ąchelnden Verk├Ąuferin begr├╝├čt. Veronika nickte freundlich zur├╝ck. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte die Frau. „Ja, ich suche ein Buch f├╝r meine Nichte. Sie ist sieben Jahre alt und beginnt gerade zu lesen.“ „Was liest sie denn so? Welche Richtung?“ Veronika zuckte die Schultern. „Ich wei├č nicht so recht. Es sollte nicht zu schwer geschrieben sein. Etwas Heiteres w├Ąre sch├Ân. “ Die Dame nickte und deutete Veronika ihr zu folgen. „Dies sind so die klassischen B├╝cher f├╝r den Lesestaat.“ Sie wies Veronika auf eine B├╝cherserie hin „Dort finden Sie die Neuerscheinungen.“ sagte die Frau und deutete auf einen Tisch in der Mitte, auf welchem sich die B├╝cherstapel aneinander reihten hin. „Wollen Sie sich alleine umsehen oder soll ich...“ „Nein, danke. Hier komme ich erst mal zurecht.“, lehnte Veronika dankend ab. Nickend wandte die Verk├Ąuferin einem weiteren Kunden zu.
Veronikas Blick flog ├╝ber verschiedene Titel, Themen und Namen. Die leuchtend und teilweise grellen Schriftz├╝ge blendeten sie, sodass sie vor Buchstaben die Worte nicht erkannte. Genussvoll strich sie ├╝ber die harten Bucheinschl├Ąge, lauschte dem Knacken eingebundener B├╝cher wenn sie zum ersten Mal ge├Âffnet wurden. Sie dachte an die Autoren und Autorinnen, welche sie durch ihre jung gebliebenen Phantasien in die farbenfrohe Welt der Kinder verzauberten. Veronika gluckste und sp├╝rte ein warmes Kribbeln im Bauch als Anna ihren den ersten Kuss bekam, Robin und seine Freunde einen Verbrecher ├╝berlisteten und der Vater aufschrie, weil ihn morgens eine Mausefalle begr├╝├čte, welche sich um seinen gro├čen Zeh klammerte und ganz sicher von seinem Sohn aufgestellt worden war.
Nachdem ein Buch sich den Platz in Veronikas Tasche und auf ihrer Geschenkliste gesichert hatte, sah sich die junge Frau in einer der hinteren Reihe, der Regale f├╝r Erwachsenliteratur, um. Noch immer angeheitert und an das Sch├Âne und Leichte im Leben erinnert, stach ihr ein blau eingebundenes Buch in die Augen. Es sei, als riefe es sie. Sie nahm das Buch, welches schwer in ihren H├Ąnden lag, aus dem Regal. „Die Augenbraue im Wind“ hallte ihr der Titel durch den Kopf. Sie schlug die erste Seite auf, das Buch knackte leise und sie begann zu lesen. Bald darauf stellte sie es an seinen alten Platz. Entt├Ąuscht ├╝ber das schlechte Buch und ├╝ber ihren Instinkt ging sie zur Kasse. Sie musste warten da die Verk├Ąuferin ein offensichtlich gesch├Ąftliches Telefongespr├Ąch f├╝hrte. Ihre Finger tippten auf der hellen Holz der Handtaschenablage des Kassentisches. Noch immer gingen ihr die ersten Worte, welche sie im Buch „Die Augenbraue im Wind“ gelesen hatte, durch den Kopf und sie fragte sich, weshalb ihr das Buch so zu bedenken gab. „Soll ich es Ihnen einpacken?“ wurde Veronika von der Verk├Ąuferin aus ihren Gedanken gerissen. „Ja, bitte.“ antwortete sie rasch. Nachdem sie bezahlt hatte, drehte sich die junge Frau um und ging zum B├╝cherstapel zur├╝ck. „Die Augenbraue im Wind“... von Simon Stumm. Woher kenne ich diesen Namen?, fuhr es Veronika durch den Kopf. Sie schlug die letzte Seite auf. Simon Stumm studierte an der M├╝nchener Universit├Ąt darstellende Kunst und lebt heute mit seiner Familie in K├Âln. Veronika sah ins Leere. Wer ist Simon Stumm? Veronika war davon ├╝berzeugt, der Name spiele eine Rolle f├╝r sie. So ging sie, ihrem Gef├╝hl vertrauend, dass dies doch kein x-beliebiges Buch ist, mit dem Roman zur Kasse und bezahlte.

Zuhause kochte sich Veronika eine Tasse Tee und machte es sich im Sessel mit einer Decke und dem gerade erworbenen Buch bequem. Der Schneefall war st├Ąrker geworden, aus ihrer Wohnung wirkte die Welt friedlich und geheimnisvoll. Veronika hatte die Heizung h├Âhergestellt, noch immer knisterten die langsam warm werdenden Rohre. Gen├╝sslich biss sie in ein Pl├Ątzchen und strich, von einem leisen Knacken begleitet, die erste Seite des Buches auf. Ihre Augen flogen ├╝ber die ersten S├Ątze, der Textfluss war konstant und mit Hilfe treffender Adjektive vermochte die Leserin sich schnell in die Handlung der Geschichte zu versetzten. Hatte sich ihr Sp├╝rsinn doch nicht get├Ąuscht?
Dennoch schlug sie nach den ersten zwei Kapiteln das Buch zu und begab sich an die Fenster, legte ihre Handfl├Ąchen auf die glatte Oberfl├Ąche. Ihr Blick schweifte im Nichts. Sie nahm die H├Ąnde wieder von dem kalten Glas und beobachtete, wie sich die zuvor von ihr ausgestrahlte W├Ąrme von der Scheibe verschwand. Sie behauchte die Scheibe und malte ein S in den abgesetzten Atem.

Am n├Ąchsten Morgen w├Ąhlte Veronika einen anderen Weg zur Arbeit. Sie lief am B├╝cherladen, in welchem sie einen Tag zuvor „Die Augenbraue im Wind“ erworben hatte, vorbei. Einen Augenblick blieb sie vor dem Gesch├Ąft stehen. Durch das Schaufenster ersp├Ąhte sie jenes Buch, welches ihr nicht aus dem Kopf ging, in einem B├╝cherregal. Es lag weit vorne, doch die junge Frau war sich sicher es auch in den hinteren Regalen h├Ątte erkennen k├Ânnen. Ist es nicht ├╝bertrieben und seltsam, dass ich mir solche Gedanken um ein Buch mache? dachte sie und setzte ihren Weg fort.

W├Ąhrend ihrer Mittagspause durchbl├Ątterte Veronika die Tageszeitung. Wie gewohnt ├╝berschlug sie die Wirtschaft- und Politikrubrik und begann mit dem Kulturteil. Wenn die B├Ąsse singen, der Tanz – mein Leben und meine Liebe, - ├ťberschriften mit welchen die Journalisten das Interesse der Leser und die Leserin wecken wollten. Veronikas Augen ├╝bersprangen die gro├čen Artikel und hefteten sich an einen am Rand plazierten einspaltigen Text. Die Augenbraue im Wind – ein neuer Roman von Simon Stumm strahlte ihr entgegen. Die Linse von rechts nach links sausend, studierte sie den Beitrag ein zweites Mal durch. Sie war sich ganz sicher, diesen Simon zu kennen. Und da, was stand dort? W├Ąhrend ihres wiederholten Durchlesens sah sie das Foto aus der Buchklappe vor sich, er stand vor ihr und beugte sich zu ihr hinunter um ihr das gew├╝nschte Erdbeereis zu reichen. Er l├Ąchelte sie an. Es war ein weiches, liebevolles L├Ącheln, das sie gerne erwiderte. Der Herr drehte ihr den R├╝cken zu und Veronikas Blick fiel auf einen gegen├╝ber sitzenden Jungen. Auch er l├Ąchelte sie an, das L├Ącheln des Jungen unterschied sich vom L├Ącheln des Vaters. Es war warm und sanft und ber├╝hrte das kleine Herz des jungen M├Ądchens.
Veronika blickte ├╝ber den Rand der Zeitung, nahm einen Schluck Kaffee zu sich und sah ihre Freundin und Kollegin, die sich, ebenfalls ├╝ber ein Blatt gebeugt, mit ihr den Tisch teilte. „Ich hab’s“, sprach Veronika bestimmt „Es ist Simon, mein Simon. Das Buch ist von ihm.“ Zwar sagte sie dies nur f├╝r sich, ihre Genossin hatte dennoch ihre Worte vernommen. „Du wei├čt wer wer ist?“ „Nun ja, seit ich dieses Buch erworben habe, br├╝hte ich dar├╝ber, wer dieser Simon Stumm, der Autor, sein k├Ânnte. Ich wusste, der Name war mir nicht fremd und ist mir nicht belanglos. Jetzt wei├č ich es.“ sie wirkte zufrieden, doch ihre Freundin dr├Ąngte: „Na und, wer ist jetzt dieser Simon .... Stumm?“ Veronika fing ihren Blick auf und antwortet: „Er war meine erste Liebe...“ Ein breites Grinsen zog sich ├╝ber das Gesicht der Zweiten. „Und, was willste jetzt tun?“, bohrte sie weiter. „Tun?“, entgegenete Veronika verdutzt „Was soll ich denn schon tun? Ich werde das Buch lesen und mich an die s├╝├čen Stunden von damals erinnern.“ Veronikas Freundin sch├╝ttelte vergn├╝gt den Kopf.

In den n├Ąchsten Abenden verkroch sich Veronika unter ihrer Bettdecke und las in Simons Buch. Je mehr sie las, desto st├Ąrker wurden die Erinnerungen an ihn. An seine leidenschaftlichen K├╝sse und an seine damals schon so kr├Ąftigen, zarten H├Ąnde von den sie so fasziniert gewesen war. Diese H├Ąnde, die sie noch heute an ihrem R├╝cken zu sp├╝ren glaubte, bewegten sich heute ├╝ber graue oder schwarze Tastaturen und schrieben B├╝cher. Sie tippten Worte, die Veronika verzauberten – wie damals, vor zw├Âlf Jahren. Der Vergleich, der in ihr aufkam, einmal die Finger auf den Tasten und zum Anderen auf ihrer Haut, kam ihr sch├Ąbig und oll vor - die zarten R├╝ckblenden zerfielen im monotonen Alltag.
W├╝tend feuerte Veronika das Buch an die Wand und verkroch sich unter den warmen Federn. Sie kam sich vor, wie ein kleines Kind, dem etwas nicht passte und es deshalb abwehrte. Doch was lie├č sie so beunruhigen? M├╝sste sie sich nicht freuen, das R├Ątsel um den Fremden gel├Âst zu haben? Weshalb lie├č sie die Erinnerungen nicht zu? Sie zog ihre Beine an ihren Rumpf und presste sie mit den Armen an die Brust. „Danke, Simon“, entfuhr es ihr un├╝berlegt. Verwundert spielte sie mit den eben ausgesprochenen Worten. Da wurde es ihr begreiflich. Es geht nicht darum, mit ihm in Kontakt zu kommen und zu wissen, wie der kleine Junge heute ist. Veronika konnte das liebevolle L├Ącheln des Jungen an sich nehmen und sich an ihm w├Ąrmen.

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