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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Bahn kommt...
Eingestellt am 02. 12. 2002 14:25


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Muffin
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Die Bahn kommt...

Es soll ja Jungen geben, die wĂ€hrend ihrer PupertĂ€t oft von U-Bahnen trĂ€umen, aber ich empfand nichts erotisches daran, als die Bahn, gehĂ€ssig mit den RĂŒcklichtern funkelnd, im Tunnel verschwand. Das lag wahrscheinlich an dem Umstand, dass ich nicht in der Bahn war, sondern völlig außer Atem auf dem Bahnsteig stand. Eine Ă€ltere Dame vom Nachbargleis schenkte mir einen mitleidigen Blick.
„Bahn verpasst?“ fragte sie.
Nein, den Kaiser von China, aber ich war gar nicht in der Lage etwas zu erwidern, weil mir etwas auffiel. Der Bahnsteig auf der anderen Seite war voll. Es waren verdammt viele Leute da.
Ich sah auf die Uhr.
„Sie haben die Bahn ja wohl auch verpasst,“ sagte ich, wohl wissend, dass die Bahn in die andere Richtung immer eine Minute frĂŒher kam, als die in meine Richtung. Ich hatte ein bisschen Angst vor der Antwort.
„Nein,“ sagte die Frau. „Die Bahn ist noch gar nicht hier gewesen. VerspĂ€tung.“
Ich begann gradezu fieberhaft zu rechnen. Um acht nach fuhr die Bahn normalerweise los. Sie war dann um sechzehn nach an der Entstelle. Drehte da und kam um neunzehn hier an. Nein. Das war meine Bahn und wenn diese hier VerspÀtung hat, dann hat das meine auch, weil es ja die selbe ist.
„Haben sie eine Durchsage gemacht?“ fragte ich die Frau.
„Ja, sie sagten die Bahn in Richtung Hauptbahnhof hĂ€tte zehn Minuten VerspĂ€tung.“
Zehn Minuten, plus die zehn Minuten, die ich ohnehin hĂ€tte warten mĂŒssen, waren zwanzing Minuten. Super. Meine Laune war auf dem absoluten Nullpunkt angelang, Tendenz fallend.
Aber was soll man machen, ich wartete. Zehn Minuten, denn nach zehn Minuten hĂ€tte die Bahn in Richtung Hauptbahnhof, laut Durchsage kommen mĂŒssen. Tat sie aber nicht.
Mittlerweile waren beide Gleise gerappelt voll mit Leuten. Ich seufzte, stand auf, lief einmal in die eine , dann in die andere Richtung und setzte mich wieder. Dann stand ich wieder auf, ging zum Fahrplan, las ihn (das hatte ich ja auch noch nie getan), ging wieder zurĂŒck und setzte mich. Weitere zehn Minuten spĂ€ter kam dann die Bahn in Richtung MĂŒlheim Hauptbahnhof. Aber nicht nur eine. Es waren Drei direkt hintereinander . Da war die erste Bahn so langsam gewesen, dass sie die zweite eingeholt hatte und dann waren die beiden so langsam, dass die Dritte sie auch noch eingeholt hatte.
Ich begann wieder zu rechnen. Zehn Minuten, die ich ohnehin hĂ€tte warten mĂŒssen, plus zwanzig Minuten VerspĂ€tung, das war eine halbe Stunde, gut, das ging ja noch. Eine halbe Stunde zu spĂ€t, das wĂŒrde ich verkraften.
Weitere zehn Minuten spÀter hörte ich endlich das wohlbekannte GerÀusch von Eisen auf Eisen und konnte die Lichter der Bahn im Tunnel sehen. Aber was da aus dem Tunnel kam, das war nicht ganz das, was ich erwartet hatte.
Man muss bedenken, dass diese Bahn auch noch die FahrgĂ€ste der beiden Bahnen, die ausgefallen waren, aufnehmen musste. Ich hatte sowie so keine Hoffnung einen Sitzplatz zu finden, aber da hatte ich plötzlich Angst ich wĂŒrde gar nicht mehr reinpassen.
Einen Wagen schickten sie. Einen Wagen, der schon nach den drei Stationen, die er gefahren war, zum Bersten voll war.
Ich weiß nicht, wo die Leute, die vorher an der TĂŒr gestanden hatten, hingegangen waren, aber ich hab doch tatsĂ€chlich noch reingepasst. Gut, mein Mantel klemmte in der TĂŒr, aber ich war drin.
Eine Station spĂ€ter versuchte eine völlig entnervte Ă€ltere Dame in panischer Hast von ihrem Fensterplatz durch den ĂŒberfĂŒllten Gang zur TĂŒr zu gelangen bevor die Bahn wieder los fuhr. Na ja, das war kein Problem, die TĂŒr ging nĂ€mlich ohnehin nicht zu. Es waren dann doch zu viele Menschen, die sich noch so grade reingequetscht hatten. Nun war das zur TĂŒrkommen fĂŒr die Frau trotzdem nicht so einfach, weil niemend von denen, die reingekommen waren, bereit war wieder auszusteigen, aus Angst nicht mitzukommen. Wir hatten jedoch kaum eine Chance auszuweichen. QuĂ€lend langsam bewegte sich die arme Frau durch den Wagen. Als sie schließlich draußen war, atmete nicht nur sie tief durch.
Ich fĂŒr meinen Teil bereute das ziemlich schnell. Ich weiß nicht, ob es der Mann neben mir war, der, der sich irgendwo ĂŒber mir festhielt und dem es hier offensichtlich zu warm war, aber es stank. Es stank und zwar ziemlich penetrant. Ich kĂ€mpfte gegen die Ohnmacht und bemerkte das der Junge neben mir offensichtlich ein Taschentuch benötigte. Wenn ich an meinen Rucksack gekommen wĂ€re, hĂ€tte er auch eins bekommen, aber da das nicht der Fall war musste er sich anders helfen...
Ich hĂ€tte es nicht fĂŒr möglich gehalten, aber es passten tatsĂ€chlich noch mehr Leute in die Bahn. Da ich nicht aussteigen musste, war ich in der Bahn immer weiter nach hinten gerutscht. Ich stand jetzt, es war anders gar nicht mehr möglich, zwischen den Vierersitzen, also praktisch schon auf dem Schoß der Sitzenden. Es gab keine Möglichkeit zum Festhalten, so dass ich beim Anfahren auf dem einen, beim Bremsen auf dem anderen Schoß saß.
Ich war nicht die einzige, die das fĂŒr eine Zumutung hielt, aber ich war wohl die einzige, die das konsequent mit Humor nahm, denn meinen Vorschlag noch Leute auf die oberen Haltestangen zu setzen und dann zu Wetten dass...? zu gehen stieß auf ziemlich taube Ohren.
WĂ€hrend ich noch bei Wetten dass...? war, wurde mir immer mehr klar in welcher Sendung ich mich wirklich befinden musste. Ich fing an nach versteckten Kameras zu suchen.
Die Tatsache, dass diese Suche vergeblich war, munterte mich nicht grade auf. Das wÀre das einzig Witzige an diesem Tag gewesen.
Vier Stationen vor dem Essener Hauptbahnhof war der Wagen dann entgĂŒltig so voll, dass niemand mehr reinpasste. Wer jetzt noch auf dem Gleis stand, musste wohl oder ĂŒbel die nĂ€chste Bahn nehmen, von der ich vermutete, dass sie direkt hinter uns fuhr, weil wir durch das GedrĂ€ngel und Gequetsche an jeder Haltestelle unheimlich viel Zeit verloren.
Dass jetzt niemand mehr in die Bahn passte, machte uns nicht grade schneller, weil doch immer noch ein paar Wagemutige versuchten sich reinzuquetschen. Woraufhin wir an jeder Haltestelle im Chor „Es passt keiner mehr rein!“ riefen.
Es war auf seine Art und Weise doch recht amĂŒsant. Die mittlerweile vierzig Minuten VerspĂ€tung störten eh keinen mehr. Wir hĂ€tten wissen mĂŒssen, dass es noch schlimmer kommen musste, aber wir waren derart blauĂ€ugig, dass wir gar nicht mit so etwas rechneten.
Es wunderte uns schon ein bisschen, denn irgendetwas war falsch, als wir auf den Essener Hauptbahnhof fuhren. Diese Wand da, die war letztens noch nicht da gewesen.
„Ich sitze seit zehn Jahren jeden Morgen in der Bahn,“ wunderte sich ein Ă€lterer Herr um die siebzig. „Aber da ist noch nie eine Mauer gewesen.
Diese Mauer sehe ich nur auf dem RĂŒckweg.“
Mir dĂ€mmerte Furchtbares. Wir standen auf dem falschen Gleis. Die TĂŒr ging auf und viele Leute stiegen völlig entnervt aus, froh endlich raus zu sein, auch wenn man sĂ€mtliche AnschlusszĂŒge verpasst hatte. Normalerweise hĂ€tte ich mich gewundert, dass niemand mehr einstieg, aber ich hatte Besseres zu tun, ich hatte meine Freunde entdeckt, die tatsĂ€chlich die ganze Zeit im selben Wagen gewesen waren, ohne, dass ich sie bemerkt hatte. Ich lief zu ihnen und es war so schön, ich hatte sogar einen Sitzplatz. Nach lĂ€ngerem, gemeinsamen Nachdenken schien es uns doch gefĂ€hrlich in einem Wagen zu sitzen, der auf dem falschen Gleis stand. In fĂŒnf Minuten kam die U11 und ich will es mal so sagen, sie hĂ€tte uns platt gemacht. Ein kleiner Frontalzusammenstoß.
Ja, und wir saßen in der ersten Sitzreihe, das wĂ€re schön geworden.
Aber es war kein Grund auszusteigen. Der Grund dafĂŒr, dass wir uns dann doch erhoben, war der BahnfĂŒhrer, der aus seinem FĂŒhrerhĂ€uschen kam und uns anstarrte, als wĂ€ren wir ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg.
Die Tatsache, dass offensichtlich schon der Bahnfahrer flĂŒchtete, weil er wohl auch Angst vor einem Zusammenstoß hatte, ließ uns ein wenig bedröppelt aus der WĂ€sche gucken.
„Äh,“ machte der Schaffner und sah uns fast entschuldigend an. „Ich drehe hier.“
„Wie?“
„Ich fahre wieder zurĂŒck, um die VerspĂ€tung aufzuholen.“
Nein. Nein, es durfte nicht wahr sein, dann doch lieber mit einer entgegenkommenden U-Bahn zusammenstoßen, das wĂ€re wenigsten eine vernĂŒftige Entschuldigung gewesen, vielleicht hĂ€tte man es bis auf ’s Titelblatt geschafft, aber das, das war die Höhe. Da schmiss der Fahrer uns zwei Haltestellen zu frĂŒh raus?
„Ja, fahren sie doch mit der U18 hinter uns.“ sagte der Fahrer und wir machten uns auf, um aus dem Wagen zu kommen. Der Fahrer murmelte irgendein „bitteschön“ und ging kopfschĂŒttelnd davon.
Wir kamen auf den Bahnsteig und sahen ein paar Gleise weiter grade die besagte Bahn abfahren. Fast hĂ€tten wir uns umgedreht und wĂ€ren mit der ursprĂŒnglichen Bahn zurĂŒck nach MĂŒlheim gefahren, als wir sahen, dass eine dritte Bahn auf dem Gleis vorfuhr. Rennen!
Man stelle sich nun den Essener Hauptbahnhof vor. Es sind jeweils zwei Gleise miteinander verbunden, die jeweils durch einen Gang auf einer höheren Ebene, die man ĂŒber Rolltreppen erreichen konnte, mit drei anderen Gleispaaren verbunden waren. NatĂŒrlich stand die Bahn, die es zu erreichen galt, auf dem letzten dieser Gleise. Wir mussten also die Rolltreppe hoch, den Gang entlang und dann die andere Rolltreppe wieder runter rennen.
Es bot sich mir ein allzu vertrates Bild. GehĂ€ssig blinkende RĂŒcklichter, die in einen verdammt dunklen Tunnel verschwanden.
Es lohnte sich eingentlich gar nicht mehr zu fahren, aber uns hatte der Trotz gepackt. Wir wĂŒrden es heute noch schaffen zum Berliner Platz zu kommen und wenn es das Letzte wĂ€re, was wir taten.
Es hieß also warten, bis die nĂ€chste U-bahn kam. Die kam auch sogar pĂŒnktlich und sie war so leer, dass wir uns einen Sitzplatz aussuchen konnten. Sie fuhr also auch planmĂ€ĂŸig ab, es schien alles in bester Ordnung zu sein, bis...
Ja, bis wir irgendwo zwischen dem Hauptbahnhof und Hirschlandplatz mitten im Tunnel stehen blieben. Wir standen und standen und...
Mehr oder weniger interessiert betrachtete ich die Schachtwand, an der ein großes, rotes Schild darauf hinwieß das hier, wo das eine Betonsegment aufhörte und ein neues begann, die Isolationsfuge sei.
„Lieber Gott, nun sieh mal an,
was ich alles machen kann.
Lieber Gott, ich bin nicht dumm,
ich kann es auch noch andersrum.“
Ich bezweifelte kurz Gottes Anwesenheit in diesem verfluchten Tunnel und ĂŒberlegte stattdessen, warum er uns so erfolgreich versuchte daran zu hindern, zum Berliner Platz zu kommen. War das große Ikea-Monster los, hatte die UniversitĂ€t eine Bombendrohung oder war Sauron aus dem Kino ausgebrochen? Ich kam zu keinem sinnvollen Ergebnis.
War auch nicht mehr nötig, denn die Bahn fuhr mit quitschenden RÀdern los.
Sie fuhr los, aber nur um knappe zehn Meter weiter wiederum stehen zu bleiben und diesmal ging sogar das Licht aus. Gott sei dank (ich nahm meine These zurĂŒck und zog doch in Betracht, dass er im Tunnel war) hielt dieser Zustand nicht allzu lange an und bald fuhren wir wieder, diesmal ohne Probleme.
Ich glaube, ich habe mich noch nie so gefreut, die wunderbaren, orangebraungrĂŒnen Fliesen des Bahnhofes am Berliner Platz zu sehen.
Ich freute mich ĂŒber jeden ĂŒberlaufenden MĂŒlleimer, ĂŒber jede krĂŒppelige Taube, die sich grade auf den tollen Plastiksitzen erleichterte und ĂŒber jeden Raucher, der trotz Rauchverbotes seine Kippe in der Hand hielt.
Eine freundliche Stimme kam aus den Lautsprecher und sagte: „Ich wĂŒnsche ihnen noch eine angenehme Weiterreise und einen guten Start in die neue Woche.“

__________________
Denken ist allen erlaubt;
vielen bleibt es erspart.
(Curt Goetz)

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Michael Schmidt
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Meiner Meinung nach fehlt es an Witz und Spannung, daraufhin solltest du die Geschichte mal ĂŒberarbeiten.

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Muffin
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Meinst Du ich sollte sie kĂŒrzen? Sie hĂ€ngt zwischen durch immer mal wieder...
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KĂŒrzen ist eine gute Idee.

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Muffin
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Hm, das mit dem KĂŒrzen war nicht so einfach, wie ich gedacht hatte. Ich hoffe so ist es besser...

Die Bahn kommt...

Es soll ja Jungen geben, die wĂ€hrend ihrer PupertĂ€t oft von U-Bahnen trĂ€umen, aber ich empfand nichts erotisches daran, als die Bahn, gehĂ€ssig mit den RĂŒcklichtern funkelnd, im Tunnel verschwand. Das lag wahrscheinlich an dem Umstand, dass ich nicht in der Bahn war, sondern völlig außer Atem auf dem Bahnsteig stand. Eine Ă€ltere Dame vom Nachbargleis schenkte mir einen mitleidigen Blick.
„Bahn verpasst?“ fragte sie. „Meine Bahn ist noch gar nicht hier gewesen. VerspĂ€tung.“
„Haben sie eine Durchsage gemacht?“ fragte ich die Frau.
„Ja, sie sagten die Bahn in Richtung Hauptbahnhof hĂ€tte zehn Minuten VerspĂ€tung.“
Ich begann gradezu fieberhaft zu rechnen. Um acht nach fuhr die Bahn normalerweise los. Sie war dann um sechzehn nach an der Entstelle. Drehte da und kam um neunzehn hier an. Nein. Das war meine Bahn. Zehn Minuten, plus die zehn Minuten, die ich ohnehin hĂ€tte warten mĂŒssen, waren zwanzing Minuten. Super. Meine Laune war auf dem absoluten Nullpunkt angelang, Tendenz fallend.
Mittlerweile waren beide Gleise gerappelt voll mit Leuten. Weitere zehn Minuten spĂ€ter kam dann die Bahn in Richtung MĂŒlheim Hauptbahnhof. Aber nicht nur eine. Es waren Drei direkt hintereinander. Da war die erste Bahn so langsam gewesen, dass sie die zweite eingeholt hatte und dann waren die beiden so langsam, dass die Dritte sie auch noch eingeholt hatte.
Weitere zehn Minuten spÀter hörte ich endlich das wohlbekannte GerÀusch von Eisen auf Eisen und konnte die Lichter der Bahn im Tunnel sehen. Aber was da aus dem Tunnel kam, das war nicht ganz das, was ich erwartet hatte.
Man muss bedenken, dass diese Bahn auch noch die FahrgĂ€ste der beiden Bahnen, die ausgefallen waren, aufnehmen musste. Ich hatte sowie so keine Hoffnung einen Sitzplatz zu finden, aber da hatte ich plötzlich Angst ich wĂŒrde gar nicht mehr reinpassen.
Einen Wagen schickten sie. Einen Wagen, der schon nach den drei Stationen, die er gefahren war, zum Bersten voll war.
Ich weiß nicht, wo die Leute, die vorher an der TĂŒr gestanden hatten, hingegangen waren, aber ich hab doch tatsĂ€chlich noch reingepasst. Gut, mein Mantel klemmte in der TĂŒr, aber ich war drin.
Eine Station spĂ€ter versuchte eine völlig entnervte Ă€ltere Dame in panischer Hast von ihrem Fensterplatz durch den ĂŒberfĂŒllten Gang zur TĂŒr zu gelangen bevor die Bahn wieder los fuhr. Na ja, das war kein Problem, die TĂŒr ging nĂ€mlich ohnehin nicht zu. Es waren dann doch zu viele Menschen, die sich noch so grade reingequetscht hatten. Nun war das zur TĂŒrkommen fĂŒr die Frau trotzdem nicht so einfach, weil niemend von denen, die reingekommen waren, bereit war wieder auszusteigen, aus Angst nicht mitzukommen. Wir hatten jedoch kaum eine Chance auszuweichen. QuĂ€lend langsam bewegte sich die arme Frau durch den Wagen. Als sie schließlich draußen war, atmete nicht nur sie tief durch.
Ich fĂŒr meinen Teil bereute das ziemlich schnell. Ich weiß nicht, ob es der Mann neben mir war, der, der sich irgendwo ĂŒber mir festhielt und dem es hier offensichtlich zu warm war, aber es stank. Es stank und zwar ziemlich penetrant. Ich kĂ€mpfte gegen die Ohnmacht und bemerkte das der Junge neben mir offensichtlich ein Taschentuch benötigte. Wenn ich an meinen Rucksack gekommen wĂ€re, hĂ€tte er auch eins bekommen, aber da das nicht der Fall war musste er sich anders helfen...
Da ich nicht aussteigen musste, war ich in der Bahn immer weiter nach hinten gerutscht. Ich stand jetzt, es war anders gar nicht mehr möglich, zwischen den Vierersitzen, also praktisch schon auf dem Schoß der Sitzenden. Es gab keine Möglichkeit zum Festhalten, so dass ich beim Anfahren auf dem einen, beim Bremsen auf dem anderen Schoß saß.
Ich war wohl die einzige, die das konsequent mit Humor nahm, denn meinen Vorschlag noch Leute auf die oberen Haltestangen zu setzen und dann zu Wetten dass...? zu gehen stieß auf ziemlich taube Ohren.
WĂ€hrend ich noch bei Wetten dass...? war, wurde mir immer mehr klar in welcher Sendung ich mich wirklich befinden musste. Ich fing an nach versteckten Kameras zu suchen.
Vier Stationen vor dem Essener Hauptbahnhof war der Wagen dann entgĂŒltig so voll, dass niemand mehr reinpasste. Ein paar Wagemutige versuchten trotzdem sich noch in die Bahn zu quetschen. Woraufhin wir an jeder Haltestelle im Chor „Es passt keiner mehr rein!“ riefen.
Es wunderte uns schon ein bisschen, denn irgendetwas war falsch, als wir auf den Essener Hauptbahnhof fuhren. Diese Wand da, die war letztens noch nicht da gewesen.
„Ich sitze seit zehn Jahren jeden Morgen in der Bahn,“ wunderte sich ein Ă€lterer Herr um die siebzig. „Aber da ist noch nie eine Mauer gewesen.
Diese Mauer sehe ich nur auf dem RĂŒckweg.“
Mir dĂ€mmerte Furchtbares. Wir standen auf dem falschen Gleis. Die TĂŒr ging auf und viele Leute stiegen völlig entnervt aus, froh endlich raus zu sein, auch wenn man sĂ€mtliche AnschlusszĂŒge verpasst hatte. Ich sah meine Freunde, die tatsĂ€chlich die ganze Zeit im selben Wagen gesessen hatten und setzte mich zu ihnen. Nach lĂ€ngerem, gemeinsamen Nachdenken schien es uns doch gefĂ€hrlich in einem Wagen zu sitzen, der auf dem falschen Gleis stand. In fĂŒnf Minuten kam die U11 und ich will es mal so sagen, sie hĂ€tte uns platt gemacht. Ein kleiner Frontalzusammenstoß.
Ja, und wir saßen in der ersten Sitzreihe, das wĂ€re schön geworden.
Der BahnfĂŒhrer, der aus seinem FĂŒhrerhĂ€uschen kam starrte uns an, als wĂ€ren wir ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg.
Die Tatsache, dass offensichtlich schon der Bahnfahrer flĂŒchtete, weil er wohl auch Angst vor einem Zusammenstoß hatte, ließ uns ein wenig bedröppelt aus der WĂ€sche gucken.
„Äh,“ machte der Schaffner und sah uns fast entschuldigend an. „Ich drehe hier.“
„Wie?“
„Ich fahre wieder zurĂŒck, um die VerspĂ€tung aufzuholen.“
Nein, es durfte nicht wahr sein, dann doch lieber mit einer entgegenkommenden U-Bahn zusammenstoßen, das wĂ€re wenigsten eine vernĂŒftige Entschuldigung gewesen, vielleicht hĂ€tte man es bis auf ’s Titelblatt geschafft, aber das war die Höhe. Da schmiss der Fahrer uns zwei Haltestellen zu frĂŒh raus?
„Ja, fahren sie doch mit der U18 hinter uns.“ sagte der Fahrer und wir machten uns auf, um aus dem Wagen zu kommen. Der Fahrer murmelte irgendein „bitteschön“ und ging kopfschĂŒttelnd davon.
Wir kamen auf den Bahnsteig und sahen ein paar Gleise weiter grade die besagte Bahn abfahren. Fast hĂ€tten wir uns umgedreht und wĂ€ren mit der ursprĂŒnglichen Bahn zurĂŒck nach MĂŒlheim gefahren, als wir sahen, dass eine dritte Bahn auf dem Gleis vorfuhr. Rennen!
Man stelle sich nun den Essener Hauptbahnhof vor. Es sind jeweils zwei Gleise miteinander verbunden, die jeweils durch einen Gang auf einer höheren Ebene, die man ĂŒber Rolltreppen erreichen konnte, mit drei anderen Gleispaaren verbunden waren. NatĂŒrlich stand die Bahn, die es zu erreichen galt, auf dem letzten dieser Gleise. Wir mussten also die Rolltreppe hoch, den Gang entlang und dann die andere Rolltreppe wieder runter rennen.
Es bot sich mir ein allzu vertrautes Bild. GehĂ€ssig blinkende RĂŒcklichter, die in einen verdammt dunklen Tunnel verschwanden.
Es lohnte sich eingentlich gar nicht mehr zu fahren, aber uns hatte der Trotz gepackt. Wir wĂŒrden es heute noch schaffen zum Berliner Platz zu kommen und wenn es das Letzte wĂ€re, was wir taten.
Es hieß also warten, bis die nĂ€chste U-bahn kam. Die kam auch sogar pĂŒnktlich und sie war so leer, dass wir uns einen Sitzplatz aussuchen konnten. Sie fuhr also auch planmĂ€ĂŸig ab, es schien alles in bester Ordnung zu sein, bis...
Ja, bis wir irgendwo zwischen dem Hauptbahnhof und Hirschlandplatz mitten im Tunnel stehen blieben. Wir standen und standen und...
Mehr oder weniger interessiert betrachtete ich die Schachtwand, an der ein großes, rotes Schild darauf hinwieß das hier, wo das eine Betonsegment aufhörte und ein neues begann, die Isolationsfuge sei.
„Lieber Gott, nun sieh mal an,
was ich alles machen kann.
Lieber Gott, ich bin nicht dumm,
ich kann es auch noch andersrum.“
Ich bezweifelte kurz Gottes Anwesenheit in diesem verfluchten Tunnel und ĂŒberlegte stattdessen, warum er uns so erfolgreich versuchte daran zu hindern, zum Berliner Platz zu kommen. War das große Ikea-Monster los, hatte die UniversitĂ€t eine Bombendrohung oder war Sauron aus dem Kino ausgebrochen? Ich kam zu keinem sinnvollen Ergebnis.
War auch nicht mehr nötig, denn die Bahn fuhr mit quitschenden RÀdern los.
Sie fuhr los, aber nur um knappe zehn Meter weiter wiederum stehen zu bleiben und diesmal ging sogar das Licht aus. Gott sei dank (ich nahm meine These zurĂŒck und zog doch in Betracht, dass er im Tunnel war) hielt dieser Zustand nicht allzu lange an und bald fuhren wir wieder, diesmal ohne Probleme.
Ich glaube, ich habe mich noch nie so gefreut, die wunderbaren, orangebraungrĂŒnen Fliesen des Bahnhofes am Berliner Platz zu sehen.
Ich freute mich ĂŒber jeden ĂŒberlaufenden MĂŒlleimer, ĂŒber jede krĂŒppelige Taube, die sich grade auf den tollen Plastiksitzen erleichterte und ĂŒber jeden Raucher, der trotz Rauchverbotes seine Kippe in der Hand hielt.
Eine freundliche Stimme kam aus den Lautsprecher und sagte: „Ich wĂŒnsche ihnen noch eine angenehme Weiterreise und einen guten Start in die neue Woche.“

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Michael Schmidt
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Ich wĂŒrde mehr das GefĂŒhlsleben des Protagonisten in den Vordergrund stellen, also seine Verzweiflung, seinen Sarkasmus, seine GleichgĂŒtligkeit, je nach Situation, anstatt in zu großem Umfang die möglichen "Probleme" des öffentlichen Verkehrsmittel zu beschreiben, aber das ist ja Geschmackssache.

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